Jodsupplementierung zur Vorbeugung von Jodmangelerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

Erwachsene Händer, die Kinderhände halten, in denen ein Papierausschnitt in der Form einer Schilddrüse liegt. Foto: Ekaterina / adobestock.com

Ein neuer Cochrane Review zeigt: Bei mildem Jodmangelrisiko verbessert eine Jodsupplementierung bei Kindern die kognitive Funktion geringfügig. Wahrscheinlich verringert eine einmalige hochdosierte Jodgabe bei Kindern in deutlich joddefizitären Regionen auch das Risiko für eine Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) und für eine Struma (Vergrößerung der Schilddrüse). In Regionen mit hoher Säuglingssterblichkeit und ausgeprägtem Jodmangel sinkt die Mortalität bei Säuglingen bis zum Alter von sechs Monaten wahrscheinlich deutlich, wenn sie in den ersten Lebenswochen eine Hochdosis jodiertes Öl erhalten. Über Risiken einer Supplementierung lässt die Evidenz keine verlässliche Aussage zu.

Die WHO empfiehlt die Jodierung von Speisesalz als zentrale Strategie zur Vorbeugung eines Jodmangels. Bislang ist jedoch weniger klar, ob eine direkte Jodsupplementierung bei Kindern und Jugendlichen mit erhöhtem Jodmangelrisiko einen gesundheitlichen Nutzen hat und welche Risiken damit verbunden sein könnten. Jod ist als Bestandteil der Schilddrüsenhormone für das Wachstum und die Entwicklung des zentralen Nervensystems unentbehrlich. Kinder und Jugendliche reagieren daher besonders empfindlich auf eine unzureichende Versorgung.

Jodgabe in Regionen mit ausgeprägtem Jodmangel

Das internationale Forscher:innenteam um die Erstautorin Ines Velasco vom Universitätsklinikum Germans Trias i Pujol in Barcelona konnte durch ihre systematische Literatursuche acht randomisierte kontrollierte Studien zur Jodsupplementierung bei Kindern und Jugendlichen mit insgesamt 2528 Teilnehmenden identifizieren. Die Studien wurden zwischen 1982 und 2009 in sieben Ländern (Malawi, Albanien, Bangladesch, Kolumbien, Indonesien, Neuseeland und Tansania) durchgeführt. Die Foscher:innen untersuchten dabei hauptsächlich Regionen mit ausgeprägtem Jodmangel und prüften die Auswirkungen einer einmaligen Hochdosis jodiertes Öl.

Dort senkte eine Jodgabe wahrscheinlich deutlich das Risiko einer Schilddrüsenunterfunktion; in einer Region mit hoher Säuglingssterblichkeit starben Kinder nach einer einmaligen Hochdosis in den ersten Lebenswochen bis zum Alter von sechs Monaten wahrscheinlich seltener (jeweils eine Studie, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: moderat).

Zur Kropfbildung (Vergrößerung der Schilddrüse, Struma) hingegen war die Evidenz auf Basis von zwei Studien sehr unsicher; klammert man eine Studie mit hohem Verzerrungsrisiko aus, deutet die verbleibende Studie auf eine deutliche Verringerung für eine Struma hin (1 Studie, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: moderat). Das Körpergewicht wird von einer Jodgabe möglicherweise nicht beeinflusst (3 Studien, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: niedrig). 

Geringfügige Auswirkungen auf kognitive Leistung

Eine Ausnahme, was die Dosierung und das Ausmaß des Jodmangelrisikos betrifft, stellt eine Studie aus Neuseeland dar. In dieser Studie erhielten Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren mit mildem Jodmangelrisiko eine tägliche Dosis von 150 µg Kaliumiodat über die Dauer von 28 Wochen. Das Ergebnis: Die Jodgabe verbesserte im Vergleich zu einer Plazebogabe die kognitive Leistung geringfügig (SMD 0,19; 95%-KI 0,04 bis 0,34; 166 Kinder; Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: hoch). Erfasst wurden unter anderem das Arbeitsgedächtnis, die Verarbeitungsgeschwindigkeit und schlussfolgerndes Denken.

Unerwünschte Wirkungen wie jodinduzierte Hyperthyreosen wurden kaum systematisch erfasst. Wie sicher die Supplementierung ist, lässt sich daher aufgrund der Datenlage nicht sagen. Diese Unsicherheit ist besonders relevant, da auch eine übermäßige Jodzufuhr Schilddrüsenfunktionsstörungen verursachen kann.

Der Review erinnert daran, dass die ausreichende Jodversorgung im Kindes- und Jugendalter für eine gesunde Entwicklung wichtig ist.

 

Hintergrund:

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist auch in Deutschland die Jodversorgung nicht optimal und inzwischen sogar wieder rückläufig: Rund 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen nehmen hierzulande weniger Jod auf, als dem von der Weltgesundheitsorganisation geschätzten mittleren Bedarf entspricht; Deutschland gilt heute als Gebiet mit mildem Jodmangel.

Dazu tragen mehrere Entwicklungen bei: Nur noch knapp 30 Prozent der verarbeiteten und industriell hergestellten Lebensmittel enthalten Jodsalz. Bei Brot und Backwaren liegt der Anteil sogar bei unter 10 Prozent. Beliebte Speisesalze wie Meer- oder Himalayasalz oder Fleu de Sel enthalten von Natur aus kaum Jod. Während Milch und Milchprodukte als gute natürliche Jodquelle gelten, tragen pflanzliche Milchersatzprodukte ohne zusätzliche Jodanreicherung kaum zur Jodversorgung bei.

 

Hier geht es zur deutschen Kurzzusammenfassung des Reviews.

Und hier zum Volltext des Reviews in der Cochrane Library.

Foto: Ekaterina / adobestock.com