Ist es für Erwachsene mit mehreren lebensbedrohlichen Verletzungen, die eine Tracheotomie benötigen, besser, den Eingriff früh oder später durchzuführen?
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Bei Erwachsenen mit mehreren lebensbedrohlichen Verletzungen zeigt eine einzelne qualitativ hochwertige Studie, dass es möglicherweise kaum einen Unterschied macht, ob eine Tracheotomie innerhalb von neun Tagen nach der Intubation oder erst ab dem 10. Tag durchgeführt wird. Dabei wird operativ eine Öffnung in der Luftröhre geschaffen, damit die Atmung über einen Schlauch direkt durch den Hals unterstützt werden kann. Dies gilt für die Sterblichkeit, die Dauer des Aufenthalts auf der Intensivstation und die Zahl der Lungeninfektionen. Diese Ergebnisse sind jedoch sehr unsicher.
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Auch Ergebnisse aus weniger verlässlichen Studien, in denen die Patientinnen und Patienten nicht per Zufall auf die Behandlungsgruppen verteilt wurden, deuten darauf hin, dass eine Tracheotomie innerhalb von neun Tagen die Sterblichkeit und die Zahl beatmungsbedingter Lungeninfektionen kaum oder gar nicht beeinflusst. Sie kann aber möglicherweise den Aufenthalt auf der Intensivstation verkürzen. Auch diese Ergebnisse sind sehr unsicher.
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Es ist ungewiss, wann der beste Zeitpunkt für eine Tracheotomie bei Menschen mit mehreren lebensbedrohlichen Verletzungen ist. Damit man verlässlicher beurteilen kann, ob eine frühe oder spätere Tracheotomie besser ist, braucht es weitere gut gemachte Studien, in denen die Teilnehmenden per Zufall verschiedenen Behandlungen zugeteilt werden.
Bei einer Tracheotomie wird am Hals eine Öffnung zur Luftröhre gemacht. Dort wird ein Schlauch eingesetzt, über den die Atmung unterstützt wird. Wenn Menschen länger beatmet werden müssen, kann eine Tracheotomie gegenüber einem Beatmungsschlauch durch Mund oder Nase sicherer und angenehmer sein. Eine Tracheotomie kann jedoch auch Komplikationen verursachen, zum Beispiel Infektionen oder einen Verschluss der Luftröhre.
Tracheotomien können „früh“ oder „spät“ nach Beginn einer künstlichen Beatmung durchgeführt werden. „Früh“ bedeutet oft innerhalb der ersten neun Tage nach der Intubation und „spät“ nach 10 Tagen oder später.
Was wollten wir herausfinden?Wir wollten herausfinden, ob bei Erwachsenen mit mehreren lebensbedrohlichen Verletzungen eine frühe Tracheotomie besser ist als eine späte Tracheotomie, um die folgende Kriterien zu verbessern:
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die Gesamtsterblichkeitsrate;
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die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation;
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die Lebensqualität;
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die Zahl der Menschen, die ein Lungenproblem entwickeln;
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die Anzahl der Personen mit unerwünschten Wirkungen;
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die Zeit zwischen dem Einsetzen und dem Entfernen des Beatmungsschlauchs.
Wir haben nach Studien gesucht, die eine frühe und späte Tracheotomie bei Erwachsenen mit mehreren lebensbedrohlichen Verletzungen verglichen. Wir haben die Ergebnisse zusammengefasst und verglichen sowie das Vertrauen in die Evidenz auf der Grundlage von Faktoren wie Studienmethoden und Größe der Studien bewertet.
Was haben wir herausgefunden?Wir haben eine qualitativ hochwertige Studie mit 60 Personen und 22 qualitativ weniger hochwertige Studien mit 44.811 Personen gefunden. Insgesamt wurde bei 16.360 Menschen eine frühe Tracheotomie durchgeführt. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei 46,7 Jahren. In den Studien wurde eine frühe Tracheotomie unterschiedlich definiert und variierte zwischen 48 Stunden und 10 Tagen nach der Intubation. Wir waren vor allem daran interessiert, die Tracheotomie innerhalb von neun Tagen nach der Intubation mit der Tracheotomie nach 10 Tagen oder später zu vergleichen, sodass unser Hauptvergleich nur Studien umfasste, die diese Definition verwendeten (die qualitativ hochwertige Studie und fünf Studien von geringerer Qualität).
Ergebnisse unseres HauptvergleichsDie Evidenz aus der qualitativ hochwertigen Studie deutet darauf hin, dass eine frühe Tracheotomie im Vergleich zu einer späten Tracheotomie geringe bis gar keine Auswirkungen auf die Sterblichkeit, die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation und die Zahl der Lungeninfektionen haben könnte. Allerdings sind diese Ergebnisse sehr unsicher.
Die Evidenz aus den Studien von geringerer Qualität deutet darauf hin, dass eine frühe Tracheotomie im Vergleich zu einer späten Tracheotomie geringe bis gar keine Auswirkungen auf die Sterblichkeit und die Zahl der durch den Einsatz eines Beatmungsgeräts verursachten Lungeninfektionen haben könnte. Möglicherweise verkürzt sich aber die Aufenthaltsdauer der Menschen auf der Intensivstation. All diese Ergebnisse sind sehr unsicher.
In unserem Hauptvergleich untersuchte keine der Studien die Lebensqualität, unerwünschte Wirkungen oder die Dauer, die die Trachealkanüle liegen blieb.
Was schränkt die Evidenz ein?Unser Vertrauen in die Evidenz für alle Endpunkte ist aufgrund der Unterschiede zwischen den Studien und den Bedenken hinsichtlich der verwendeten Methoden begrenzt. Da sich die Definitionen für eine frühe Tracheotomie in den berücksichtigten Studien stark unterschieden, war es schwierig, die Ergebnisse direkt zu vergleichen.
Es braucht gut geplante Studien mit einheitlichen Definitionen, um die Auswirkungen verschiedener Zeitpunkte für eine Tracheotomie zuverlässig untersuchen zu können. So ließe sich feststellen, ob bestimmte Zeitpunkte mehr dazu beitragen, das Überleben und die Genesung zu verbessern und Komplikationen zu verringern.
Wie aktuell ist die Evidenz?Die Evidenz ist auf dem Stand vom 15. März 2024.