Ketamin zur Behandlung von Depressionen

In diesem Interview mit den Koautoren Rebecca Dean und Andrea Cipriani erfahren wir mehr über zwei Cochrane Reviews, die den Einsatz von Ketamin zur Behandlung von Depressionen untersuchen. Beide Übersichtsarbeiten wurden vor kurzem von der Cochrane Common Mental Disorders Group veröffentlicht.

Was können Sie uns zu diesen Cochrane-Reviews sagen?

Bei einem der beiden handelt es sich um die Aktualisierung einer im Jahr 2015 veröffentlichten Übersichtsarbeit, welche die Verwendung von Ketamin und anderen Glutamatrezeptormodulatoren zur Behandlung von unipolaren Depressionen (auch bekannt als schwere depressive Störung oder kurz. Depression) untersucht.

Seit 2015 wurden zahlreiche Studien in diesem Bereich veröffentlicht und Behörden in den USA haben vor kurzem Esketamin (Spravato) für die Behandlung von behandlungsresistenten Depressionen zugelassen, so dass es an der Zeit war, die Übersichtsarbeit auf den neuesten Stand zu bringen.

In einem ähnlichen Review geht es um Depressionen bei Menschen mit bipolarer Störung. Inwiefern ergänzen sich diese beiden Reviews?

Beide Übersichtsarbeiten befassen sich mit dem Einsatz von Ketamin und anderen Glutamatrezeptormodulatoren in der Behandlung von Depressionen, aber sie wurden getrennt voneinander erstellt, da die Medikamente je nach Diagnose (unipolar oder bipolar) unterschiedlich wirken können.

Was können wir aus diesen Studien über die Rolle von Ketamin bei der Behandlung depressiver Störungen lernen?

Ketamin und Esketamin könnten wirksam sein, um die Symptome von Depressionen bei Menschen mit unipolarer Depression kurzfristig zu verringern. Beide Medikamente können Nebenwirkungen haben, was bei der Behandlung zu berücksichtigen ist.

Für Depressionen bei bipolarer Störung fanden wir keine Daten zu Esketamin, aber Ketamin reduzierte depressive Symptome, allerdings wiederum nur kurzfristig. Bei Menschen mit bipolarer Störung gab es keinen Unterschied zwischen Ketamin und Placebo in Bezug auf die Nebenwirkungen, allerdings basierte dies auf sehr begrenzten Daten.

Es gab keine Evidenz dafür, dass andere Glutamatrezeptormodulatoren, die wir in diese Reviews einbezogen haben (wie Memantin, Lanicemin und N-Acetylcystein), bei der Behandlung von Depressionen wirksamer waren als Placebo, weder bei unipolarer Depression noch bei der bipolaren Störung.

Gibt es eine klare Botschaft für Menschen mit depressiven Störungen, für Kliniker*innen oder politische Entscheidungsträger*innen?

Ketamin (und möglicherweise auch Esketamin) können zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden. Die Evidenz war jedoch nicht zuverlässig genug, um eindeutige Aussagen treffen zu können, da die verfügbaren Daten viele Einschränkungen aufwiesen.

Mehr Forschung muss sich auf die Langzeitwirkungen von Ketamin und anderen Glutamatrezeptormodulatoren konzentrieren, um beurteilen zu können, ob diese Medikamente über längere Zeiträume hinweg zur Behandlung von Depressionen geeignet sind und welche Nebenwirkungen sie haben.

Außerdem benötigen wir mehr Studien, in denen Ketamin und andere Glutamatrezeptormodulatoren mit aktiven Arzneimitteln (und nicht nur mit Placebo) verglichen werden, damit wir wissen, ob sie besser sind als die derzeitig übliche Behandlung depressiver Symptome.

Wir hoffen, dass uns bei einer künftigen Aktualisierung dieser Übersichtsarbeit mehr Evidenz zur Verfügung stehen wird, um klarere Schlussfolgerungen ziehen zu können, die eine zuverlässige Grundlage für Politik und Praxis bilden.

Sind weitere Cochrane-Reviews zu diesem Thema geplant oder planen Sie, diese Reviews in Zukunft zu aktualisieren?

Wir werden diese Übersichtsarbeit aktualisieren, sobald weitere Evidenz vorliegt, die uns hilft, die Rolle von Ketamin und anderen Glutamatrezeptormodulatoren bei depressiven Störungen besser zu verstehen. Es besteht ein Bedarf an wirksamen Behandlungen für depressive Störungen, die durch solide Evidenz gestützt werden.


Anmerkung: Im Sinne einer genderneutralen Sprache nutzen wir neuerdings den Genderstern (wie in Leiter*in). Für ältere Texte gilt weiterhin: Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.