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Updated: 7 hours 23 min ago

Cochrane Crowd in Zeiten von COVID-19: jetzt mitmachen

Thu, 04/02/2020 - 10:40

Quarantäne, Ausgangssperren, Kontaktverbote – aufgrund der COVID-19-Krise gilt für Menschen, die nicht in sogenannten kritischen Berufen arbeiten, im Augenblick weltweit das Gleiche: Abstand halten und, wenn es irgendwie geht, zuhause bleiben. Wir haben einen Tipp, wie Sie sich von zuhause aus einer interessanten und sinnvollen Aufgabe widmen und dabei die Arbeit von Cochrane unterstützen können.

Weltweit ist zurzeit räumliche Distanzierung von unseren Mitmenschen angesagt. Sie soll ein weiteres Ausbreiten des Coronavirus verhindern. Um Abstand voneinander zu halten, bleiben viele Menschen zuhause, entweder weil sie die Möglichkeit haben Heimarbeit zu leisten, oder weil sie ihre Arbeit in Zeiten der weltweiten COVID-19-Pandemie nicht ausüben können. Diese Situation ist verständlicherweise für viele Menschen beunruhigend. Viele möchten gerne mehr tun als Abstand halten und Hände waschen, am liebsten irgendwie persönlich etwas zur Bekämpfung des Virus beitragen. Aber wie?

Cochrane Crowd ist eine Plattform, auf der Menschen aus aller Welt Cochrane bei seiner Kernaufgabe unterstützen können, die bestmögliche Evidenz zu Fragen der Gesundheitsversorgung in Cochrane Reviews zusammenzuführen. Als Bürgerwissenschaftler („Citizen Scientist“) hilft man in der Cochrane Crowd bei der Identifizierung von Studien, die für künftige Cochrane Reviews relevant sein könnten – und hat dabei noch einen spannenden Zeitvertreib.

Um Menschen aus aller Welt – auch gerade jetzt in Pandemiezeiten – auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen, hat Cochrane eine Serie von sogenannten „Cochrane Crowd Challenges“, initiiert. Das Ziel dieser Challenges ist es, dass alle Interessierten in einer vorgegebenen Zeit zusammen Studien auf bestimmte Kriterien hin untersuchen.

Was ist die Cochrane Crowd?

Im März 2014 gründete Cochrane eine Online-Plattform, auf der Laien Cochranes wissenschaftliche Arbeit tatkräftig dadurch unterstützen können, dass sie randomisierte, kontrollierte Studien (kurz: RCTs) von anderen Studien-Typen unterscheiden lernen und identifizieren können.

RCTs sind die wichtigste Datenquelle für Cochrane Reviews. Das Problem dabei: Jahr für Jahr erscheinen große Mengen an Studien! Beim Durchsuchen dieser enormen Menge auf der Suche nach denjenigen Studien, die für Cochrane Reviews relevant sein könnten, helfen sowohl computerbasierte Algorithmen als auch Menschen, die die Studien „von Hand“ als RCTs identifizieren. Hier kommt das sogenannte „Screening in der Cochrane Crowd“ ins Spiel: Jede Studie wird unabhängig voneinander von vier Mitgliedern der Cochrane Crowd begutachtet. Sind sich alle vier einig, dass es sich bei der Arbeit um einen RCT handelt, landet diese im Cochrane Central Register of Controlled Trials (kurz: CENTRAL), der zentralen Studien-Datenbank von Cochrane. Die dort enthaltenen RCTs sind für zukünftige systematische Reviews von besonderer Wichtigkeit.

In der Cochrane Crowd kann jeder zum „Bürgerwissenschaftler“ werden und in der Wissenschaft einen wichtigen Beitrag leisten. Einzige Voraussetzung ist ein gutes Leseverständnis auf Englisch. Mehr über Cochrane Crowd erfahren Sie in unserem Artikel Cochrane Crowd: Mitmachen erwünscht.

Die “COVID-19 Cochrane Crowd Challenge”

Gerade jetzt braucht Cochrane Ihre Hilfe. Es müssen Studien identifiziert werden, bei denen es sich um RCTs handelt oder die von RCTs berichten, – oder, um das Ganze in Jargon von Cochrane auszudrücken: Wir – d. h. Cochrane – brauchen Ihre Hilfe dabei, RCTs zu „screenen“.

Deshalb haben wir über die nächsten Wochen eine Reihe von „Mini Challenges“ organisiert – d. h. bestimmte Zeitfenster festgelegt, in denen Citizen Scientists aus aller Welt zeitgleich und somit GEMEINSAM – wenn auch räumlich distanziert im Internet – nach RCTs screenen. Diese Screenings könnten von großer Bedeutung für Wissenschaftler in dieser Zeit sein. Während der ersten Screening-Runden geht es darum, RCTs aus CINAHL, einer der größten Datenbanken für Krankenpflege und verwandte Gesundheitsbereiche, zu identifizieren. Danach werden sich die Aufgaben spezifischer auf die Identifizierung und Beschreibung der neuesten Studien zu COVID-19 oder zu Interventionen im Zusammenhang mit ähnlichen Infektionskrankheiten konzentrieren.

Wie läuft das gemeinsame Screening ab?

Es wird jede Woche ein dreistündiges Screening-Zeitfenster geben. Die Zeitfenster werden sich wöchentlich ändern, um sicherzustellen, dass Menschen aus jeder Zeitzone eine Chance haben, am Screening teilzunehmen.

Die erste Runde fand am Montag, dem 30. März, um 10:00 Uhr GMT (d. h. 11:00 Uhr deutscher Zeit bzw. MEZ) statt. Die nächste ist am Dienstag, 7. April, um 12:00 Uhr GMT (13:00 MEZ). Weitere Termine (MEZ):

  • Dienstag, 7. April: 13:00
  • Dienstag, 14. April: 11:00
  • Montag, 20. April: 9:00
  • Mittwoch, 29 April: 7:00
  • Donnerstag, 7. Mai: 14:00
Was brauche ich, um teilzunehmen?

Um an den Cochrane Crowd Challenges teilzunehmen wird absolut kein Fachwissen gefordert! Jedoch ist ein solides Leseverständnis in Englisch gefragt und die Bereitschaft zu lernen, wie Sie wesentliche Studientypen unterscheiden können. Alles, was Sie dazu wissen müssen, erfahren Sie, wenn Sie sich auf der Cochrane Crowd Plattform angemeldet und eingeloggt haben.

Wie kann ich mich registrieren?

Auf der Hompage der Cochrane Crowd Plattform wählen Sie entweder Login (wenn Sie sich schon einmal bei der Cochrane Crowd angemeldet haben) oder Signup, falls Sie sich zum ersten Mal registrieren. Nach einer kurzen Einführung mit direktem Feedback können sie dann direkt am Challenge teilnehmen!

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Screenen, und danken Ihnen, dass Sie Cochrane und die Wissenschaft mit ihrer Zeit unterstützen!

Bis bald in der Cochrane Crowd!

Text: Anne Borchard, Andrea Puhl, Georg Rüschemeyer

Kurzvideos über Grundlagen der Evidenzbasierten Medizin: Die Literatursuche

Thu, 03/26/2020 - 08:44

Wie macht man eine systematische Literatursuche? Wie interpretiert man das „Relative Risiko“? Was sind häufige Fehlerquellen in Studien? Das sind wichtige Fragen, die auftauchen, wenn man evidenzbasiert arbeiten will. Wir versuchen Grundlagen der Evidenzbasierten Medizin in einer Serie von Kurzvideos zu erklären.

Auch wenn der Schwerpunkt unseres Blogs meist auf Erkenntnissen aus Cochrane Reviews liegt, setzten wir gerne immer wieder mal einen Methodenschwerpunkt. In den nächsten Wochen stellen wir hier eine Serie von Kurzvideos vor, die Grundlagen der evidenzbasierten Medizin erklären. Wir haben uns bemüht dies möglichst leicht verständlich umzusetzen.

Die Videos wurden von Cochrane Österreich in Kooperation mit dem Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation erstellt. Aktuell besteht die Serie aus 6 Videos.

Grundlagen der systematischen Literatursuche

Der erste Teil der Serie bietet eine kurze Einführung in die Welt der systematischen Literaturrecherche – einem Eckpfeiler gut durchgeführter systematischer Übersichtsarbeiten.

Das erste Video fasst die Grundlagen einer systematischen Literatursuche zusammen. Dabei werden die vier wichtigsten Schritte, die einen transparenten und nachvollziehbaren Suchprozess gewährleisten sollen, erläutert (Vorbereitung, Datenbank-Suche, zusätzliche Informationsquellen, Dokumentation). Um möglichst alle relevanten Studien zu finden ist, neben einer gut durchdachten, klaren Fragestellung, das Durchsuchen von zumindest zwei bibliographischen Datenbanken obligatorisch. Zu einer guten systematischen Literatursuche gehören daneben auch die Suche nach zusätzlichen Informationsquellen, wie das Sichten von Referenzlisten, das Durchforsten von Studienregistern oder das Kontaktieren von Expertinnen und Experten sowie die sorgfältige Dokumentation aller Suchschritte.



Im Zweiten Video wird erklärt wie man sogenannte Boolesche Operatoren (AND; OR; NOT) zum Verknüpfen von Suchbegriffen richtig und effizient verwendet. Das dritte Video geht auf den richtigen Einsatz von Schlagwörtern, häufig als MESH-Terms bekannt, ein.





Text: Barbara Nußbaumer-Streit, Claudia Christof

COVID-19: Seife und weitere Hygienemaßnahmen – Evidenz aus Cochrane Reviews

Fri, 03/20/2020 - 12:49

Seit Anfang des Jahres breitet sich weltweit ein neues Coronavirus (SARS-CoV-2) aus, das die Erkrankung COVID-19 (Corona virus disease 2019) auslösen kann. Diese verläuft in der Mehrzahl der Fälle mild, kann jedoch auch zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie einer schweren Lungenentzündung führen. Inzwischen nehmen die Infektionsfälle mit SARS-CoV-2 weltweit rasant zu – so auch in den deutschsprachigen Ländern. Ziel der mehr und mehr ins öffentliche Leben einschneidenden Gegenmaßnahmen ist es, den zeitlichen Verlauf der Ausbreitung so zu verlangsamen, dass die Gesundheitssysteme mit der Versorgung von PatientInnen mit schweren Krankheitsverläufen nicht überlastet werden. Dafür gilt es, Infektionsketten wo irgend möglich zu unterbrechen.

Wie kann jeder Einzelne dazu beitragen? Die generellen Empfehlungen von Fachleuten sind weitgehend einheitlich (siehe Linksammlung am Ende dieses Blogbeitrags). Da ist zum einen das Social Distancing. Gemeint ist die rein räumliche Distanzierung von unseren Mitmenschen, um ein Überspringen der Infektion zu verhindern, also: Ansammlungen meiden und einen individuellen Mindestabstand von anderthalb Metern einhalten.

Der andere wichtige Punkt ist die individuelle Hygiene. SARS-CoV-2 verbreitet sich wie auch Grippe- oder Erkältungsviren vor allem durch Tröpfcheninfektionen, also durch das Einatmen infektiöser Tröpfchen, wie sie beim Husten oder Niesen entstehen. Der andere wichtige Infektionsweg sind vermutlich sogenannte Schmierinfektionen. Sie nehmen den Umweg durch den Kontakt mit durch Viruspartikel verunreinigten Oberflächen. Wenn die Viren dann auf die Hand, von dort in Mund oder Augen und schließlich in die Atemwege gelangen, können sie dort zur Infektion führen.

Gegen eine direkte Tröpfcheninfektion hilft vor allem räumlicher Abstand. Schmierinfektionen lassen sich darüber hinaus durch das Befolgen einfacher Hygienetipps vermeiden (Quelle: www.infektionschutz.de ):

• Vermeiden Sie Berührungen (z. B. Händeschütteln oder Umarmungen), wenn Sie andere Menschen begrüßen oder verabschieden.
• Halten Sie die Hände vom Gesicht fern – vermeiden Sie es, mit den Händen Mund, Augen oder Nase zu berühren.
• Waschen Sie regelmäßig und ausreichend lange (mindestens 20 Sekunden) Ihre Hände mit Wasser und Seife – insbesondere nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten.
• Niesen oder husten Sie in die Armbeuge oder in ein Taschentuch – und entsorgen Sie das Taschentuch anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.
• Halten Sie ausreichend Abstand zu Menschen, die Husten, Schnupfen oder Fieber haben – auch aufgrund der andauernden Grippe- und Erkältungswelle

Die in den Medien und Informationsseiten seit Wochen allgegenwärtige Aufforderung zum Händewaschen entspricht dem, was Infektionsmediziner predigen, seit Ignaz Semmelweis Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals die Bedeutung guter Handhygiene für den Infektionsschutz nachwies.

Was genau geschieht beim Händewaschen? Seife besteht aus langkettigen Molekülen, deren bipolarer Charakter ihre Waschwirkung begründet. Während sich das eine Ende des Moleküls bevorzugt an Fett ansetzt, zieht sein anderes Ende Wasser an. Die Seifenmoleküle spielen so den Vermittler zwischen fettigem Schmutz und Wasser, die umhüllen die Schmutzpartikel und bringen sie in Lösung. Das gilt auch für Viren und Bakterien mit ihren aus Fettsäuren aufgebauten Hüllen: Seife zerstört diese Hülle und macht es leichter, die Reste von der Haut zu waschen.

Einem Holzhammer gleicht die Wirkung von hochprozentigem Alkohol auf Viren und Bakterien. Das Lösungsmittel denaturiert deren Proteine, die Erreger lösen sich unter Alkoholeinfluss schlich in ihre Bestandteile auf. Weil Seife und Alkohol derart rabiat wirken, können Erreger keine Resistenzen dagegen ausbilden. Das ist bei einigen antimikrobiellen Zusätzen, mit denen Seifenhersteller gerne werben, vermutlich anders. Daher gilt: Reine Seife ist auch ohne Zusatz antimikrobiell genug. Wichtiger ist, dass man sich die Hände oft genug, zum richtigen Zeitpunkt und wirklich gründlich wäscht. Informationen hierzu fasst die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hier zusammen: https://www.infektionsschutz.de/haendewaschen

Dass eine gute Handhygiene mit Seife oder ergänzend auch mit alkoholbasierten Desinfektionsmitteln wirklich hilft, Krankheitserreger aufzuhalten, ist nicht nur plausibel, sondern durch zahlreiche Studien auch gut belegt. So führte die Anweisung, sich mindestens fünfmal am Tag die Hände zu waschen, in einer großen Studie (ca. 20.000 Personen-Jahre) mit amerikanischen Rekruten zu einem Rückgang von Arztbesuchen wegen Atemwegsbeschwerden um 45 Prozent.
Auf eine ähnlich hohe Wirksamkeit gründlicher Handhygiene zum Schutz vor viralen Atemwegsinfektionen kommt auch ein Cochrane Review aus dem Jahr 2011, in den insgesamt (also auch zu andern Hygienemaßnahmen) 67 Studien eingingen.

Dieser Review wird von Autoren gegenwärtig auf den neuesten Stand gebracht. Er ist Teil einer vor kurzem in der Cochrane Library veröffentlichten Sonderkollektion (Special Collection) von Cochrane Reviews, die Evidenz zu den Bereichen Prävention und Infektionskontrolle in Alltag und im Krankenhaus zusammenstellen.
Die momentan neun Reviews dieser Sonderkollektion wollen wir im zweiten Teil dieses Blogbeitrags kurz vorstellen.

Titel und Kurzzusammenfassungen sind in der Cochrane Library auch auf Deutsch verfügbar. Sie werden automatisch angezeigt, wenn man die Sprachauswahl oben rechts auf der Webseite auf „deutsch“ stellt. Angaben zur Vertrauenswürdigkeit der Evidenz zu individuellen Maßnahmen folgen wo möglich dem vierstufigem GRADE-Schema, in dem die Vertrauenswürdigkeit sehr niedrig, niedrig, moderat oder hoch bewertet werden kann (vgl. https://bestpractice.bmj.com/info/toolkit/learn-ebm/what-is-grade/).

Sonderkollektion der Cochrane Library zu Prävention und Infektionskontrolle Physikalische Interventionen zur Unterbrechung oder Verringerung der Ausbreitung von Atemwegsviren

Worum es ging:
Dieser Review prüft die die Wirksamkeit physischer (also nicht-medikamentöser) Maßnahmen zur Unterbrechung oder Verringerung der Ausbreitung von Atemwegsviren. Zu den untersuchten Interventionen gehören Handhygiene, Isolation und Quarantäne, körperliche Distanz und Screenings an Grenzübergängen und Flughäfen. Letzte Aktualisierung: 2011, Aktualisierung in den nächsten Tagen.

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz:
Variabel und noch nicht nach GRADE eingeteilt, siehe Diskussion

Fazit der Autoren:
„Einfache und kostengünstige Interventionen sind nützlich, um die Übertragung von epidemischen Atemwegsviren zu reduzieren. Doch die routinemäßige und langfristige Durchführung einiger der untersuchten Interventionen könnte ohne eine akute Bedrohung durch eine Epidemie schwierig sein.“ Konkret fanden die Autoren Evidenz für folgende Maßnahmen, die am besten kombiniert werden sollten:

  • Häufiges, gründliches Händewaschen.
  • Barrieremaßnahmen wie Handschuhe, Schutzkleidung und Atemmasken im Umgang mit vermutlich oder bestätigt Infizierten
  • Isolierung von Verdachtsfällen

Die Autoren kommen auf Basis von Daten zu Influenza und der SARS-Epidemie von 2002/2003 zu dem Schluss, dass man dabei insbesondere auf gute Hygiene bei Kindern achten sollte, da diese Infektionen vermutlich besonders stark weitergeben. Insgesamt stellen die Autoren für einige der Maßnahmen (zum Beispiel Massenscreenings der Körpertemperatur an Flughäfen) aber einen Mangel an aussagekräftigen Studienergebnissen fest.

Interventionen zur Verbesserung der Umsetzung der Handhygiene bei der Patientenversorgung

Worum es ging:
Handhygiene ist eine effektive Maßnahme, um Mitarbeiter der Gesundheitsberufe vor Infektionen zu schützen.
Welche Strategien dazu führen, dass Mitarbeiter der Gesundheitsberufe die Empfehlungen für Handhygiene (Händewaschen mit Wasser und Seife oder das Benutzen von alkoholischen Hand-Desinfektionsmitteln oder beides) verstärkt umsetzen, war die Fragestellung dieses aktualisierten Reviews. Beispiele für untersuchte Strategien sind ein besseres Angebot an Wasch- oder Desinfektionsmöglichkeiten oder Schulungen des Personals. Letzte Aktualisierung: 2017.

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE:
Sehr niedrig bis moderat

Fazit der Autoren:
Da die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse, die Interventionen und auch die Forschungsmethoden sehr variierten, besteht nach wie vor ein dringender Bedarf an methodisch robuster Forschung, um die Wirksamkeit solcher Interventionen genau zu ermitteln. Außerdem wird mehr Forschung benötigt, um herauszufinden, welche Komponenten oder Kombinationen von Strategien in einem bestimmten Kontext am wirksamsten sind.

Verbesserung der Einhaltung von Maßnahmen der Standardhygiene zur Vermeidung von Infektionen im Rahmen der Gesundheitsversorgung

Worum es ging:
Der Review geht der Frage nach, welche Strategien bei Mitarbeitern der Gesundheitsberufe die Umsetzung von Maßnahmen der Standardhygiene fördern können, um Infektionen in Pflegebereichen zu verringern. Standardhygiene schließt zum Beispiel das Tragen von persönlicher Schutzausrüstung (Gesichtsmasken, Handschuhe) oder der sicheren Handhabung von Nadeln ein. Letzte Aktualisierung: 2018.

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE:
Niedrig bis moderat, aber nur wenige Studien

Fazit der Autoren:
Die untersuchten Interventionen, die betrachteten Endpunkte, sowie die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz variieren stark. Außerdem haben viele Studien ein hohes Risiko für Bias. All das macht es schwierig, Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit der Interventionen zu ziehen. Mehr und methodisch robustere Forschung ist vonnöten.

Persönliche Schutzausrüstung zur Vorbeugung hochinfektiöser Erkrankungen durch Exposition gegenüber kontaminierten Körperflüssigkeiten bei Gesundheitspersonal

Worum es ging:
Bei hochinfektiösen Epidemien wie die des Ebola-Virus oder dem schweren akuten Atemwegssyndrom (SARS) sind Mitarbeiter der Gesundheitsberufe aufgrund ihres Kontakts mit kontaminierten Körperflüssigkeiten der Patienten einem wesentlich höheren Infektionsrisiko ausgesetzt als die allgemeine Bevölkerung. Kontaktvorkehrungen durch persönliche Schutzausrüstung (PSA) können das Risiko verringern. Dieser Review prüfte, welche Art von Ganzkörper-PSA und welche Methode des An- und Ablegens von PSA das geringste Kontaminationsrisiko für Beschäftigte im Gesundheitswesen birgt, sowie Schulungsmethoden, um die Einhaltung der PSA-Protokolle zu verbessern. Letzte Aktualisierung: 2019

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE:
Sehr niedrig

Fazit der Autoren:
Die Autoren fanden Evidenz von zumeist geringer Vertrauenswürdigkeit für den Nutzen einer Reihe von Maßnahmen wie spezieller Schulungen und Anleitungen zum An- und Ablegen von PSA, sowie für bestimmte Varianten von PSA. Zudem fanden sie Hinweise darauf, dass atmungsaktivere, angenehmer zu tragende Schutzkleidung vermutlich ähnlich gut vor Kontamination schützt, wie vollkommen dichtes Material.
Allerdings stehe alle diese Ergebnisse unter dem Vorbehalt, dass sie auf Evidenz von geringer oder sehr geringer Vertrauenswürdigkeit basieren. Die Autoren fordern daher mehr randomisierte, kontrollierte Studien.

Verhaltensinterventionen, um den Gebrauch von Atemschutzgeräten bei Arbeitnehmern zu fördern

Worum es ging:
An zahlreichen Arbeitsplätzen enthält die Luft gesundheitschädliche Substanzen. Diese Substanzen könnten Bakterien und Viren sein, oder verschiedene Abgase ,Rauch, Staub oder Partikel wie z.B. Asbest oder Getreideabrieb. Je nachdem, was und wie viel davon eingeatmet wird, können die gesundheitlichen Folgen gering bis lebensbedrohlich sein. Die Folgen reichen von Reizgefühlen bis hin zu Kurz‐ und Langzeiterkrankungen wie Krebs. An zahlreichen Arbeitsplätzen werden deshalb Atemschutzausrüstungen (ASA) verwendet.. Unterschiedliche Methoden wurden eingeführt, um Arbeitnehmer in der wirksamen Anwendung einer ASA zu schulen. Jedoch ist es unklar, wie gut diese funktionieren. Dieser Review untersuchte Interventionen, die Arbeitnehmer ermutigen, eine ASA richtig oder öfter zu gebrauchen. Letzte Aktualisierung: 2016

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE:
Sehr niedrig bis niedrig

Fazit der Autoren:
Die Autoren fanden Evidenz von niedriger bis sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit, dass Verhaltensinterventionen die Arbeitnehmer nicht ermutigen, ASA richtig oder öfter anzuwenden. Wahrscheinlich werden sich die Schlussfolgerung ändern, wenn neue Studien veröffentlicht werden. Wir benötigen bessere Studien, die sich auf die Wirksamkeit der verschiedenen Interventionen konzentrieren.

Chlorhexidin‐Bäder bei schwerkranken Patienten zur Vorbeugung von im Krankenhaus erworbenen Infektionen

Worum es ging:
Eine im Krankenhaus erworbene Infektion ist ein häufiges und potentiell gefährliches Ereignis in der Patientenversorgung. Patienten auf der Intensivstation, die mechanisch beatmet werden, sind einem besonders hohem Infektionsrisiko ausgesetzt. Chlorhexidin ist ein kostengünstiges, weit verbreitetes Desinfektionsmittel. Es kann zum Baden von schwerkranken Patienten eingesetzt werden, um Bakterien abzutöten und die Verbreitung von im Krankenhaus erworbenen Infektionen zu reduzieren. Ob dies einen Nutzen hat war Fragestellung des Reviews. Letzte Aktualisierung: 2019

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE:
Sehr niedrig

Fazit der Autoren:
Aufgrund der verfügbaren Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit ist nicht klar, ob das Baden mit Chlorhexidin im Krankenhaus erworbene Infektionen, die Sterblichkeit oder die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation vermindert oder ob die Anwendung von Chlorhexidin zu mehr Hautreaktionen führt.

Infektionskontrollstrategien zur Verhinderung der Übertragung von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) in Pflegeheimen für ältere Menschen

Worum es ging:
Ältere Menschen in Pflegeheimen sind einem erhöhten Infektionsrisiko durch Meticillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) ausgesetzt. Strategien zur Prävention und Kontrolle von Infektionen sind wichtig, um die Übertragung von MRSA zu verhindern. Ziel dieses Reviews war es, die Auswirkungen von Präventions- und Kontrollstrategien zur Verhinderung der Übertragung von MRSA in Altenheimen zu ermitteln. Letzte Aktualisierung: 2013

Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE:
Nicht anwendbar, es wurde nur eine Studie gefunden

Fazit der Autoren:
Es besteht ein Mangel an Studien, um die Auswirkungen von Strategien zur Prävention und Kontrolle MRSA-Infektionen in Pflegeheimen zu ermitteln. Es sollten in Pflegeheimen Studien durchgeführt werden, an denen Bewohner und Personal beteiligt sind, um diejenigen Interventionen zu testen, die speziell für diese Umgebung entwickelt wurden.

Weiterführende Informationen für die breite Öffentlichkeit zur aktuellen Pandemie von SARS-CoV-2 und zu allgemeinen Verhaltensempfehlungen Aktuelle Forschungsergebnisse zu SARS-CoV-2/COVID-19

Mehrere führende Wissenschaftsjournale haben eigene Portale zu SARS-CoV-2/COVID-19 eingerichtet, in denen sie aktuelle Studien zur Verfügung stellen (in der Regel free access).

Text: Andrea Puhl und Georg Rüschemeyer

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Nützliche patientenrelevante Forschung

Thu, 03/12/2020 - 09:00

Forscherinnen und Forscher kämpfen um begrenzte Fördermittel, um ihre Arbeit zu finanzieren. Ein Nebenprodukt dieses Wettkampfs sind Studien, die kaum zum Erkenntnisgewinn beitragen oder sogar unnötig sind. Solche Studien werden unter dem Begriff „research waste“ zusammengefasst. Ein spannendes Thema von dem ich beim EBM-Kongress in Basel erstmals gehört habe. In diesem Blog-Beitrag möchte ich einen Überblick über dieses wichtige Thema geben.

Patientenorientierte Forschung

Grundsätzlich ist Forschung etwas Tolles. Neue Erkenntnisse werden gewonnen und Lösungen für Probleme gefunden. Die Welt der Forschung kämpft aber auch mit einigen Herausforderungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen zur Finanzierung ihrer Arbeit teilweise Mittel der Industrie. Obwohl die Absichten solcher Forschungsförderung gut sein mögen, kann dies dazu führen, dass Ergebnisse nicht transparent berichtet werden. Als wichtiges Beispiel muss hier die Lebensmittelindustrie genannt werden, in der industrielle Fördergeber die Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft manipuliert haben. So versuchte die Zuckerindustrie, den Zusammenhang zwischen Zucker und koronare Herzkrankheit (KHK) in den 1950er Jahren zu verharmlosen und den Fokus auf Fette zu setzen, wie die Publikation „Sugar Industry and Coronary Heart Disease Research“ von Cristin E Kearns et al. aus dem Jahre 2016 beschreibt.

Die Absichten der medizinischen Forschung sind unser Verständnis zu erweitern und die Gesundheit von Menschen zu fördern, jedoch nicht für eine Gewinnmaximierung der Unternehmen zu sorgen.

Aber was genau ist nützliche Forschung? Und wie setzt man sie um? Die Definition von nützlicher Forschung variiert je nach Forschungsfeld, Förderprogrammen, Organisationen und Unternehmen der Branche. Für Pharmakonzerne kann nützliche Forschung bedeuten, dass in der letzten Phase der pharmazeutischen Entwicklung Versuche an Menschen durchgeführt werden. Für Krankenhäuser wiederum, kann nützliche Forschung sein, die unterschiedlichen Methoden der Patientenbehandlung zu untersuchen. Für Patientinnen und Patienten, kann nützliche Forschung eine wegweisende klinische Studie für eine mögliche Heilung ihrer Krankheit darstellen. Die subjektive Natur des Begriffes „nützliche Forschung“, gemischt mit dem breiten Umfang des persönlichen Interesses macht es zu einem schwer definierbaren Begriff. Wie entsteht ein subjektiv, wichtiges Forschungsprojekt, das von einem Individuum definiert wird und später auch tatsächlich für die Patientinnen und Patienten nützlich ist? Zur Beantwortung von Fragen wie dieser und vielen ähnlichen, wurde der Begriff „patientenorientierte Forschung“ entwickelt. Diese Form der Forschung stellt sicher, dass jeder Schritt eines Forschungsvorhabens das beste Ergebnis für die Patientinnen und Patienten im Blick hat. Hervorgehoben wurde dies auf dem EBM-Kongress in Basel. Patientenorientierte Forschung bezieht patientenrelevante Endpunkte ein – schaut also auf die Ergebnisse, die für Patientinnen und Patienten spürbar und wichtig sind. Ziel patientenorientierter Forschung ist es die Patientenversorgung zu verbessern und gleichzeitig die Belastung für das Gesundheitssystem klein zu halten. Patientinnen und Patienten sollten bereits ab der Planung einer Studie einbezogen werden, damit sichergestellt ist, dass die Studie patientenrelevante Aspekte untersucht und für Patientinnen und Patienten nützlich bleibt.

Wie können wir „research waste“ reduzieren?

Der erste Schritt, um die Gesamteffizienz des Forschungsprozesses zu verbessern, ist es “research waste“ zu reduzieren. Von sogenanntem Forschungsabfall spricht man, wenn Studienergebnisse keine wesentliche Anwendung auf dem Gebiet haben, also quasi nutzlos sind. In seiner Keynote während des jüngsten 2020 EbM-Kongresses in Basel, hat Dr. Treweek von der Universität Aberdeen in einer Skizze beschrieben, wie man die Produktion von „research waste“ minimieren kann. Er rief dazu au:

Wissen was bereits geforscht wurde: Betreiben Sie Forschung vor Ihrer Forschung. Die Sammlung von bereits veröffentlichten Studien und systematischen Übersichten können unbeabsichtigte Datenduplizierung verhindern und so werden keine Ressourcen vergeudet.

  1. Wissen was bereits geforscht wurde: Betreiben Sie Forschung vor Ihrer Forschung. Die Sammlung von bereits veröffentlichten Studien und systematischen Übersichten können unbeabsichtigte Datenduplizierung verhindern und so werden keine Ressourcen vergeudet.
  2. Design für die Nutzerinnen und Nutzer: Fragen Sie sich, wer und was bin ich, dass ich diese Forschung verfolge. Stellen Sie sicher, was Sie erreichen wollen, und wen Ihre Forschung erreichen soll. Gibt es eine Notwendigkeit? Wird es jemandem helfen? Im Vergleich zu vorherigen systematischen Übersichten für die die klinische Relevanz bereits gewährleistet ist, ist Ihre Arbeit ebenfalls klinisch relevant für Ihre Zielgruppe?
  3. Denken Sie über den Prozess nach: Sind Sie sich sicher, dass das beabsichtigte Forschungsvorhaben die effizienteste und beste Herangehensweise ist um die Forschungsfrage zu beantworten? Holen Sie sich Rat von Forscherinnen und Forschern, die ähnliche Studien bereits erstellt haben und fragen Sie nach einer zweiten Meinung bevor Sie Ihren Forschungsantrag stellen.
  4. Forschung ist Team Arbeit: Nur wenige sind Expertinnen bzw. Experten auf einem breiten Gebiet. Wissen, wann ein Thema über Ihr Spezialgebiet hinausgeht und ein anderes erreicht, ist wichtig.

Die Anwendung dieses Modells in der Forschungsplanung hilft zu verhindern, unnütze Forschung zu betreiben. Es soll uns ermutigen, unseren Vorschlag zu reflektieren und ermöglicht es uns, Patientinnen und Patienten bereits in den frühen Schritten der Planung zu integrieren. Dies schafft nicht nur relevante Forschung, sondern insbesondere patientenrelevante Forschung. Dadurch wird sichergestellt, dass die Forscherinnen und Forscher die Forschung nicht nur in einen patientenrelevanten Kontext setzten, sondern auch in einer patientenrelevanten Art und Weise planen.

Relevante Forschung in die Praxis bringen

Durchführung von patientenorientierter Forschung ist das verbindende Puzzlestück zwischen einer Forschungspublikation und deren Umsetzung im klinischen Kontext. Wenn die wissenschaftliche Gemeinschaft das patientenorientierte Forschungsmodell etabliert, wird nicht nur die Menge an nützlicher Forschung drastisch erhöht, sondern wahrscheinlich auch Verbesserungen der Patientenversorgung erreicht. Wenn dieses Forschungsmodell das Leben von nur einer Person verbessert, hat es bereits klinische Relevanz erreicht. Durch die Reduzierung von „research waste“ werden gleichzeitig auch Ressourcen frei, die für andere wichtige Forschungsinitiativen genutzt werden können.

Persönliches Fazit

Für mich als Medizinstudentin im zweiten Jahr war es spannend zu sehen mit welchen Herausforderungen und Hürden, sich Forscherinnen und Forscher beschäftigen müssen. Die Teilnahme am EBM-Kongress gab mir einen guten Einblick in die Welt der EBM. Vor dem Kongress nahm ich auch am Studierendentag teil. Dort trafen sich Studierende aus Deutschland, Schweiz und Österreich, um über Methoden der EBM zu lernen – auch hier lag der Fokus auf patientenrelevanter Forschung. Der Studierendentag war eine tolle Gelegenheit, um sich mit anderen Studierenden auszutauschen und zu vernetzen. Gleichzeitig bereitete er mich gut auf die Konferenz vor. Ich hoffe eines Tages nach meinem Studium meinen Beitrag zu leisten, dass Forschung relevant ist und die Praxis verbessert.

Text: Arianna Gadinger

Arianna Gadinger und Stina Øvstetun sind Medizinstudentinnen und erhielten von Cochrane Österreich und der Karl-Landsteiner-Privatuniversität ein Stipendium zur Teilnahme am Studierendentag und am EBM-Kongress in Basel

Es bleibt dabei: Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren schützt das Herz kaum

Wed, 03/04/2020 - 13:16

Der tägliche Löffel von widerlich schmeckendem Lebertran ist schon lange passé. Heute kommen Omega-3-Fettsäuren zumeist in Form kleiner Kapseln mit Fischöl, die man für ein paar Euro rezeptfrei im Drogeriemarkt kaufen kann. Doch wie viel Mehrwert hat es, zusätzliches Omega-3 in Kapselform einzunehmen? Das eben veröffentlichte Update des Cochrane-Reviews „Omega-3-Fettsäuren zur Primär- und Sekundärprävention von kardiovaskulären Erkrankungen“ sieht dafür nach wie vor wenig Evidenz. Ko-Autorin Lee Hooper von der englischen University of East Anglia erklärt die Ergebnisse in unserem Interview.

Dr. Hooper, erzählen Sie uns von diesem Cochrane-Review.

In der Öffentlichkeit ist der Glaube an die kardiovaskulären Vorteile von Omega-3-Fetten sehr groß. Die Aufnahme von langkettigen Omega-3-Fettsäuren in den USA durch Nahrungsergänzungsmittel ist höher als durch Lebensmittel. Aber die Ratschläge zur öffentlichen Gesundheit unterscheiden sich von Land zu Land. Das National Institute for Health and Clinical Excellence in Großbritannien ermuntert die Menschen, öligen Fisch zu essen (die natürliche Hauptquelle für langkettige Omega-3-Fettsäuren), rät aber von einer Supplementierung ab. Die American Heart Association in den USA empfiehlt ebenfalls den Verzehr von öligem Fisch und deutet darauf hin, dass auch eine Ergänzung erforderlich sein könnte. Wir waren an der Evidenz interessiert – sind Omega-3-Fette schützend und wenn ja, wie sehr schützen sie? Wir untersuchten die Auswirkungen von langkettigen Omega-3-Fettsäuren, die als fetter Fisch und als Nahrungsergänzungsmittel verabreicht werden. Zudem untersuchten wir die Auswirkungen von Alpha-Linolensäure (ALA, eine kurzkettige Omega-3-Fettsäure, die in Pflanzenölen enthalten ist), die als Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel verabreicht wird.

Es handelt sich hier um ein Update – was hat sich im Vergleich zum letzten Update von 2018 geändert?

Wir haben dieses Update durchgeführt, weil Ende 2018 und Anfang 2019 drei sehr große, über mehrere Jahre laufende Studien veröffentlicht wurden, die die Auswirkungen von Supplementen mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren auf die Ergebnisse des Herz-Kreislauf-Systems untersucht haben. Diese erhöhten die Anzahl der Personen, die randomisiert für mindestens 12 Monate an relevanten Studien teilnahmen, um über 30 Prozent, mit dem Potential, die Ergebnisse zu verändern. Dieses Update umfasst nun 86 RCTs (randomisierte kontrollierte Studien) mit insgesamt 162.796 Teilnehmern, die für mindestens ein Jahr entweder langkettige Omega-3-Fettsäuren oder ALA einnahmen. Die Studien bewerteten die Mortalität oder eine Form von kardiovaskulären Erkrankungen. Die Einbeziehung weiterer Teilnehmer, von denen einige kardiovaskuläre Ereignisse erlebten, hat uns bessere Möglichkeiten gegeben, die Auswirkungen von Omega-3-Fettsäuren auf die kardiovaskuläre Gesundheit zu erkennen.

Von den 86 eingeschlossenen Studien hatten 28 ein geringes summarisches Risiko von Bias (hohe Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Die meisten Studien gaben Nahrungsergänzungsmittel; 19 Studien gaben Nahrungsergänzungsmittel mit mindestens drei Gramm pro Tag langkettigen Omega-3-Fettsäuren.

Der Review aus dem Jahr 2018 lieferte gute Evidenz dafür, dass die Einnahme von langkettigen Omega-3-Fettsäuren weder der Herzgesundheit noch dem Schlaganfall- oder Sterberisiko zugute kommt. Ist dies immer noch der Fall?

Wie in der vorherigen Version dieses Reviews deutet die Meta-Analyse darauf hin, dass eine Erhöhung der Zufuhr von langkettigen Omega-3-Fettsäuren wenig oder gar keinen Einfluss auf die Gesamtmortalität, die kardiovaskuläre Mortalität, kardiovaskuläre Ereignisse, Schlaganfall oder Arrhythmie hat.

Das aktuelle Update deutet jedoch darauf hin, dass eine erhöhte Einnahme langkettiger Omega-3-Fettsäuren die Sterblichkeit bei koronaren Herzerkrankungen und koronaren Ereignissen leicht verringern könnte. Diese Effekte waren sehr gering. 334 Personen müssten über mehrere Jahre hinweg vermehrt langkettige Omega-3-Fettsäuren einnehmen, damit eine Person nicht an einer koronaren Herzkrankheit stirbt. 167 Personen müssten mehr einnehmen, damit eine Person nicht ein Ereignis einer koronaren Herzkrankheit, zum Beispiel einen Herzinfarkt, erleidet.

Wir fragten uns, ob die Auswirkungen von langkettigen Omega-3-Fetten in längeren Studien oder in Studien mit höheren Dosen größer wären. Die Wirkungen unterschieden sich jedoch nicht nach Studiendauer oder Dosis in einer vorher geplanten Untergruppenbildung oder Meta-Regression.

Eine Erhöhung der langkettigen Omega-3-Fettsäuren hatte keine oder nur geringe Auswirkungen auf schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, Fettleibigkeit, Lipide oder Blutdruck. Allerdings reduzierte sie Triglyceride um ca. 15% in einer dosisabhängigen Weise.

Wie sieht diese Effektgröße einer Number Needed to Benefit (NNTB) von 167 beziehungsweise 334 im Vergleich zu anderen Medikamenten aus, die in der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt werden?

Simvastatin (ein lipidsenkendes Medikament aus der Gruppe der Statine) in der Sekundärprävention: In der 4S-Studie, an der Personen teilnahmen, die vor kurzem einen Herzinfarkt erlitten hatten, starben 8% der Teilnehmer, die Simvastatin einnahmen, aber 12% der Teilnehmer, die das Placebo einnahmen. Das bedeutet einen Unterschied von 4%, so dass der NNTB bei 25 lag. Fünfundzwanzig Personen mussten also etwa fünf Jahre lang Simvastatin einnehmen, um den Tod einer Person zu verhindern. Die meisten von uns entscheiden sich für die Einnahme von Statinen nach einem Herzinfarkt.

Statine in der Primärprävention: Die Zehnjahres-NNTBs für Statine in der Primärprävention liegen bei entsprechender Anwendung bei etwa 30. Dreißig Personen müssen etwa 10 Jahre lang ein Statin einnehmen, damit bei einer Person keine atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung auftritt.

Ezetimibe (ein Cholesterinabsorptionshemmer) in der Sekundärprävention: Wenn 50 Personen mit akutem Koronarsyndrom zusätzlich zu einem Statin sieben Jahre lang Ezetimibe einnehmen, wird eine Person ein kardiovaskuläres Ereignis vermeiden.

Dies sind die Zahlen, die wir mit wirksamen Medikamenten in Verbindung bringen – NNTBs von 25 bis 50. Sehr viel mehr Menschen müssen eine langkettige Omega-3-Ergänzung einnehmen, um ein einzelnes koronares Herzkrankheitsereignis oder den Tod zu verhindern. Langkettige Omega-3-Fettsäuren (mit NNTBs von 167 beziehungsweise 334), sind viel weniger wirksam als diese Medikamente und fast alle Menschen, die diese Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, werden nicht davon profitieren.

Haben sich die Schlussfolgerungen in Bezug auf fettem Fisch geändert? Schützt er unsere Herzen?

Leider haben wir keine zusätzlichen Studien gefunden, die die Menge an ölhaltigem Fisch, die die Teilnehmer gegessen haben, erhöht hätten. Das bedeutet, dass wir die Auswirkungen des vermehrten Verzehrs von öligem Fisch auf die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems noch immer nicht vollständig verstehen. Fisch und Meeresfrüchte sind nährstoffreich und reich an einer Vielzahl anderer Nährstoffe (wie z.B. Vitamin D, Kalzium, Jod, Selen, Eiweiß), so dass sie auch ohne kardiovaskuläre Vorteile nützlich sind.

Welche Auswirkungen hat die vegetarische/vegane Version von Omega-3, ALA?

Eine Erhöhung der ALA-Aufnahme macht wahrscheinlich wenig oder keinen Unterschied in Bezug auf die Gesamtmortalität, die kardiovaskuläre Mortalität, die Mortalität bei koronaren Herzkrankheiten und die Ereignisse bei koronaren Herzkrankheiten. Eine erhöhte ALA-Zufuhr kann jedoch das Risiko von kardiovaskulären Krankheitsergebnissen und Herzrhythmusstörungen leicht verringern. Auch hier sind diese Auswirkungen gering: 500 Personen müssten ihre ALA-Zufuhr über mehrere Jahre hinweg erhöhen, um zu verhindern, dass eine Person ein CVD-Ereignis erleidet, und 91 Personen müssten die ALA-Zufuhr erhöhen, um zu verhindern, dass eine Person eine Arrhythmie erleidet.

Gibt es Pläne, diese Übersicht bald wieder zu aktualisieren?

Der Review muss aktualisiert werden, sobald weitere große und qualitativ hochwertige Studien über den Verzehr von ölhaltigem Fisch und/oder die Erhöhung der ALA-Aufnahme vorliegen. Wir hoffen, dass dies bald geschieht. Es laufen keine weiteren sehr großen Studien über langkettige Omega-3-Nahrungsergänzungsmittel, die eine automatische Aktualisierung auslösen werden, obwohl einige große Studien weitere Ergebnisdaten zur Verfügung stellen könnten.

Zum Original-Interview mit Dr. Lee Hooper auf Englisch. Text Adaptiert und übersetzt von Cochrane Deutschland.

Zum Review: Abdelhamid AS, Brown TJ, Brainard JS, Biswas P, Thorpe GC, Moore HJ, et al. Omega-3 fatty acids for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2020;Issue 2:CD003177. DOI: 10.1002/14651858.CD003177.pub5

Mehr über Cochrane Heart.

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Cochrane Nutrition: das weite Feld der evidenzbasierten Ernährung

Thu, 02/27/2020 - 09:55

“Ernährung ist einer der wichtigsten Faktoren, die zur Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen beitragen und auf die wir einen direkten Einfluss haben“, so Solange Durão, Co-Direktorin von Cochrane Nutrition – des Cochrane-Felds zum Thema Ernährung. Dieser auf einem Interview mit Solange Durão basierende Artikel stellt die breitgefächerte Arbeit von Cochrane Nutrition vor und schließt unsere Serie zum Thema „Ernährung und kardiovaskulären Erkrankungen“ auf Wissen Was Wirkt ab.

„Der Mensch ist, was er isst“, schrieb einst der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach. Dass die Nahrung, die wir zu uns nehmen, eine umfassende Bedeutung für unser Sein hat, ist auch die Grundannahme von Cochrane Nutrition, dem Cochrane-Feld – (Cochrane Fachgebiet) für Evidenz rund um die Ernährung. Dabei geht es aber nicht um intellektuelle Nahrung, sondern ganz irdisch um den Einfluss der Ernährung auf unsere Gesundheit –auch auf die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen.

„Die Arbeit von Cochrane Nutrition beschränkt sich nicht auf bestimmte Themen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern deckt ein breites Spektrum von ernährungsbezogenen Fragen ab“, erklärt Solange Durão, „sie reicht von Ernährungsmedizin bis hin zu Public Health-Themen rund um Ernährung“.

Zu den relevanten ernährungsbezogenen Reviews, so Durão, zählen alle Reviews, die eines der folgenden Themen abdecken:

  • Allgemeine Ernährung und Essgewohnheiten; Lebensmittel; angereicherte Lebensmittel, Nahrungsprodukte und Getränke, Nährstoffe und bioaktive Substanzen,
  • Erziehungs- und Bildungsinterventionen bezüglich Ernährung,
  • Alle eindeutig ernährungsbezogen Leitlinien, Programme oder unterstützenden Maßnahmen.

Was damit im Einzelnen gemeint ist, lässt sich auf der Webseite von Cochrane Nutrition nachlesen. Hier finden sich auch zahlreiche Reviews zu Ernährungsinterventionen und kardiovaskulären Erkrankungen.

Als eines von 13 ‚Cochrane Feldern’ (mehr Informationen zu ‚Cochrane fields‘ gibt es auf der cochrane.org Webseite; mehr zu den Organisationsstrukturen von Cochrane auf Wikipedia) hat Cochrane Nutrition laut Durão „die Vision, zentrale Kontaktstelle für alle systematischen Übersichtsarbeiten von Cochrane zum Thema Ernährung zu sein. Wir beteiligen uns an einer Reihe von Aktivitäten, die alle darauf abzielen, die Relevanz, Reichweite und Qualität von Cochrane Reviews zum Thema Ernährung zu steigern, die Methoden für die Erstellung von Cochrane Reviews zu verbessern, und die Nachhaltigkeit des Feldes zu sichern.“

Die Aktivitäten von Cochrane Nutrition sind vielfältig: Von Schulungen zur Erstellung von Cochrane Reviews, der Präzisierung der Review-Fragen oder Titel, über die Methodenforschung bis hin zur Verbreitung von Cochrane Reviews an die verschiedenen Zielgruppen. So half die Gruppe auch mit bei der Auswahl der Zusammenfassungen in vereinfachter Sprache von 150 Cochrane Reviews zu Ernährungsthemen, die letztes Jahr auf Deutsch übersetzt wurden und in „Cochrane Kompakt“ frei verfügbar sind.

Cochrane Nutrition wird gemeinsam von Cochrane South Africa, dem südafrikanischen medizinischen Forschungsrat, dem Centre for Evidence-based Health Care und der Stellenbosch University betrieben.

Dabei werden die Co-Direktorinnen Solange Durão und Celeste Naude von einem lokalen Managementkomitee und einem Koordinationsteam unterstützt, das sich aus Forschern aus dem Themenfeld zusammensetzt. Darüber hinaus leitet der zehnköpfige internationale Beirat von Cochrane Nutrition die strategischen Aktivitäten des Feldes.

„Wir arbeiten auch mit anderen Organisationen zusammen, die unsere Vision teilen“, erklärt Durão. Evidence Aid zum Beispiel ist seit 2017 ein Partner. „Unser Netzwerk wächst stetig. Es besteht derzeit aus etwa 160 Personen mit unterschiedlichen Fachkenntnissen. Wir stützen uns auf dieses Netzwerk, um beispielsweise potenzielle Review-Autoren, Gutachter oder Einzelpersonen zu finden, die zu Projekten beitragen können. In Zukunft hoffen wir, unser Netzwerk von Mitwirkenden zu erweitern und Cochrane Nutrition zu einer aktiven, globalen Stimme für evidenzbasierte Ernährung zu machen, die von einer kritischen Masse von Menschen weltweit geteilt wird.“

„Wir wollen auch weiterhin die Erstellung relevanter, qualitativ hochwertiger Cochrane Reviews unterstützen, die auf die Bedürfnisse aller unserer Zielgruppen eingehen und Mehrwert für die gesundheitliche Entscheidungsfindung haben.“, betont Solange Durão.

Text: Interview mit Solange Durão, mit Input vom Team von Cochrane Nutrition, zusammengefasst und übersetzt von Cochrane Deutschland und Cochrane Schweiz.

Anmerkung: Wenn Sie sich für die Arbeit von Cochrane Nutrition interessieren, können Sie hier den halbjährlichen Newsletter abonnieren.

2.14 Wenn der „Mittelwert“ kein Mittel zur Erklärung der Ergebnisse ist

Mon, 02/17/2020 - 14:32

Um die Ergebnisse klinischer Studien zu kommunizieren, nutzt man oft Mittelwerte. Diese können jedoch leicht in die Irre führen, wie diese Folge unserer „Schlüsselkonzepte“ zeigt.

Dies ist der 26. Beitrag einer Blogserie zu „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Projektes Informed Health Choices erarbeitet wurden. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem Schlüsselkonzept, das dabei hilft, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

1. Der Mittelwert sagt nichts über die Verteilung der Einzelergebnisse aus

Betrachten wir als Beispiel die Durchschnittsgröße von Schülern in drei Schulklassen. Diese ist in den Klassen A, B und C in der folgenden Abbildung zwar gleich, doch die Verteilung der Größen der einzelnen Schüler ist jeweils sehr unterschiedlich.

Dies gilt es auch für Durchschnittswerte von Behandlungsergebnissen zu bedenken. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine Behandlung bei sämtlichen Patienten annähernd gleich wirkt. Wie stark und in welchen Mustern die Wirkung zwischen einzelnen Patienten einer Behandlungsgruppe variiert, kann ein wichtiges Ergebnis einer klinischen Studie sein, das sich am Mittelwert allein nicht ablesen lässt.

2. Die Verteilung der Ergebnisse kann ungleichmäßig sein

Im oben stehenden Beispiel der Durchschnittsgröße der Schüler von Schulklasse C sind die Ergebnisse in zwei in sich homogene Untergruppen verteilt. Die eine liegt deutlich oberhalb, die andere unterhalb des Durchschnittswertes (mit anderen Worten, jeweils drei der sechs Schüler sind gleich groß). Auch die Größenverteilung in den Klassen A und B ist nicht besonders realistisch. In real existierenden Schulklassen gibt es zum Beispiel oft einzelne Schüler, die erheblich größer oder kleiner als die anderen sind. Solche „Ausreißer“ können sich stark auf die Durchschnittsgröße der gesamten Klasse auswirken.

In einer klinischen Studie könnte eine solche Situation etwa so aussehen: Patienten werden gebeten, ihre Schmerzen nach einer Behandlung auf einer Skala von 0-100 einzustufen. Die Ergebnisse fallen folgendermaßen aus:

Behandlung A: Bei 99 Patienten haben sich die Schmerzen um 10 Punkte gebessert; bei 1 Person besserten sich die Schmerzen um 50 Punkte.

Behandlung B: Bei 99 Patienten haben sich die Schmerzen ebenfalls um 10 Punkte gebessert; bei 1 Person verschlimmerten sie sich dagegen um 50 Punkte.

Im Durchschnitt beträgt die Verbesserung in Gruppe A 10,4 Punkte und in Gruppe B 9,4 Punkte. Auf Basis dieser Durchschnittswerte schneidet die Behandlung bei Gruppe A besser ab, dabei waren in Wirklichkeit für 99 Prozent der Personen beide Behandlungen gleichermaßen wirksam.

Ebenso können zwei Gruppen das gleiche Durchschnittsergebnis aufweisen, obwohl es den meisten Teilnehmern mit Behandlung A besser geht, es aber nur einem Patienten mit Behandlung B richtig gut geht, wie im folgenden Beispiel gezeigt wird:

In beiden Fällen sind die Mittelwerte irreführend, da einzelne Personen mit extremen Ergebnissen – sogenannte Ausreißer – den Durchschnitt nach oben beziehungsweise nach unten verschieben. Dieser ist daher für die Population insgesamt nicht repräsentativ. Im Umgang mit solchen Ausreißeren ist es sehr wichtig zu überprüfen, ob es sich dabei um einen validen Messwert oder um einen Messfehler handelt. Allerdings darf man solche Ausreißer in Studien nicht einfach nach Gutdünken zu Messfehlern erklären und aus der statistischen Auswertung herauswerfen. Vielmehr sollte man schon von vornherein einen Grenzwert definieren, ab dem Messwerte als vermeintlich fehlerhaft verworfen werden. Eine gängige (wenn auch letztlich willkürliche) Definition wäre beispielsweise, Einzelwerte, die sich mehr als 2,5 Standardabweichungen vom Mittelwert, als Ausreißer zu behandeln. Der Umgang mit Ausreißern ist allerdings eine eigene, ziemlich komplexe Disziplin der Statistik.

3. Der Mittelwert zeigt nicht, wie viele Personen eine klinisch relevante Verbesserung erfahren haben

Der Durchschnittswert reicht oft nicht aus, um eine Aussage darüber machen zu können, in wie weit ein Patient eine wirklich relevante Verbesserung erfährt. Diese Veränderung wird auch als minimaler wichtiger Unterschied bezeichnet.

Wenn man im folgenden Beispiel den Durchschnitt betrachtet, scheint es den Teilnehmern von Gruppe C (durchschnittliche Verbesserung = 5) besser als denen von Gruppe D (durchschnittliche Verbesserung = 4) zu gehen.

Wenn jedoch eine Veränderung um mindestens 7 Punkte erforderlich ist, damit ein Patient diese überhaupt bemerkt, hat kein Patient in Gruppe C eine merkliche Veränderung erfahren, jedoch 2 Personen in Gruppe D. Im Hinblick auf den Anteil von Patienten, die eine relevante Verbesserung erfahren haben, schneidet Gruppe D also besser als Gruppe C ab.

Der Durchschnitt ist in diesem Beispiel irreführend, da er nicht wiederspiegelt, welche Patienten eine relevante Veränderung erfahren haben. Wenn der Durchschnitt in einer Gruppe höher ist, bedeutet das also nicht notwendigerweise, dass die Behandlung bei dieser Gruppe wirksamer war.

Zusammenfassung:

Am Mittelwert als Kennwert für die zentrale Tendenz einer Verteilung führt in der Statistik kaum ein Weg vorbei. Doch es gilt zu bedenken, dass Mittelwerte auf mehrere Weisen irreführend sein können. Ist die Verteilung der Ergebnisse ungleichmäßig, kann der Durchschnittswert durch extreme „Ausreißer“ beeinflusst werden. Das kann dazu führen, dass eine Behandlung mehr oder weniger wirksam erscheint, als sie es im Gros der Fälle tatsächlich ist. Darüber hinaus bietet uns der Durchschnitt keine Informationen dahingehend, wie viele Patienten eine klinisch bedeutende Verbesserung erfahren haben.

Was bedeutet das in der Praxis? Wenn Sie zum Beispiel Forschungsberichte lesen, sollten Sie nicht allein auf die Mittelwerte zweier Behandlungsgruppen vertrauen, um zu entscheiden, welcher Gruppe es besser geht. Suchen Sie nach weiteren Informationen dazu, wie die Ergebnisse verteilt sind und was eine relevante Veränderung in der Messskala darstellt.

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Übergewicht : Darf’s auch ein bisschen mehr sein?

Mon, 02/03/2020 - 09:07

Jedes Kilo zu viel verkürze das Leben, sagen die einen. Andere dagegen glauben, dass ein bisschen mehr auf den Rippen sogar nützen könnte. In unserer Blogserie zu „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ geht es in diesem sechsten Artikel um den Forscher-Streit über den Zusammenhang zwischen Body Mass Index (BMI) und Sterblichkeit. Das Thema ist ein Lehrstück darüber, wie schwer es sein kann, die Ergebnisse großer Beobachtungsstudien zu deuten.

„Ich bin nicht dick! Nein, mein Herr! Nur kräftig gebaut!“ So wie dem Comic-Gallier Obelix geht es vielen Menschen: Dicksein ist Ansichtssache. Manche finden sich trotz oder gerade wegen des Rettungsrings um den Bauch gut so, wie sie sind. Andere hadern mit jedem vermeintlich überzähligen Pfund und stürmen gerade zum Jahresanfang voller guter Vorsätze auf die Joggingstrecke oder konsultieren Diätratgeber.

Als halbwegs objektives und unkompliziertes Maß für die Körpermasse hat sich der Body Mass Index (BMI) durchgesetzt. Er berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge entsprechen Werte zwischen 18,5 und 24,9 Normalgewicht, mit 1,80 Meter sollte man (oder Frau) demnach zwischen 60 und 81 Kilo wiegen. Niedrigere Werte gelten als Untergewicht, von Übergewicht spricht man ab einem BMI von 25 als Übergewicht und von Fettleibigkeit oder Adipositas ab einem BMI von 30. Sie beginnt für den 1,80-Meter-Mensch bei einem Gewicht von 97 Kilo.

So bemessen sind offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge zwei Drittel der Männer (67 %) und gut die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland übergewichtig. Knapp ein Viertel der Erwachsenen beider Geschlechter ist fettleibig. Österreicher und Schweizer sind im Schnitt etwas schlanker, in beiden Ländern liegt der Anteil der Übergewichtigen und Adipösen bei gut 40 Prozent.

Die Ursache für Übergewicht und Adipositas ist in den meisten Fällen eine Kombination aus ungünstigen Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel. Sie führt zu einem Überschuss in der Kalorienbilanz, den der Körper in Form von Fettgewebe einlagert (siehe auch den Artikel Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen – eine neue Serie auf Wissen Was Wirkt)

Dabei ist Körperfett per se weder gut noch böse. Ein bisschen Speck als Isolierschicht und Speicherstoff für schlechtere Zeiten gehört von Natur aus zu einem gesunden, wohlgenährten Körper. Wer jedoch allzu große Mengen davon mit sich herumträgt, bekommt Probleme. Und das nicht nur in Form der sozialen und ästhetischen Erwartungen unserer Gesellschaft, unter denen viele übergewichtige Menschen leiden. Wenn aber schon die Treppe in den ersten Stock eine bergsteigerische Herausforderung darstellt, wird Dicksein auch ganz real zur Quälerei.

Vor allem jedoch spielt Fettleibigkeit die erste Geige im „tödlichen Quartett“ des metabolischen Syndroms, zu dem sich noch Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Insulinresistenz gesellen. Diese Symptomkombination gilt neben dem Rauchen als wichtigster Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen und andere Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Krebs und damit als eine der Hauptursachen für vorzeitige und vermeidbare Todesfälle in Industriestaaten.

Über welche biologischen Mechanismen das überschüssige Fett die anderen schädlichen Veränderungen nach sich zieht, ist nicht vollständig geklärt. „Fettgewebe ist jedenfalls nicht nur ein passiver Kalorienspeicher“, sagt Michael Leitzmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg: „Vor allem das sogenannte Viszeralfett im Bauchraum produziert eine Vielzahl von Hormonen und greift damit aktiv in den Stoffwechsel ein. Hat man zu viel davon, so verschiebt sich das Gleichgewicht dieser Stoffe auf Dauer offenbar in Richtung Krankheit.“

Echte Fettleibigkeit ist also ein erheblicher Risikofaktor für potentiell tödliche Krankheiten. Aber wie steht es um die große Zahl der Übergewichtigen, die nur ein paar Kilos zu viel mit sich herumtragen? Müssen auch diese Menschen schädliche Auswirkungen ihrer Fettpolster fürchten? Oder gilt für sie vielmehr der Spruch „ein bisschen rund ist gesund“?

Das Adopositas-Paradoxon – Realität oder nur „ein Haufen Müll“?

Über diese Frage ist unter Wissenschaftlern in den letzten Jahren ein erstaunlich erbitterter Streit entbrannt. Den Anfang machte 2005 eine Studie von Wissenschaftlern um Katherine Flegal von der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC im Fachblatt JAMA. Flegal nutzte Daten des National Health and Nutrition Examination Survey, einer seit 1971 mehrfach aufgelegten Kohortenstudie, für die Tausende repräsentativ ausgewählte Amerikaner über Jahre hinweg immer wieder nach ihrem Lebensstil befragt und medizinisch untersucht wurden. Für Fettleibige mit einem BMI über 30 hatte die Analyse erwartungsgemäß schlechte Nachrichten: Auf das Jahr 2000 und die gesamte Bevölkerung der Vereinigten Staaten (damals gut 280 Millionen) hochgerechnet, waren demnach unter Fettleibigen im Vergleich zu Normalgewichtigen rund 112.000 zusätzliche Todesfälle aufgetreten. Auch Untergewichtige hatten wie erwartet eine leicht erhöhte Sterblichkeit. Doch für Übergewichtige (BMI zwischen 25 und 30) zeigte sich unerwartet der umgekehrte Effekt: Sie hatten ein deutlich geringeres Sterberisiko als ihre normalgewichtigen Mitmenschen.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass „ein bisschen rund“ tatsächlich gesund ist und offenbar mit der Definition von „Normalgewicht“ etwas nicht stimmt. Flegal war durchaus nicht die Erste, die auf dieses sogenannte Adipositas-Paradoxon stieß. Es war bereits aus einer Reihe von Studien bekannt, etwa zu koronarer Herzkrankheit, Blut-Hochdruck, Diabetes oder chronischem Nierenversagen. Auch sie kamen zu dem Schluss, dass übergewichtige und zum Teil selbst leicht adipöse Patienten dieser Leiden offenbar bessere Überlebenschancen haben, als Normalgewichtige. Flegal hatte dies nun auch für das wichtige Maß der Gesamt-Sterblichkeit („all-cause-mortality“) gezeigt. 2013 legte sie dann im Fachblatt JAMA mit einer systematischen Übersichtsarbeit samt Metaanalyse nach, welche auf Daten aus fast hundert Studien mit annähernd drei Millionen Teilnehmern basierte. Auch diesmal schnitten übergewichtige Teilnehmer am besten ab – ihr Sterberisiko lag sechs Prozent unter jenem von Normalgewichtigen.

Viele ihrer Kollegen aus der Ernährungswissenschaft wollten davon allerdings nichts hören. Zu Flegals entschiedensten Kritikern zählt Walter Willett von der Harvard Medical School in Boston, Amerikas wohl prominentester Ernährungsmediziner. Sein Kommentar in einem Radiointerview zu Flegals Studie von 2013: „Das ist ein Haufen Müll, niemand sollte seine Zeit damit vergeuden, das zu lesen.“

Von Rauchern und dünnen Kranken

Starke Worte. Willett stößt sich vor allem daran, dass Flegal zwei Störfaktoren, sogenannte Confounder, nicht angemessen berücksichtigt habe, welche die Statistik zugunsten der Übergewichtigen verzerren. Störenfriede Nummer eins sind Raucher. Weil Nikotin den Appetit zügelt macht rauchen tatsächlich schlank. Gleichzeitig ist ihre Sterblichkeit wegen der zahlreichen Gesundheitsgefahren des Rauchens deutlich erhöht. Dadurch verzerren Raucher die Statistik zuungunsten des Normalgewichts, obwohl ihr erhöhtes Sterberisiko ursächlich nichts mit ihrem schlankeren Körper zu tun hat.

Ganz ähnlich ist dies mit den „dünnen Kranken“: Schon lange vor der Erstdiagnose können sich ernsthafte Krankheiten wie Krebs als schleichender Gewichtsverlust bemerkbar machen. Die in Studien offiziell noch als gesund eingestuften Betroffenen solcher versteckten Frühsymptome sind dann also schlank, weil krank, und nicht anders herum – reverse Kausalität nennen Epidemiologen einen solchen Effekt. Sowohl dünne Raucher als auch dünne Kranke führen also zu vermehrten Todesfällen unter Normalgewichtigen und verzerren dadurch das Gesamtbild.

Solche Confounder sind der große Knackpunkt von Beobachtungsstudien wie dem National Health and Nutrition Examination Survey, weil sich ihre verzerrenden Effekte nur schwer von echten Ursache-Wirkungszusammenhängen unterscheiden lassen. Mit Lehrbuch-Confoundern wie Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen lässt sich noch umgehen, subtilere Störgrößen dagegen lassen sich oft nur schwer identifizieren und noch schwerer von echten Effekten entwirren.

Die bessere Alternative wären im Prinzip randomisierte, kontrolliere Studien (RCTs). In solchen Studien unterscheiden sich die Angehörigen von Test- und Kontrollgruppe im Idealfall nur in dem zu untersuchenden Merkmal (in diesem Fall der BMI-Kategorie) und sind sich ansonsten möglichst ähnlich. Für den Zusammenhang von BMI und Sterblichkeit ist dies jedoch kaum machbar, weil man Studienteilnehmer schon aus ethischen Gründen kaum dazu verdonnern kann, sich im Namen der Wissenschaft dicke Fettpolster anzufressen.

Beobachtungsstudien sind daher für viele epidemiologische Fragen das Beste, was wir haben. Um die störenden Effekte der Confounder möglichst klein zu halten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein Weg ist, die Daten bestimmter Probanden, die das Ergebnis verzerren würden (zum Beispiel jene von Rauchern) von vornherein aus der Auswertung auszuschließen. Alternativ kann man versuchen, Confounder durch statistische Korrekturfaktoren zu kompensieren. Nur, welcher dieser beiden Wege ist der bessere? Um eben diese Frage geht es im erbitterten Forscherstreit zwischen den Lagern von Flegal und Willet.

Flegal setzt auf Korrekturfaktoren, die in der Statistik beispielsweise den Effekt des Rauchens ausgleichen sollen. Doch das ist leichter gesagt als getan: Wie viel raucht der einzelne Studienteilnehmer, wie tief inhaliert er, wie lange muss jemand das Rauchen aufgegeben haben, um nicht mehr als Raucher zu gelten? Weil Studiendaten auf all diese Fargen meist keine genauen Antworten geben können, basieren Korrekturverfahren auf mehr oder minder gewagten Mutmaßungen.

Wie repräsentativ ist eine Studie, wenn mehr als die Hälfte aller Datensätze von vornherein rausfliegen?

Viele Forscher, darunter auch der inzwischen emeritierte Walter Willett und sein Nachfolger in Harvard, Frank Hu, setzen stattdessen auf eine anderen Umgang mit Confoundern, nämlich eine strenge Auslese der in der Analyse berücksichtigten Probanden. Am Ende bleiben im Idealfall nur noch Studienteilnehmer übrig, die wirklich repräsentativ für den zu untersuchenden Zusammenhang sind. Das Problem mit diesem Ansatz: Er kann zum Ausschluss eines Großteils der Probanden führen.

So geschehen in der 2016 in The Lancet publizierten Studie der Global BMI Mortality Collaboration (GBMC) , an der auch Willett und Hu beteiligt waren. In ihrer Metaanalyse werteten die Forscher 239 Beobachtungsstudien aus aller Welt aus, nutzen jedoch nur die Daten von streng selektierten Teilnehmern. Berücksichtigt wurde nur, wer niemals geraucht hatte, zu Studienbeginn gesund war und danach wenigstens fünf Jahre überlebt hatte. Auf diee Weise blieben allerdings von den ursprünglich fast elf Millionen Teilnehmern weniger als vier Millionen übrig. Unter den handverlesenen Probanden fehlte vom Adipositas-Paradoxon denn auch jede Spur. Das geringste Sterberisiko hatten Normalgewichtige mit einem BMI zwischen 20 und 25. Für Übergewichtige mit einem BMI zwischen 25 und 27,5 fand die Studie ein im Vergleich dazu um sieben Prozent erhöhtes Sterberisiko, für einen BMI zwischen 27,5 und 30 war die Sterblichkeit bereits um 20 Prozent erhöht. Zur Einordnung: Raucher von mehr als 10 Zigaretten am Tag haben gegenüber Nichtrauchern ein doppelt bis dreifach erhöhtes Sterberisiko.

Zwei Studien, die zu weiten Teilen auf demselben Datenfundament stehen und doch zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Da stellt sich die Frage, welcher der beiden Ansätze der richtige ist: Kommt es auf einen realistischen Bevölkerungsquerschnitt an oder haben streng selektierte Daten die höhere Aussagekraft? Aus der wissenschaftlichen Debatte um diese Frage wurde schnell eine veritable Schlammschlacht zwischen den Lagern von Flegal und Willett, in der sich die Beteiligten gegenseitig der Manipulation und Rosinenpickerei bezichtigen.

Dabei hat das Thema „BMI und Sterblichkeit“ noch andere Streitfragen parat. So ist der BMI als Standardmesslatte für dick oder dünn durchaus umstritten. Er ist zwar einfach und praktisch, ignoriert aber die individuell unterschiedliche Konstitution verschiedener Menschen. So erreichen Bodybuilder ohne ein Gramm Fett zu viel auf den Rippen dank Muskelmasse leicht BMI-Werte von mehr als 30. Und auch unter Normalverbrauchern unterscheidet der BMI nicht zwischen physiologisch aktivem Viszeralfett und relativ harmlosen Unterhautfett. Alternativen wie den Body Shape Index (BSI), in dessen Berechnung auch der Bauchumfang einfließt, haben sich bisher aber noch nicht wirklich durchgesetzt.

Schließlich diskutieren Forscher auch die Idee einer „metabolically healthy obesity“. Unter Fettleibigen finden sich nämlich durchaus auch solche ohne metabolisches Syndrom. Ob diese „gesunden Dicken“ tatsächlich auf Dauer rund und gesund bleiben oder ob sie früher oder später doch noch erkranken, ist allerdings die nächste Streitfrage.

Fragen Sie ihren Arzt!

Sich als Laie in diesem Gefecht der Argumente ein Bild zu machen fällt nicht leicht. Zudem gilt wie immer, dass sich Erkenntnisse aus epidemiologischen Daten nicht automatisch auf den Einzelfall übertragen lassen.

Liegt der BMI deutlich über 25 hält es Präventivmediziner Michael Leitzmann aber schon für sinnvoll, sich Gedanken zu machen. „Für den ersten Schritt gilt die vielleicht etwas banale, aber fast alternativlose Empfehlung: Sprechen Sie mit ihrem Arzt darüber.“ Eine gründliche Anamnese und weitere Untersuchungen wie ein Bluttest helfen, gemeinsam mit dem Arzt den individuellen Handlungsbedarf einzuschätzen und gegebenenfalls den aussichtsreichsten Weg zum Abnehmen einzuschlagen. Der führt in den meisten Fällen über eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung. Es gibt gute Evidenz dafür, dass diese Kombination tatsächlich zu einer Gewichtsreduktion führt – ganz gleich, ob man nun zum Jahresbeginn oder sonst wann damit anfängt.

Text: Georg Rüschemeyer

2.13 Angaben zu relativen Risiken können irreführend sein

Mon, 01/27/2020 - 09:09

Wir leben heute im Zeitalter von „Big Data“, mit Zugriff auf so viel mehr Informationen als alle unsere Vorfahren es jemals hatten. Mit einer kurzen Google-Suche kann man zu fast allem eine Statistik finden – aber kann man ihr auch vertrauen? Wir müssen sehr umsichtig sein, wenn wir die vielen Daten, mit denen wir konfrontiert werden, auch richtig interpretieren wollen.

Dies ist der 25. Beitrag einer Blogserie zu „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Projektes Informed Health Choices erarbeitet wurden. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem Schlüsselkonzept, die wichtig dafür sind, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können. 

Statistische Behauptungen in den Medien

Beim Zeitungslesen könnte man den Eindruck bekommen, dass so ziemlich alles irgendwie krebserregend ist. Die Daily Mail, ein britisches Boulevardblatt, berichtet beispielsweise, dass Dinge wie Deodorants, Suppen, Sonnencreme und sogar Oralsex das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen können[1]. Viele dieser Behauptungen mögen durchaus auf guter wissenschaftlicher Evidenz über statistische Risikofaktoren beruhen. Doch bevor wir voreilige Schlüsse ziehen und Anderen entsprechende Handlungsempfehlungen geben, müssen wir uns hier die Frage stellen, bis zu welchem Grad solche Aussagen verlässlich sind. Es ist eminent wichtig, die Fakten zu prüfen, und nicht einfach alles, was unsere Facebook-Freunde teilen, als der Weisheit letzter Schluss zu betrachten. Ein wichtiger Vorbehalt gegenüber Schlagzeilen nach dem Schema „X erhöht das Risiko von Y um Z Prozent“ lautet, dass eine statistische Assoziation von X und Y noch lange keinen kausalen Zusammenhang bedeutet. Darüber haben wir bereits in einem früheren Schlüsselkonzept ausführlich gesprochen. Kaum weniger wichtig ist es, Angaben zu Risiken auf ihre Aussagekraft zu prüfen.

Wenn man beispielsweise liest, dass gemäß einer Studie „bei Frauen, die zur Körperhygiene jeden Tag Talkum anwenden, eine um 40% höhere Wahrscheinlichkeit besteht, Eierstockkrebs zu entwickeln“ [2], ist man vielleicht derart verängstigt, dass man dieses Produkt nie wieder anrührt. Aber: Diese Statistik für sich allein genommen hat wenig Aussagekraft. Denn wir wissen nicht:

  • Wie viele Personen Talkum in der Studie anwendeten.
  • Wie viele Personen insgesamt an der Studie teilnahmen.
  • Wie viele Frauen in der Untersuchungs- bzw. Kontrollgruppe Eierstockkrebs hatten (Anwenderinnen von Talkum im Vergleich zu Frauen, die es nicht anwendeten).
  • Diese Statistik sagt nichts über viele andere Faktoren aus, die hier eine Rolle spielen könnten. In diesem Beispiel ergab die Studie lediglich, dass nur bei postmenopausalen Frauen ein erhöhtes Risiko bestand, wenn Talkum direkt im Schambereich angewendet wurde. Auch wurde berichtet, dass in der „Talkum-Gruppe“ mehr übergewichtigere Personen waren als in der „Nicht-Talkum-Gruppe“. Dies ist in diesem Fall von besonderer Bedeutung, da Übergewicht ein bekannter Risikofaktor für Eierstockkrebs ist. [3]

Das Problem ist, dass diese Statistik (eine um 40% höhere Wahrscheinlichkeit) ein relatives Risikos [AP1] darstellt. Ein relatives Risiko ist eine Art der Berichterstattung eines Risikos in Prozentsätzen, aber nur in Relation zur Vergleichsgruppe und nicht unter Berücksichtigung der Gesamtzahl der betroffenen Personen oder Krankheitsfälle. Diesen Punkt betont Dr. Jodie Moffat von Cancer Research UK: „Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass nur sehr wenige Frauen, die Talkum anwenden, jemals Eierstockkrebs entwickeln werden. [2]

Relatives oder absolutes Risiko?

Es gibt viele verschiedene Arten, Risiken zu bestimmen. Das relative Risiko, manchmal auch als Risiko-Verhältnis bezeichnet, stellt den Unterschied zwischen zwei Gruppen einfach dar. Es kann jedoch irreführend sein, da es nicht die ursprüngliche Anzahl der Fälle wiedergibt. Nehmen wir als Beispiel folgende Zahlen einer fiktiven Studie:

  • 100 Teilnehmer wurden mit einem Arzneimittel behandelt; von diesen litt ein Teilnehmer unter einen Herzinfarkt = 1% Risiko für einen Herzinfarkt
  • 100 Teilnehmer wurden mit einem Arzneimittel NICHT behandelt; von diesen erlitten zwei Teilnehmer einen Herzinfarkt = 2% Risiko für einen Herzinfarkt

Man könnte vielleicht denken, dass die Differenz von einer Person von Hundert nicht allzu groß ist. Das relative Risiko wird jedoch ermittelt, indem man die 1 % und die 2 % vergleicht. Die resultierende Aussage lautet, dass „Personen, die dieses Arzneimittel nicht einnehmen, ein zweifach höheres Risiko für einen Herzinfarkt haben“, oder umgekehrt, dass „dieses Arzneimittel das Risiko für einen Herzinfarkt um 50% senkt“. Dies kann der Wahrheit entsprechen und in anderen Studien auch bestätigt werden. Dennoch kann es sein, dass dieses Arzneimittel nicht so wirksam ist, wie es scheint; Der Unterschied könnte lediglich zufällig sein. Aus diesem Grund muss der Umstand, dass zwischen den Gruppen nur eine Gesamtdifferenz von 1% bestand, ebenfalls genannt werden – wir bezeichnen dies als die absolute Risikodifferenz.

Number needed to treat

Ein weiteres nützliches Maß, das in der Medizin eingesetzt wird, um Risiken besser einodnen zu können, ist die „Number needed to treat“ (NNT) – also die Anzahl der Personen, die theoretisch behandelt werden müssen, damit eine von ihnen einen Nutzen davon hat.
Im obigen Beispiel betrüge die NNT 100, da ja bereits festgestellt wurde, dass das Arzneimittel an 100 Personen verabreicht werden muss, damit bei einer Person ein Herzinfarkt verhindert wird. Arzneimittel können Nebenwirkungen haben oder sehr kostspielig sein. Wenn also nicht viele Personen einen Nutzen davon haben, ist der Aufwand es zu verabreichen, vielleicht zu hoch.

Weitere Überlegungen

In die Überlegungen muss auch einfließen, wie hoch überhaupt die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein bestimmtes Ergebnis eintritt. Man stelle sich beispielsweise ein Arzneimittel vor, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass man eine bestimmte Krankheit bekommt, um 50% senkt. Das Arzneimittel verursacht jedoch Nebenwirkungen, und das Grundrisiko, die Krankheit überhaupt zu bekommen, liegt bei 2 von 100. In diesem Fall könnte eine Behandlung sinnvoll sein, solange der Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis zu den Nebenwirkungen steht. Wenn jedoch das Risiko, die Krankheit überhaupt zu bekommen, nur bei 2 von 10.000 liegt, ist die präventive Behandlung wahrscheinlich nicht sinnvoll, auch wenn die relative Wirkung des Arzneimittels dieselbe ist.

Das relative Risiko kann zur Darstellung der Risikozunahme oder -reduktion von Krankheits- oder Risikofaktoren dienen (wie im Beispiel mit dem Talkum oben). Bei größeren Probandengruppen ist das relative Risiko relativ zuverlässig. Bei der Analyse von Studien mit kleineren Stichprobengrößen oder Studien, die seltenere Krankheiten untersuchen, kann es jedoch leicht einen falschen Eindruck vermitteln. Daher ist es wichtig, alles, was man in Zeitungen oder auch in wissenschaftlichen Fachzeitschriften liest, mit Vorsicht zu genießen, solange man nicht sämtliche Fakten kennt. Es muss sich nicht unbedingt um „Fake News“ handeln, kann aber dennoch irreführend sein.

Das nächste Mal, wenn Sie es mit einem relativen Risiko zu tun haben, fragen Sie sich auch, was das absolute Risiko ist.

Text: Gareth Grant

Übersetzt von:

Redaktion: Cochrane Deutschland

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Zu den Quellenangaben

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Kein Herz für Nahrungsergänzungsmittel?

Thu, 01/16/2020 - 09:06

„Die richtige Dosis an Vitaminen & Mineralstoffen ist Grundlage für eine gesunde Herzfunktion“ – so oder ähnlich werben derzeit einige Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln (NEMs). In wie weit stimmt das? Und können NEMs den Erhalt unserer Herzgesundheit unterstützen beziehungsweise das Risiko einer Erkrankung reduzieren? Dieser fünfte Artikel unserer „Wissen Was Wirkt“ – Serie zu Ernährung und kardiovaskulären Erkrankungen setzt sich mit der Frage auseinander, ob es Evidenz gibt, dass Vitamin- und Mineralstoffsupplemente Einfluss auf die Entstehung koronarer Herzkrankheiten haben.

Dieser Beitrag vertritt die persönliche Sicht von Dr. Anja Dahten, Ernährungswissenschaftlerin und Mitarbeiterin von Cochrane Deutschland.

Die Aussage, dass Vitamine und Mineralstoffe für eine gesunde Herzfunktion sorgen, stimmt natürlich grundsätzlich, denn unser Organismus kann ohne essentielle Nährstoffe langfristig nicht funktionieren – auch nicht unser Herz. Wenn es allerdings um die Frage geht, ob durch die zusätzliche Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen in Form von Nahrungsergänzungsmitteln unsere Herzgesundheit verbessert werden kann, wird die Sache deutlich komplexer. Als Ernährungswissenschaftlerin trete ich dem Versprechen, dass NEMs unsere Herzgesundheit verbessern können, sehr kritisch gegenüber. Im Folgenden erkläre ich, warum.

Die Fakten – Welche Wirkungen können wir von einem Nahrungsergänzungsmittel erwarten?

FAKT Nr. 1
NEMs sind definitionsgemäß Lebensmittel und werden rein rechtlich auch so behandelt. Sie durchlaufen kein aufwendiges Zulassungsverfahren (wie Arzneimittel), sondern unterliegen lediglich einer formalen lokalen Registrierungspflicht. Das Produkt darf dann tatsächlich „zeitgleich mit erfolgter Anzeige (…) in den Verkehr gebracht werden.“

Fazit: Der Fakt, dass ein Nahrungsergänzungsmittel registriert wurde, sagt nichts über die Unbedenklichkeit bezüglich seiner Sicherheit und schon gar nicht seiner Wirkung aus.

FAKT Nr. 2
Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es nicht mehr so zahlreiche „vielversprechende“ Lebensmittel im Supermarkt gibt, die unsere Gesundheit verbessern und unsere Abwehrkräfte stärken wollen? Seit Ende des Jahres 2012 müssen auf europäischer Ebene alle sogenannten gesundheitsbezogenen Angaben von Lebensmitteln (Health Claims), von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überprüft und genehmigt worden sein. Dies schließt auch die Sicherheit des Produktes mit ein. Zur Zulassung bedarf es u. a. einer überzeugenden Anzahl klinischer Studien an gesunden Probanden. Die überwiegende Mehrheit aller beantragten Health Claims wurde bisher abgelehnt.

Fazit: Aussagen zu gesundheitsverbessernden Wirkungen durch den Genuss bestimmter Lebensmittel sind derzeit auf EU-Ebene nicht überzeugend belegbar.

FAKT Nr. 3
Die gesundheitsfördernde Wirkung von im Handel erhältlichen NEMs kann laut Verbraucherschutz derzeit nicht lückenlos durch die Behörden geprüft werden.

Fazit: Wir Verbraucher müssen eigenverantwortlich informierte Entscheidungen treffen. Unterstützende Informationen mit Bezug auf aktuelle Untersuchungen finden Sie in Deutschland u. a. beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und auf den Webseiten der unabhängigen Verbraucherzentralen der Bundesländer.

Meine, daraus folgenden Hinweise für die Praxis
  • Seien Sie skeptisch, wenn Ihnen NEMs versprechen, Krankheiten heilen oder lindern zu können – auch wenn sie noch so „herzlich“ wirken. In diesem Fall halten Sie entweder ein nicht zugelassenes Arzneimittel in der Hand, von dem Sie die Nebenwirkungen nicht kennen oder ein nicht geprüftes Nahrungsergänzungsmittel, von dem Sie keine Wirkung erwarten sollten. Beides ist meiner Meinung nach nicht zu empfehlen.
  • Seien Sie kritisch, wenn NEMs Ihnen versprechen, dass sie das Risiko reduzieren können, eine Herz-Erkrankung zu bekommen. Dieser Fakt muss transparent nachgewiesen worden sein.
  • Am plausibelsten ist es, dass ein NEM Nährstoffe enthält, die zum Erhalt der „normalen“ physiologischen Funktionen beitragen.

Dennoch, Aussagen zur gesundheitsfördernden Wirkung von NEMs entsprechen nicht immer dem aktuellen Stand der Forschung, da der Prozess von der Einreichung bis zur Zulassung Jahre dauern kann.

Die Forschung – Wie ist der aktuelle Stand?

Bereits im Mai 2018 warnte die Online-Zeitschrift ärzteblatt.de: „Fast kein Nahrungsergänzungsmittel senkt das Risiko für Herzkrankheiten“. Diese Aussage wurde auf die Ergebnisse einer sehr umfangreichen systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse vom Juni 2018 gestützt. Untersucht wurden 179 randomisierte kontrollierte Studien zur Verwendung von verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen, die zwischen Januar 2012 bis Oktober 2017 publiziert wurden. Weder einzelne Komponenten (Vitamin D, Calcium, Vitamin C, Betacarotin und Selen) noch gemischte Multivitaminpräparate zeigten hier einen nachweisbaren Nutzen für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Myokardinfarkten oder Schlaganfällen. Auch generell leben wir wohl mit NEMs nicht länger, denn die Gesamtmortalität blieb sowohl mit als auch ohne NEMs unverändert. Allein Folsäure (mit und ohne Niacin) verringerte in dieser Übersichtsarbeit das Risiko eines Schlaganfalls. Für einen aussagekräftigen Beweis bedarf es jedoch weiterer Studien.

Noch im gleichen Jahr machen sowohl die Deutsche Gesellschaft für Neurologie als auch die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft auf die Ergebnisse einer weiteren umfassenden Metaanalyse aufmerksam. In diese wurden alle relevanten Studien eingeschlossen, die zwischen Januar 1970 und August 2016 publiziert wurden. Die aktuelle Schlussfolgerung im Ärzteblatt war: „Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Mineralien können das Risiko nicht vermindern, an einem Hirninfarkt oder einer Herzkrankheit zu sterben“.

Selbst der große Hoffnungsträger Vitamin D enttäuschte: Während sich in einem Cochrane-Review aus dem Jahr 2014 (56 eingeschlossenen Studien; 95,286 Teilnehmende) zumindest „einige Evidenz“ bezüglich der Senkung von Herzinfarkten und Schlaganfällen zeigte, konnte dieses Ergebnis in einer aktuellen, umfangreichen Metaanalyse von 2019 nicht bestätigt werden. Auch nach mehr als einem Jahr zusätzlicher Vitamin D Einnahme, veränderten sich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall nicht.

Die Praxis – Glauben statt Wissen?!

Befragt man statista nach aktuellen (ab 2018) Erhebungen zu Umsatzverteilungen von Nahrungsergänzungsmitteln im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz), so erhält man die Information, dass laut IQVIA zumindest in Deutschland „rund 2,1 Milliarden Euro mit Nahrungsergänzungsmitteln umgesetzt wurden“. Dabei ist die Tendenz zu den Vorjahren steigend. Von den NEMs entfielen dabei 10 Prozent auf vermeintliche „Herz- und Kreislaufmittel“.

Die oben angeführten aktuellen Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die aktuelle wissenschaftliche Evidenz den Konsum von NEMs, insbesondere von „Herz- und Kreislaufmitteln“, nicht überzeugend rechtfertigt. Deshalb investiere ich lieber (auch um meinen Neujahrsvorsätzen gerecht zu werden) in einen gesünderen Lebensstil mit mehr Bewegung, aber weniger tierischen Fetten und Zucker. Dieser unterstützt dann auf natürliche Weise meine Herzgesundheit – und kostet nicht einmal mehr.

Herzlichst,

Anja Dahten (Autorin)

Kein Herz für Nahrungsergänzungsmittel?

Thu, 01/16/2020 - 09:06

„Die richtige Dosis an Vitaminen & Mineralstoffen ist Grundlage für eine gesunde Herzfunktion“ – so oder ähnlich werben derzeit einige Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln (NEMs). In wie weit stimmt das? Und können NEMs den Erhalt unserer Herzgesundheit unterstützen beziehungsweise das Risiko einer Erkrankung reduzieren? Dieser fünfte Artikel unserer „Wissen Was Wirkt“ – Serie zu Ernährung und kardiovaskulären Erkrankungen setzt sich mit der Frage auseinander, ob es Evidenz gibt, dass Vitamin- und Mineralstoffsupplemente Einfluss auf die Entstehung koronarer Herzkrankheiten haben.

Dieser Beitrag vertritt die persönliche Sicht von Dr. Anja Dahten, Ernährungswissenschaftlerin und Mitarbeiterin von Cochrane Deutschland.

Die Aussage, dass Vitamine und Mineralstoffe für eine gesunde Herzfunktion sorgen, stimmt natürlich grundsätzlich, denn unser Organismus kann ohne essentielle Nährstoffe langfristig nicht funktionieren – auch nicht unser Herz. Wenn es allerdings um die Frage geht, ob durch die zusätzliche Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen in Form von Nahrungsergänzungsmitteln unsere Herzgesundheit verbessert werden kann, wird die Sache deutlich komplexer. Als Ernährungswissenschaftlerin trete ich dem Versprechen, dass NEMs unsere Herzgesundheit verbessern können, sehr kritisch gegenüber. Im Folgenden erkläre ich, warum.

Die Fakten: – Welche Wirkungen können wir von einem Nahrungsergänzungsmittel erwarten?

Fakt no.1
NEMs sind definitionsgemäß Lebensmittel und werden rein rechtlich auch so behandelt. Sie durchlaufen kein aufwendiges Zulassungsverfahren (wie Arzneimittel), sondern unterliegen lediglich einer formalen lokalen Registrierungspflicht. Das Produkt darf dann tatsächlich „zeitgleich mit erfolgter Anzeige (…) in den Verkehr gebracht werden.“

Fazit: Der Fakt, dass ein Nahrungsergänzungsmittel registriert wurde, sagt nichts über die Unbedenklichkeit bezüglicher seiner Sicherheit und schon gar nicht seiner Wirkung aus.

Fakt no.2
Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es nicht mehr so zahlreiche „vielversprechende“ Lebensmittel im Supermarkt gibt, die unsere Gesundheit verbessern und unsere Abwehrkräfte stärken wollen? Seit Ende des Jahres 2012 müssen auf europäischer Ebene alle sogenannten gesundheitsbezogenen Angaben von Lebensmitteln (Health Claims), von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) überprüft und genehmigt worden sein. Dies schließt auch die Sicherheit des Produktes mit ein. Zur Zulassung bedarf es u. a. einer überzeugenden Anzahl klinischer Studien an gesunden Probanden. Die überwiegende Mehrheit aller beantragten Health Claims wurde bisher abgelehnt.

Fazit: Aussagen zu gesundheitsverbessernden Wirkungen durch den Genuss bestimmter Lebensmittel sind derzeit auf EU-Ebene nicht überzeugend belegbar.

Fakt no. 3
Die gesundheitsfördernde Wirkung von im Handel erhältlichen NEMs kann laut Verbraucherschutz derzeit nicht lückenlos durch die Behörden geprüft werden.

Fazit: Wir Verbraucher müssen eigenverantwortlich informierte Entscheidungen treffen. Unterstützende Informationen mit Bezug auf aktuelle Untersuchungen finden Sie in Deutschland u. a. beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und auf den Webseiten der unabhängigen Verbraucherzentralen der Bundesländer.

Meine, daraus folgenden Hinweise für die Praxis
  • Seien Sie skeptisch, wenn Ihnen NEMs versprechen, Krankheiten heilen oder lindern zu können – auch wenn sie noch so „herzlich“ wirken. In diesem Fall halten Sie entweder ein nicht zugelassenes Arzneimittel in der Hand, von dem Sie die Nebenwirkungen nicht kennen oder ein nicht geprüftes Nahrungsergänzungsmittel, von dem Sie keine Wirkung erwarten sollten. Beides ist meiner Meinung nach nicht zu empfehlen.
  • Seien Sie kritisch, wenn NEMs Ihnen versprechen, dass sie das Risiko reduzieren können, eine Herz-Erkrankung zu bekommen. Dieser Fakt muss transparent nachgewiesen worden sein.
  • Am plausibelsten ist es, dass ein NEM Nährstoffe enthält, die zum Erhalt der „normalen“ physiologischen Funktionen beitragen.

Dennoch, Aussagen zur gesundheitsfördernden Wirkung von NEMs entsprechen nicht immer dem aktuellen Stand der Forschung, da der Prozess von der Einreichung bis zur Zulassung Jahre dauern kann.

Die Forschung – Wie ist der aktuelle Stand?

Bereits im Mai 2018 warnte die Online-Zeitschrift ärzteblatt.de: „Fast kein Nahrungsergänzungsmittel senkt das Risiko für Herzkrankheiten“. Diese Aussage wurde auf die Ergebnisse einer sehr umfangreichen systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse vom Juni 2018 gestützt. Untersucht wurden 179 randomisierte kontrollierte Studien zur Verwendung von verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen, die zwischen Januar 2012 bis Oktober 2017 publiziert wurden. Weder einzelne Komponenten (Vitamin D, Calcium, Vitamin C, Betacarotin und Selen) noch gemischte Multivitaminpräparate zeigten hier einen nachweisbaren Nutzen für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Myokardinfarkten oder Schlaganfällen. Auch generell leben wir wohl mit NEMs nicht länger, denn die Gesamtmortalität blieb sowohl mit als auch ohne NEMs unverändert. Allein Folsäure (mit und ohne Niacin) verringerte in dieser Übersichtsarbeit das Risiko eines Schlaganfalls. Für einen aussagekräftigen Beweis bedarf es jedoch weiterer Studien.

Noch im gleichen Jahr machen sowohl die Deutsche Gesellschaft für Neurologie als auch die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft auf die Ergebnisse einer weiteren umfassenden Metaanalyse aufmerksam. In diese wurden alle relevanten Studien eingeschlossen, die zwischen Januar 1970 und August 2016 publiziert wurden. Die aktuelle Schlussfolgerung im Ärzteblatt war: „Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Mineralien können das Risiko nicht vermindern, an einem Hirninfarkt oder einer Herzkrankheit zu sterben“.

Selbst der große Hoffnungsträger Vitamin D enttäuschte: Während sich in einem Cochrane-Review aus dem Jahr 2014 (56 eingeschlossenen Studien; 95,286 Teilnehmende) zumindest „einige Evidenz“ bezüglich der Senkung von Herzinfarkten und Schlaganfällen zeigte, konnte dieses Ergebnis in einer aktuellen, umfangreichen Metaanalyse von 2019 nicht bestätigt werden. Auch nach mehr als einem Jahr zusätzlicher Vitamin D Einnahme, veränderten sich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall nicht.

Die Praxis – Glauben statt Wissen?!

Befragt man statista nach aktuellen (ab 2018) Erhebungen zu Umsatzverteilungen von Nahrungsergänzungsmitteln im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz), so erhält man die Information, dass laut IQVIA zumindest in Deutschland „rund 2,1 Milliarden Euro mit Nahrungsergänzungsmitteln umgesetzt wurden“. Dabei ist die Tendenz zu den Vorjahren steigend. Von den NEMs entfielen dabei 10 Prozent auf vermeintliche „Herz- und Kreislaufmittel“.

Die oben angeführten aktuellen Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die aktuelle wissenschaftliche Evidenz den Konsum von NEMs, insbesondere von „Herz- und Kreislaufmitteln“, nicht überzeugend rechtfertigt. Deshalb investiere ich lieber (auch um meinen Neujahrsvorsätzen gerecht zu werden) in einen gesünderen Lebensstil mit mehr Bewegung, aber weniger tierischen Fetten und Zucker. Dieser unterstützt dann auf natürliche Weise meine Herzgesundheit – und kostet nicht einmal mehr.

Herzlichst,

Anja Dahten (Autorin)

Subgruppenanalysen können irreführend sein

Thu, 12/19/2019 - 08:49

Die Einnahme von Aspirin als Blutverdünner gehört zur Standardbehandlung nach einem Herzinfarkt und ist wissenschaftlich gut belegt[2]. In einer recht bekannten Studie, die die Einnahme von Aspirin zur Behandlung von Herzinfarkten untersuchte, zeigte sich bei Teilnehmern mit den Sternzeichen Zwillinge und Waage allerdings kein statistisch signifikanter Nutzen des Medikaments[1]. Wie kann das sein?

Ein solcher vermeintlicher Widerspruch kann entstehen, wenn man kleine Gruppen von Studienteilnehmern innerhalb einer Studie isoliert betrachtet. Insgesamt wurde die Wirksamkeit von Aspirin durchaus nachgewiesen.

Die Untersuchung einer Untergruppe von Teilnehmern mit bestimmten Eigenschaften bezeichnet man als „Subgruppenanalyse“. Eines der Probleme von Subgruppenanalysen ist die erhöhte Wahrscheinlichkeit von statistisch signifikanten, aber in Wirklichkeit falschpositiven Ergebnissen. Denn je mehr Charakteristika von Subgruppen analysiert werden (z.B. Geschlecht, Alter, Augenfarbe, Sternzeichen), desto wahrscheinlicher findet sich auf irgendeiner der Charakteristika zufällig ein statistisch signifikanter Effekt [3]. Dies soll nachfolgend anhand eines fiktiven Beispiels illustriert werden:

Die Marmeladenbrot-Studie

Angenommen, die Autoren einer Studie möchten untersuchen, ob Marmeladenbrote die Lebenszufriedenheit verbessert. Dafür nehmen sie 1000 Teilnehmer in diese Studie auf; 500 davon essen eine Woche lang zu jeder Mittagsmahlzeit Marmeladenbrote, während die anderen 500 ihr übliches Mittagessen zu sich nehmen. Endlich ist es soweit, die Studie wird ausgewertet, die Ergebnisse liegen vor: Zur großen Enttäuschung der Autoren zeigt sich keine statistisch signifikante Verbesserung der Lebenszufriedenheit nach dem Verzehr vieler Marmeladenbrote.

Daraufhin machen die Wissenschaftler eine Reihe von Subgruppenanalysen, um herauszufinden, ob die Wirkung der Marmeladenbrote bei unterschiedlichen Teilnehmern unterschiedlich ausfällt.

Zuerst untersuchen sie mögliche Unterschiede bei Männern und Frauen, aber offenbar stellte sich in keiner dieser Subgruppen irgendein statistisch signifikanter Nutzen ein. Dann betrachten sie getrennt Teilnehmer über und unter einer Körpergröße von 1,50 Meter, aber auch das war offenbar nicht mit einem statistisch signifikanten Nutzen verbunden. Anschließend werden Subgruppenanalysen nach Gewicht, Frisur, Beruf, Familienstand, Alter, Lungenfunktion und Cholesterinspiegel durchgeführt; alle ohne Erfolg.

Doch dann ein Treffer: Es stellt sich heraus, dass bei Teilnehmern mit grünen Augen nach täglichem Genuss von Marmeladenbroten eine statistisch signifikante Verbesserung der Lebenszufriedenheit eintrat. In Wirklichkeit hat die Augenfarbe natürlich keinerlei Einfluss auf die Wirksamkeit von Marmeladenbroten zur Verbesserung der Lebenszufriedenheit. Doch rein zufällig wies die Subgruppe von grünäugigen Teilnehmern, die Marmeladenbrote verzehrte, eine höhere Lebenszufriedenheit auf. Je öfter man schaut, desto größer wird das Risiko solcher falsch-positiven Ergebnisse (im Prinzip wie: je öfter ich würfle, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass zufällig zwei Mal nacheinander eine 6 gewürfelt wird und damit “mehr Glück” als meine Mitspieler habe).

Falschnegative Ergebnisse

Subgruppenanalysen können auch zu falschnegativen Ergebnissen führen, d. h. eine tatsächlich vorhandene Wirkung nicht erkennen. Neben dem gleichen Sachverhalt wie eben bei den Falschpositiven illustriert wurde, kann bei falschnegativen Ergebnissen die Subgruppengröße ein zusätzlicher Grund sein: die Subgruppe hat nicht genug Teilnehmer, um eine Wirkung erkennen zu können [3]. So deuteten frühere Studien auf Basis von Subgruppenanalysen darauf hin, dass Aspirin nach einem Schlaganfall nur bei Männern das Risiko eines weiteren Schlaganfalls oder Todes reduzierte [4]. Tatsächlich ist der Nutzen bei Frauen genauso groß, die Anzahl von Frauen mit Schlaganfall in dieser Studie war aber nicht ausreichend, um diesen Effekt zu belegen [5].

Wohlgemerkt: Richtig angewandt, sind Subgruppenanalysen ein sehr nützliches Instrument. Zum Beispiel wurde durch Subgruppenanalysen in Studien zur Untersuchung von Halsoperationen bei Patienten mit teilblockierten Arterien zutreffend nachgewiesen, dass verschiedene Eigenschaften wie Alter, vorherige Schlaganfälle und Herzinfarkte die mit dem Eingriff verbundenen Risiken beeinflussen [6].

Fazit

Allzu oft werden Subgruppenanalysen vor Beginn einer Studie schlecht oder gar nicht geplant [7]. Manchmal werden Behandlungseffekte innerhalb der Subgruppen wegen der geringen Anzahl von relevanten Teilnehmern übersehen. Die Durchführung einer Vielzahl von Subgruppenanalysen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass scheinbar signifikante Effekte in Wirklichkeit ausschließlich auf den Zufall zurückzuführen sind. Schlussfolgerungen zur Wirksamkeit einer Behandlung, die allein aus Subgruppenanalysen gezogen werden, können sehr irreführend sein und sind mit Vorsicht zu genießen.

Text: Ed Walsh

Übersetzt von:

Redaktion: Cochrane Deutschland

Zum Originaltext

Zu den Quellenangaben

Anmerkungen:

Dies ist der 24. Beitrag einer Blogserie zu einer Zusammenstellung von „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Informed Health Choices Projektes erarbeitet wurden. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem der Schlüsselkonzepte, die als wichtig dafür erachtet werden, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können. 

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Subgruppenanalysen können irreführend sein

Thu, 12/19/2019 - 08:49

Die Einnahme von Aspirin als Blutverdünner gehört zur Standardbehandlung nach einem Herzinfarkt und ist wissenschaftlich gut belegt[2]. In einer recht bekannten Studie, die die Einnahme von Aspirin zur Behandlung von Herzinfarkten untersuchte, zeigte sich bei Teilnehmern mit den Sternzeichen Zwillinge und Waage allerdings kein statistisch signifikanter Nutzen des Medikaments [1]. Wie kann das sein?

Ein solcher vermeintlicher Widerspruch kann entstehen, wenn man kleine Gruppen von Studienteilnehmern innerhalb einer Studie isoliert betrachtet. Insgesamt wurde die Wirksamkeit von Aspirin durchaus nachgewiesen.

Die Untersuchung einer Untergruppe von Teilnehmern mit bestimmten Eigenschaften bezeichnet man als „Subgruppenanalyse“. Eines der Probleme von Subgruppenanalysen ist die erhöhte Wahrscheinlichkeit von statistisch signifikanten, aber in Wirklichkeit falschpositiven Ergebnissen. Denn je mehr Charakteristika von Subgruppen analysiert werden (z.B. Geschlecht, Alter, Augenfarbe, Sternzeichen), desto wahrscheinlicher findet sich auf irgendeiner der Charakteristika zufällig ein statistisch signifikanter Effekt [3]. Dies soll nachfolgend anhand eines fiktiven Beispiels illustriert werden:

Die Marmeladenbrot-Studie

Angenommen, die Autoren einer Studie möchten untersuchen, ob Marmeladenbrote die Lebenszufriedenheit verbessert. Dafür nehmen sie 1000 Teilnehmer in diese Studie auf; 500 davon essen eine Woche lang zu jeder Mittagsmahlzeit Marmeladenbrote, während die anderen 500 ihr übliches Mittagessen zu sich nehmen. Endlich ist es soweit, die Studie wird ausgewertet, die Ergebnisse liegen vor: Zur großen Enttäuschung der Autoren zeigt sich keine statistisch signifikante Verbesserung der Lebenszufriedenheit nach dem Verzehr vieler Marmeladenbrote.

Daraufhin machen die Wissenschaftler eine Reihe von Subgruppenanalysen, um herauszufinden, ob die Wirkung der Marmeladenbrote bei unterschiedlichen Teilnehmern unterschiedlich ausfällt.

Zuerst untersuchen sie mögliche Unterschiede bei Männern und Frauen, aber offenbar stellte sich in keiner dieser Subgruppen irgendein statistisch signifikanter Nutzen ein. Dann betrachten sie getrennt Teilnehmer über und unter einer Körpergröße von 1,50 Meter, aber auch das war offenbar nicht mit einem statistisch signifikanten Nutzen verbunden. Anschließend werden Subgruppenanalysen nach Gewicht, Frisur, Beruf, Familienstand, Alter, Lungenfunktion und Cholesterinspiegel durchgeführt; alle ohne Erfolg.

Doch dann ein Treffer: Es stellt sich heraus, dass bei Teilnehmern mit grünen Augen nach täglichem Genuss von Marmeladenbroten eine statistisch signifikante Verbesserung der Lebenszufriedenheit eintrat. In Wirklichkeit hat die Augenfarbe natürlich keinerlei Einfluss auf die Wirksamkeit von Marmeladenbroten zur Verbesserung der Lebenszufriedenheit. Doch rein zufällig wies die Subgruppe von grünäugigen Teilnehmern, die Marmeladenbrote verzehrte, eine höhere Lebenszufriedenheit auf. Je öfter man schaut, desto größer wird das Risiko solcher falsch-positiven Ergebnisse (im Prinzip wie: je öfter ich würfle, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass zufällig zwei Mal nacheinander eine 6 gewürfelt wird und damit “mehr Glück” als meine Mitspieler habe).

Falschnegative Ergebnisse

Subgruppenanalysen können auch zu falschnegativen Ergebnissen führen, d. h. eine tatsächlich vorhandene Wirkung nicht erkennen. Neben dem gleichen Sachverhalt wie eben bei den Falschpositiven illustriert wurde, kann bei falschnegativen Ergebnissen die Subgruppengröße ein zusätzlicher Grund sein: die Subgruppe hat nicht genug Teilnehmer, um eine Wirkung erkennen zu können [3]. So deuteten frühere Studien auf Basis von Subgruppenanalysen darauf hin, dass Aspirin nach einem Schlaganfall nur bei Männern das Risiko eines weiteren Schlaganfalls oder Todes reduzierte [4]. Tatsächlich ist der Nutzen bei Frauen genauso groß, die Anzahl von Frauen mit Schlaganfall in dieser Studie war aber nicht ausreichend, um diesen Effekt zu belegen [5].

Wohlgemerkt: Richtig angewandt, sind Subgruppenanalysen ein sehr nützliches Instrument. Zum Beispiel wurde durch Subgruppenanalysen in Studien zur Untersuchung von Halsoperationen bei Patienten mit teilblockierten Arterien zutreffend nachgewiesen, dass verschiedene Eigenschaften wie Alter, vorherige Schlaganfälle und Herzinfarkte die mit dem Eingriff verbundenen Risiken beeinflussen [6].

Fazit

Allzu oft werden Subgruppenanalysen vor Beginn einer Studie schlecht oder gar nicht geplant [7]. Manchmal werden Behandlungseffekte innerhalb der Subgruppen wegen der geringen Anzahl von relevanten Teilnehmern übersehen. Die Durchführung einer Vielzahl von Subgruppenanalysen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass scheinbar signifikante Effekte in Wirklichkeit ausschließlich auf den Zufall zurückzuführen sind. Schlussfolgerungen zur Wirksamkeit einer Behandlung, die allein aus Subgruppenanalysen gezogen werden, können sehr irreführend sein und sind mit Vorsicht zu genießen.

Text: Ed Walsh

Übersetzt von:

Redaktion: Cochrane Deutschland

Zum Originaltext

Zu den Quellenangaben

Anmerkungen:

Dies ist der 24. Beitrag einer Blogserie zu einer Zusammenstellung von „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Informed Health Choices Projektes erarbeitet wurden. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem der Schlüsselkonzepte, die als wichtig dafür erachtet werden, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können. 

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

https://www.wissenwaswirkt.org/wp-content/uploads/IHC-Key-Concept-2.12-Die-Ergebnisse-ausgewählter-Subgruppen-von-Personen-innerhalb-einer-systematischen-Übersichtsarbeit-zu-fairen-Behandlungsvergleichen-können-irreführend-sein.mp4

Die richtige Wahl von Fetten und Kohlenhydraten – eine Herzensangelegenheit?

Thu, 12/12/2019 - 09:49

Adventzeit ist Kekszeit – die süßen Verführer gehören zur Vorweihnachtszeit einfach dazu. Doch sieht man sich die Zutatenliste von Vanillekipferl und Co näher an wird schnell klar: Da stecken jede Menge Fette und Kohlenhydrate drin. Was für unsere Geschmacksnerven ein ganz besonderes Erlebnis ist, tut unserer Gesundheit nicht unbedingt gut – besonders dem Herz-Kreislauf-System könnten die Zutaten schaden. Im vierten Teil unserer Blogserie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ gehen wir der Frage nach, was die Evidenz zum Einfluss von Fetten und Kohlenhydraten auf die Herzgesundheit sagt. Mehrere Cochrane Reviews haben sich dieser Frage gewidmet, die wir in diesem vierten Beitrag zu unserer Blog-Serie zu „Ernährung und kardiovaskulären Erkrankungen“ vorstellen möchten.

Die meisten Ärzte und Ärztinnen sowie Ernährungsexperten und -expertinnen sind sich einig: Ungesättigte Fettsäuren aus Fisch oder Pflanzen sind gesünder als gesättigte Fettsäuren aus tierischen Quellen. Besonders dem Herz-Kreislauf-System soll es gut tun, wenn weniger Fleisch, Wurst und Milchprodukte am Speiseplan stehen. Auch Vollkornprodukte sollen unserer Herzgesundheit nützen.

Wenn es darum geht, Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden, sind neben dem Verzicht aufs Rauchen und regelmäßiger Bewegung, gesunde Ernährung sowie die Vermeidung von Übergewicht wichtige Eckpfeiler.

Einen besonders schlechten Ruf in diesem Zusammenhang hat schon seit langem eine fettreiche Kost. Mittlerweile weiß man aber, dass es nicht notwendig ist, sich grundsätzlich fettarm zu ernähren, sondern dass es vielmehr auf die Fettart ankommt, die man zu sich nimmt.

Fett ≠ Fett

Prinzipiell können wir uns beim Kochen und Essen zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren entscheiden. Die gesättigten Fettsäuren finden sich vor allem in tierischen Produkten, wie in Fleisch, Butter und Schmalz sowie in fettreichen Milchprodukten. Als sogenannte versteckte Fette kommen diese aber auch in verarbeiteten Lebensmitteln wie Wurst, Süßwaren, Gebäck, frittierten Lebensmitteln und Fertigprodukten vor. Die gesättigten Fette haben den Ruf, bei dauerhaft überhöhtem Konsum dem Herz-Kreislauf-System zu schaden.

Ernährungsexperten und -expertinnen empfehlen daher, möglichst wenig gesättigte und dafür mehr von den, als gesünder geltenden, ungesättigten Fetten zu verzehren: Meeresfisch statt Fleisch, pflanzliche Öle, wie Olivenöl, Raps- oder Leinöl, statt Butter und Schmalz sowie Nüsse statt Chips. Wie dies beispielsweise in der mediterranen Ernährung der Fall ist.

Insbesondere die mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Omega-3 und Omega-6, benötigt unser Körper. Diese sogenannten essentiellen, lebensnotwendigen Fettsäuren können vom Körper nicht selbst produziert werden und müssen daher über die Nahrung zugeführt werden. Zu den wichtigsten Omega-3-Fettsäuren zählen die Eicosapentaensäure (EPA), die Docosahexaensäure (DHA) und die Alpha-Linolensäure (ALA).

Während Fische wie Lachs, Makrelen, Heringe und Sardellen besonders viel von den Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA enthalten, findet sich ALA vor allem in bestimmten Pflanzenölen, wie Leinöl oder Walnußöl sowie in Nüssen und Samen.

Evidenz spricht für sparsamen Umgang mit tierischen gesättigten Fettsäuren

Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2015 untersuchte, ob Personen, die ihren Konsum an gesättigten Fetten einschränken, weniger Gefahr laufen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden bzw. ein reduziertes Sterberisiko hatten. Zu diesem Zweck fassten sie 15 Studien mit rund 59.000 erwachsenen Teilnehmern und Teilnehmerinnen zusammen. In den Studien waren sowohl gesunde Personen, als auch solche mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Personen wurden in den Studien nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe reduzierte die Aufnahme von gesättigten Fetten; entweder durch Ernährungsempfehlungen, oder durch Austausch von gesättigten Fetten durch ungesättigte Fette, Kohlenhydrate, und/oder Proteine, oder in Form einer speziellen Diät. Die andere Gruppe aß weiter wie bisher oder erhielt eine Schein-Diät. Diese Ernährungsumstellung wurde in den Studien für eine Dauer von 2 bis 8 Jahren durchgeführt. Nach durchschnittlich 4 Jahren waren jene Personen, die weniger gesättigte Fettsäuren zu sich genommen hatten, seltener von kardiovaskulären Ereignissen (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzversagen, Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris, Herzschwäche, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Herzoperation) betroffen: Während in der gesättigten Fettsäure-Gruppe 83 von 1000 Teilnehmenden ein Ereignis traf, waren es in der Gruppe der ungesättigten Fettsäuren durchschnittlich 69 von 1000 Personen (also um 14 pro 1000 weniger). Dabei war bei jenen der Effekt am größten, die vor Studienbeginn am häufigsten zu gesättigten Fetten gegriffen hatten. Es ergaben sich auch Hinweise darauf, dass es eine Rolle spielen dürfte, durch welches Nahrungsmittel die gesättigten Fettsäuren ersetzt werden: so zeigte sich die größte Risikominimierung bei jenen Personen, die gesättigte durch mehrfach ungesättigte Fette ersetzt hatten. Wurden die gesättigten Fette durch Kohlehydrate oder Proteine ersetzt, zeigte sich kein positiver Gesundheitseffekt. Das Autorenteam konnte keinen Unterschied zwischen aktuell gesunden Personen, solchen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfall bzw. Personen die bereits erkrankt waren feststellen. Ebenso scheinen Männer und Frauen gleichermaßen von der Reduktion an gesättigten Fettsäuren zu profitieren. Auch die Dauer der Ernährungsumstellung beeinflusste das Ergebnis nicht. Keinen Einfluss hatte die Fettreduktion auf das Sterberisiko.

Eine Ernährung, die arm an gesättigten Fettsäuren ist, kann also das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Am geeignetsten scheint es gesättigte Fette durch ungesättigte Fette zu ersetzen. Ersatz durch Kohlenhydrate dürfte weniger sinnvoll sein.

Sind mehr ungesättigte Fettsäuren besser?

Da ungesättigte Fettsäuren scheinbar ein guter Ersatz für gesättigte Fette sind, scheint es nicht weit hergeholt zu sein, dass die Aufnahme von zusätzlich mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Omega-3 und -6), ob in Kapselform oder über spezielle Nahrungsmittel, dem Herzen besonders gut tun könnten. Was sagt die Evidenz zu Omega-3-Fettsäuren und Herzgesundheit?

Der Gedanke, dass Omega-3-Fettsäuren eine schützende Wirkung auf Herz und Gefäße haben könnten, ist nicht neu: Bereits in den 1970er Jahren entdeckten Forscher und Forsche-rinnen, dass Ureinwohner in Grönland nur selten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten. Einen möglichen Grund sahen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der fischreichen Ernährung der Ureinwohner und den darin enthaltenen großen Mengen an langkettigen Omega-3-Fettsäuren. Daher lag die Vermutung schon damals nahe, dass genau diese Fettsäuren eine Schutzwirkung auf Herz und Kreislauf haben könnten.

Aus diesen Überlegungen heraus empfehlen viele Fachleute Omega-3-Fettsäuren zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen einzunehmen. Ein Forschungsteam des Cochrane-Netzwerks wollte wissen, ob die angeblich schützende Wirkung von ungesättigten Omega- 3-Fettsäuren auch wissenschaftlich belegt ist. Das Team hinterfragte, ob die zusätzliche Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren vor Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (Herzinfarkt oder Schlaganfall) beziehungsweise dem Tod schützt. Die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit stellten bisherige Empfehlungen ziemlich auf den Kopf.

Zusätzliche Omega-3-Fettsäuren beeinflussen Herzgesundheit nicht

Das Autorenteam fasste die Ergebnisse von 79 randomisiert kontrollierten Studien mit mehr als 112.000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Europa, Asien, Nord-und Südamerika zusammen. In den meisten Untersuchungen schluckten die Personen in der Versuchsgruppe zusätzlich zu ihrer alltäglichen Ernährung Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren oder sie nahmen die Fettsäuren vermehrt durch Öle oder gezielte Diät zu sich. Die Vergleichsgruppen führten ihre normale Ernährung weiter.

Es stellte sich heraus, dass jene Personen, die verstärkt Omega-3-Fette zu sich nahmen, ähnlich häufig Herz-Kreislauf-Ereignisse erlitten wie jene, die ihre gewohnte Ernährung fortsetzten. Als Herz-Kreislauf-Ereignis bezeichnete das Cochrane-Team u. a. Herzinfarkt, Angina Pectoris, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, eine gestörte Durchblutung der Gliedmaßen (periphere arterielle Verschlusskrankheit), Herztod sowie Herzoperationen. Generell beeinflussten Omega-3-Fettsäuren weder das allgemeine Sterberisiko, noch das Risiko an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Die Qualität der Evidenz war moderat bis hoch. Dabei machte es kaum einen Unterschied ob es sich dabei um Omega-3-Fettsäuren aus Fi-schen oder pflanzlicher Herkunft handelte.

Die Autoren der Übersichtsarbeit konnten keine Studie aufspüren, die untersuchte, ob sich der Genuss von fettreichem Fisch positiv auf die Herzgesundheit auswirkt. Daher können Forscher diese Frage nicht beantworten.

Sie weisen allerdings darauf hin, dass es für den Körper nicht dasselbe ist, ob Fisch gegessen oder beispielsweise eine Kapsel mit einem Fischöl-Präparat eingenommen wird. Fisch enthält neben Omega-3-Fettsäuren jede Menge Mineralstoffe und Vitamine, die für eine ausgewogene Ernährung wichtig sind. Den Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften Österreichs, Deutschlands und der Schweiz zufolge sollte Fisch ein- bis zweimal wöchentlich auf dem Teller landen.

Was sagt die Evidenz zu Omega-6-Fettsäuren und Herzgesundheit?

Auch Omega-6-Fettsäuren sind für uns lebensnotwendig und müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Besonders unser Stoffwechsel aber auch Knochen, Haut und Haare brauchen diese Fettsäuren. Sie sind v. a. in pflanzlichen Ölen und Nüssen enthalten. Zu den Omega-6-Fettsäuren gehören Linolsäure (LA), Gamma-Linolensäure (GLA), Dihomogammalinolensäure (DGLA) und Arach-idonsäure (AA). Einerseits wird auch bei den Omega-6-Fettsäuren vermutet, dass diese positiv auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit wirken. Andererseits befürchten manche Experten und Expertinnen, dass ein Zuviel an Omega-6-Fettsäuren dem Herz-Kreislauf-System schaden könnte.

Was es mit diesem Widerspruch auf sich hat wollte ein Cochrane-Team herausfinden. Sie wollten wissen, wie sich eine erhöhte Zufuhr von Omega-6-Fettsäuren im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, aber auch auf das Sterberisiko auswirken.

Das Autorenteam schloss 19 Studien mit insgesamt 6.461 Personen über 18 Jahre aus Europa, Nordamerika, Asien und Australien in die systematische Übersichtsarbeit ein. Sowohl gesunde, wie auch allgemein erkrankte sowie Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren zugelassen. In den Versuchsgruppen erhöhten die Personen die Einnahme von Omega‐6‐Fettsäuren, in den Vergleichsgruppen behielten die Personen ihren gewohnten Fettkonsum bei. Je nach Studie wurden die Personen über einen Zeitraum von einem bis zu acht Jahren beobachtet.

Es zeigte sich, dass eine erhöhte Zufuhr von Omgea-6-Fettsäuren kaum bzw. keinen Effekt auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie beispielsweise Schlaganfall, Angina pectoris (Herzenge) oder das Sterberisiko hatte. Nur das Risiko für Herzinfarkte war in der Omega-6-Fettsäuren-Gruppen ein wenig geringer als in der Vergleichsgruppe: So erlitten in der Gruppe mit erhöhtem Omega-6-Konsum 135 von 1000 Personen einen Herzinfarkt, in der Gruppe mit dem gewohnten Fettkonsum waren es 154 von 1000. Die Qualität der Evidenz war jedoch niedrig. Aufgrund methodischer Schwächen der inkludierten Studien sind all diese Ergebnisse daher nicht gut abgesichert.

Schutz für‘s Herz durch Vollkornprodukte?

Immer wieder liest man auch, dass Menschen, die mehr Vollkornprodukte essen länger leben und damit einen guten Teil zur Gesundheit von Herz und Kreislauf beitragen sollen. Tatsächlich befürworten viele Experten Vollkorn-Lebensmittel, um das Herz-Kreislauf-System gesund zu erhalten.

Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2017 fand allerdings heraus, dass diese These auf wackeligen Beinen steht und wissenschaftlich nicht gut abgesichert ist.

Die Autoren und Autorinnen der systematischen Übersichtsarbeit schauten sich an, wie sich Vollkornprodukte beziehungsweise Vollkorn-Diäten auf die Gesundheit von Herz und Gefäßen bzw. auf die Gesamtsterblichkeit auswirken. Vollkornlebensmittel umfassen eine Reihe von Produkten, darunter Vollkorn‐Weizen, ‐Reis, ‐Mais und ‐Hafer – aber auch gemahlene Vollkornprodukte wie Hafervollkornmehl und Weizenvollkornmehl fallen unter diesen Begriff. In ihrer Analyse interessierte sich das Forscherteam sowohl für gesunde Erwachsene, wie auch für solche mit einem erhöhten Risiko für oder bereits diagnostizierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Zuge einer systematischen Literatursuche identifizierten sie neun randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 1414 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, im Alter von 24 bis 70 Jahren. Die Personen nahmen für die Dauer von mindestens 12 Wochen entweder Vollkorn-Lebensmittel oder zum Vergleich nur wenig Vollkorn bzw. raffiniertes Getreide zu sich.

Das Ergebnis war ernüchternd: Keine der identifizierten Studien untersuchte die Auswirkungen von Vollkorn auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie beispielsweise Herzinfarkt, Angina pectoris oder Schlaganfall, oder auf die Sterblichkeit.

Die eingeschlossenen Studien lieferten Daten zu Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Blutfettwerte oder Blutdruck. Allerdings zeigte sich keine Wirkung der Vollkorn-Lebensmittel auf diese Risikofaktoren. Abgesehen von der Tatsache, dass die eingeschlossenen Studien zahlreiche methodische Mängel aufwiesen, war die Anzahl der teilnehmenden Personen meist klein. Zudem war die Studiendauer mit maximal 16 Wochen zu kurz um verlässliche Aussagen zu Wirksamkeit oder Unwirksamkeit treffen zu können. Es bräuchte einen wesentlich längeren Zeitrahmen, um die Auswirkungen so einer Ernährungsumstellung auf die Gesundheit beurteilen zu können. Somit bleibt aus wissenschaftlicher Sicht bislang offen, welche Auswirkungen Vollkornprodukte auf unsere Herz-Kreislauf-Gesundheit haben.

In Bezug auf Fettsäuren gilt: ungesättigt ist besser als gesättigt

Ernährung und die Entstehung von Krankheiten – insbesondere von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – sind vom komplexen Zusammenspiel zahlreicher Faktoren geprägt. Neben der Ernährung mischen viele Risikofaktoren wie familiäre Vorbelastung, Rauchen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck, zu wenig Bewegung usw. mit.

Festzuhalten bleibt: Ungesättigte Fettsäuren sind gesünder fürs Herz-Kreislaufsystem als gesättigte. Mit gesättigten Fettsäuren sollte man demnach sparsam umgehen. Ein Mehr an ungesättigten Omega-3 bzw. Omega-6-Fettsäuren z. B. mittels Kapseln oder Fischölen, zeigte aber kaum bzw. keinen Nutzen für die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Ob wir unserem Herz-Kreislauf-System Gutes tun, wenn wir mehr Vollkornprodukte zu uns nehmen bleibt derzeit aber offen.

In unserem nächsten Blogbeitrag zu „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ nehmen wir die Auswirkungen von Vitaminen und Mineralstoffen unter die Lupe: Können Nahrungsergänzungsmittel unser Herz-Kreislauf-System vor Erkrankungen schützen?

Text: Dr. Claudia Christof

Literatur
[1] DGE (2015)
Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Evidenzbasierte Leitlinie Fettzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten. Abgerufen am 21.10.2019 unter: https://www.dge.de/fileadmin/public/doc/ws/ll-fett/v2/Gesamt-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf
[2] DGE (2017)
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG. Vollwertig essen und trinken nach den 10 Re-geln der DGE. Abgerufen am 21.10.2019 unter: www.dge.de/fileadmin/public/doc/fm/10-Regeln-der-DGE.pdf
[3] UpToDate (2019)
Wilson, Overview of established risk factors for cardiovascular disease. Abgerufen am 23.10.2019 unter: www.uptodate.com/contents/overview-of-established-risk-factors-for-cardiovascular-disease/print
[4] UpToDate (2019)
Colditz, Healthy diet in adults. Abgerufen am 23.10.2019 unter: https://www.uptodate.com/contents/healthy-diet-in-adults/print?search=dietary-recommendations-for-&source=search_result&selectedTitle=3~150&usage_type=default&display_rank=3
[5] UpToDate (2019)
Mozaffarian, Dietary fat. Abgerufen am 23.10.2019 unter: https://www.uptodate.com/contents/dietary-fat
[6] Abdelhamid (2018)
Abdelhamid AS, Brown TJ, Brainard JS, Biswas P, Thorpe GC, Moore HJ, Deane KHO, Al Ab-dulghafoor FK, Summerbell CD, Worthington HV, Song F, Hooper L., Omega-3 fatty acids for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database of Sys-tematic Reviews 2018, Issue 5. Art. No.: CD003177. DOI: 10.1002/14651858.CD003177.pub3.
[7] UpToDate (2018)
Mozaffarian D. Fish oil and marine omega-3 fatty acids. In Downey BC (ed.). UpToDate. Abgerufen am 13.8.2018 unter http://www.uptodate.com/contents/fish-oil-and-marine-omega-3-fatty-acidsof Systematic Reviews2017, Issue 8.Art. No.: CD005051. DOI: 10.1002/14651858.
CD005051.pub3.
[8] Hooper u.a. (2015)
Hooper L, Martin N, Abdelhamid A, Davey Smith G. Reduction in saturated fat intake for car-diovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Jun 10;(6):CD011737. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD011737/full
[9] Hooper u.a. (2018)
Hooper L1, Al-Khudairy L, Abdelhamid AS, Rees K, Brainard JS, Brown TJ, Ajabnoor SM, O’Bri-en AT, Winstanley LE, Donaldson DH, Song F, Deane KH. Omega-6 fats for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2018 Jul 18;7:CD011094. doi: 10.1002/14651858.CD011094.pub3. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD011094.pub4/full
[10] Kelly u.a. (2017) Kelly SA1, Hartley L, Loveman E, Colquitt JL, Jones HM, Al-Khudairy L, Clar C, Germanò R, Lunn HR, Frost G, Rees K. Whole grain cereals for the primary or secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Aug 24;8:CD005051. doi: 10.1002/14651858.CD005051.pub3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6484378/.

Die richtige Wahl von Fetten und Kohlenhydraten – eine Herzensangelegenheit?

Thu, 12/12/2019 - 09:49

Adventzeit ist Kekszeit – die süßen Verführer gehören zur Vorweihnachtszeit einfach dazu. Doch sieht man sich die Zutatenliste von Vanillekipferl und Co näher an wird schnell klar: Da stecken jede Menge Fette und Kohlenhydrate drin. Was für unsere Geschmacksnerven ein ganz besonderes Erlebnis ist, tut unserer Gesundheit nicht unbedingt gut – besonders dem Herz-Kreislauf-System könnten die Zutaten schaden. Im vierten Teil unserer Blogserie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ gehen wir der Frage nach, was die Evidenz zum Einfluss von Fetten und Kohlenhydraten auf die Herzgesundheit sagt. Mehrere Cochrane Reviews haben sich dieser Frage gewidmet, die wir in diesem vierten Beitrag zu unserer Blog-Serie zu „Ernährung und kardiovaskulären Erkrankungen“ vorstellen möchten.

Die meisten Ärzte und Ärztinnen sowie Ernährungsexperten und -expertinnen sind sich einig: Ungesättigte Fettsäuren aus Fisch oder Pflanzen sind gesünder als gesättigte Fettsäuren aus tierischen Quellen. Besonders dem Herz-Kreislauf-System soll es gut tun, wenn weniger Fleisch, Wurst und Milchprodukte am Speiseplan stehen. Auch Vollkornprodukte sollen unserer Herzgesundheit nützen.

Wenn es darum geht, Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden, sind neben dem Verzicht aufs Rauchen und regelmäßiger Bewegung, gesunde Ernährung sowie die Vermeidung von Übergewicht wichtige Eckpfeiler.

Einen besonders schlechten Ruf in diesem Zusammenhang hat schon seit langem eine fettreiche Kost. Mittlerweile weiß man aber, dass es nicht notwendig ist, sich grundsätzlich fettarm zu ernähren, sondern dass es vielmehr auf die Fettart ankommt, die man zu sich nimmt.

Fett ≠ Fett

Prinzipiell können wir uns beim Kochen und Essen zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren entscheiden. Die gesättigten Fettsäuren finden sich vor allem in tierischen Produkten, wie in Fleisch, Butter und Schmalz sowie in fettreichen Milchprodukten. Als sogenannte versteckte Fette kommen diese aber auch in verarbeiteten Lebensmitteln wie Wurst, Süßwaren, Gebäck, frittierten Lebensmitteln und Fertigprodukten vor. Die gesättigten Fette haben den Ruf, bei dauerhaft überhöhtem Konsum dem Herz-Kreislauf-System zu schaden.

Ernährungsexperten und -expertinnen empfehlen daher, möglichst wenig gesättigte und dafür mehr von den, als gesünder geltenden, ungesättigten Fetten zu verzehren: Meeresfisch statt Fleisch, pflanzliche Öle, wie Olivenöl, Raps- oder Leinöl, statt Butter und Schmalz sowie Nüsse statt Chips. Wie dies beispielsweise in der mediterranen Ernährung der Fall ist.

Insbesondere die mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Omega-3 und Omega-6, benötigt unser Körper. Diese sogenannten essentiellen, lebensnotwendigen Fettsäuren können vom Körper nicht selbst produziert werden und müssen daher über die Nahrung zugeführt werden. Zu den wichtigsten Omega-3-Fettsäuren zählen die Eicosapentaensäure (EPA), die Docosahexaensäure (DHA) und die Alpha-Linolensäure (ALA).

Während Fische wie Lachs, Makrelen, Heringe und Sardellen besonders viel von den Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA enthalten, findet sich ALA vor allem in bestimmten Pflanzenölen, wie Leinöl oder Walnußöl sowie in Nüssen und Samen.

Evidenz spricht für sparsamen Umgang mit tierischen gesättigten Fettsäuren

Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2015 untersuchte, ob Personen, die ihren Konsum an gesättigten Fetten einschränken, weniger Gefahr laufen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden bzw. ein reduziertes Sterberisiko hatten. Zu diesem Zweck fassten sie 15 Studien mit rund 59.000 erwachsenen Teilnehmern und Teilnehmerinnen zusammen. In den Studien waren sowohl gesunde Personen, als auch solche mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Personen wurden in den Studien nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe reduzierte die Aufnahme von gesättigten Fetten; entweder durch Ernährungsempfehlungen, oder durch Austausch von gesättigten Fetten durch ungesättigte Fette, Kohlenhydrate, und/oder Proteine, oder in Form einer speziellen Diät. Die andere Gruppe aß weiter wie bisher oder erhielt eine Schein-Diät. Diese Ernährungsumstellung wurde in den Studien für eine Dauer von 2 bis 8 Jahren durchgeführt. Nach durchschnittlich 4 Jahren waren jene Personen, die weniger gesättigte Fettsäuren zu sich genommen hatten, seltener von kardiovaskulären Ereignissen (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzversagen, Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris, Herzschwäche, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Herzoperation) betroffen: Während in der gesättigten Fettsäure-Gruppe 83 von 1000 Teilnehmenden ein Ereignis traf, waren es in der Gruppe der ungesättigten Fettsäuren durchschnittlich 69 von 1000 Personen (also um 14 pro 1000 weniger). Dabei war bei jenen der Effekt am größten, die vor Studienbeginn am häufigsten zu gesättigten Fetten gegriffen hatten. Es ergaben sich auch Hinweise darauf, dass es eine Rolle spielen dürfte, durch welches Nahrungsmittel die gesättigten Fettsäuren ersetzt werden: so zeigte sich die größte Risikominimierung bei jenen Personen, die gesättigte durch mehrfach ungesättigte Fette ersetzt hatten. Wurden die gesättigten Fette durch Kohlehydrate oder Proteine ersetzt, zeigte sich kein positiver Gesundheitseffekt. Das Autorenteam konnte keinen Unterschied zwischen aktuell gesunden Personen, solchen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfall bzw. Personen die bereits erkrankt waren feststellen. Ebenso scheinen Männer und Frauen gleichermaßen von der Reduktion an gesättigten Fettsäuren zu profitieren. Auch die Dauer der Ernährungsumstellung beeinflusste das Ergebnis nicht. Keinen Einfluss hatte die Fettreduktion auf das Sterberisiko.

Eine Ernährung, die arm an gesättigten Fettsäuren ist, kann also das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Am geeignetsten scheint es ungesättigte Fette durch gesättigte Fette zu ersetzen. Ersatz durch Kohlenhydrate dürfte weniger sinnvoll sein.

Sind mehr ungesättigte Fettsäuren besser?

Da ungesättigte Fettsäuren scheinbar ein guter Ersatz für gesättigte Fette sind, scheint es nicht weit hergeholt zu sein, dass die Aufnahme von zusätzlich mehrfach ungesättigten Fettsäuren (Omega-3 und -6), ob in Kapselform oder über spezielle Nahrungsmittel, dem Herzen besonders gut tun könnten. Was sagt die Evidenz zu Omega-3-Fettsäuren und Herzgesundheit?

Der Gedanke, dass Omega-3-Fettsäuren eine schützende Wirkung auf Herz und Gefäße haben könnten, ist nicht neu: Bereits in den 1970er Jahren entdeckten Forscher und Forsche-rinnen, dass Ureinwohner in Grönland nur selten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten. Einen möglichen Grund sahen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der fischreichen Ernährung der Ureinwohner und den darin enthaltenen großen Mengen an langkettigen Omega-3-Fettsäuren. Daher lag die Vermutung schon damals nahe, dass genau diese Fettsäuren eine Schutzwirkung auf Herz und Kreislauf haben könnten.

Aus diesen Überlegungen heraus empfehlen viele Fachleute Omega-3-Fettsäuren zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen einzunehmen. Ein Forschungsteam des Cochrane-Netzwerks wollte wissen, ob die angeblich schützende Wirkung von ungesättigten Omega- 3-Fettsäuren auch wissenschaftlich belegt ist. Das Team hinterfragte, ob die zusätzliche Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren vor Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (Herzinfarkt oder Schlaganfall) beziehungsweise dem Tod schützt. Die Ergebnisse dieser systematischen Übersichtsarbeit stellten bisherige Empfehlungen ziemlich auf den Kopf.

Zusätzliche Omega-3-Fettsäuren beeinflussen Herzgesundheit nicht

Das Autorenteam fasste die Ergebnisse von 79 randomisiert kontrollierten Studien mit mehr als 112.000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Europa, Asien, Nord-und Südamerika zusammen. In den meisten Untersuchungen schluckten die Personen in der Versuchsgruppe zusätzlich zu ihrer alltäglichen Ernährung Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren oder sie nahmen die Fettsäuren vermehrt durch Öle oder gezielte Diät zu sich. Die Vergleichsgruppen führten ihre normale Ernährung weiter.

Es stellte sich heraus, dass jene Personen, die verstärkt Omega-3-Fette zu sich nahmen, ähnlich häufig Herz-Kreislauf-Ereignisse erlitten wie jene, die ihre gewohnte Ernährung fortsetzten. Als Herz-Kreislauf-Ereignis bezeichnete das Cochrane-Team u. a. Herzinfarkt, Angina Pectoris, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, eine gestörte Durchblutung der Gliedmaßen (periphere arterielle Verschlusskrankheit), Herztod sowie Herzoperationen. Generell beeinflussten Omega-3-Fettsäuren weder das allgemeine Sterberisiko, noch das Risiko an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Die Qualität der Evidenz war moderat bis hoch. Dabei machte es kaum einen Unterschied ob es sich dabei um Omega-3-Fettsäuren aus Fi-schen oder pflanzlicher Herkunft handelte.

Die Autoren der Übersichtsarbeit konnten keine Studie aufspüren, die untersuchte, ob sich der Genuss von fettreichem Fisch positiv auf die Herzgesundheit auswirkt. Daher können Forscher diese Frage nicht beantworten.

Sie weisen allerdings darauf hin, dass es für den Körper nicht dasselbe ist, ob Fisch gegessen oder beispielsweise eine Kapsel mit einem Fischöl-Präparat eingenommen wird. Fisch enthält neben Omega-3-Fettsäuren jede Menge Mineralstoffe und Vitamine, die für eine ausgewogene Ernährung wichtig sind. Den Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften Österreichs, Deutschlands und der Schweiz zufolge sollte Fisch ein- bis zweimal wöchentlich auf dem Teller landen.

Was sagt die Evidenz zu Omega-6-Fettsäuren und Herzgesundheit?

Auch Omega-6-Fettsäuren sind für uns lebensnotwendig und müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Besonders unser Stoffwechsel aber auch Knochen, Haut und Haare brauchen diese Fettsäuren. Sie sind v. a. in pflanzlichen Ölen und Nüssen enthalten. Zu den Omega-6-Fettsäuren gehören Linolsäure (LA), Gamma-Linolensäure (GLA), Dihomogammalinolensäure (DGLA) und Arach-idonsäure (AA). Einerseits wird auch bei den Omega-6-Fettsäuren vermutet, dass diese positiv auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit wirken. Andererseits befürchten manche Experten und Expertinnen, dass ein Zuviel an Omega-6-Fettsäuren dem Herz-Kreislauf-System schaden könnte.

Was es mit diesem Widerspruch auf sich hat wollte ein Cochrane-Team herausfinden. Sie wollten wissen, wie sich eine erhöhte Zufuhr von Omega-6-Fettsäuren im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, aber auch auf das Sterberisiko auswirken.

Das Autorenteam schloss 19 Studien mit insgesamt 6.461 Personen über 18 Jahre aus Europa, Nordamerika, Asien und Australien in die systematische Übersichtsarbeit ein. Sowohl gesunde, wie auch allgemein erkrankte sowie Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren zugelassen. In den Versuchsgruppen erhöhten die Personen die Einnahme von Omega‐6‐Fettsäuren, in den Vergleichsgruppen behielten die Personen ihren gewohnten Fettkonsum bei. Je nach Studie wurden die Personen über einen Zeitraum von einem bis zu acht Jahren beobachtet.

Es zeigte sich, dass eine erhöhte Zufuhr von Omgea-6-Fettsäuren kaum bzw. keinen Effekt auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie beispielsweise Schlaganfall, Angina pectoris (Herzenge) oder das Sterberisiko hatte. Nur das Risiko für Herzinfarkte war in der Omega-6-Fettsäuren-Gruppen ein wenig geringer als in der Vergleichsgruppe: So erlitten in der Gruppe mit erhöhtem Omega-6-Konsum 135 von 1000 Personen einen Herzinfarkt, in der Gruppe mit dem gewohnten Fettkonsum waren es 154 von 1000. Die Qualität der Evidenz war jedoch niedrig. Aufgrund methodischer Schwächen der inkludierten Studien sind all diese Ergebnisse daher nicht gut abgesichert.

Schutz für‘s Herz durch Vollkornprodukte?

Immer wieder liest man auch, dass Menschen, die mehr Vollkornprodukte essen länger leben und damit einen guten Teil zur Gesundheit von Herz und Kreislauf beitragen sollen. Tatsächlich befürworten viele Experten Vollkorn-Lebensmittel, um das Herz-Kreislauf-System gesund zu erhalten.

Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2017 fand allerdings heraus, dass diese These auf wackeligen Beinen steht und wissenschaftlich nicht gut abgesichert ist.

Die Autoren und Autorinnen der systematischen Übersichtsarbeit schauten sich an, wie sich Vollkornprodukte beziehungsweise Vollkorn-Diäten auf die Gesundheit von Herz und Gefäßen bzw. auf die Gesamtsterblichkeit auswirken. Vollkornlebensmittel umfassen eine Reihe von Produkten, darunter Vollkorn‐Weizen, ‐Reis, ‐Mais und ‐Hafer – aber auch gemahlene Vollkornprodukte wie Hafervollkornmehl und Weizenvollkornmehl fallen unter diesen Begriff. In ihrer Analyse interessierte sich das Forscherteam sowohl für gesunde Erwachsene, wie auch für solche mit einem erhöhten Risiko für oder bereits diagnostizierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Zuge einer systematischen Literatursuche identifizierten sie neun randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 1414 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, im Alter von 24 bis 70 Jahren. Die Personen nahmen für die Dauer von mindestens 12 Wochen entweder Vollkorn-Lebensmittel oder zum Vergleich nur wenig Vollkorn bzw. raffiniertes Getreide zu sich.

Das Ergebnis war ernüchternd: Keine der identifizierten Studien untersuchte die Auswirkungen von Vollkorn auf Herz-Kreislauf-Ereignisse, wie beispielsweise Herzinfarkt, Angina pectoris oder Schlaganfall, oder auf die Sterblichkeit.

Die eingeschlossenen Studien lieferten Daten zu Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Blutfettwerte oder Blutdruck. Allerdings zeigte sich keine Wirkung der Vollkorn-Lebensmittel auf diese Risikofaktoren. Abgesehen von der Tatsache, dass die eingeschlossenen Studien zahlreiche methodische Mängel aufwiesen, war die Anzahl der teilnehmenden Personen meist klein. Zudem war die Studiendauer mit maximal 16 Wochen zu kurz um verlässliche Aussagen zu Wirksamkeit oder Unwirksamkeit treffen zu können. Es bräuchte einen wesentlich längeren Zeitrahmen, um die Auswirkungen so einer Ernährungsumstellung auf die Gesundheit beurteilen zu können. Somit bleibt aus wissenschaftlicher Sicht bislang offen, welche Auswirkungen Vollkornprodukte auf unsere Herz-Kreislauf-Gesundheit haben.

In Bezug auf Fettsäuren gilt: ungesättigt ist besser als gesättigt

Ernährung und die Entstehung von Krankheiten – insbesondere von Herz-Kreislauf-Erkrankungen – sind vom komplexen Zusammenspiel zahlreicher Faktoren geprägt. Neben der Ernährung mischen viele Risikofaktoren wie familiäre Vorbelastung, Rauchen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck, zu wenig Bewegung usw. mit.

Festzuhalten bleibt: Ungesättigte Fettsäuren sind gesünder fürs Herz-Kreislaufsystem als gesättigte. Mit gesättigten Fettsäuren sollte man demnach sparsam umgehen. Ein Mehr an ungesättigten Omega-3 bzw. Omega-6-Fettsäuren z. B. mittels Kapseln oder Fischölen, zeigte aber kaum bzw. keinen Nutzen für die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Ob wir unserem Herz-Kreislauf-System Gutes tun, wenn wir mehr Vollkornprodukte zu uns nehmen bleibt derzeit aber offen.

In unserem nächsten Blogbeitrag zu „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“ nehmen wir die Auswirkungen von Vitaminen und Mineralstoffen unter die Lupe: Können Nahrungsergänzungsmittel unser Herz-Kreislauf-System vor Erkrankungen schützen?

Text: Dr. Claudia Christof

Literatur
[1] DGE (2015)
Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Evidenzbasierte Leitlinie Fettzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten. Abgerufen am 21.10.2019 unter: https://www.dge.de/fileadmin/public/doc/ws/ll-fett/v2/Gesamt-DGE-Leitlinie-Fett-2015.pdf
[2] DGE (2017)
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG. Vollwertig essen und trinken nach den 10 Re-geln der DGE. Abgerufen am 21.10.2019 unter: www.dge.de/fileadmin/public/doc/fm/10-Regeln-der-DGE.pdf
[3] UpToDate (2019)
Wilson, Overview of established risk factors for cardiovascular disease. Abgerufen am 23.10.2019 unter: www.uptodate.com/contents/overview-of-established-risk-factors-for-cardiovascular-disease/print
[4] UpToDate (2019)
Colditz, Healthy diet in adults. Abgerufen am 23.10.2019 unter: https://www.uptodate.com/contents/healthy-diet-in-adults/print?search=dietary-recommendations-for-&source=search_result&selectedTitle=3~150&usage_type=default&display_rank=3
[5] UpToDate (2019)
Mozaffarian, Dietary fat. Abgerufen am 23.10.2019 unter: https://www.uptodate.com/contents/dietary-fat
[6] Abdelhamid (2018)
Abdelhamid AS, Brown TJ, Brainard JS, Biswas P, Thorpe GC, Moore HJ, Deane KHO, Al Ab-dulghafoor FK, Summerbell CD, Worthington HV, Song F, Hooper L., Omega-3 fatty acids for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database of Sys-tematic Reviews 2018, Issue 5. Art. No.: CD003177. DOI: 10.1002/14651858.CD003177.pub3.
[7] UpToDate (2018)
Mozaffarian D. Fish oil and marine omega-3 fatty acids. In Downey BC (ed.). UpToDate. Abgerufen am 13.8.2018 unter http://www.uptodate.com/contents/fish-oil-and-marine-omega-3-fatty-acidsof Systematic Reviews2017, Issue 8.Art. No.: CD005051. DOI: 10.1002/14651858.
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[8] Hooper u.a. (2015)
Hooper L, Martin N, Abdelhamid A, Davey Smith G. Reduction in saturated fat intake for car-diovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2015 Jun 10;(6):CD011737. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD011737/full
[9] Hooper u.a. (2018)
Hooper L1, Al-Khudairy L, Abdelhamid AS, Rees K, Brainard JS, Brown TJ, Ajabnoor SM, O’Bri-en AT, Winstanley LE, Donaldson DH, Song F, Deane KH. Omega-6 fats for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2018 Jul 18;7:CD011094. doi: 10.1002/14651858.CD011094.pub3. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD011094.pub4/full
[10] Kelly u.a. (2017) Kelly SA1, Hartley L, Loveman E, Colquitt JL, Jones HM, Al-Khudairy L, Clar C, Germanò R, Lunn HR, Frost G, Rees K. Whole grain cereals for the primary or secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev. 2017 Aug 24;8:CD005051. doi: 10.1002/14651858.CD005051.pub3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6484378/.

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2.11 Ergebnisse von Vergleichsstudien sollten immer vollständig veröffentlicht werden

Thu, 12/05/2019 - 10:32

Wie wichtig es ist, Behandlungsentscheidungen auf der Grundlage angemessener Evidenz zu treffen, ist heute klarer denn je.

Um Evidenz als verlässlich einstufen zu können, müssen Studien, die medizinische Behandlungen untersuchen, faire Vergleiche umfassen. Zum Beispiel darf keine der Behandlungsgruppen irgendwelche vorteilhaften Eigenschaften aufweisen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Teilnehmer der Behandlungsgruppe jünger und gesünder wären als die der Kontrollgruppe. Auch müssen die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip den jeweiligen Gruppen zugeteilt werden, um die Ähnlichkeit wichtiger Teilnehmerindikatoren zu gewährleisten [2]. Sind Behandlungsvergleiche nicht fair, so führt das zu Verzerrungen (Biases), die die Ergebnisse einer Studie in Frage ziehen können.

„Reporting-Bias“ – oder das Selektive Berichten von Ergebnissen

Der „Reporting-Bias“ ist eine Verzerrung, die durch das selektive Berichten von Studienergebnissen oder Studien entsteht, wobei normalerweise positive Ergebnisse bevorzugt veröffentlicht werden. Reporting Bias ist in der Gesundheitsforschung weit verbreitet und als Problem schon seit geraumer Zeit bekannt [4]. Nützliche Informationen zu diesem Thema bietet auch die James Lind Library.

Es gibt verschiedene Formen von Reporting-Bias: Zum Beispiel werden statistisch signifikante, „positive“ Ergebnisse im Vergleich zu Null-Ergebnissen mit höherer Wahrscheinlichkeit überhaupt veröffentlicht („Publikationsbias“), schneller veröffentlicht („time-lag Bias“) und mit höherer Wahrscheinlichkeit in bedeutenden Fachzeitschriften veröffentlicht („Location-Bias“).

Auch innerhalb einer Studie kann Reporting-Bias auftreten. Zum Beispiel können Wissenschaftler selektiv bestimmte Ergebnisse berichten und andere nicht, je nachdem, ob ihnen Art und Richtung dieser Ergebnisse „ins Konzept passen“ („Outcome-Reporting-Bias“). Mehr zu den verschiedenen Arten von Reporting-Bias erfahren Sie hier.

Heute sind viele klinische Studien qualitativ hochwertig und Verzerrungen in Bezug auf unfaire Behandlungsvergleiche sind mittlerweile unwahrscheinlicher geworden als früher. Aber selbst wenn Studien auf fairen Behandlungsvergleichen beruhen, stellt das selektive Nicht-Publizieren von Studienergebnissen ein Problem dar, besonders wenn diese Null-Ergebnisse oder unerwartete Schlussfolgerungen für die Behandlung enthalten. Dies kann die gesamte Evidenzlage verfälschen.

Ein Beispiel: In den 1980er Jahren wurde eine Gruppe von Medikamenten (sogenannte Antiarrhythmika) oft angewandt, um Herzrhythmusstörungen zu kontrollieren, eine Indikation für die es einige Evidenz gab. Allerdings nahm man aufgrund der Tatsache, dass Herzrhythmusstörungen das Sterblichkeitsrisiko nach einem Herzinfarkt erhöhen, im Umkehrschluss an, dass diese Medikamente auch das herzinfarktbedingte Sterblichkeitsrisiko senken könnten.

Leider gab es für diese Annahme keine Evidenz. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall: Die Medikamente verursachten in den 1980er Jahren zahlreiche Todesfälle. Später stellte sich heraus, dass Studien, die auf letale Auswirkungen dieser Medikamente hingedeutet hatten, nicht öffentlich zugänglich waren. Versuche, sie zu publizieren waren fehlgeschlagen, weil diese Ergebnisse nicht in das damalige Bild einer positiven Wirkung von Antiarrhythmika nach Herzinfarkt passten [1].

Die Folgen von Reporting-Bias für die Gesundheitsversorgung können weitreichend sein. Insbesondere wenn eine einzelne Studie als Grundlage für Behandlungsentscheidungen dient, kann das Nichtveröffentlichen oder Nichtberichten von Null-Ergebnissen schwerwiegende Konsequenzen haben.

Bedeutung für systematische Reviews

Schauen wir uns den Reporting-Bias einmal im Zusammenhang mit systematischen Reviews an. Systematische Reviews ermöglichen es an sich, unverzerrte Bewertungen von Behandlungseffekten zu erstellen. Da systematische Reviews ein Versuch sind, Verzerrungen zu reduzieren, dürften sie als verlässlicher gelten als andere Arten von Reviews (etwa narrative Reviews) oder einzelne Studien, die eher anfällig für systematische Fehler, Verzerrungen und Zufallseffekte sind [1]. Allerdings stellt die Qualität der Studien, die für den Review zur Verfügung stehen, natürlich auch eine Einschränkung der Qualität de Übersichtsarbeit dar. Wenn also die einzelnen Studien vom Reporting-Bias betroffen sind, kann auch der systematische Review die Wirksamkeit zu einer bestimmten Behandlung überschätzen oder nachteilige Wirkungungen unterschätzen.

Folgen von Reporting-Bias

Da Behandlungsentscheidungen und zukünftige Forschungsstudien von bisherigen Veröffentlichungen abhängen, können die verschiedenen Arten von Reporting-Bias schwerwiegende Folgen haben. Patienten, die auf Basis unvollständiger oder verzerrter Evidenz behandelt werden, können Schäden erleiden oder sogar sterben.
Reporting-Bias ist daher sowohl ein ein wissenschaftliches, als auch ethisches Problem [1].

Fazit

Wenn Sie einen systematischen Review lesen, sollten Sie sich fragen: „Haben die Autoren den Versuch unternommen, auch relevante nicht-veröffentlichte Evidenz zu ermitteln?“ Denn zumindest der Versuch sollte gemacht worden sein. [4].

Zum Glück gibt es Lösungsansätze für dieses Problem. In vielen Ländern besteht inzwischen die Verpflichtung, geplante Studien zu registrieren. Dadurch lässt sich später besser nachvollziehen, ob die Studien nach Plan durchgeführt und alle Ergebnisse berichtet wurden. Ein hervorragendes Werkzeug ist die Website „Trials Tracker“, auf der Organisationen und Arzneimittelhersteller benannt werden, welche Ergebnisse von registrierten Studien nicht fristgerecht berichtet haben. Hier kann man auch Studien identifizieren, deren Veröffentlichung noch aussteht.

Text: Benjamin Kwapong

Übersetzt von: Katharina Jones

Zum Originaltext 

Zu den Quellenangaben

Anmerkungen:

Dies ist der 23. Beitrag einer Blogserie zu einer Zusammenstellung von „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Informed Health Choices Projektes erarbeitet wurden. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem der Schlüsselkonzepte, die als wichtig dafür erachtet werden, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

2.11 Ergebnisse von Vergleichsstudien sollten immer vollständig veröffentlicht werden

Thu, 12/05/2019 - 10:32

Wie wichtig es ist, Behandlungsentscheidungen auf der Grundlage angemessener Evidenz zu treffen, ist heute klarer denn je.

Um Evidenz als verlässlich einstufen zu können, müssen Studien, die medizinische Behandlungen untersuchen, faire Vergleiche umfassen. Zum Beispiel darf keine der Behandlungsgruppen irgendwelche vorteilhaften Eigenschaften aufweisen. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Teilnehmer der Behandlungsgruppe jünger und gesünder wären als die der Kontrollgruppe. Auch müssen die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip den jeweiligen Gruppen zugeteilt werden, um die Ähnlichkeit wichtiger Teilnehmerindikatoren zu gewährleisten [2]. Sind Behandlungsvergleiche nicht fair, so führt das zu Verzerrungen (Biases), die die Ergebnisse einer Studie in Frage ziehen können.

„Reporting-Bias“ – oder das Selektive Berichten von Ergebnissen

Der „Reporting-Bias“ ist eine Verzerrung, die durch das selektive Berichten von Studienergebnissen oder Studien entsteht, wobei normalerweise positive Ergebnisse bevorzugt veröffentlicht werden. Reporting Bias ist in der Gesundheitsforschung weit verbreitet und als Problem schon seit geraumer Zeit bekannt [4]. Nützliche Informationen zu diesem Thema bietet auch die James Lind Library.

Es gibt verschiedene Formen von Reporting-Bias: Zum Beispiel werden statistisch signifikante, „positive“ Ergebnisse im Vergleich zu Null-Ergebnissen mit höherer Wahrscheinlichkeit überhaupt veröffentlicht („Publikationsbias“), schneller veröffentlicht („time-lag Bias“) und mit höherer Wahrscheinlichkeit in bedeutenden Fachzeitschriften veröffentlicht („Location-Bias“).

Auch innerhalb einer Studie kann Reporting-Bias auftreten. Zum Beispiel können Wissenschaftler selektiv bestimmte Ergebnisse berichten und andere nicht, je nachdem, ob ihnen Art und Richtung dieser Ergebnisse „ins Konzept passen“ („Outcome-Reporting-Bias“). Mehr zu den verschiedenen Arten von Reporting-Bias erfahren Sie hier.

Heute sind viele klinische Studien qualitativ hochwertig und Verzerrungen in Bezug auf unfaire Behandlungsvergleiche sind mittlerweile unwahrscheinlicher geworden als früher. Aber selbst wenn Studien auf fairen Behandlungsvergleichen beruhen, stellt das selektive Nicht-Publizieren von Studienergebnissen ein Problem dar, besonders wenn diese Null-Ergebnisse oder unerwartete Schlussfolgerungen für die Behandlung enthalten. Dies kann die gesamte Evidenzlage verfälschen.

Ein Beispiel: In den 1980er Jahren wurde eine Gruppe von Medikamenten (sogenannte Antiarrhythmika) oft angewandt, um Herzrhythmusstörungen zu kontrollieren, eine Indikation für die es einige Evidenz gab. Allerdings nahm man aufgrund der Tatsache, dass Herzrhythmusstörungen das Sterblichkeitsrisiko nach einem Herzinfarkt erhöhen, im Umkehrschluss an, dass diese Medikamente auch das herzinfarktbedingte Sterblichkeitsrisiko senken könnten.

Leider gab es für diese Annahme keine Evidenz. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall: Die Medikamente verursachten in den 1980er Jahren zahlreiche Todesfälle. Später stellte sich heraus, dass Studien, die auf letale Auswirkungen dieser Medikamente hingedeutet hatten, nicht öffentlich zugänglich waren. Versuche, sie zu publizieren waren fehlgeschlagen, weil diese Ergebnisse nicht in das damalige Bild einer positiven Wirkung von Antiarrhythmika nach Herzinfarkt passten [1].

Die Folgen von Reporting-Bias für die Gesundheitsversorgung können weitreichend sein. Insbesondere wenn eine einzelne Studie als Grundlage für Behandlungsentscheidungen dient, kann das Nichtveröffentlichen oder Nichtberichten von Null-Ergebnissen schwerwiegende Konsequenzen haben.

Bedeutung für systematische Reviews

Schauen wir uns den Reporting-Bias einmal im Zusammenhang mit systematischen Reviews an. Systematische Reviews ermöglichen es an sich, unverzerrte Bewertungen von Behandlungseffekten zu erstellen. Da systematische Reviews ein Versuch sind, Verzerrungen zu reduzieren, dürften sie als verlässlicher gelten als andere Arten von Reviews (etwa narrative Reviews) oder einzelne Studien, die eher anfällig für systematische Fehler, Verzerrungen und Zufallseffekte sind [1]. Allerdings stellt die Qualität der Studien, die für den Review zur Verfügung stehen, natürlich auch eine Einschränkung der Qualität de Übersichtsarbeit dar. Wenn also die einzelnen Studien vom Reporting-Bias betroffen sind, kann auch der systematische Review die Wirksamkeit zu einer bestimmten Behandlung überschätzen oder nachteilige Wirkungungen unterschätzen.

Folgen von Reporting-Bias

Da Behandlungsentscheidungen und zukünftige Forschungsstudien von bisherigen Veröffentlichungen abhängen, können die verschiedenen Arten von Reporting-Bias schwerwiegende Folgen haben. Patienten, die auf Basis unvollständiger oder verzerrter Evidenz behandelt werden, können Schäden erleiden oder sogar sterben.
Reporting-Bias ist daher sowohl ein ein wissenschaftliches, als auch ethisches Problem [1].

Fazit

Wenn Sie einen systematischen Review lesen, sollten Sie sich fragen: „Haben die Autoren den Versuch unternommen, auch relevante nicht-veröffentlichte Evidenz zu ermitteln?“ Denn zumindest der Versuch sollte gemacht worden sein. [4].

Zum Glück gibt es Lösungsansätze für dieses Problem. In vielen Ländern besteht inzwischen die Verpflichtung, geplante Studien zu registrieren. Dadurch lässt sich später besser nachvollziehen, ob die Studien nach Plan durchgeführt und alle Ergebnisse berichtet wurden. Ein hervorragendes Werkzeug ist die Website „Trials Tracker“, auf der Organisationen und Arzneimittelhersteller benannt werden, welche Ergebnisse von registrierten Studien nicht fristgerecht berichtet haben. Hier kann man auch Studien identifizieren, deren Veröffentlichung noch aussteht.

Text: Benjamin Kwapong

Übersetzt von: Katharina Jones

Zum Originaltext 

Zu den Quellenangaben

Anmerkungen:

Dies ist der 23. Beitrag einer Blogserie zu einer Zusammenstellung von „Schlüsselkonzepten zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen“, die im Rahmen des Informed Health Choices Projektes erarbeitet wurden. Jeder der insgesamt 36 Blogbeiträge befasst sich mit einem der Schlüsselkonzepte, die als wichtig dafür erachtet werden, Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

https://www.wissenwaswirkt.org/wp-content/uploads/IHC-Key-Concept-2.11-Unveröffentlichte-Ergebnisse-von-Studien-zu-fairen-Behandlungsvergleichen-können-zu-verzerrten-Schätzungen-von-Behandlungseffekten-führen.mp4

Toastbrot, Reiswaffel, Cornflakes adé? Beugen Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index kardiovaskulären Erkrankungen vor?

Thu, 11/28/2019 - 09:41

Der glykämische Index – ein Richtwert für den Anstieg des Blutzuckers durch die Nahrung – ist vor allem Diabetikern ein Begriff. Was sagt der glykämische Index von Lebensmittel aus und warum könnte er für die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen relevant sein? Um diese Frage geht es in diesem dritten Artikel der Wissen Was Wirkt Serie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“.

Morgens schnell ein Toastbrot mit Marmelade, im Büro zwei Reiswaffeln und vor dem Mittag noch eine kleine Schale Cornflakes, weil plötzlich eine Heißhungerattacke kam. Der Blutzucker schwankt und die Bauchspeicheldrüse muss in den wenigen Stunden häufig arbeiten. Wieso? Die genannten Snacks sind kohlenhydratreich – sie enthalten also Zucker, der je nach Beschaffenheit des Nahrungsmittels unterschiedlich schnell ins Blut gelangt.

Was ist der glykämische Index?

Der glykämische Index (GI) ist ein Richtwert, der angibt, wie stark der Blutzuckerspiegel im menschlichen Körper nach dem Verzehr von kohlenhydratreichen Lebensmitteln ansteigt. Je höher der GI, desto stärker steigt der Blutzuckerspiegel an. Entsprechend der Zuckerkonzentration im Blut wird dann die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Insulin angeregt, um den Zucker in die Zellen aufzunehmen. Der GI von 50g Glucose (100) gilt als der höchste Gl-Wert und somit als Referenzwert. Alle anderen Lebensmittel werden hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Blutzucker zu diesem ins Verhältnis gesetzt. Der GI wird in niedrig (< 55), mittel (55-70) und hoch (70-100) eingeteilt. Das Toastbrot und die Cornflakes weisen mit einem GI von 73 und 81 jeweils einen hohen glykämischen Index auf (mehr Informationen).

Studien zeigen, dass eine Diät, die einen hohen GI aufweist, die Entstehung von Diabetes Typ 2 begünstigt, sowie entzündungsfördernd und gefäßschädigend wirken kann. Gefäßschädigungen und Diabetes Typ 2 sind wiederum mit einem erhöhten Risiko für die Arterienverkalkung (Arteriosklerose) und somit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert (mehr Informationen). Zudem wurde festgestellt, dass eine Diät mit einem geringen GI zu einer Senkung der LDL (Low Density Lipoprotein) und Cholesterinwerte im Blut führen kann.

Cochrane Evidenz zur Ernährung mit niedrigem GI und Herzgesundheit

In diesem aktualisierten Cochrane Review untersuchten die Autoren die Wirkung von Diäten mit niedrigem GI im Vergleich zu ähnlich zusammengesetzten Diäten mit höherem GI auf die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen. Im Einzelnen wurde ebenfalls geprüft, ob sich Diäten mit hohem GI negativ auf den Cholesterinspiegel im Blut oder den Blutdruck auswirken, die ihrerseits das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, wie z. B. Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen.

Die Autoren schlossen insgesamt 21 randomisierte kontrollierte Studien ein, die bis Juli 2016 veröffentlicht wurden. Die Studien untersuchten jeweils erwachsene Studienteilnehmer zwischen 19 und 69 Jahren, die entweder gesund waren, ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen (Primärprävention) oder bereits unter einer kardiovaskulären Erkrankung litten (Sekundärprävention).

Mehrheitlich wurden in den Studien Teilnehmer betrachtet, die Risikofaktoren (Übergewicht, Adipositas oder erhöhte Blutfettwerte) für eine kardiovaskuläre Erkrankung aufwiesen. Studien wurden ausgeschlossen, sobald der Interventionszeitraum (Dauer der Studie) weniger als 12 Wochen betrug oder es sich um Patienten mit Diabetes Typ 2 handelte.

Bei den Interventionsgruppen wurden entweder Ernährungsberatungen durchgeführt oder es kam zur direkten Verschreibung einer GI-reduzierten Ernährung bzw. Anreichung GI-reduzierter Lebensmitteln. Dabei galt es darauf zu achten, dass sich die Diäten zwischen der Kontroll- und Interventionsgruppe nur bezüglich des GI unterschieden, sich jedoch hinsichtlich der Zusammensetzung an Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten sowie des Energiegehalts ähnelten.

Um die Wirksamkeit der Ernährungsweise mit einem geringen GI messen zu können, wurden die Interventions- und Kontrollgruppen unter anderem hinsichtlich folgender Endpunkte vor und nach dem Interventionszeitraum untersucht.

• Primäre Endpunkte, wie zum Beispiel tödliche oder nicht-tödliche Vorfälle infolge eines klinischen Ereignisses wie Schlaganfall oder Herzinfarkt,
• Sekundäre Endpunkte, wie Veränderungen der Blutfette, des Blutdrucks oder des Körpergewichts.

Ergebnisse

Primäre Endpunkte
Keine der eingeschlossenen Studien untersuchte die Gruppen auf Unterschiede bezüglich der allgemeinen Sterberate (Mortalität), der Sterberate infolge einer kardiovaskulären Erkrankung (kardiovaskuläre Mortalität) oder klinischer Ereignisse (Schlaganfall, Herzinfarkt, Bypass) aufgrund der kardiovaskulären Erkrankung.

Sekundäre Endpunkte
Mit Blick auf die Blutfette (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyceride), den Blutdruck, das Körpergewicht und den Body-Mass-Index konnten zwischen den Interventions- und Kontrollgruppen keine Unterschiede festgestellt werden.

Einstellung zu Ernährungsformen (Zufriedenheit, Appetit, Sättigung)
Fünf Studien berichteten Ergebnisse zu Ernährungsformen und zu Faktoren wie Zufriedenheit, Appetit und Sättigung. Nur eine dieser Studien berichtete ein geringeres Hungergefühl in der Interventionsgruppe.

Nebenwirkungen
In zwei Studien, welche über Nebenwirkungen berichteten, konnten keine schädlichen Wirkungen beobachtet werden.

Sind Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index wirksam um kardiovaskuläre Erkrankungen vorzubeugen?

Insgesamt bleibt unklar, ob die Diät mit niedrigem GI eine positive Wirkung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren hat oder kardiovaskulären Ereignissen vorbeugt. Zudem konnte das Bias-Risiko (Verzerrungspotential) für die Mehrzahl der eingeschlossenen randomisierten kontrollierten Studien aufgrund von fehlenden Informationen nicht festgestellt werden, sodass die Vertrauenswürdigkeit der Studienergebnisse eingeschränkt ist.

Text: Maren Fendt

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Toastbrot, Reiswaffel, Cornflakes adé? Beugen Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index kardiovaskulären Erkrankungen vor?

Thu, 11/28/2019 - 09:41

Der glykämische Index – ein Richtwert für den Anstieg des Blutzuckers durch die Nahrung – ist vor allem Diabetikern ein Begriff. Was sagt der glykämische Index von Lebensmittel aus und warum könnte er für die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen relevant sein? Um diese Frage geht es in diesem dritten Artikel der Wissen Was Wirkt Serie „Ernährung und kardiovaskuläre Erkrankungen“.

Morgens schnell ein Toastbrot mit Marmelade, im Büro zwei Reiswaffeln und vor dem Mittag noch eine kleine Schale Cornflakes, weil plötzlich eine Heißhungerattacke kam. Der Blutzucker schwankt und die Bauchspeicheldrüse muss in den wenigen Stunden häufig arbeiten. Wieso? Die genannten Snacks sind kohlenhydratreich – sie enthalten also Zucker, der je nach Beschaffenheit des Nahrungsmittels unterschiedlich schnell ins Blut gelangt.

Was ist der glykämische Index?

Der glykämische Index (GI) ist ein Richtwert, der angibt, wie stark der Blutzuckerspiegel im menschlichen Körper nach dem Verzehr von kohlenhydratreichen Lebensmitteln ansteigt. Je höher der GI, desto stärker steigt der Blutzuckerspiegel an. Entsprechend der Zuckerkonzentration im Blut wird dann die Ausschüttung des körpereigenen Hormons Insulin angeregt, um den Zucker in die Zellen aufzunehmen. Der GI von 50g Glucose (100) gilt als der höchste Gl-Wert und somit als Referenzwert. Alle anderen Lebensmittel werden hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Blutzucker zu diesem ins Verhältnis gesetzt. Der GI wird in niedrig (< 55), mittel (55-70) und hoch (70-100) eingeteilt. Das Toastbrot und die Cornflakes weisen mit einem GI von 73 und 81 jeweils einen hohen glykämischen Index auf (mehr Informationen).

Studien zeigen, dass eine Diät, die einen hohen GI aufweist, die Entstehung von Diabetes Typ 2 begünstigt, sowie entzündungsfördernd und gefäßschädigend wirken kann. Gefäßschädigungen und Diabetes Typ 2 sind wiederum mit einem erhöhten Risiko für die Arterienverkalkung (Arteriosklerose) und somit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert (mehr Informationen). Zudem wurde festgestellt, dass eine Diät mit einem geringen GI zu einer Senkung der LDL (Low Density Lipoprotein) und Cholesterinwerte im Blut führen kann.

Cochrane Evidenz zur Ernährung mit niedrigem GI und Herzgesundheit

In diesem aktualisierten Cochrane Review untersuchten die Autoren die Wirkung von Diäten mit niedrigem GI im Vergleich zu ähnlich zusammengesetzten Diäten mit höherem GI auf die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen. Im Einzelnen wurde ebenfalls geprüft, ob sich Diäten mit hohem GI negativ auf den Cholesterinspiegel im Blut oder den Blutdruck auswirken, die ihrerseits das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, wie z. B. Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen.

Die Autoren schlossen insgesamt 21 randomisierte kontrollierte Studien ein, die bis Juli 2016 veröffentlicht wurden. Die Studien untersuchten jeweils erwachsene Studienteilnehmer zwischen 19 und 69 Jahren, die entweder gesund waren, ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen (Primärprävention) oder bereits unter einer kardiovaskulären Erkrankung litten (Sekundärprävention).

Mehrheitlich wurden in den Studien Teilnehmer betrachtet, die Risikofaktoren (Übergewicht, Adipositas oder erhöhte Blutfettwerte) für eine kardiovaskuläre Erkrankung aufwiesen. Studien wurden ausgeschlossen, sobald der Interventionszeitraum (Dauer der Studie) weniger als 12 Wochen betrug oder es sich um Patienten mit Diabetes Typ 2 handelte.

Bei den Interventionsgruppen wurden entweder Ernährungsberatungen durchgeführt oder es kam zur direkten Verschreibung einer GI-reduzierten Ernährung bzw. Anreichung GI-reduzierter Lebensmitteln. Dabei galt es darauf zu achten, dass sich die Diäten zwischen der Kontroll- und Interventionsgruppe nur bezüglich des GI unterschieden, sich jedoch hinsichtlich der Zusammensetzung an Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten sowie des Energiegehalts ähnelten.

Um die Wirksamkeit der Ernährungsweise mit einem geringen GI messen zu können, wurden die Interventions- und Kontrollgruppen unter anderem hinsichtlich folgender Endpunkte vor und nach dem Interventionszeitraum untersucht.

• Primäre Endpunkte, wie zum Beispiel tödliche oder nicht-tödliche Vorfälle infolge eines klinischen Ereignisses wie Schlaganfall oder Herzinfarkt,
• Sekundäre Endpunkte, wie Veränderungen der Blutfette, des Blutdrucks oder des Körpergewichts.

Ergebnisse

Primäre Endpunkte
Keine der eingeschlossenen Studien untersuchte die Gruppen auf Unterschiede bezüglich der allgemeinen Sterberate (Mortalität), der Sterberate infolge einer kardiovaskulären Erkrankung (kardiovaskuläre Mortalität) oder klinischer Ereignisse (Schlaganfall, Herzinfarkt, Bypass) aufgrund der kardiovaskulären Erkrankung.

Sekundäre Endpunkte
Mit Blick auf die Blutfette (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyceride), den Blutdruck, das Körpergewicht und den Body-Mass-Index konnten zwischen den Interventions- und Kontrollgruppen keine Unterschiede festgestellt werden.

Einstellung zu Ernährungsformen (Zufriedenheit, Appetit, Sättigung)
Fünf Studien berichteten Ergebnisse zu Ernährungsformen und zu Faktoren wie Zufriedenheit, Appetit und Sättigung. Nur eine dieser Studien berichtete ein geringeres Hungergefühl in der Interventionsgruppe.

Nebenwirkungen
In zwei Studien, welche über Nebenwirkungen berichteten, konnten keine schädlichen Wirkungen beobachtet werden.

Sind Ernährungsformen mit einem niedrigen glykämischen Index wirksam um kardiovaskuläre Erkrankungen vorzubeugen?

Insgesamt bleibt unklar, ob die Diät mit niedrigem GI eine positive Wirkung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren hat oder kardiovaskulären Ereignissen vorbeugt. Zudem konnte das Bias-Risiko (Verzerrungspotential) für die Mehrzahl der eingeschlossenen randomisierten kontrollierten Studien aufgrund von fehlenden Informationen nicht festgestellt werden, sodass die Vertrauenswürdigkeit der Studienergebnisse eingeschränkt ist.

Text: Maren Fendt

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Müssen wir unsere Fleischeslust zügeln?

Fri, 11/22/2019 - 10:13

Rotes und verarbeitetes Fleisch stehen im Ruf, der Gesundheit zu schaden. Sollten wir deshalb alle weniger davon essen? Eine kürzlich im Fachblatt Annals of Internal Medicine veröffentlichte Leitlinie kommt zu dem Schluss, dass dies aus individueller Sicht nicht notwendig sei. Worauf beruht diese Empfehlung, die sich so grundlegend von den bisherigen Ratschlägen unterscheidet?

Wenn es um die Zuspitzung von Schlagzeilen geht, vollbringt das britische Boulevardblatt „The Sun“ regelmäßig Spitzenleistungen. „Eine Scheibe Bacon am Tag ist tödlich“ war dort im April zu lesen – eine schockierende Nachricht für ein Land, in dem der in der Pfanne gebratene Frühstücksspeck mindestens so sehr zum nationalen Kulturgut gehört, wie die gute alte Tasse Tee.

Der wahre Kern der Meldung: Seit Jahren warnen Wissenschaftler und Gesundheitsbehörden vor möglichen Risiken des Konsums von rotem Fleisch (also z.B. von Rind, Schwein oder Lamm). Das gilt insbesondere, wenn es verarbeitet ist – als Wurst, Schinken oder eben Bacon. 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung, kurz IARC, derartige Fleischprodukte offiziell als „krebserregend“ ein; unverarbeitetes rotes Fleisch landete in der Kategorie „vermutlich krebserregend“. Rotes und verarbeitetes Fleisch (in der Folge auch einfach „Fleisch“) gilt als Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes und Darmkrebs. Doch im Oktober gab es – glaubt man der „Sun“ – eine 180-Grad-Kehrtwende: „Bacon ist sicher – ohne Wenn und Aber“ war diesmal auf der Titelseite zu lesen. Das hätten neue Veröffentlichungen in der Fachzeitschrift Annals of Internal Medicine ergeben.

Die beiden Schlagzeilen stehen beispielhaft für das mediale Wechselbad der Gefühle, dem Konsumenten in vielerlei Ernährungsfragen ausgesetzt sind. Egal ob Fett, Zucker, Kaffee, Alkohol oder eben Fleisch: Mal sind sie wahre Killer, dann wieder war alles nur falscher Alarm. Kein Wunder, dass das Hü und Hott der widersprüchlichen Meldungen in der Öffentlichkeit Frustration und Gleichgültigkeit erzeugt. Und die nagen ganz allgemein am Vertrauen in die Wissenschaft – was soll man noch glauben, wenn sich die Forscher nicht einmal bei so etwas Simplem wie Frühstücksspeck einig sind? Wozu sich noch an den Rat von Experten halten, wenn Alles (und Nichts) gefährlich scheint?

Die „Entwarnung“

Einer der Autoren dieses Blogbeitrags (Joerg Meerpohl) war als Koautor an der Leitlinie beteiligt, die im Oktober in den Annals veröffentlicht wurde. Tatsächlich kommt sie nach Sichtung sämtlicher verfügbarer Evidenz und sorgsamer Abwägung zu dem Schluss, dass die spezifischen Gesundheitsrisiken durch normalen Fleischkonsum offenbar gering sind – wenn sie überhaupt existieren. Denn die vorhandene Evidenz, welche für die Arbeit mit großem Aufwand in fünf systematischen Übersichtsarbeiten zusammengefasst wurde, ist sämtlich von geringer bis sehr geringer Vertrauenswürdigkeit. Aufgrund dieser Ergebnisse kam die Leitliniengruppe zu der Empfehlung, dass Erwachsene ihren gegenwärtigen Konsum von unverarbeitetem rotem Fleisch, wie auch jenen von verarbeitetem Fleisch beibehalten können.

Diese Empfehlung widerspricht tatsächlich dem, was IARC, nationale Gesundheitsbehörden und viele Experten seit Jahren propagieren – nämlich, der eigenen Gesundheit zuliebe den Fleischkonsum zu reduzieren. Sie löste nicht nur in den Medien, sondern auch in Fachkreisen eine hitzige Diskussion aus. Wir möchten hier genauer erklären, wie die Arbeitsgruppe zu ihren Schlüssen kam.

Was genau wurde untersucht?

Die Leitlinien wurden vom Nutritional Recommendations Consortium erstellt, einem internationalen Konsortium von ausgewiesenen Experten für Evidenzbewertung, das sich zum Ziel gesetzt hat, unabhängige, evidenzbasierte Empfehlungen für Leitlinien im Ernährungsbereich zu erarbeiten. Auf Basis einer methodisch rigorosen Vorgehensweise wurde die verfügbare wissenschaftliche Evidenz berücksichtigt und mit Hilfe des etablierten GRADE-Systems (1) ihre Vertrauenswürdigkeit bewertet – ein Aspekt, der in vielen Leitlinien und erst recht in deren öffentlicher Diskussion zu wenig Raum erhält. Zudem versuchen NutriRECS-Empfehlungen neben der rein medizinischen Evidenz auch Wertvorstellungen und Präferenzen der Konsumenten zu berücksichtigen.

Es ging also um die Frage, welche Evidenz es dafür gibt, dass ein reduzierter Konsum von rotem Fleisch und Fleischprodukten mit geringeren Risiken für Krebs, kardiovaskulären Erkrankungen und Gesamt-Mortalität einhergeht und welche konkreten Handlungsempfehlungen für die Verbraucher sich daraus ableiten lassen. Als realistische Reduzierung ging das Konsortium dabei von drei Portionen weniger pro Woche aus – eine Portion entspricht ca. 65 Gramm gebratenem oder verarbeitetem Fleisch. Zur Einordnung: Österreicher und Deutsche essen im Durchschnitt fast 1000 Gramm rotes Fleisch und Fleischprodukte pro Woche, Schweizer etwas weniger.

Natürlich gibt es durchaus gute, nicht-medizinische Gründe, den Fleischkonsum zu reduzieren, sei es das Tierwohl oder der höhere Beitrag einer Fleischkost zum globalen Klimawandel. Die NutriRECS-Empfehlungen beziehen sich jedoch ausdrücklich nur auf die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen eines reduzierten Fleischkonsums, und zwar aus Sicht des individuellen Konsumenten, nicht aus einer Public-Health-Perspektive.

Die als Evidenzgrundlage der Empfehlung eigens erstellten fünf Reviews hatten spezifische Fragestellungen (2-6):

  1. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von 70 Kohortenstudien mit insgesamt rund sechs Millionen Teilnehmern zu den Zusammenhängen verschiedener genereller Ernährungsmuster (z.B. „westlich“) mit unterschiedlich hohem, aber zumeist nicht präzise angegebenem Fleischanteil.
  2. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von mehr als 100 Kohortenstudien mit mehr als sechs Millionen Teilnehmern zum Einfluss eines reduzierten Fleischkonsums auf die Inzidenz und Mortalität von Krebserkrankungen.
  3. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von 55 Kohortenstudien mit 4,2 Millionen Teilnehmern zu Gesamt-Mortalität und kardiovaskulären Endpunkten.
  4. Eine systematische Übersichtsarbeit auf Basis von 12 randomisierten, kontrollierten Studien (RCTs) zu den Effekten einer fleischreduzierten Ernährung auf kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs. Hier dominierte eine Studie mit fast 49.000 Frauen stark die Ergebnisse.
  5. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit fasst Studien zusammen, welche die Einstellungen und Präferenzen von Verbrauchern in Sachen Fleischkonsum untersuchen.

Die Ergebnisse dieser umfangreichen Reviews (Stand der Literaturrecherche: April 2019) unterscheiden sich nicht grundlegend von denen früherer Übersichtsarbeiten zum Thema. Die entscheidenden Unterschiede sind also nicht in der Datenbasis selbst zu finden, sondern in deren Interpretation. Die Analysen legen zwar eine Tendenz zu günstigen Effekten eines reduzierten Fleischkonsums auf die Gesundheit nahe. Doch diese sind absolut gesehen allesamt klein und basieren auf Evidenz, deren Vertrauenswürdigkeit nach dem vierstufigen GRADE-System als „niedrig“ bis „sehr niedrig“ bewertet wurde.

Nun könnte man wie frühere Empfehlungen zu dem Schluss kommen, dass nach dem Vorsorgeprinzip auch kleine, unsichere Risiken Grund genug sind, einen reduzierten Fleischkonsum zu empfehlen. Hier kommt die fünfte Übersichtsarbeit aus den Annals über Einstellungen und Präferenzen von Fleischessern ins Spiel. Sie legt nahe, dass Menschen, die Fleisch essen, dies mehrheitlich gerne und aus Überzeugung tun und sich vermutlich von der Aussicht einer geringfügigen Risikoreduzierung kaum zu einer Verhaltensänderung bewegen lassen würden.

Dies ist die schwierige Ausgangslage, auf deren Basis das 14-köpfige NutriRECS-Panel schließlich konkrete Empfehlungen für Konsumenten ableiten sollte. Die Mitglieder des Gremiums stammen aus sieben Ländern mit hohem Einkommen (weil hier ein hoher Fleischkonsum am weitesten verbreitet ist), darunter auch drei Konsumentenvertreter. Für seine Empfehlungen folgte das Panel einem strengen und transparenten Verfahren unter Verwendung des „GRADE Evidence to Recommendation framework“ (EtD) (7). Eine Mehrheit von elf Stimmen sprach sich für die „schwache Empfehlung“ aus, dass Erwachsene ihren gegenwärtigen Fleischkonsum beibehalten können. Die Entscheidung war allerdings nicht einstimmig: Drei Panel-Mitglieder, darunter auch Joerg Meerpohl, einer der Ko-Autoren dieses Beitrags sahen genug Argumente für eine – ebenfalls schwache – Empfehlung, den Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch zu reduzieren.

Beobachtungstudien: Statistisches Rauschen oder das Beste, was wir haben?

Die Diskussion ums Fleisch zeigt es einmal mehr: Obwohl weitgehende Einigkeit herrscht, dass die Ernährung eine wichtige Bedeutung für ein langes, gesundes Leben hat, und obwohl viel Geld und Aufwand in Studien gesteckt wird, die diese Zusammenhänge untersuchen, bleibt es schwierig, aus den Ergebnissen eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das liegt in der Natur der Sache: Beim absoluten Gros der Ernährungsstudien handelt es sich um Beobachtungsstudien, in denen die Variable von Interesse (hier: der Fleischkonsum) kaum entwirrbar mit anderen Lebensstilfaktoren verbandelt ist. Wer weniger Fleisch isst, achtet vielleicht generell mehr auf einen gesunden Lebensstil, hat im Schnitt einen anderen Bildungs- und sozioökonomischen Standard und unterscheidet sich auch sonst in einer Vielzahl von Merkmalen. Manche Forscher gehen wegen dieser Limitationen soweit, Beobachtungstudien generell als weitgehend wertlos zu erachten. Ihr prominentester Vertreter ist John Ioannidis von der Stanford University in Kalifornien, der der New York Times gegenüber kürzlich ein Ende solcher Studien forderte. Es sei extrem unwahrscheinlich, dass wir im Rauschen der irreführenden Korrelationen ein starkes Signal für den Einfluss einer bestimmten Ernährung auf die Gesundheit übersehen hätten, so Ioannidis.

Beobachtungsstudien sind allerdings meist der einzig gangbare Weg, um über lange Zeiträume (zum Teil viele Jahrzehnte) Gesundheitsdaten aus dem echten Leben (sogenannte Real World Data) von großen Probanden-Populationen zu sammeln. Ihre Ergebnisse können daher durchaus wertvoll sein, um auf mögliche Zusammenhänge hinzuweisen, man denke nur an den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs, der zunächst als Korrelation in Patientendaten identifiziert wurde. Viele Forscher halten daher an der Beobachtungsstudie fest.

Die deutlich aussagekräftigere Alternative sind in vielen Bereichen der Medizin randomisierte, kontrollierte Studien (RCTs). Sie gelten zu Recht als Goldstandard der vergleichenden Evaluation von Therapiealternativen und präventiven Maßnahmen. Doch gerade im Bereich Ernährung sind sie oft wenig praktikabel. So kann man kaum eine große Zahl von Menschen nach dem Zufallsprinzip dazu verdonnern, jahrelang eine bestimmte Ernährungsweise zu befolgen, um dann nach zehn oder zwanzig Jahren zu überprüfen, woran sie erkranken oder sterben. Die Erfahrung zeigt, dass die anfängliche Begeisterung der Teilnehmer, sich an bestimmte Vorgaben zu halten, über längere Zeiträume stark nachlässt, was die Aussagekraft solcher Studien vermindert. Wenn die untersuchte Ernährungsweise zudem unter dem Verdacht steht, schädlich zu sein, wird es auch aus ethischer Sicht problematisch. Ernährungs-RCTs laufen daher häufig nur über kürzere Zeiträume.

Alternativ untersuchen viele RCTs deshalb schneller beeinflussbare Surrogat-Endpunkte wie Blutdruck oder Cholesterinspiegel. Doch hier bleibt oft fraglich, wie gut diese die eigentlich interessierenden Endpunkte repräsentieren. Auch die in RCTs idealerweise geforderte Verblindung von Studienleitern und -teilnehmern sowie der Einsatz von Placebo sind in Ernährungsstudien kaum machbar. Unter anderem aus diesen Gründen ist die Vertrauenswürdigkeit von Studienergebnissen zu Ernährungsfragen in aller Regel nur als gering bis sehr gering einzustufen – eine Bewertung, zu der das NutriRECS-Panel auch im Fall der verfügbaren RCTs und Beobachtungsstudien zum Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch kam.

Relative und absolute Risiken am Beispiel Darmkrebs

Die Vertrauenswürdigkeit von Studienergebnissen ist das eine Problem. Das andere ist die Bewertung der Effektgröße. Nehmen wir als Beispiel den oft zitierten Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Darmkrebs: Die Arbeiten in den Annals of Internal Medicine ergaben bei einer Reduktion des Fleischkonsums um drei Portionen pro Woche – relativ gesehen – ein um rund sieben Prozent geringeres Risiko für Darmkrebs – eine Größenordnung, in der auch andere Schätzungen liegen. Dabei handelt es sich allerdings um eine relative Reduzierung des Basisrisikos.

Was bedeutet das in der Praxis? Dem Krebsregister des Robert-Koch-Instituts zufolge liegt das Risiko, im Laufe des Lebens an Darmkrebs zu erkranken, in Deutschland bei etwa sechs Prozent. Eine Reduzierung dieses Basisrisikos um sieben Prozent für eine fleischreduzierte Ernährung ergibt ein neues Risiko von 5,6 Prozent im Leben an Darmkrebs zu erkranken. Oder, anschaulicher gesagt: Von 1000 Menschen erkranken normalerweise 60 irgendwann im Laufe ihres Lebens an Darmkrebs. Für die Annahme einer Reduzierung um sieben Prozent läge diese Zahl bei einer fleischreduzierten Diät bei 56, also vier weniger. Oder, nochmals anders ausgedrückt: 250 Menschen müssten dauerhaft ihre Ernährung umstellen, um einen Krebsfall zu vermeiden.

Ob das nun viel oder wenig ist, kommt ganz auf die Sichtweise an. Betrachtet man den Wert aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit, erscheint die Reduktion durchaus relevant: In Deutschland erkranken laut RKI jedes Jahr rund 60.000 Menschen an Darmkrebs. Wenn sich diese Zahl durch eine flächendeckende Reduzierung des Fleischkonsums aller 80 Millionen Deutschen um sieben Prozent reduzieren ließe, so würde dies immerhin 4.200 Krebs-Kranke weniger bedeuten – pro Jahr. Allerdings stellt das geringe Vertrauen in die Evidenzgrundlage diesen vermeintlichen Effekt in Frage – er könnte in Wahrheit sowohl größer, aber auch kleiner sein – wir wissen es einfach nicht genau.

Eine schwierige Entscheidung

Für die aktuelle NutriRECS-Studie war diese Perspektive aber ohnehin nicht entscheidend. Hier ging es von vornherein um die Entscheidung des individuellen Fleischessers. Doch ist die ungewisse Aussicht, das Darmkrebsrisiko von 6,0 Prozent auf 5,6 Prozent zu reduzieren Grund genug, um dem Durchschnittsverbraucher eine Änderung seiner Ernährungsgewohnheiten zu empfehlen? An diesem Punkt kommen die subjektiven Wertvorstellungen und Präferenzen ins Spiel, das Thema des fünften Reviews in den Annals. Sie legt nahe, dass Fleisch für viele Menschen ein wichtiger Teil ihrer subjektiven Lebensqualität ist. Die Aussichten einer Ernährungsleitlinie, an dieser Gewohnheit etwas zu ändern dürften eher gering sein, insbesondere wenn man die Unsicherheiten ehrlich und transparent kommuniziert.

Bleibt die Gretchenfrage, welche konkreten Handlungsempfehlungen man vor diesem Hintergrund formulieren soll. Der von dem NUTRIRECs-Team verwendete GRADE Evidence to Reccomendations-Ansatz sieht vier mögliche Empfehlungsstufen vor, nämlich eine starke oder schwache Empfehlung für oder gegen die untersuchte Maßnahme, in diesem Fall den Verzicht auf drei Portionen Fleisch pro Woche beziehungsweise den Beibehalt der bisherigen Gewohnheiten.

Die Mehrheit des Panels sprach sich nach ausführlicher und intensiver Diskussion für die Empfehlung zur Beibehaltung des aktuellen Fleischkonsums aus. Leider wurde diese Empfehlung in den Medien teilweise (und fälschlicherweise) so interpretiert, als hätte das NUTRIRECs-Team einen durchschnittlichen Fleischkonsum für aktiv gesundheitsförderlich erklärt oder sich gar dafür stark gemacht, mehr Fleisch zu essen. Tatsächlich kam das Gremium lediglich zu dem Schluss, dass Vertrauenswürdigkeit und Effektgröße der analysierten Evidenz in Anbetracht der Werte und Präferenzen der meisten Fleischesser nicht ausreichen, um eine Empfehlung für einen Fleischverzicht auszusprechen.

Drei Panel-Mitglieder, darunter auch ich (Joerg Meerpohl), schlossen sich dieser Empfehlung nicht an und stimmten für eine schwache Empfehlung für eine Reduktion. Meine persönlichen Gründe für diese Entscheidung sind die folgenden: (1) auch wenn es mir wichtig erscheint, die Bürger über ihre geringe individuelle Risikoreduktion aufzuklären, finde ich die vollkommene Nicht-Berücksichtigung der Public Health-Perspektive problematisch; (2) auch wenn in den Artikeln transparent beschrieben wird, dass ethische und ökologische Überlegungen keinen Eingang gefunden haben, ist ein vollständiges Loslösen einer Empfehlung von diesen Aspekten meines Erachtens nach nicht sinnvoll möglich; (3) erscheint es mir auch methodisch in Anbetracht der beiden o.g. Punkte nicht unproblematisch, auf der Basis von Evidenz mit niedriger oder sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit gängige Empfehlungen – möglicherweise vorschnell – über den Haufen zu werfen.

Was kann man nun für sich persönlich aus dieser komplexen Gemengelage mit nach Hause nehmen? Gordon Guyatt von der kanadischen McMaster-Universität, Begründer des Begriffs der evidenzbasierten Medizin und Mit-Initiator der NutriRECS-Initiative und überzeugter Pescetarier (Vegetarier, die Fisch essen) formulierte es gegenüber der New York Times so: „Bevor ich in diese systematischen Reviews involviert wurde und mir die Evidenz genau ansah, hatte ich drei Gründe, kein Fleisch zu essen – das Tierwohl, die Umwelt und die Gesundheit. Jetzt habe ich nur noch zwei Gründe, kein Fleisch zu essen.“

Text: Georg Rüschemeyer & Joerg Meerpohl

Affiliation:

Georg Rüschemeyer: Cochrane Deutschland (CDS), Freiburg

Joerg J Meerpohl: (1) Institut für Evidenz in der Medizin, Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät der Universität Freiburg (2) Cochrane Deutschland, Freiburg

Referenzen

1) Guyatt GH, Oxman AD, Vist GE, et al; GRADE Working Group.GRADE: an emerging consensus on rating quality of evidence and strength of recommendations. BMJ. 2008;336:924-6. [PMID:18436948] doi:10.1136/bmj.39489.470347.AD19.

2) Han MA, Zeraatkar D, Guyatt GH, et al. Reduction of red and processed meat intake and cancer mortality and incidence. A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326/M19-0699

3) Vernooij RWM, Zeraatkar D, Han MA, et al. Patterns of red and processed meat consumption and risk for cardiometabolic and cancer outcomes. A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10 .7326/M19-1583

4) Zeraatkar D, Johnston BC, Bartoszko J, et al. Effect of lower versus higher red meat intake on cardiometabolic and cancer outcomes. A systematic review of randomized trials. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326/M19-0622

5) Zeraatkar D, Han MA, Guyatt GH, et al. Red and processed meat consumption and risk for all-cause mortality and cardiometabolic outcomes. A systematic review and meta-analysis of cohort studies. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326 /M19-0655

6) Valli C, Rabassa M, Johnston BC, et al. Health-related values and preferences regarding meat consumption. A mixed-methods systematic review. Ann Intern Med. 1 October 2019 [Epub ahead of print]. doi:10.7326/M19-1326

7) Alonso-Coello P, Oxman AD, Moberg J, et al; GRADE Working Group. GRADE Evidence to Decision (EtD) frameworks: a systematic and transparent approach to making well informed healthcare choices. 2: Clinical practice guidelines. BMJ. 2016;353:i2089. [PMID: 27365494] doi:10.1136/bmj.i2089

Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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