Hilft medizinisches Cannabis bei Schlafstörungen und welche Risiken hat es?
Medizinisches Cannabis hat bei Erwachsenen mit Schlafstörungen möglicherweise keinen oder nur einen geringen Nutzen. Die Evidenz ist jedoch sehr unsicher.
Personen, die medizinisches Cannabis einnahmen, berichteten über mehr unerwünschte Wirkungen als diejenigen, die ein Placebo (Scheinbehandlung) erhielten.
Es sind weitere, größere Studien erforderlich, die verschiedene Cannabispräparate untersuchen und auch deren langfristige Wirkungen erfassen.
Bei einer Schlafstörung (Insomnie) haben Betroffene Schwierigkeiten einzuschlafen, durchzuschlafen oder wachen zu früh auf. Dies kann den Alltag beeinträchtigen, beispielsweise durch Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Stimmungsschwankungen. Von einer chronischen Schlafstörung spricht man, wenn die Schlafprobleme mindestens dreimal pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten auftreten.
Schlafstörungen sind weit verbreitet, insbesondere bei älteren Menschen und Frauen. Schlafstörungen können allein oder in Verbindung mit Erkrankungen wie chronischen Schmerzen, Depressionen, Angstzuständen oder Krebs auftreten. Schlafstörungen können die Gesundheit und Lebensqualität beeinträchtigen sowie zu Schwierigkeiten im Beruf oder in der Schule führen. Daher sind sie ein bedeutendes Problem für die öffentliche Gesundheit.
Wie werden Schlafstörungen behandelt?Eine wichtige Behandlung bei Schlafstörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie (eine Form der Psychotherapie). Sie hilft dabei, Denk- und Verhaltensweisen zu verändern, die den Schlaf beeinträchtigen, und ist häufig wirksam. Wenn diese nicht verfügbar oder unwirksam ist, kommen kurzfristig Medikamente zum Einsatz. Diese können jedoch unerwünschte Wirkungen wie Schläfrigkeit und Gedächtnisstörungen verursachen und einige können abhängig machen. Deshalb ist ihre langfristige Anwendung häufig nur eingeschränkt möglich. Deshalb wächst das Interesse an alternativen Behandlungsmöglichkeiten wie medizinischem Cannabis.
Medizinisches Cannabis umfasst Präparate, die aus der Cannabispflanze gewonnen und zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt werden. Es kann verschiedene Wirkstoffe enthalten, darunter Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol. Bei bis zu 80 % der Anwendenden können jedoch unerwünschte Wirkungen wie Schwindel, Mundtrockenheit, Gedächtnisprobleme, gesteigerter Appetit, Müdigkeit, Stress und Angstgefühle auftreten.
Was wollten wir herausfinden?Wir wollten herausfinden:
ob medizinisches Cannabis Erwachsenen mit Schlafstörungen im Vergleich zu einem Placebo oder anderen Behandlungen zu einem besseren Schlaf verhilft;
ob medizinisches Cannabis unerwünschte Wirkungen verursacht.
Wir suchten nach Studien, in denen medizinisches Cannabis bei Erwachsenen mit diagnostizierter Schlafstörung mit einem Placebo oder einem anderen Medikament verglichen wurde. Wir haben die Ergebnisse der Studien verglichen und zusammengefasst. Anschließend bewerteten wir, wie vertrauenswürdig die Evidenz ist. Dabei berücksichtigten wir unter anderem, wie die Studien durchgeführt wurden und wie viele Personen daran teilnahmen.
Was fanden wir heraus?Wir fanden neun Studien mit 537 Erwachsenen (meist mittleren Alters) mit Schlafstörungen. Die meisten Studien umfassten Personen mit einer chronischen Schlafstörung, bei denen die Schlafprobleme seit mindestens 3 Monaten bestanden. Drei Studien untersuchten hingegen Personen mit akuter Schlafstörung, die weniger als drei Monate bestand. An den Studien nahmen mehr Frauen als Männer teil, und die meisten fanden in Industrieländern statt. Die meisten Studien umfassten weniger als 50 Teilnehmende und dauerten nur wenige Wochen. In den Studien wurden verschiedene Arten von medizinischen Cannabispräparaten getestet, darunter solche, die Tetrahydrocannabinol, Cannabidiol oder Kombinationen aus beiden enthielten. Die Teilnehmenden erhielten die Präparate in Form von Ölen, Kapseln oder Gelen. In acht von neun Studien wurde medizinisches Cannabis mit einem Placebo verglichen.
HauptergebnisseMedizinisches Cannabis hat im Vergleich zu einem Placebo möglicherweise nur geringe bis gar keine Wirkungen auf:
die Schlafqualität/Zufriedenheit mit dem Schlaf (7 Studien, 374 Personen);
die Gesamtschlafdauer (6 Studien, 194 Personen);
die Tagesfunktionsfähigkeit (5 Studien, 144 Personen).
Möglicherweise verbessert sich die Lebensqualität (3 Studien, 95 Personen), doch die Evidenz ist sehr ungewiss.
Es wurden mehr unerwünschte Wirkungen berichtet (3 Studien, 98 Personen). Medizinisches Cannabis erhöht möglicherweise das Risiko für unerwünschte Wirkungen im Vergleich zu einem Placebo (3 cross-over-Studien, 98 Teilnehmende).
Von den 98 Teilnehmenden berichteten 37 nur während der Behandlung mit Cannabis über unerwünschte Wirkungen,
niemand berichtete während der Placebobehandlung über unerwünschte Wirkungen,
14 berichteten sowohl während der Behandlung mit Cannabis als auch Plazebo über unerwünschte Wirkungen und
47 während keiner der beiden Behandlungen.
Unser Vertrauen in die Evidenz ist sehr gering. An den meisten Studien nahmen nur wenige Personen teil und die Beobachtungszeiträume waren kurz. Daher lässt sich die Wirksamkeit und Sicherheit von medizinischem Cannabis über längere Zeiträume nur schwer beurteilen. In den Studien wurden unterschiedliche Cannabispräparate und verschiedene Methoden zur Erfassung des Schlafes angewendet, was den Vergleich der Ergebnisse zwischen den Studien erschwerte.
In den Studien wurden unterschiedliche Cannabispräparate eingesetzt und der Schlaf auf verschiedene Weise erfasst. Dies erschwerte es, die Ergebnisse der Studien miteinander zu vergleichen.
Wie aktuell ist die vorliegende Evidenz?Die Evidenz ist auf dem Stand von April 2025.