Das internationale Cochrane Netzwerk wächst weiter – und die Cochrane Deutschland Stiftung wirkt daran aktiv mit: Im September wurde Cochrane Ukraine offiziell als neue geografische Gruppe gegründet. Das Team vor Ort will unter anderem dazu beitragen, dass Menschen, die bei der Invasion Russlands in der Ukraine verletzt wurden, in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen auf Basis des besten verfügbaren Wissensstands versorgt werden.
Mitarbeiter*innen der Cochrane Deutschland Stiftung übernehmen beim Aufbau und bei der Weiterentwicklung der ukrainischen Gruppe eine Mentor-Funktion. „Wir freuen uns sehr, dass wir uns auf diese Weise einbringen und das Team in der Ukraine begleiten und beraten können“, sagt Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Vorstand der Cochrane Deutschland Stiftung. „Wir sind seit fast 30 Jahren als Cochrane-Gruppe in Deutschland aktiv. In dieser Zeit haben wir viel Erfahrung in der Zusammenarbeit innerhalb des internationalen Netzwerks gesammelt und schon einige geographische Gruppen in der Anfangsphase begleitet. Wir teilen diese Expertise nun gerne mit den Kolleg*innen in der Ukraine, um sie beim Aufbau ihrer nationalen Cochrane-Gruppe zu unterstützen und damit die gesundheitliche Versorgung und Genesung von Kriegsversehrten zu verbessern.“
Großes Interesse an Methoden-Schulung in englischer Sprache
Das erste gemeinsame Projekt werde ein mehrtägiges Webinar in englischer Sprache sein, bei dem Mitarbeiter der Cochrane Deutschland Stiftung ihr Fachwissen weitergäben, erläutert Claudia Breuer, stellvertretende Direktorin von Cochrane Deutschland: „Schon Ende Oktober schulen wir Gesundheitsfachpersonen und Forschende in der Ukraine darin, wie sie hochwertige Evidenzsynthesen erstellen. Das soll perspektivisch helfen, medizinische Fragestellungen, die in der Ukraine hohe Relevanz haben, systematisch und evidenzbasiert zu beantworten.“ Das Angebot trifft auf großes Interesse: Bislang sind über 200 Anmeldungen eingegangen.
Ukrainische Forschende mit der Cochrane-Methodik vertraut zu machen und sie dann stärker an der Erstellung systematischer Reviews zu beteiligen – genau das seien zentrale Aufgaben in der aktuellen Aufbauphase der neuen Cochrane-Gruppe, sagt Prof. Kateryna Tymruk-Skoropad, Direktorin von Cochrane Ukraine. Dafür setze das Team auf Schulungen, Anleitung durch erfahrene Expert*innen und strategische Partnerschaften mit internationalen Teams – wie eben in der Zusammenarbeit mit der Cochrane Deutschland Stiftung. Parallel dazu werden vorrangige Themen für die ersten Evidenzsynthesen ermittelt. Sie orientieren sich an den Fragen, die von ukrainischen Klinikern und Gesundheitsbehörden am dringlichsten gestellt werden. Das Gesundheitssystem in der Ukraine wird derzeit neu aufgebaut, und die dabei festgelegten Standards werden die Versorgung über Jahrzehnte hinweg prägen. Langfristig sollen Evidenzsynthesen in Zusammenarbeit mit Universitäten, Fachgesellschaften und nationalen Gesundheitsbehörden zu einem festen Bestandteil bei der Entwicklung klinischer Leitlinien in der Ukraine werden.
Cochrane Ukraine will Kliniker*innen, Reha-Teams und Entscheidungsträger*innen mit hochwertiger Evidenz unterstützen
Cochrane Ukraine versteht sich als eine Brücke zwischen der ukrainischen Fachwelt und dem globalen Cochrane-Netzwerk: Grundsätzliches Ziel der neuen Gruppe sei es, verlässliches Forschungswissen vor Ort besser verfügbar und nutzbar zu machen, erläutert Tymruk-Skoropad. Zudem wolle man erreichen, dass diese Evidenz zum festen Standard in der Versorgung und bei gesundheitspolitischen Entscheidungen werde. Zwar hat die Versorgung der Kriegsverletzten oberste Priorität, doch erstreckt sich das Aufgabengebiet der Gruppe auf das gesamte Spektrum der gesundheitspolitischen Herausforderungen in der Ukraine. Diese Arbeit soll bei der Angleichung der Ukraine an die gesundheitspolitischen Standards in Europa helfen, wo eine evidenzbasierte Entscheidungsfindung eine Kernanforderung ist.
„Cochrane Ukraine kann dazu beitragen, Menschen, die im Krieg verwundet wurden, besser zu versorgen, indem wir Kliniker*innen, Reha-Teams und Entscheidungsträger*innen dabei unterstützen, die beste verfügbare Evidenz auch unter dringlichen und komplexen Bedingungen zu nutzen“, sagt Prof. Juliia Pavlova, Co-Direktorin von Cochrane Ukraine. Dafür soll internationale Evidenz an den Kriegskontext angepasst und in verständlicher Form verbreitet werden. Gleichzeitig bringt Cochrane Ukraine etwas in das Netzwerk ein, das es sonst nirgendwo gibt: Erkenntnisse, die mitten in einem andauernden Krieg gewonnen werden, und Forschungsfragen, die nur ein Gesundheitssystem unter solchen Bedingungen aufwerfen kann. Solche Fragen sind weit über die Ukraine hinaus relevant – für jedes Land, das sich auf eine Krise vorbereitet oder gerade eine durchlebt.
Förderung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die Cochrane Deutschland Stiftung habe beim Aufbau von Cochrane Ukraine eine entscheidende Rolle gespielt, sagt Kateryna Tymruk-Skoropad. „Von Beginn an hat Cochrane Deutschland echte Solidarität, Vertrauen und Offenheit gezeigt.“ Vor allem das diesjährige Treffen der geografischen Cochrane-Gruppen in Freiburg, das die Cochrane Deutschland Stiftung ausgerichtet hat, habe die internationale Sichtbarkeit von Cochrane Ukraine deutlich erhöht und die Einbindung der neuen Gruppe in die Cochrane-Gemeinschaft vertieft, so Tymruk-Skoropad. „Auch zukünftig ist das Mentoring durch unsere deutschen Kolleg*innen von entscheidender Bedeutung, um unsere langfristige Strategie zu entwickeln und ukrainische Forschende anzuleiten."
Cochrane Ukraine ist an der „Health Sciences Research Foundation“ angesiedelt – einer unabhängigen Organisation, die daran arbeitet, die Evidenzbasis für die Gesundheitspolitik und -praxis in der Ukraine durch Forschung, Evidenzsynthese und Beratung zu stärken. Die Gründung und weitere Entwicklung von Cochrane Ukraine werden vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Rahmen des BRIDGE-Projekts gefördert und durch das Förderprogramm „Klinikpartnerschaften“ der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ Ukraine) unterstützt. Das Projekt wird neben der Health Sciences Research Foundation auch vom Deutsch-Ukrainischen Forum e.V., der gemeinnützigen Stiftung „Protez Hub“, die Menschen nach Amputationen durch Beratung und Hilfsmittel unterstützt und medizinisches Personal ausbildet, und der gemeinnützigen Stiftung „Patienten der Ukraine“ umgesetzt.
Foto: Schwerer/Cochrane Deutschland Stiftung