Sind oral oder intravenös verabreichte Kortikosteroide eine wirksame Behandlung gegen COVID-19?

Kortikosteroide sind eine Klasse von entzündungshemmenden Medikamenten. Bei COVID-19 sollen sie die oft überschießende Reaktion des Immunsystems auf das Virus abmildern. Aber wie wirksam sind sie in der Praxis? Ein neuer Cochrane Review wertet die vorhandene Evidenz aus.

Kernaussagen des Reviews

  • Oral oder intravenös verabreichte Kortikosteroide bewirken bei Menschen, die mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, wahrscheinlich eine geringe Reduzierung der Sterblichkeit. 
  • Die Autor*innen können auf Basis der Evidenz nicht beurteilen, welche Kortikosteroide am effektivsten sind und ob sie auch unerwünschte Wirkungen verursachen.
  • Zu Menschen ohne Symptome oder mit leichter COVID-19, die nicht ins Krankenhaus eingeliefert wurden lagen zum Stichtag des Reviews (Stand 16.April 2021) keine Studienergebnisse vor.
  • Die Autor*innen fanden 42 laufende Studien und 16 abgeschlossene Studien, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht wurden. Sie werden diese Übersichtsarbeit aktualisieren, sobald neue Ergebnisse vorliegen. 

Der Review im Detail

Kortikosteroide sollen bei COVID-19 eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf SARS-CoV-2 abmildern, welche für die schweren Verlaufsformen von COVID-19 verantwortlich gemacht wird. Im Spätsommer 2020 gaben vorläufige Ergebnisse aus der RECOVERY-Studienplattform Hinweise auf einen Überlebensvorteil für schwerer erkrankte Patient*innen.

Seitdem werden Kortikosteroide, unter ihnen Dexamethason, in verschiedenen Leitlinien weltweit empfohlen. Nun hat ein Autor*innenteam des vom Bund über das Netzwerk Universitätsmedizin finanzierten Projekts CEOsys den erste Lebenden Systematische Review erstellt, der den hohen qualitativen Standards von Cochrane entspricht. Dabei wurden alle bisher verfügbaren randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) einer aufwändigen Qualitätskontrolle unterzogen, die Ergebnisse der Studien zusammengefasst und teils in Meta-Analysen ausgewertet.

Geringere Sterblichkeit durch Kortikosteroide

Das Ergebnis: Steroide haben wahrscheinlich einen positiven, wenn auch nur geringen Einfluss auf die Sterblichkeit in den ersten vier Wochen der Erkrankung. Konkret: Während in dieser Zeit in der Kontrollgruppe (Placebo bzw. Standardversorgung) 275 von 1000 Patient*innen mit schwerer COVID-19  verstarben, lag diese Zahl bei Patient*innen, die mit Kortikosteroiden behandelt wurden bei 245 von 1000, es gab also 30 Todesfälle weniger. Dieses Ergebnis des Reviews beruht auf Evidenz aus 9 RCTs mit fast 8000 Patient*innen. Seine Vertrauenswürdigkeit wurde von den Autor*innen als moderat eingestuft, der zweithöchsten von vier Stufen im System von GRADE.

„Oral oder intravenös verabreichte Kortikosteroide bringen wahrscheinlich einen kleinen Vorteil in der Behandlung von hospitalisierten Patienten mit sich. Allerdings können wir auf Basis der vorliegenden Evidenz nicht beurteilen, ob sie in der Behandlung von COVID-19 auch unerwünschte Effekte haben“, kommentieren die beiden Hauptautor*innen Mirko Griesel und Carina Wagner.

Limitationen der Evidenz

Das Autor*innenteam stellt zudem fest, dass Daten aus RCTs fehlen, die den Krankheitsverlauf über die ersten vier Wochen hinaus untersuchen. Auch für Patient*innen, die bei zunächst milder Erkrankung nicht im Krankenhaus behandelt werden, fehlen Studienergebnisse zu den Effekten einer Kortikosteroidgabe.

Zitatkasten mit Portraitfotos von Mirko Griesel und Carina Wagner

Das Autor*innenteam durchsuchte gezielt Studienregister nach geplanten und begonnenen RCTs, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlich wurden. Dabei wurden mehr als 50 Studien identifiziert, deren Ergebnisse zusätzliche Erkenntnisse bringen könnten. Sobald es neue Veröffentlichungen gibt, welche die aktuellen Ergebnisse oder deren Verlässlichkeit ändern, plant das Team eine Aktualisierung des Lebenden Systematischen Reviews.


Zum Review Systemic corticosteroids for the treatment of COVID‐19


Anmerkung: Im Sinne einer genderneutralen Sprache nutzen wir neuerdings den Genderstern (wie in Leiter*in). Für ältere Texte gilt weiterhin: Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.