Blut abnehmen bei Neugeborenen: Tut’s mit Zuckerlösung weniger weh?

Fuß eines Babys, bereit zur Blutabnahme

Gibt man Neugeborenen eine winzige Menge Zuckerlösung – so genannte Saccharose - in den Mund, leiden sie wahrscheinlich weniger, wenn ihnen Blut abgenommen wird. Das zeigt ein neuer Cochrane Review von überwiegend kanadischen Forschenden, der 29 Studien mit mehr als 2.700 Früh- und Reifgeborenen ausgewertet hat. Die untersuchte Methode ist einfach und kostengünstig anwendbar.

„Die Evidenz zeigt: Eine kleine Menge Saccharose, die kurz vor dem Eingriff verabreicht wird, ist eine einfache, schnelle und wirksame Methode, um Schmerzen zu verringern“, so Mariana Bueno von der Universität Toronto, die Erstautorin des Reviews. „Unser Review hilft Kliniker*innen, diese Evidenz sicherer und konsequenter in der Praxis anzuwenden.“

Die 29 Studien, die dem neuen Cochrane Review insgesamt zugrunde liegen, verglichen Saccharose – also eine Zuckerlösung aus gewöhnlichem Haushaltszucker, aufgelöst in Wasser – mit verschiedenen anderen Methoden der Schmerzlinderung. Der Cochrane Review hat die verschiedenen Teilresultate der Studien mit speziellen Methoden zusammengefasst und kommt dabei zu folgenden Ergebnissen:

  • Im Vergleich zu keiner Behandlung, Wasser oder Standardversorgung reduziert die Zuckerlösung den Schmerz während und unmittelbar nach der Blutentnahme wahrscheinlich deutlich. Auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 sanken die Werte durchschnittlich um rund 2 Punkte. (sieben Studien, 477 Neugeborene; Vertrauenswürdigkeit dieses Teil-Ergebnisses nach dem GRADE-System: moderat für die Messung während des Nadelstichs und 30 Sekunden danach)
  • Ein direkter Hautkontakt zwischen Mutter und Kind kann Schmerzen lindern. Im Vergleich dazu macht die Zuckerlösung beim Schmerz während der Blutentnahme für das Neugeborene möglicherweise kaum einen oder keinen Unterschied. (zwei Studien, 208 Neugeborene; Vertrauenswürdigkeit nach dem GRADE-System: niedrig)
  • Stillen kann Schmerzen beim Neugeborenen ebenfalls verringern. Im Vergleich zum Stillen lindert die Zuckerlösung den Schmerz unmittelbar während der Blutentnahme – also beim eigentlichen Pieks – wahrscheinlich stärker. Zwei Minuten nach dem Eingriff ist der Unterschied zwischen beiden Methoden möglicherweise gering. (je 1 Studie mit 103 bzw.104 Neugeborenen; Vertrauenswürdigkeit nach dem GRADE-System: moderat bzw. niedrig)
  • Gibt man einem Neugeborenen zugleich Zuckerlösung und Schnuller, reduziert das den Schmerz während und nach der Blutentnahme im Vergleich zu ausschließlichem Schnullersaugen wahrscheinlich stärker. (2 Studien, 136 Neugeborene; Vertrauenswürdigkeit nach dem GRADE-System: moderat)

Vier der Studien, die der aktuelle Review eingeschlossen hat, haben dezidiert nach Nebenwirkungen gesucht. Keine davon berichtete von unmittelbaren Nebenwirkungen wie Würgereiz oder Atemaussetzern nach der Gabe der Zuckerlösung.

„Zuckerlösung, Schnuller, Stillen und Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind schließen sich nicht gegenseitig aus – sie bilden ein Set einfacher und sicherer Methoden, die sich ergänzen und kombiniert eingesetzt werden können. Allerdings ist nicht immer jede Methode verfügbar: Stillen und Haut-zu-Haut-Kontakt sind nicht in jeder klinischen Situation möglich. Die Zuckerlösung hingegen kann nahezu immer und überall gegeben werden – und für ihren Einsatz bei Blutentnahmen haben wir mit diesem Review nun relativ gute Evidenz."

Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland.

Die Review-Autor*innen betonen, dass Saccharose gezielt bei schmerzhaften Eingriffen eingesetzt werden solle – und nicht routinemäßig, um ein weinendes Baby zu beruhigen.

In den ausgewerteten Studien wurde die Zuckerlösung auf drei Arten gegeben: per Spritze direkt in den Mund, per Tropfer oder über einen mit der Lösung benetzten Schnuller. Die Konzentration betrug meist 24 Prozent, die Menge lag zwischen 0,1 und 2 ml. Die verschiedenen Verabreichungswege wurden nicht direkt miteinander verglichen.

Zum Hintergrund
Bei Frühgeborenen und kranken Neugeborenen auf neonatologischen Intensivstationen sind täglich eine Vielzahl schmerzhafter Eingriffe notwendig. Blutentnahmen gehören dabei zu den häufigsten Prozeduren. Wiederholter, unbehandelter Schmerz in der frühen Lebensphase kann die Gehirnentwicklung beeinträchtigen und das körperliche Wachstum stören. Trotzdem fehlt es im klinischen Alltag oft an systematischer Schmerzbehandlung.
Saccharose gilt seit Jahrzehnten als eine etablierte nicht-medikamentöse Schmerzintervention bei Neugeborenen und ist in mehreren internationalen Leitlinien empfohlen. Obwohl die Methode kostengünstig und einfach anzuwenden ist, bleibt ihre klinische Umsetzung uneinheitlich – unter anderem, weil einheitliche Standards für Dosierung und Verabreichungsform bislang fehlen.

Originalpublikation:
„Sucrose analgesia for venepuncture in neonates”, hier abrufbar:

https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD015221.pub2