Rapid Review: Videoanrufe zur Reduzierung sozialer Isolation und Einsamkeit bei älteren Menschen

Um die Ausbreitung von COVID-19 zu verlangsamen, herrschen in vielen Ländern Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote. Für Risikogruppen, zu denen auch ältere Menschen gehören, gelten oftmals besonders strenge Regeln, sodass ein Besuch vielerorts nicht möglich ist. Können Videoanrufe dazu beitragen, dass sich Oma weniger einsam fühlt? Können sie Symptome von Depressionen bei älteren Menschen lindern und vielleicht sogar die Lebensqualität verbessern? Ziel dieses Reviews war es, die wissenschaftliche Evidenz aus Studien zu diesen Fragen zusammenzufassen.

Aufgrund der raschen Ausbreitung von COVID-19 hielten die Autoren des Reviews es für wichtig, diese Fragen zügig beantworten. Daher haben sie die üblichen Schritte zur Erstellung eines Reviews verkürzt und stellen ihre Ergebnisse nun in Form eines sogenannten Rapid Review zur Verfügung. Solche Rapid Reviews folgen einem zwar beschleunigten, aber deshalb nicht minder systematischen Verfahren, das bei besonders dringlichen Fragestellungen die bestmögliche Balance zwischen Geschwindigkeit und methodischer Genauigkeit sicherstellen soll.

Die Autoren des Reviews suchten nach Studien, in denen ältere Menschen zufällig einer Gruppe mit Videoanrufen, einer Gruppe mit einer anderen Methode, um in Kontakt zu bleiben, oder einer Kontrollgruppe mit keiner speziellen Methode zugeteilt wurden. „Ältere Menschen“ bedeutete in diesem Fall ein Alter von mehr als 65 Jahre. Videoanrufe wurden mithilfe von Computern, Tablets oder Handys über das Internet durchgeführt. Einsamkeit, depressive Symptome und Lebensqualität wurden mithilfe von Fragebögen gemessen.

Die Autoren fassten die Ergebnisse aus drei verschiedenen Studien mit insgesamt 201 Teilnehmern zusammen. Sie verglichen die Ergebnisse von Menschen unter normalen Pflegebedingungen mit oder ohne Videoanrufe. Alle drei Studien fanden zwischen 2010 und 2020 in Pflegeeinrichtungen in Taiwan statt.

Die Ergebnisse der Studien deuteten darauf hin, dass Videoanrufe nur eine geringe bis keine Wirkung auf die Einsamkeit nach drei, sechs oder zwölf Monaten haben. Auch bei der Verringerung von Symptomen einer Depression war lediglich ein kleiner Unterschied bis kein Unterschied zu verzeichnen; dasselbe gilt für einen Einfluss von Videoanrufen auf die Lebensqualität der älteren Menschen.

Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz war eingeschränkt, weil die Studien nur wenige Teilnehmer hatten und unzuverlässige oder unvollständig beschriebene Methoden verwendeten. Dazu kommt, dass alle Studienteilnehmer in einer Pflegeeinrichtung wohnten. Die Ergebnisse sind möglicherweise nicht zu übertragen auf ältere Menschen, die in ihrem eigenen Zuhause wohnen. Außerdem haben sich möglicherweise manche der Studienteilnehmer gar nicht einsam gefühlt.

Auf Grundlage der aktuell vorliegenden Evidenz lässt es sich nicht sagen, ob Videoanrufe die Einsamkeit bei älteren Menschen verringern. Dazu fehlt es an größeren Studien mit verlässlichen Methoden, die ihren Schwerpunkt auf ältere Menschen legen, die von Einsamkeit oder sozialer Isolation betroffen sind.


Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.