2. Symposium von Cochrane Deutschland zum Thema Gesundheitskompetenz

Das diesjährige Symposium von Cochrane Deutschland fand am 12. Februar 2021 als Online-Veranstaltung statt.  Neun Dozentinnen und Dozenten stellten den rund 300 Teilnehmenden verschiedene Aspekte des Symposium-Themas „Gesundheitskompetenz“, Studienergebnisse und Projekte vor, die uns helfen können Gesundheitsinformationen kritischer zu bewerten und zu nutzen.

Durch die Digitalisierung und verstärkt durch die Corona-Pandemie strömt täglich eine enorme Menge von Gesundheitsinformationen aller Art auf uns ein. Damit ist auch unsere „Gesundheitskompetenz“ immer mehr gefordert, also die Fähigkeit gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen und kritisch zu bewerten und schließlich auf dieser Basis gute Entscheidungen zu treffen. Dass es um diese Kompetenz in weiten Teilen der Bevölkerung nicht gut bestellt ist, zeigen Erhebungen immer wieder. Doch was bedarf es, um dies zu ändern?

Das zweite Symposium von Cochrane Deutschland beleuchtete verschiedene Aspekte rund um das Thema Gesundheitskompetenz: Wie suchen Menschen nach Informationen? Wie beurteilen sie deren Vertrauenswürdigkeit? Wie müssen die Informationen dargestellt werden, damit sie nützlich sind? Die geladenen Experten und Expertinnen betrachteten das Thema dabei aus der Perspektive der individuellen, wie auch organisationalen Gesundheitskompetenz. Wie sich Gesundheitskompetenz in der Praxis stärken lässt, zeigten die Vorstellungen konkreter Projekte.

Den Anfang machte Marie-Luise Dierks von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie stellte einige grundlegende Konzepte zum Thema „Health Literacy“ (so der weit verbreitete englische Fachausdruck) und Ergebnisse von Erhebungen zum Stand der Gesundheitskompetenz in Deutschland vor.

Erste Ergebnisse der von ihr mitgeleiteten repräsentativen Befragungsstudie HLS GER 2 zur (digitalen) Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland und von deren Vorläufer-Studie HLS GER 1, erläuterte danach Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld. Ihr Fazit: Die gesellschaftliche Bedeutung von Gesundheitskompetenz steigt. Zugleich hat sich die Gesundheitskompetenz in Deutschland in den letzten sechs Jahren verschlechtert, betroffen sind insbesondere Menschen mit geringer Bildung und niedrigem sozialem Status – sie sollten bei Maßnahmen zur Verbesserung der Situation besonders in den Fokus genommen werden.

Die Gefahr, die von schlechten oder falschen Gesundheitsinformationen ausgehen kann, thematisierte die freie Journalistin Nicola Kuhrt vom gemeinnützigen Online-Magazin MedWatch. Solche gefährlichen Informationen haben gerade in Pandemiezeiten Hochkonjunktur. Doch auch zu vermeintlich weniger strittigen Themen fand MedWatch in einer von der Bertelsmann-Stiftung finanzierten Studie überraschend viele als gefährlich einzustufende Gesundheitsinformationen.

Nach dieser ernüchternden Bestandsaufnahme und einer kurzen Mittagspause ging es in der zweiten Session des Symposiums um die Frage, wie Organisationen auf dem Gebiet am effektivsten dazu beitragen können, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu fördern. Corinna Schaefer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin betonte dabei die entscheidende Rolle von Organisationen, Menschen auf Basis guter Evidenz bestmöglich bei Entscheidungen und deren Umsetzung zu unterstützen.
Genau diesen Anspruch hat das neue nationale Gesundheitsportal gesund.bund.de, das die dafür verantwortliche Mitarbeiterin des Bundesministeriums für Gesundheit, Mina Ahmadi vorstellte.

Auch Cochrane sieht sich in der Pflicht, seine Evidenz so aufzubereiten, dass sie nicht nur Fachleuten weiterhilft. Jo Anthony vom Central Executive Team von Cochrane in London stellte in ihrer Präsentation den wichtigen Teilbereich „Knowledge Transfer“ (KT) von Cochrane vor. Für eine internationale Organisation wie Cochrane beginnt diese Arbeit an der Sprachbarriere: Inzwischen werden Kurzfassungen von Cochrane Reviews in 15 Sprachen übersetzt. Damit diese schon in der Originalsprache Englisch für Laien noch verständlicher werden, beschäftigt Cochrane seit einem Jahr mehrere erfahren Science Writer für die Erstellung der sogenannten Plain Language Summaries (Zusammenfassungen in einfacher Sprache) von Cochrane Reviews.

Nach einer Kaffeepause ging es schließlich um Beispiele, wie man Gesundheitskompetenz in der Praxis durch gezielte Projekte verbessern kann. Fülöp Scheibler vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) stellte „Share to Care“ vor, eines der weltweit größten Projekte zur Implementierung des Shared Decision Making, also der gemeinsamen Entscheidungsfindung von Patient und Arzt. Scheibler berichtete von den sehr positiven Erfahrungen einer ersten Pilotphase von Share to Care an der Klinik für Neurologie am UKSH.

Shared Decision Making hat sich auch das Projekt Gut informierte Arzt-Patienten-Kommunikation (GAP) auf die Fahnen geschrieben. Sebastian Voigt-Radloff (Uniklinikum Freiburg) präsentierte die Ergebnisse eines randomisiert-kontrollierten Praxistests für das evidenzbasierte Onlineportal Tala-Med, auf dem sich Ärzte wie Patienten zum Thema Rückenschmerz informieren können. Ein zweites Teilprojekt ist die kuratierte Internet-Suchmaschine des GAP-Projektes, die Orientierung im Informationsdschungel des Internets bietet.

Zum Abschluss wollte eigentlich der medizinische Tausendsassa Eckart von Hirschhausen den virtuell Anwesenden erklären, „Wie man seine Zielgruppe trifft, wenn die sich woanders trifft“. Eine Verkettung von unglücklichen Umständen (und glücklichen: die Geburt des Kindes eines Mitarbeiters gehört dazu) verhinderte letztendlich aber die rechtzeitige technische Verbindung zum Symposium. Hirschhausen lieferte seinen kurzweiligen und kritischen Beitrag aber wenige Tage später in Form eines Videos nach. Und so konnten die Teilnehmenden an diesem Freitagnachmittag nach einem intensiven Tag mit vielen interessanten Vorträgen doch noch ein wenig den Sonnenschein genießen.

Hinweis: Iris Hinneburg, Zuhörer beim Cochrane-Symposium, hat ihre Eindrücke in diesem informativen Online-Artikel auf „RiffReporter“ festgehalten:
Was brauchen Menschen, um gute Gesundheitsentscheidungen zu treffen? Ein Streifzug durch aktuelle Diskussionen zum Thema Gesundheitskompetenz.


Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.