E-Zigaretten, sogenannte Vapes, liegen bei Jugendlichen im Trend – obwohl sie laut Gesetz nur an Volljährige verkauft werden dürfen und teils gesundheitliche Risiken drohen. Ein jetzt aktualisierter Cochrane Review hat untersucht: Wie bringt man Jugendliche dazu, erst gar nicht zur E-Zigarette zu greifen bzw. den Konsum wieder zu beenden? Sein Ergebnis, kurz zusammengefasst: Jugendliche, die regelmäßig individualisierte Textnachrichten aufs Handy etwa zu den Risiken des Vapens bekommen, beenden ihren Konsum wahrscheinlich häufiger als Jugendliche, bei denen lediglich einmal pro Monat per Textnachricht der Konsum abgefragt wird oder die auf einer Warteliste stehen.
Der Review zeigt auch: Zur Wirksamkeit von speziellen schulischen Präventionsprogrammen lässt sich derzeit wegen einer zu dünnen Datenbasis bzw. methodischer Einschränkungen der Studien keine verlässliche Aussage treffen.
E-Zigaretten werden kritisch betrachtet, weil in ihren Aerosolen toxische Stoffe wie Formaldehyd, Acrolein und Acrylamid sowie Schwermetalle wie Chrom, Blei und Nickel nachgewiesen wurden. Zudem sind einige der verwendeten Aromen beim Einatmen toxisch.
Die Autor*innen – Forscher*innen um Courtney Barnes von der „University of Newcastle“ in Australien – haben erstmals drei randomisiert kontrollierte Studien (RCTs) mit insgesamt gut 10.000 Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren in ihren Review eingeschlossen. Er ist als „Living Systematic Review“ angelegt. Das heißt, die Autor*innen suchen künftig jeden Monat nach neuer Evidenz und aktualisieren den Review, sobald relevante neue Studien verfügbar sind. Die erste Version hatten die Autor*innen 2023 vorgelegt.
Moderate Evidenz bei personalisierten Textnachrichten
Eine der drei Studien mit 1.064 Teilnehmenden in den USA prüfte die Wirksamkeit eines speziellen Angebots, das Jugendlichen helfen sollte, mit dem Vapen wieder aufzuhören. Dabei bekamen die Jugendlichen bis zu 14 Wochen lang individualisierte Textnachrichten auf das Handy geschickt. Darin ging es beispielsweise um Hinweise zur Nikotinersatztherapie und Unterstützung bei seelischen Belastungen. Die Jugendlichen in der Kontrollgruppe bekamen nur einmal pro Monat Textnachrichten, in denen sie gebeten wurden, ihren E-Zigaretten-Konsum zu berichten, bzw. standen ohne Intervention auf einer Warteliste für die Studienteilnahme.
45 % der Jugendlichen, die regelmäßig Textnachrichten bekamen, berichteten nach sieben Monaten, weiterhin zu vapen. In der Vergleichs- bzw. Wartelistenkontrollgruppe waren es knapp 62 %. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Evidenz bewerteten die Autor*innen als moderat.
Schulische Präventionsprogramme mit altersgerechten Infos zum Vapen und Selbstbehauptung
Bei den beiden anderen in den Review eingeschlossenen Studien mit insgesamt 8.830 Teilnehmenden ging es nicht um Hilfen zum Ausstieg aus dem Vapen, sondern um spezielle schulische Präventionsprogramme: Die jugendlichen Teilnehmer*innen einer Studie in Schweden vereinbarten schriftlich mit einem Erwachsenen, nicht mit dem Rauchen bzw. dem Dampfen anzufangen. Zudem nahmen sie im ersten Jahr der Studie ebenso wie ihre Eltern an einer Info-Veranstaltung zum Thema teil. Um die Jugendlichen für die Teilnahme zu motivieren, gab es Belohnungen, bspw. Gutscheine für Freizeitaktivitäten. Drei Jahre lang bekamen sie außerdem jeweils an vier Terminen im Unterricht altersgerecht Informationen zu Vapes und herkömmlichen Zigaretten vermittelt. Auch die Jugendlichen in der Vergleichsgruppe nahmen an diesen Unterrichtseinheiten teil; die anderen Maßnahmen gab es für sie aber nicht.
Bei der zweiten Studie bekamen Jugendliche in Australien vier Unterrichtseinheiten zu E-Zigaretten und Tabak. Dabei wurden ihnen u.a. Strategien vermittelt, wie sie eine angebotene E-Zigarette selbstbewusst ablehnen. Die Vergleichsgruppe erhielt den üblichen Gesundheitsunterricht, in dem E-Zigaretten und Tabak an vielen Schulen ebenfalls behandelt wurden. Es handelte sich um ein kurzes Vier-Wochen-Programm mit späterer Nachbeobachtung über ein Jahr.
Datenlage reicht nicht aus für zuverlässige Aussagen
In der gepoolten Auswertung der beiden Studien zeigt sich: Innerhalb von einem bis anderthalb Jahren probierten 30,7 % der Jugendlichen, die an einem schulischen Präventionsprogramm teilnahmen, E-Zigaretten aus. Ohne spezielles schulisches Präventionsprogramm waren es 32,6 %. Die Autor*innen des Reviews bewerten die Vertrauenswürdigkeit dieses Ergebnisses allerdings als sehr niedrig. Das hängt damit zusammen, dass die beiden Studien methodische Einschränkungen aufwiesen, ihre Ergebnisse sich nur eingeschränkt auf andere Programme übertragen lassen und die Ergebnisse zu ungenau waren, um die Größe des möglichen Effekts verlässlich einzuschätzen. Deshalb lässt sich bisher nicht zuverlässig sagen, ob diese speziellen schulischen Präventionsprogramme junge Menschen davon abhalten, zu E-Zigaretten zu greifen.
Keine der drei Studien lieferte belastbare Daten dazu, ob die untersuchten Programme unerwünschte Effekte auf Jugendliche oder auf die durchführenden Organisationen hatten.
Living Systematic Review: monatliche Updates bei neuer Evidenz
„Angesichts der bereits bekannten Gesundheitsrisiken, die vom Vapen ausgehen, und mit Blick auf die ungeklärte Toxizität etlicher Aerosolbestandteile muss ich sagen: Dieser Review widmet sich einer wirklich wichtigen und aktuellen Frage der Kinder- und Jugendgesundheit“, so Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland und Kinderarzt, der selbst nicht an der Erstellung der Übersichtsarbeit beteiligt war. „Allerdings ist die Evidenzbasis des Reviews mit nur drei eingeschlossenen randomisiert kontrollierten Studien im Moment leider noch sehr begrenzt. Die Autor*innen betonen das selbst – und ich schließe mich ihrer Einschätzung an: Wir sollten die Ergebnisse dieser Übersichtsarbeit darum entsprechend vorsichtig interpretieren.“ Für belastbare Aussagen brauche es weitere Forschungsergebnisse, so Meerpohl. „Aber die gute Nachricht ist: Es laufen im Moment bereits 30 weitere Studien, die sich damit beschäftigen, wie man Kinder und Jugendliche vom Vapen abhalten kann. Zudem haben die Review-Autor*innen fünf schon veröffentlichte Studien gefunden und prüfen sie gerade. Sie könnten in ein nächstes Update dieses Living Systematic Reviews einfließen. Sprich: Die Evidenzgrundlage dürfte sich in nicht allzu ferner Zukunft weiter verbessern – und wir bekommen dann wahrscheinlich mehr Gewissheit bei dieser wichtigen Frage.“
Zum Hintergrund:
Laut dem aktuellen Tabakatlas der Deutschen Krebshilfe und des Deutschen Krebsforschungszentrums hatten im Jahr 2023 19,3 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in ihrem Leben schon einmal gevapet – und fast acht Prozent hatten in den letzten 30 Tagen eine E-Zigarette konsumiert.
Die oft bunten, teils mit Bildschirmen und Gaming-Funktion ausgestatteten kleinen Handgeräte verbrennen keinen Tabak, sondern verdampfen mit Hilfe eines akkubetriebenen Heizelements so genannte Liquids. Das sind Flüssigkeiten, die im Wesentlichen aus Glyzerin und Propylenglykol bestehen, zudem aber auch unter anderem Aromen sowie teils Nikotin und Verunreinigungen enthalten. Das beim Verdampfen erzeugte Aerosol wird über ein Mundstück eingeatmet.
Manche Liquid-Aromen sind erwiesenermaßen schädlich, wenn man sie inhaliert. Für die meisten Aromen gibt es bislang keinerlei toxikologische Daten zur Wirkung bei Inhalation. Ob und welche gesundheitlichen Risiken von ihnen ausgehen, ist also weitgehend unklar.
Das in vielen E-Zigaretten enthaltene Nikotin kann die Entwicklung des jugendlichen Gehirns beeinträchtigen. Dem Tabakatlas zufolge wird zudem das ohnehin hohe Abhängigkeitspotential von Nikotin noch größer, je jünger ein Mensch beim Einstieg in den Konsum ist.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat wiederholt vor den Gesundheitsgefahren gewarnt, die von E-Zigaretten ausgehen, und fordert Verkaufsverbote für Kinder sowie strenge Kontrollen, um das Risiko zu verringern, dass Heranwachsende doch an E-Zigaretten gelangen.
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Zur deutschen Kurzzusammenfassung des Reviews