Können internationale reisebezogene Kontrollmaßnahmen die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie eindämmen?
Internationale Reisekontrollmaßnahmen sind Steuerungsmethoden des internationalen Reiseverkehrs, um die Verbreitung von COVID-19 einzudämmen. Die Maßnahmen umfassen hierbei:
- die Schließung internationaler Grenzen, um Reisende zu stoppen, die von einem Land in ein anderes Land reisen wollen;
- die Einschränkung von Ein- und Ausreisen aus bestimmten Ländern, insbesondere für Länder mit hohen Infektionsraten;
- Screening oder Tests von Reisenden bei der Ein- und Ausreise, wenn sie Symptome aufweisen oder mit einer infizierten Person Kontakt hatten;
- Quarantäne für neu ankommende Reisende aus einem anderen Land, d.h. die Aufforderung an Reisende, nach Ankunft zu Hause oder an einem bestimmten Ort für eine bestimmte Zeit zu bleiben.
Was wollten wir herausfinden?Wir wollten herausfinden, wie wirksam internationale reisebezogene Kontrollmaßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie sind.
Unsere VorgehensweiseWir haben nach Studien gesucht, welche die Wirkungen dieser Maßnahmen auf die Verbreitung von COVID-19 untersuchten. Die Studien mussten dabei berichten, wie viele Fälle (Menschen mit einer Infektion) durch die Maßnahmen verhindert oder identifiziert werden konnten und ob die Maßnahmen den Verlauf der Epidemie veränderten. Die Studien konnten Menschen jeden Alters und von überall her einschließen. Sie konnten jegliches Studiendesign aufweisen, etwa Studien mit real gewonnen Daten (Beobachtungsstudien) oder mit hypothetischen Daten von computergenerierten Simulationen (Modellierungsstudien).
Dies ist die erste Aktualisierung unseres Reviews. Diese Aktualisierung enthält nur Studien zu COVID-19, welche bis zum 13. November 2020 veröffentlicht wurden.
Was wir gefunden habenWir fanden 62 Studien. Die meisten (49 Studien) Studien wiesen einen Modellierungsansatz auf; nur 13 verwendeten real gewonnene Daten (Beobachtungsstudien). Die Studien wurden weltweit an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten während der Pandemie durchgeführt. Die Ausbreitung von COVID-19 innerhalb der Länder variierte.
Die meisten Studien verglichen gegenwärtige reisebezogene Kontrollmaßnahmen mit nicht-reisebezogenen Kontrollen. In einigen Modellierungsstudien wurden jedoch auch gegenwärtige Maßnahmen mit möglichen Maßnahmen verglichen, um z. B. zu sehen, was passieren könnte, wenn die Kontrollen mehr oder weniger gelockert oder mit anderen Maßnahmen kombiniert werden würden.
Wichtigste ErgebnisseIm Folgenden fassen wir die Ergebnisse zu einigen Endpunkten zusammen.
Reisebeschränkungen, die den grenzüberschreitenden Reiseverkehr reduzieren oder stoppen (31 Modellierungsstudien)
Die meisten Studien zeigten, dass Reisebeschränkungen, die den grenzüberschreitenden Reiseverkehr einschränken oder stoppen, vorteilhaft waren, jedoch die Stärke dieses positiven Effekts dabei von niedrig bis hoch reichte. Zusätzlich gab es einige Studien, die keinen Effekt fanden. Studien prognostizierten auch, dass diese Einschränkungen den Ausbruch verzögern würden. Diese Verzögerung variierten jedoch je nach Studie zwischen einem Tag bis zu 85 Tagen.
Screening an Grenzen (13 Modellierungsstudien und 13 Beobachtungsstudien)
Diese Studien untersuchten das Screening an Grenzen, einschließlich des Screenings von Personen mit Symptomen oder von Personen, die möglicherweise mit COVID-19 in Kontakt gekommen waren, oder das Testen von Personen vor oder nach Abschluss ihrer Reise.
Für das Screening auf der Basis von Symptomen oder möglicher Exposition gegenüber COVID-19 ergaben Modellierungsstudien, dass das Screening ein- oder ausgeführte Fälle reduziert und Ausbrüche verzögert. Modellierungsstudien prognostizierten, dass 1% bis 53% der Fälle entdeckt werden könnten. Beobachtungsstudien berichteten eine große Spannweite bezüglich entdeckter Fälle - von 0% bis 100%, wobei die Mehrheit der Studien hierbei weniger als 54% hinsichtlich der entdeckten Fälle angaben.
Für das Screening auf der Basis von Tests berichteten die Studien, dass das Testen von Reisenden die Zahl der ein- oder ausgeführten Fälle und der entdeckten Fälle reduziert. Beobachtungsstudien berichteten, dass der Anteil der entdeckten Fälle zwischen 58% und 90% lag. Diese Unterschiede könnten auf dem Zeitpunkt der Testungen beruhen.
Quarantäne (12 Modellierungsstudien)
Alle Studien deuten darauf hin, dass Quarantäne vorteilhaft ist, wobei die Stärke dieses Effekts jedoch in den verschiedenen Studien von niedrig bis hoch reichte. Modellierungsstudien prognostizierten beispielsweise, dass Quarantäne zu einem Rückgang von 450 bis mehr als 64.000 Fällen in einer Bevölkerungsgruppe führen könnte. Unterschiede in der Wirkung können davon abhängen, wie lange die Menschen in Quarantäne waren und wie gut sie die Regeln befolgt haben.
Quarantäne und Screening an Grenzen (7 Modellierungsstudien und 4 Beobachtungsstudien)
Für Quarantäne und Screening an Grenzen deuteten die meisten Studien auf einen gewissen Nutzen hin, allerdings war das Ausmaß dieses Effekts von Studie zu Studie unterschiedlich. So wurde beispielsweise in Beobachtungsstudien berichtet, dass zwischen 68% und 92% der Fälle erkannt werden können. Unterschiede in der Wirkung können davon abhängen, wie lange die Menschen in Quarantäne waren und wie häufig sie in dieser Zeit der Quarantäne getestet wurden.
Wie vertrauenswürdig sind diese Ergebnisse?Unser Vertrauen in diese Ergebnisse ist begrenzt. Die meisten Studien basierten auf mathematischen Vorhersagemodellen (Modellierung), so dass uns Evidenz auf Basis real gewonnener Daten fehlt. Darüber hinaus waren wir uns unsicher darüber, ob die Modelle korrekte Annahmen verwendeten, so dass unser Vertrauen in die Evidenz zu Reisebeschränkungen und insbesondere Quarantäne sehr niedrig ist. Einige Studien wurden in einem beschleunigten Verfahren online als „Preprints“ veröffentlicht. Preprints unterziehen sich nicht den üblichen, strengen Qualitätssicherungsmaßnahmen veröffentlichter Studien. Daher sind wir nicht sicher, wie zuverlässig sie sind. Außerdem waren die Studien sehr unterschiedlich untereinander und ihre Ergebnisse variierten je nach Ausgestaltung einzelner reisebezogener Maßnahmen (z. B. die Art des Screening-Ansatzes), wie sie in die Praxis umgesetzt und durchgesetzt wurden, dem Umfang des grenzüberschreitenden Reisens, dem Ausmaß der gruppenbezogenen Übertragung und anderen Arten von nationalen Maßnahmen zur Kontrolle der Pandemie.
Was bedeutet das?Insgesamt könnten internationale reisebezogene Kontrollmaßnahmen dazu beitragen, die Ausbreitung von COVID-19 über nationale Grenzen hinweg zu begrenzen. Einschränkungen bezüglich des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs können hilfreiche Maßnahmen sein. Das Screening an den Grenzen von Reisenden nur mit Symptomen wird wahrscheinlich viele Fälle übersehen; Tests könnten effektiver sein, aber auch hierbei könnten Fälle übersehen werden, wenn diese ausschließlich bei der Ankunft durchgeführt werden. Eine Quarantäne, die mindestens 10 Tage andauert, kann die Ausbreitung von COVID-19 durch Reisende verhindern und könnte noch effektiver sein, wenn sie mit einer anderen Maßnahme wie z.B. Tests kombiniert wird, vor allem, wenn die Menschen die Regeln einhalten.
Zukünftige Forschung sollte eine bessere Berichtsform aufweisen. Mehr Studien sollten sich auf real gewonnene Evidenz konzentrieren und den potenziellen Nutzen und die Risiken von reisebezogenen Kontrollmaßnahmen für den Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes untersuchen und bewerten.