Aktualisierter Cochrane Review fasst Evidenz aus randomisierten Studien für Maßnahmen zur Verhinderung der Übertragung von Atemwegsviren zusammen

Die Ergebnisse zeigen: Die Wirksamkeit von Maßnahmen gegen COVID-19 muss besser untersucht werden.

Ein aktualisierter Cochrane Review zeigt, dass die Wirksamkeit von Maßnahmen gegen COVID-19 besser untersucht werden muss. Der aktualisierte Cochrane Review mit dem Titel „Physikalische Interventionen zur Unterbrechung oder Verringerung der Ausbreitung von Atemwegsviren“ umfasst aktuell 67 Studien zu verschiedenen Maßnahmen, 44 mehr als die letzte Fassung aus dem Jahr 2011. Die Autoren suchten systematisch nach Studien zur Wirksamkeit einer Reihe von physikalischen Maßnahmen zur Verhinderung der Übertragung von Atemwegsviren. Dazu zählen neben Masken auch Maßnahmen wie Quarantäne und Isolation, physical distancing oder Reihenuntersuchungen (Screenings), etwa an Flughäfen. In den Review gingen lediglich Studien mit einem randomisierten und kontrollierten Design (abgekürzt RCTs bzw. Cluster-RCTs) ein.

Aus den Studien lässt sich ableiten, dass eine bessere Handhygiene bei Grippe und grippeähnlichen Infekten die Infektionsrate wahrscheinlich in einer Größenordnung von rund zehn Prozent verringern kann. Zur Wirksamkeit eines Mund-Nase-Schutzes (OP-Masken) bzw. dichter abschließenden Atemschutzmasken wie FFP2-Masken fanden die Autoren 15 Studien mit insgesamt rund 12.000 Teilnehmern. Diese untersuchten jedoch allesamt die Wirksamkeit bei Grippe (Influenza) oder grippeähnlichen Erkältungskrankheiten. Die Ergebnisse zu Masken sprechen nicht dafür, dass sie gegen Grippe eine deutliche Schutzwirkung haben.

Begrenzte Aussagekraft für COVID-19

Zu COVID-19 lagen zum Stichtag der Suche des Reviews (1. April 2020) noch keine Studien vor. „Da sich Grippe und Covid-19 unterscheiden, können die Ergebnisse des Reviews nicht einfach auf COVID-19 übertragen werden“, sagt Prof. Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland.

Zu den Unterschieden gehört zum Beispiel, dass es bei COVID-19 eine Phase von einigen Tagen gibt, in denen Infizierte bereits ansteckend sind, aber noch keine Symptome zeigen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass bei COVID-19 die Verbreitung über die Luft eine größere Bedeutung hat als bei Grippe. „Masken können in dieser Situation bei COVID-19 auch als Fremdschutz wirksam sein, wenn sie das Risiko verringern, dass eine infizierte Person eine andere ansteckt“, sagt Jörg Meerpohl. Er betont, dass der Review keine Hinweise ergeben hat, dass das Tragen von Masken bedeutsame gesundheitliche Nachteile hatte. Der Review identifizierte mehrere noch laufende RCTs zum Maskentragen bei COVID-19. „Wenn die Ergebnisse dieser Studien vorliegen, wird dieser Review hoffentlich rasch von den Autoren aktualisiert,“ sagt Meerpohl.

Die COVID-19-Pandemie erfordert Entscheidungen auf Basis unvollständiger Evidenz

„Hochwertige randomisierte Studien auf Bevölkerungsebene sind aufwendig. In einer Pandemie mit einem neuen Erreger auf perfekte Evidenz zu warten und in der Zwischenzeit nichts zu unternehmen, könnte sich fatal auswirken.“ Eine Wirkung von Masken zur Verringerung der Ausbreitung von SARS-CoV-2 in der Bevölkerung ist plausibel. Das legen Beobachtungsstudien ebenso nahe wie Studien zur Freisetzung und Verbreitung von Aerosol-Partikeln. Zudem seien Masken nur ein Baustein einer umfassenden Public-Health-Strategie, so Meerpohl. „Situationen wie die COVID-19-Pandemie erfordern Entscheidungen auf Basis unvollständiger Evidenz. Dabei gilt es, die vorhandene Evidenz im Sinne des Vorsorgeprinzips gegen die möglichen Risiken des Nichtstuns abzuwägen.“ In einem begleitenden Editorial der Cochrane Library kommentieren auch Karla Soares-Weiser, die Chefredakteurin der Cochrane Library, und ihre Koautoren die Ergebnisse des Reviews und ihre Anwendbarkeit auf die gegenwärtige Situation.

Zum kompletten Review (zeitnah auch mit Kurzzusammenfassung auf Deutsch)


Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.