Cochrane Deutschland beteiligt sich an Projekt, das Evidenz zu COVID-19 bündelt

Auf der ganzen Welt legen sich Forscher mit aller Kraft ins Zeug, um das zu Jahresbeginn noch völlig unbekannte Virus SARS-CoV-2 und die dadurch verursachte Erkrankung COVID-19 besser zu verstehen. Inzwischen laufen Hunderte, wenn nicht Tausende von Studien zu einer Vielzahl von Aspekten der Pandemie. Diese Explosion von neuen Studien stellt die Wissenschaft, aber auch die Politik, die für ihre Entscheidungen auf wissenschaftliche Evidenz angewiesen ist, vor einzigartige Herausforderungen. Dabei ist es schwierig, aber auch ausgesprochen wichtig, die Übersicht über laufende Studien und erste Ergebnisse zu behalten. Nur so lässt sich beurteilen, wo es einerseits noch unbearbeitete Fragestellungen gibt und wo sich andererseits die unnötige Dopplung von Studien vermeiden lässt.

Einen Beitrag dazu liefert das Projekt „Living mapping and living systematic review of Covid-19 studies“, an dem sich unter Leitung von Cochrane Frankreich Forscher aus sieben Ländern beteiligen, darunter auch Mitarbeiter von Cochrane Deutschland und des Instituts für Evidenz in der Medizin (IfeM) des Universitätsklinikums Freiburg. Das Projekt richtet sich an Kliniker, Politiker, Forscher und Entwickler von Leitlinien und führt den aktuellen Stand der Evidenz zu verschiedenen Behandlungsansätzen für Patienten mit COVID-19 zusammen. Dafür bündelt es zunächst Studien aus aller Welt in einer „living map“, also einer stetig aktualisierten „Studien-Landkarte“. In einem zweiten Schritt folgt die Synthese von Ergebnissen dieser Studien in „Living Systematic Reviews“, systematischen Übersichtsarbeiten also, in die neue Ergebnisse eingearbeitet werden, sobald sie verfügbar sind.

„Lebendige Karte“ der laufenden Forschung

Um eine „living map“ der noch laufenden sowie der bereits publizierten Forschung zu erstellen, durchsuchen die Forscher zunächst alle wichtigen elektronischen Literaturdatenbanken und Studienregister. Die Informationen aus den als relevant identifizierten Studien fließen in die Datenvisualisierungen ein, die in Zusammenarbeit mit Forschern des französischen Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS) entwickelt wurden. Dies ermöglicht es, bestimmte Charakteristika von COVID-19-Studien systematisch zu bündeln, zum Beispiel nach dem Land, in dem die Studie durchgeführt wird, dem Studiendesign, dem Schweregrad der Krankheit bei den Studienteilnehmern oder der Art der untersuchten Behandlung.

Dieses Werkzeug hilft Forschern, die klinische Studien planen, Evidenzlücken zu erkennen. Aber auch Forschungsförderer, die entscheiden müssen, wo Ressourcen für künftige klinische Studien am besten eingesetzt sind, profitieren davon.

Lebendige Synthese der Studienergebnisse

Die „Living Systematic Reviews“ zu Ergebnissen von COVID-19-Studien, die bisher vom Projekt erstellt wurden, konzentrieren sich auf drei Bereiche: pharmakologische Behandlungen, unterstützende Intensivversorgung und Prävention. Für jeden dieser Bereiche fasst das Team Ergebnisse zusammen und integriert neue Ergebnisse in die Analyse, sobald diese verfügbar sind. Letztendlich werden Behandlungsvergleiche präsentiert, die für jeden Vergleich eine Zusammenfassung der Evidenz und eine detaillierte Beschreibung der Primärstudien liefert, einschließlich einer Bewertung des Risikos von Verzerrungen. Der Beitrag der Methodikexperten von Cochrane Deutschland und IfeM liegt vor allem in der Bewertung der Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für relevante Endpunkte mit Hilfe der international etablierten GRADE-Methodik.

Die Forscher hoffen, bald vollständige „Summary of Findings“ -Tabellen mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse für jeden Behandlungsvergleich zur Verfügung zu haben. Das Ziel des Teams ist es, diese lebenden systematischen Übersichtsarbeiten von Studienergebnissen zweimal wöchentlich zu aktualisieren und so für Kliniker und Entscheidungsträger im Gesundheitswesen stets auf dem neuesten Stand zu halten. Sie werden ihre Datenbank auch anderen Forschern, Entscheidungsträgern und Leitlinienentwicklern zur Verfügung stellen, damit diese ihre eigenen Analysen durchführen können.

"Wir sind stolz auf den interdisziplinären und internationalen Charakter dieser Zusammenarbeit, die unserer Meinung nach eine wichtige Quelle für eine hochwertige Synthese aller laufenden COVID-19-Studienergebnisse darstellt", sagen die Projektleiter Isabelle Boutron und Philippe Ravaud. Karla Soares-Weiser, die Chefredakteurin der Cochrane-Library, fügt hinzu: "Wir sind beeindruckt von der Arbeit, die dieses Projekt bisher geleistet hat. Die COVID-19-Pandemie schreitet weiter fort und die weltweite Forschung zu dieser Krankheit wird täglich umfangreicher. Deshalb besteht ein ständig wachsender Bedarf an der Synthese ‚lebendiger‘ Evidenz. Wir freuen uns, mit diesem internationalen Team zusammenzuarbeiten, um auf diese Krise zu reagieren und unsere nächsten Schritte zu planen".


Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.