Sind Medikamente, die Interleukin-6 blockieren, wirksam gegen COVID-19?

Dieser aktuelle Cochrane Review untersucht die Auswirkungen einer Blockade des an Immunreaktionen beteiligten Proteins Interleukin-6 auf Menschen mit COVID-19. Für das Medikament Tocilizumab fand er eine leichte Reduzierung der Todesfälle innerhalb von 28 Tagen nach der Behandlung. Es führt wahrscheinlich zu weniger schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen als die Behandlung mit einem Placebo. Studien zu anderen Medikamenten, die Interleukin-6 zur Behandlung von COVID-19 blockieren, sind im Gange. Die Autoren werden den Review aktualisieren, sobald Ergebnisse aus diesen Studien vorliegen.

Auf der Suche nach einer wirksamen Behandlung für COVID-19 werden zahlreiche Medikamente getestet, die derzeit zur Behandlung anderer Krankheiten eingesetzt werden. Ein Ansatz ist die Blockierung von Interleukin 6, einem Eiweißbotenstoff, der an der Regulierung des Immunsystems beteiligt ist.
In einer Immunreaktion erkennt der Körper schädliche Substanzen wie Viren und setzt sich dagegen zur Wehr. COVID-19 kann das Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringen, so dass es überreagiert. Nicht das Virus selbst, sondern die überschießende Entzündungsreaktion wird dadurch zur eigentlichen Gefahr für die Patienten. Das Protein Interleukin-6 (IL-6) ist einer der Botenstoffe des Körpers, die diese Reaktionen steuern. Ihn zu blockieren könnte die Entzündung theoretisch reduzieren und dem Immunsystem helfen, COVID-19 effektiver zu bekämpfen.

Interleukin

Ein Interleukin (rot) bindet an seinen Rezeptor (blau) auf der Membran einer Zelle. Solche Rezeptoren für IL-6 werden durch Tocilizumab blockiert.

Was war das Ziel dieses Cochrane-Reviews?

Tocilizumab und Sarilumab sind zwei Medikamente auf Basis von Antikörpern, die die Wirkung von Interleukin-6 hemmen, indem sie an Immunzellen den Rezeptor für den Botenstoff blockieren. Sie werden zur Behandlung anderer Erkrankungen eingesetzt, bei denen das Immunsystem überreagiert, wie zum Beispiel bei rheumatoider Arthritis. Wir wollten herausfinden, ob diese Medikamente auch zur Behandlung von COVID-19 eingesetzt werden können, und ob sie unerwünschte Wirkungen haben könnten.

Wie gingen die Autoren vor?

Sie suchten nach Studien, die untersuchen ob Medikamenten, die Interleukin-6 blockieren, bei COVID-19 eingesetzt werden können.
Sie schlossen dabei randomisierte, kontrollierte Studien ein, in denen der Zufall darüber entschied, welche Behandlung die Patienten erhielten. Diese Art von Studien liefert in der Regel die zuverlässigsten Erkenntnisse über die Wirkung einer Behandlung. Stichtag der Suche war der 26. Februar 2021.

Was sie fanden

Das Autorenteam fand 10 Studien mit 6896 Menschen mit COVID-19. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 56 bis 65 Jahren, und 66 % der eingeschlossenen Personen waren Männer. Die Studien fanden in Brasilien, China, Frankreich, Italien, Großbritannien und den USA statt; vier Studien fanden in mehr als einem Land statt. Drei Studien wurden von Pharmaunternehmen finanziert.
Bei den getesteten Medikamenten handelte es sich um Tocilizumab und Sarilumab. Beide Medikamente wurden mit einem Placebo (einer Scheinbehandlung, die mit dem getesteten Medikament identisch zu sein scheint, aber keinen Wirkstoff enthält) oder der Standardbehandlung verglichen. Die Ergebnisse wurden 28 Tage nach der Behandlung und nach 60 Tagen oder mehr erfasst.
Die Autoren fanden außerdem 41 weitere Studien zu Medikamenten, die Interleukin-6 zur Behandlung von COVID-19 blockieren, die noch keine Ergebnisse veröffentlicht hatten. Dazu gehörten 20 Studien zu Tocilizumab, 11 Studien zu Sarilumab und 10 Studien zu anderen Medikamenten. Einige dieser Studien laufen noch – sie werden in eine Aktualisierung dieses Reviews einfließen, sobald sie veröffentlicht sind.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse dieser Übersichtsarbeit?

Tocilizumab
Der Review zeigt für den Vergleich von Tocilizumab mit einer Placebo- oder Standardbehandlung:

  • Tocilizumab reduziert die Anzahl aller Todesfälle innerhalb von 28 Tagen (Evidenz von 6363 Personen in 8 Studien). Allerdings ist dier Effekt nicht sehr stark: Im Durchschnitt kam es unter 1000 Patienten zu 259 Todesfällen, wenn sie mit Tocilizumab plus Standardbehandlung behandelt wurden, für Standardbehandlung allein oder Placebo lag diese Zahl bei 291 (also 32 Todesfälle mehr).
  • Tocilizumab hat wahrscheinlich wenig oder keinen Einfluss auf die klinischen Besserung (also ein Verlassen des Krankenhauses oder eine Verbesserung der COVID-19-Symptome) nach 28 Tagen (Evidenz aus 5585 Personen in 7 Studien); und
  • reduziert wahrscheinlich die Anzahl der schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen, wie z.B. lebensbedrohliche Zustände oder Tod (Evidenz von 2312 Personen in 8 Studien).

Die Autoren sind sich nicht sicher über die Auswirkungen der Tocilizumab-Behandlung auf:

  • den Schweregrad von COVID-19, d. h. wie viele Patienten nach 28 Tagen an COVID-19 starben oder ein Beatmungsgerät oder zusätzliche Organunterstützung benötigten (Evidenz von 712 Personen in 3 Studien); oder
  • wie viele Patienten nach 60 oder mehr Tagen an irgendeiner Ursache starben (Angaben von 519 Personen in 2 Studien).

Es wurden keine Ergebnisse für Tocilizumab nach 60 Tagen oder mehr zur Besserung berichtet, ebenso wenig wie zum Schweregrad von COVID-19 nach 28 Tagen.

Sarilumab
Das Autorenteam ist unsicher, wie sich die Behandlung mit Sarilumab auf:

  • die Anzahl der Personen auswirkt, die (aus irgendeiner Ursache) nach 28 Tagen (Belege von 880 Personen in 2 Studien) und nach 60 Tagen (Evidenz von 420 Personen in 1 Studie) starben; oder
  • die Anzahl der schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen, wie lebensbedrohliche Zustände oder Tod (Evidenz von 880 Personen aus 2 Studien).
  • Sarilumab verursacht wahrscheinlich nicht mehr unerwünschte Wirkungen (jeglicher Art) als die Placebo-Behandlung (Angaben von 420 Personen aus 1 Studie). Es wurden keine weiteren Ergebnisse für die Behandlung mit Sarilumab berichtet.

Die Autoren waren nicht in der Lage zu beurteilen, welche Merkmale von COVID-19-Patienten zu den Effekten dieser Behandlung beitragen. Es könnte beispielsweise sein, dass Patienten in einem weiter fortgeschrittenen Stadium der Krankheit weniger von der Behandlung mit IL-6-Blockern profitieren, als weniger schwer Erkrankte.

Zitatbob Isabelle Boutron

Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse

Die Autoren sind sich recht sicher, dass Tocilizumab die Anzahl der Todesfälle (aus jeglicher Ursache) nach 28 Tagen reduziert. Ihr Vertrauen in die anderen Ergebnisse für Tocilizumab ist mäßig bis gering; weitere Studien können diese Ergebnisse noch deutlich verändern. Ihr Vertrauen in die Ergebnisse für Sarilumab ist gering; weitere Evidenz wird diese Ergebnisse wahrscheinlich deutlich verändern. Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Ergebnisse wurde verringert, weil einige der Studien nicht alle Ergebnisse berichten.

Hauptautorin Professor Isabelle Boutron erklärt: "Die Medizin sucht mit Hochdruck nach wirksamen Behandlungen für COVID-19.  Für die Entscheidungen des medizinischen Personals, das COVID-19-Patienten behandelt, ist qualitativ hochwertige Evidenz über den aktuellen Stand des Wissens entscheidend. Die immunsuppressive Wirkung von Interleukin-6-Blockern könnte bei Patienten mit COVID-19 wertvoll sein, darum haben wir uns diese Behandlung genauer angesehen. Dabei haben wir festgestellt, dass dieses Feld noch sehr in Bewegung ist. Einige Wirkstoffe wie z. B. Tocilizumab, scheinen sich positiv auf die Sterblichkeit am Tag 28 auszuwirken. Wir brauchen aber mehr Daten, um herauszufinden, welche Patienten am ehesten davon profitieren. Laufend werden dazu neue Ergebnisse verfügbar, daher planen wir, diese Übersichtsarbeit schon bald zu aktualisieren."


Der vollständige Cochrane Review in der Cochrane Library


Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.