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Updated: 8 hours 23 min ago

Vitamin C gar kein Wundermittel gegen Erkältung

Thu, 02/22/2018 - 09:03

Die Erkältungswelle scheint dieses Jahr besonders hartnäckig. Es gibt mehr als 200 Viren, die Erkältungssymptome, wie eine laufende oder verstopfte Nase, Niesen, Halsschmerzen, Husten und manchmal auch Kopfschmerzen, Fieber und gerötete Augen, hervorrufen. Aber was tun anstelle oder neben der Einnahme üblicher Pharmazeutika? Wissen Was Wirkt stellt zu diesem Thema eine kurze Serie zu beliebten Hausmitteln bei Erkältungen vor. Hier geht es um Vitamin C.

Nach dem Blog-Beitrag letzte Woche zum Inhalieren erhitzter, befeuchteter  Luft durchsuchte ich die Cochrane Library zu weiteren, beliebten Hausmitteln zur Verbeugung oder Behandlungen von Erkältungen und stellte fest, dass Cochrane auf dem Gebiet so Einiges zu bieten hat. Zudem wurde mir klar, dass die Ergebnisse bei manch einem, der auf die ein oder andere Behandlung schwört, zu einer Desillusionierung führen könnten. Wie steht es diesbezüglich mit der Einnahme des beliebten Vitamin C?

Vitamin C bei Erkältung – eine (fast) 100-jährige Geschichte

Vitamin C (Ascorbinsäure) ist wohl das bekannteste aller Vitamine. Es unterstützt die natürliche Immunabwehr, indem es gegen den oxidativen Stress, der während einer Infektion erzeugt wird, schützt. Vitamin C wurde in den 1930er Jahren erstmals isoliert und seither als Möglichkeit zur Behandlung von Atemwegsinfektionen genannt. Nachdem tierexperimentelle Studien gezeigt hatten, dass Vitamin C die generelle Infektionsresistenz gegen Viren und Bakterien beeinflusst, wurden Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts dann verstärkt Studien durchgeführt, um die Einfluss von Vitamin C auf Erkältungserkrankungen zu untersuchen. In den 1970ern schloss schließlich der Nobelpreisträger Linus Pauling aus früheren, placebo-kontrollierten Studien (kontrollierte Studien, die die Ergebnisse einer Behandlung mit denen einer Scheinbehandlung vergleichen), dass Vitamin C Erkältungen verhindern und ihre Symptome abmildern kann. Sein im Jahr 1970 veröffentlichtes Buch „Vitamin C and the Common Cold“ ist bis heute sehr einflussreich. Es propagierte Vitamin C weltweit erfolgreich als Mittel zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen – wer würde einem zweifachen Nobelpreisträger (Nobelpreis für Chemie im Jahr 1954 und Friedensnobelpreis in 1962) widersprechen wollen?

Cochrane versus Pauling?

Ein 2013 veröffentlichter Cochrane Review untersuchte, ob Vitamin C das Auftreten von Erkältungen oder die Dauer oder Schwere einer bereits eingetretenen Erkältung verringern kann, entweder bei regelmäßiger Einnahme oder als Behandlungsform bei einer anstehenden Erkältung. Der Review analysierte insgesamt 67 randomisierte, placebo-kontrollierte  Studien, in denen Vitamin C in einer Dosis von 0,2 g/Tag oder mehr untersucht wurde.

Hauptergebnisse:

• Die regelmäßige Einnahme von Vitamin C hat keinen Einfluss auf das Auftreten von Erkältungen in der normalen Bevölkerung.
• Bei Sportlern und Menschen, die wirklich extremer körperlicher Belastung ausgesetzt sind wie Marathonläufer oder Soldaten, die Winterübungen im Gebirge machen, kann Vitamin C das Erkältungsrisiko halbieren.
• Die regelmäßige Nahrungsergänzung mit Vitamin C könnte die Dauer von Erkältungssymptomen reduzieren, wenn auch nur recht wenig (bei Erwachsenen von 7 auf 6,5 Tage, bei Kindern von 7 auf 6 Tage).
• Nebenwirkungen wurden nicht untersucht.

Fazit

Die von Cochrane analysierten Studien zeigen, dass die regelmäßige Einnahme von Vitamin C Eine Erkältung also nicht verhindern kann. Sie kann aber die Dauer der Erkältung geringfügig reduzieren. Dazu mussten die Studienteilnehmenden allerdings über einen langen Zeitraum vorbeugend Vitamin C einnehmen.

Was würde wohl Pauling zu diesem zusammengefassten Ergebnis sagen? Für mich persönlich ist es jedenfalls Grund genug, weiterhin darauf zu achten, dass ich über meine natürliche Ernährung zumindest den täglichen Bedarf von 100 Milligramm in Form von Obst und Gemüse zu mir nehme. Das ist eigentlich ganz einfach. Dazu reicht es, täglich zwei Kiwis oder Orangen zu essen.

Text: Andrea Puhl

Erkältung: Nützt Inhalieren?

Thu, 02/15/2018 - 08:30

Jetzt einmal ehrlich! Wie oft hat man Ihnen bei Erkältungen schon geraten, erhitzte, befeuchtete Luft zu inhalieren, mit der Vorhersage, dass Sie sich danach besser fühlen? Aber hilft Inhalieren denn wirklich bei einer Erkältung? Ein aktualisierter Cochrane Review hat sich genau mit dieser Frage beschäftigt. Untersucht wurde Inhalieren mit einem speziellen Inhalationsgerät (RhinoTherm). Können Sie das Fazit schon erahnen?

Schon von klein auf hat mich meine Mutter bei jeder Erkältung oder verstopften Nase „heißen Dampf“ inhalieren lassen. Damals lief das so: Kopf über einen Topf mit heißem Wasser und Kräutern, Handtuch über den Kopf damit der Dampf nicht entweicht, und dann kräftig ein- und ausatmen. Soweit ich mich erinnern kann, ging es meiner Erkältung danach manchmal besser, manchmal aber auch nicht. Woran ich mich allerdings sehr gut erinnere, ist, dass ich das ganze Ritual als sehr unangenehm empfand. Denn schicke Inhalationsgeräte wie das RhinoTherm Gerät hatten wir damals nicht. 

Was wurde untersucht

Die Frage, ob Inhalieren bei Erkältungen hilfreich ist, haben sich neben mir auch schon andere gestellt. Ein Cochrane Review, der im August 2017 aktualisiert wurde, fasste die Ergebnisse sechs randomisierter, doppelblinder Studien mit insgesamt 387 Teilnehmenden jeder Altersgruppe zusammen, um festzustellen, ob und wie die Inhalation heißer, feuchter Luft durch ein RhinoTherm Gerät auf Erkältungssymptome wie das Ausscheiden von Rhinoviren wirkt. Erkältungssymptome, die beobachtet wurden, waren unter anderem Fieber, Appetitlosigkeit, Unwohlsein und Frösteln einhergehend mit Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und allgemeinen Schmerzen.

Die einbezogenen Studien wurden alle zwischen 1987 und 1995 veröffentlicht, neuere wurden nicht gefunden. Die meisten Studien schlossen Menschen mit natürlich auftretenden Erkältungen ein. Eine Studie induzierte Erkältungen durch Infektion der Teilnehmenden.

Alles heiße Luft?

Keine der eingeschlossenen Studien berichtete über eine Verschlechterung der klinischen Symptome nach dem Inhalieren heißer, feuchter Luft. Allerdings zeigte auch keine der Studien aussagekräftige Evidenz, die eine gesundheitliche Verbesserung bestätigen könnte. Die Teilnehmenden in zwei Studien zeigten weniger anhaltende Symptome, aber die Ergebnisse waren widersprüchlich. Auch berichteten zwei Studien über geringfügige unerwünschte Ereignisse, wie Unbehagen oder Irritationen der Nase. Die Behandlung hatte keine Wirkung auf die Rhinovirus-Freisetzung aus der Nasenschleimhaut.

Zudem wurden die Teilnehmer nach ihrem subjektiven Empfinden gefragt. Die Antworten fielen leicht positiv für ein Wohlbefinden nach Inhalation aus. Der Unterschied zur Vergleichsgruppe war aber so gering, dass die Autoren keine klare Aussage machen konnten.

Insgesamt wurde die Qualität der einbezogenen Studien als niedrig eingestuft. Das heißt, dass neue Studien eventuell zu anderen Ergebnissen führen könnten. Deshalb plädieren die Autoren stark für die Durchführung weiterer gut konzipierter, randomisierter, doppelblinder Studien auf diesem Gebiet.

Fazit

Die Autoren des Reviews fassen zusammen:

Die aktuelle Evidenz zeigt weder Vor- noch Nachteile einer Erkältungsbehandlung durch feuchte, warme Luft mit Hilfe eines RhinoTherm Inhalators. Alle Ergebnisse müssen mit Vorsicht interpretiert werden.

Mein Fazit deshalb an alle Inhalations-Freunde: einfach der Freude folgen! Und für die, die es nicht mögen: kein schlechtes Gewissen haben, das Inhalieren ausfallen zu lassen! Hätte ich das damals gewusst, hätte ich mich vielleicht leichter durchsetzen können.

Text: Andrea Puhl

Zum vollständigen Review:

Heated, humidified air for the common cold

Weitere Wissen Was Wirkt Artikel zum Thema Erkältung:

Echinacea: Sonnenhut gegen Erkältungen
Gefährlicher Hustensaft
Helfen Patienteninformationen gegen unnütze Antibiotikagabe bei Erkältungen?

Weitere Cochrane Evidenz auf Deutsch zum Thema Erkältung:

Vitamin C zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen
Probiotika (lebende Mikroorganismen) zur Verhinderung von Infektionen der oberen Atemwege (z. B. Erkältung)
Knoblauch gegen grippale Infekte

Frühe Palliativversorgung bei fortgeschrittenem Krebs?

Thu, 02/01/2018 - 10:38

Bei manchen Krebspatienten ist die Krankheit zum Zeitpunkt der Diagnose schon so weit fortgeschritten, dass Krebstherapien nicht mehr helfen. Diese Patienten können allerdings immer noch von einer Palliativversorgung profitieren. Dies zeigte ein im Juni 2017 aktualisierter Cochrane Review, der die Wirkung von palliativer Versorgung nach der Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung untersuchte.

Wer schon einmal einen Menschen mit fortgeschrittenem Krebs in der letzten Lebensphase begleitet hat, weiß, wie schwierig diese Phase vor allem auf der emotional-psychischen Ebene sein kann. Das gilt sowohl für den Patienten* als auch für die Angehörigen. Die körperlichen Bürden müssen natürlich die Patienten alleine tragen, doch oft werden die emotional-psychischen Lasten von beiden Seiten geteilt, auch wenn sie sich unterschiedlich ausdrücken.

Dies war zumindest meine Erfahrung, als ich meine Tante nach ihrer Knochenkrebsdiagnose bis zum Ende ihres Lebens intensiv begleitete. Drei Monate vor ihrem Tod wurde sie durch einen Wirbelbruch halb gelähmt. Es gab neben der Palliativintervention keine Möglichkeit mehr, sie zu versorgen.

Palliativversorgung mit Herz

Zuerst war meine Tante von der Idee auf eine Palliativstation zu wechseln nicht überzeugt und wollte nicht von zuhause weg, ganz gleich wie stark die Schmerzen waren. Doch als sie erst einmal auf der Station war, sah alles anders aus. Die Ärzte und alle weiteren Gesundheitsfachpersonen waren herzlich und achtsam, und strahlten eine gütige Menschlichkeit und Offenheit aus, die ich bisher in sonst fast keinem Arbeitsbereich in diesem Maße erlebt habe. Sie erhielt „Musiktherapie“, welche ihr sehr gut gefiel und hatte auch einen Psychologen und Priester zur Seite – um nur einige Angebote des Instituts zu nennen. Damals dachte ich mir „eigentlich schade, mit so viel Achtsamkeit und Respekt sollten wir alle während unseres ganzen Lebens miteinander umgehen“. Das nur am Rande. Doch auch war mir bewusst, dass diese Art der Palliativversorgung bei der Diagnose „fortgeschrittener Krebs“ definitiv ein gutes Betreuungs- und Behandlungsangebot ist.

Frühe Palliativversorgung schon zum Zeitpunkt der Diagnose möglich

Die Ergebnisse des im Juni 2017 aktualisierten Cochrane Reviews zu früher Palliativversorgung bei fortgeschrittenem Krebs bekräftigen meine persönliche Meinung mit wissenschaftlichen Daten.

Erstautor Markus Haun vom Universitätsklinikum Heidelberg und sein Autorenteam machen darauf aufmerksam, dass palliative Versorgung bereits früh, also zum Zeitpunkt der Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung oder kurz danach in Anspruch genommen werden kann. Zudem wird sie dann häufig mit einer Standardbehandlung für Krebs kombiniert, z.B. mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung. Die Versorgung beinhaltet die einfühlsame Kommunikation mit den Patienten über ihre Prognose, Vorausplanung der Pflege und Versorgung und Symptombeurteilung und -kontrolle. Insgesamt ist Palliativversorgung darauf ausgerichtet, die Lebensqualität von den Patienten und auch die ihrer Familienmitglieder, zu verbessern, indem sie eine sorgfältige Schmerzeinschätzung und -behandlung vornimmt, und auf andere Probleme körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art vollständig eingeht (WHO 2013).

Frühe Palliativversorgung kann Lebensqualität womöglich verbessern

Der Review zeigte, dass eine frühe palliative Versorgung die Lebensqualität bei Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung möglicherweise geringfügig verbessern könnte. Sie könnte außerdem möglicherweise die Symptomintensität etwas verringern. Die Wirkung auf die Überlebensrate und Depressionen sind unklar. Nur eine einzelne im Review eingeschlossene Studie berichtete über Nebenwirkungen, beispielsweise mehr Schmerzen und verminderten Appetit.

Eine weitere Meta-Analyse, die im Juli 2017 von unter anderem Cochrane Deutschland Autoren im BMJ veröffentlicht wurde, zeigte ähnliche Ergebnisse bezüglich einer eventuell geringfügig verbesserten Lebensqualität bei Krebspatienten, die früh mit der Palliativversorgung begannen.

 

Ergebnisse müssen mit Vorsicht interpretiert werden

Haun kommentierte jedoch in Bezug auf seine Studie in einem Podcast, dass

„obwohl der Review darauf hindeutet, dass frühe palliative Versorgungsinterventionen einen größeren Nutzen auf die Lebensqualität und die Symptomintensität bei Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen haben als die Standard-Krebsversorgung alleine, müssen wir die Ergebnisse mit Vorsicht interpretieren.“

„Insgesamt war die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz niedrig bis sehr niedrig aufgrund der geringen Anzahl von Studien, aufgrund von Problemen bei der Studiendurchführung und Unterschieden zwischen den Studien.“

 

Fazit

Palliative Versorgung könnte möglicherweise eine Wirkung auf eine verbesserte Lebensqualität und verminderte Symptomintensität von Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium haben. Jedoch werden mehr Studien, auch Studien die sich mit Palliativversorgung als solches detaillierter beschäftigen, benötigt, um klarere Aussagen treffen zu können.

Mein persönliches Fazit aus meiner Lebenserfahrung und „Beobachterperspektive“ ist da etwas optimistischer. Vor allem der ganzheitliche Rahmen der Palliativversorgung, der Körper und Psyche einbezieht, kann eine wahrhaftig positive Wirkung auf die Lebensqualität in einer sonst eventuell recht trüben Lebensphase erzielen.

Anlaufstellen und Hilfe

Anlaufstellen für Betroffene/ ihre Angehörigen und Interessierte gibt es unter anderem hier:

Deutschland: 

Österreich:

Schweiz: 

 Text: Andrea Puhl

 

*Es sind immer Patientinnen und Patienten, Autorinnen und Autoren, etc. gemeint.

 

 

Quellen:

 

Vorbeugung von Diabetes Typ 2 – was wirklich hilft

Mon, 01/29/2018 - 10:24

Weltweit hat sich seit 1980 die Anzahl an Menschen, die an der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) leiden fast vervierfacht. Diese wird insbesondere durch einen ungesunden Lebensstil begünstigt. Eine ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung können jedoch der Entstehung von Diabetes mellitus vorbeugen oder sie verzögern. Dabei sind kombinierte Ernährungs- und Bewegungsinterventionen deutlich wirksamer als eine ausschliessliche Ernährungsumstellung oder eine alleinige Erhöhung der körperlichen Aktivität. Dies zeigte ein aktualisierter Cochrane Review.

Als Studentin kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit dem Thema „Diabetes“ bei der Diabetessprechstunde in einem Krankenhaus in Heidelberg. Hier erfuhr ich, wie schwer es Betroffenen fiel, ihre Ernährungsgewohnheiten umzustellen und sich körperlich mehr zu bewegen – insbesondere wenn sie bereits an Übergewicht oder Adipositas litten. Es gab aber auch Erfolgsgeschichten: mit einem speziell im Krankenhaus angebotenen Bewegungs- und Ernährungs-Programm konnten einige wenige PatientInnen ihren Blutzuckerspiegel wieder in den Normalbereich senken und über einen längeren Zeitraum auch niedrig halten.

Vor 1.5 Jahren wurde dann Diabetes in meinem persönlichen Umfeld zum Thema. Mein Mann (48 Jahre) fragte bei einer Routineuntersuchung seinen Arzt, ob er den Blutzucker messen könne. Der Wert lag über dem Normalwert aber noch unter der Schwelle zur Diagnose Diabetes Typ 2, er hatte also eine Vorstufe des Diabetes, auch Prädiabetes genannt. So kaufte mein Mann sich ein Blutzuckermessgerät und begann, regelmässig zu messen, sich mehr zu bewegen und mehr Sport zu machen, und stellte seine Ernährung komplett um. Sein Ziel war es, auf keinen Fall Diabetes zu bekommen oder Medikamente nehmen zu müssen. Diese Massnahmen halfen ihm, zunächst an Gewicht zu verlieren (rund 15 Kilo seit seiner Diagnose) und die Blutzucker-Werte wieder in den Griff zu bekommen.

Seither habe ich mich eingehender mit dem Thema Diabetes beschäftigt. Einige Fakten möchte ich im Folgenden teilen.

Diabetes: Fakten & Zahlen

Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselkrankheit. Beim Typ 1 liegt eine Autoimmunkrankheit vor, die schon oft im Kindes- oder Jugendalter auftritt und zu einem Mangel des Hormons Insulin führt. Beim viel häufigeren Typ 2 wird Insulin nicht in ausreichender Menge in der Bauchspeicheldrüse produziert oder die Körperzellen können den Zucker (Glukose) nicht mehr wirksam aus dem Blut aufnehmen und verwenden. Früher trat Diabetes mellitus Typ 2 meist nur bei Menschen von über 40 Jahren auf. Heute sind auch zunehmend jüngere Menschen davon betroffen. Risikofaktoren für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 sind Übergewicht, Adipositas, mangelhafte – oftmals energiereiche und einseitige – Ernährung, geringe körperliche Aktivität, Rauchen, höheres Alter und familiäre Vorbelastung. So waren in Europa im Jahr 2017 schätzungsweise 58 Millionen Menschen zwischen 20 und 70 Jahren von Diabetes betroffen, von denen bei 22 Millionen Menschen die Erkrankung noch nicht diagnostiziert wurde (sog. „Dunkelziffer“). Zusätzlich wiesen im gleichen Jahr 36 Millionen Menschen eine verminderte Glukosetoleranz auf. Wenn dies der Fall ist oder der Nüchtern-Blutzuckerspiegel 110 – 125mg/dl erhöht ist, liegt, wie bei meinem Mann, ein Prädiabetes vor.

Knapp die Hälfte der Menschen mit Prädiabetes entwickeln innerhalb von 10 Jahren einen richtigen Diabetes. Jedoch bleibt dieser oftmals lange unbemerkt, da er meist keine Beschwerden verursacht. Das ist jedoch sehr tückisch, denn der dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel hinterlässt seine Spuren im Körper: sowohl Diabetes als auch Prädiabetes können zu Komplikationen wie koronarer Herzerkrankung, Schlaganfall, Nierenversagen, Verlust des Sehvermögens und Nervenschädigungen führen.

Hilft die Kombination verschiedener Massnahmen?

Ein Ende letzten Jahres aktualisierter Cochrane-Review bestätigte meine persönliche Erfahrung mit Diabetes. Die Review-Autoren wollten wissen, ob Ernährungsumstellung, körperliche Aktivität oder beides zusammen bei Personen mit moderat erhöhten Blutzucker (Prädiabetes) der Entstehung von Diabetes Typ 2 und den damit einhergehenden Komplikationen vorbeugen oder sie verzögern können. In dem Review wurden mögliche Komplikationen wie Nieren- und Augenkrankheiten, Herzinfarkt und Schlaganfall, Mortalität und Lebensqualität sowie mögliche Nebenwirkungen von Sport und Ernährung oder der medikamentösen Standardbehandlung untersucht. Es wurden 12 Studien mit 5238 Teilnehmenden eingeschlossen. Eine Studie verglich eine alleinige Ernährungsumstellung mit einer alleinigen Erhöhung der körperlichen Aktivität. Zwei Studien verglichen körperliche Aktivität mit einer medikamentösen Standardbehandlung, und 11 Studien untersuchten eine Kombination aus Ernährungsumstellung und körperlicher Aktivität im Vergleich zu Medikamentengabe oder keiner Behandlung. Die Behandlungsdauer variierte zwischen 2 und 6 Jahren.

Die Review-Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus Ernährungsumstellung und körperliche Aktivität im Vergleich zur Standardbehandlung die Entwicklung von Diabetes Typ 2 reduzieren oder verzögern konnte (Evidenz von moderater Qualität). Für die Wirksamkeit der isolierten Massnahmen war die Evidenz nur von geringer Qualität, bedingt durch die geringe Anzahl an Teilnehmenden.

Vorbeugen ist besser…

Ein gesundheitsfördernder Lebensstil ist wohl die wichtigste Massnahme, um von Prädiabetes und Diabetes verschont zu bleiben. Mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichender Bewegung kann jeder Einzelne viel tun, um die Balance zwischen Energiezufuhr und -verbrauch zu halten. Eine ausgewogene Ernährung versorgt den Körper mit ausreichend Energie und lebensnotwendigen Nährstoffen, wie beispielsweise Vitaminen und Mineralstoffen. Das fängt schon bei dem Kleinsten an . Als ausreichende körperliche Aktivität gelten für Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche Bewegung mit leicht beschleunigtem Atem und Herzschlag oder 75 Minuten, während denen man ins Schwitzen kommt. Ganz nebenbei steigert die Aktivität auch das Wohlbefinden und wirkt sich auf die psychische Gesundheit positiv aus.

Neben dem individuellen Engagement jedes Einzelnen werden auch auf Verhältnisebene weltweit verschiedenste Massnahmen ergriffen. Beispielsweise werden mehr Bewegungsräume und -angebote geschaffen. Auch durch Änderung der Zusammensetzung von Lebensmitteln und damit einem gesünderen Lebensmittelangebot für die Konsumenten wird versucht, dem Trend ernährungsassoziierter Erkrankungen gegenzusteuern. Ziel all dieser Massnahmen ist es, Übergewicht und Adipositas und das damit einhergehende Risiko für die Entstehung von Prädiabetes und Diabetes zu reduzieren.

Fazit

Dass die Zivilisationskrankheit Diabetes mit all ihren Folgen weiter im Vormarsch ist, stellt weltweit mitunter eine der grössten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme dar. Für die von Prädiabetes Betroffenen und ihre Angehörigen sollte zukünftig noch besser erforscht werden, ob und wie genau Ernährungs- und Bewegungsinterventionen das langfristige Risiko von Diabetes bzw. seinen Komplikationen reduzieren können. Nur in Studien mit grösseren Teilnehmerzahlen und geeignetem Studienaufbau kann die Wirksamkeit von einzelnen Massnahmen – wie einer alleinigen Ernährungsumstellung oder einer ausschliesslichen Bewegungsintervention – untersucht werden.

Text: Anne Borchard

Scheinstatistik – stellt die Wahrheit in den Schatten

Mon, 01/15/2018 - 09:07

Aus Fehlern lernt man, besagt eine alte Weisheit. Stimmt das auch, wenn man die Fehler nicht selbst macht? Wir glauben schon. Immerhin hat schon der österreichische Philosoph Karl Popper das Grundprinzip seiner Wissenschaftstheorie als trial and error bezeichnet − also aus den Fehlversuchen zu lernen. Im folgenden Beitrag geht der Statistiker Erich Kvas auf einige der häufigsten Statistik-fehler ein.

Gewusst wie bzw. wie nicht

Bei statistischen Auswertungen kann es passieren, dass WissenschaftlerInnen sich falsch entscheiden und früher oder später in einem ausgetrockneten Flussbett anstatt an der Quelle der Erkenntnis ankommen. Manche entscheiden sich sogar bewusst für die falsche Methode, weil ihre Interessen nicht hauptsächlich wissenschaftlicher Natur sind und sie statistische Methoden dazu missbrauchen, die Ergebnisse zu erzeugen, die sie erreichen möchten. Die richtige Anwendung der Methode ist also ausschlaggebend dafür, dass man zur Erkenntnis gelangt.

Häufige Fehler im Bereich Statistik hängen mit der falschen Anwendung der Methoden und der Fehlinterpretation von Auswertungen zusammen. Als AnwenderIn von Statistik aber auch als LeserIn von Studien ist es wichtig, diese zu erkennen. Hier ein paar Beispiele:

Der Prävalenzfehler:

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau an Brustkrebs erkrankt ist, falls ihr Screening-Befund positiv ist? Wenn ein Screening-Test mit 90 % Wahrscheinlichkeit erkennen kann, ob eine Frau Brustkrebs hat oder nicht, so würde man annehmen, dass eine Frau mit einem positiven Befund höchst wahrscheinlich Brustkrebs hat. So einfach ist das aber nicht, denn die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) muss bei der Interpretation des Screening-Tests berücksichtigt werden. Die Prävalenz gibt an, wie viele Menschen einer bestimmten Gruppe von einer Krankheit betroffen sind. Wenn beispielsweise Brustkrebs in der gesamten Frauenpopulation nur mit einer Häufigkeit von 1 % auftritt, so ist die Frau in unserem Beispiel trotz positivem Befund nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit wirklich krank (< 10 %). Liegt die Prävalenz der Erkrankung jedoch bei 50 %, so ist die Frau mit dem positiven Befund höchstwahrscheinlich wirklich krank (90 %).

Der Prävalenzfehler führt dazu, dass wir Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen falsch einschätzen, wenn wir vergessen, sie in den richtigen Bezugsrahmen zu stellen, also beispielsweise nicht beachten wie häufig eine Erkrankung generell in der Bevölkerung auftritt. Mehr zu diesem Thema gibt es hier: Positiv getestet und doch nicht krank? Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit.

Die Interpretation des p-Werts:

Werden in Studien zwei Interventionen miteinander verglichen, wird mit einem statistischen Test errechnet, ob die beobachteten Unterschiede zwischen den Studiengruppen zufällig oder nicht zufällig zustande gekommen sind. Mithilfe des p-Werts schätzt man ab, ob diese Grenze überschritten wurde. Bei einem p-Wert von 0,05 oder kleiner, spricht man von einem statistisch signifikanten Unterschied – also einem Unterschied zwischen den Gruppen, der nicht mehr durch den Zufall erklärt werden kann. Bei der Interpretation des p-Werts kommt es aber häufig zu Missverständnissen. Nehmen wir dieses Beispiel: eine Studie zeigt einen statistisch signifikanten Unterschied in der Wirksamkeit eines Medikaments gegenüber Placebo, weil der abschließende Test einen p-Wert von 0,01 erzeugt. Oft lautet die Interpretation dann: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Medikament und Placebo ähnlich (un)wirksam sind (Nullhypothese), liegt nur bei 1 %. Woraus zu folgen scheint, dass das Medikament mit 99 % Wahrscheinlichkeit wirksamer ist als Placebo (Alternativhypothese).

Das ist nicht so. Ein p-Wert von 0,01 sagt aus, dass Unterschiede zwischen Medikament und Placebo wie in dieser Studie (oder noch größere) mit 1 % Wahrscheinlichkeit für Medikamente auftreten, die nicht besser wirken als Placebo. Das hört sich vielleicht ähnlich an, bedeutet aber ganz etwas anderes. Ein Hypothesentest kann nicht bestimmen wie wahrscheinlich die Nullhypothese oder die Alternative wahr ist.

Multiples Testen und p-Hacking:

Der häufig gewählte p-Wert von 0,05 deutet an, dass die Wahrscheinlichkeit dieses Stichprobenergebnis zu erhalten 5 % oder kleiner ist, vorausgesetzt die Nullhypothese (es gibt keinen Unterschied zwischen den Gruppen) ist wahr. Man hat also bei einem Signifikanztest immer auch ein kleines Risiko, fälschlicherweise einen Unterschied zwischen den Gruppen festzustellen, obwohl in Wirklichkeit keiner vorliegt. Dieser Fehler wird auch „Fehler erster Art“ genannt. Wenn wir beispielsweise nicht nur testen, ob sich zwei Medikamente unterschiedlich auf die Sterblichkeit auswirken, sondern auch ob es Unterschiede in Bezug auf andere Endpunkte wie Schmerzen, Lebensqualität, Nebenwirkungen usw. gibt und wir nicht berücksichtigen, dass wir im gleichen Datensatz mehrfach Tests durchführen, erhöht sich die Gefahr für einen Fehler erster Art. In anderen Worten, es wird wahrscheinlicher, dass wir fälschlicherweise einen Unterschied als statistisch signifikant identifizieren. Es gibt Methoden dieses mehrfache (multiple) Testen in der statistischen Analyse zu berücksichtigen. In manchen Studien wird diese erhöhte Fehlerwahrscheinlichkeit aber sogar bewusst ausgenützt, um die Ergebnisse zu erzeugen, die StudienautorInnen zeigen möchten. Man testet dann einfach ganz viele Endpunkte auf Unterschiede und betreibt sogenanntes p-Hacking. Dies resultiert darin, dass man allein durch Zufall statistisch signifikante Unterschiede findet. Johannes Bohannon und KollegInnen zeigten 2015 in einer Studie wie leicht p-Hacking funktioniert. Sie untersuchten bei 15 StudienteilnehmerInnen die Wirkung von Schokolade in Bezug auf sehr viele, nämlich 18 verschiedene Endpunkte (Gewicht, Cholesterin, Schlafqualität etc.). Sie korrigierten nicht für multiples Testen und hatten somit eine sehr große Chance einen signifikanten Unterschied bei einem der Endpunkte zu finden, auch wenn es in Wahrheit keinen gab. Und siehe da – es funktionierte: TeilnehmerInnen, die regelmäßig Schokolade aßen, hatten statistisch signifikant mehr Gewicht verloren.

Fallzahl und Power:

Die Fallzahl beschreibt die Anzahl an StudienteilnehmerInnen. Die Power, auch Teststärke genannt, beschreibt mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Signifikanztest einen statistisch signifikanten Unterschied richtig erkennt, wenn tatsächlich ein Unterschied zwischen den Gruppen vorliegt. Nehmen wir folgendes Beispiel: eine Studie mit zwei Gruppen zu jeweils zehn PatientInnen zeigt keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen PatientInnen, die ein Medikament bekommen und jenen, die Placebo erhalten (p-Wert > 0.05). Können wir nun daraus schließen, dass das Medikament nicht wirkt? Bei so einer kleinen Studiengröße von gerade mal 10 PatientInnen pro Gruppe war die Studie underpowered, d.h. selbst wenn es zwischen Medikament und Placebo einen statistisch signifikanten Unterschied gibt, kann die Studie aufgrund der geringen Anzahl an StudienteilnehmerInnen einen Unterschied mit weniger als 20 % auch zeigen. Der wahre Effekt des Medikaments würde erst bei Fallzahlen ab 2×100 PatientInnen mit hoher Wahrscheinlichkeit signifikant auftreten. Denn in diesem Fall läge die Power bei über 90 % und die meisten Studien dieser Größenordnung würden statistisch signifikante Effekte zeigen, wenn es welche gibt (9 von 10 Studien).

Korrelation und Kausalität:

Manchmal treten zwei Sachverhalte gemeinsam auf, das muss aber nicht heißen, dass ihr Auftreten auch wirklich miteinander zusammenhängt. Wenn beispielsweise die Scheidungsrate in einem Land sich ähnlich wie der pro Kopf Margarineverbrauch entwickelt, können wir dann schließen, dass reduzierter Margarinekonsum das Scheidungsrisiko senkt oder eine Scheidung den Margarinekonsum erhöht? Wohl eher nicht. Man darf aus einem beobachteten Zusammenhang (Korrelation) zwischen zwei Faktoren nicht auf Kausalität, also eine Ursache-Wirkungsbeziehung schließen. Leider sind viele Korrelationen, die wir berechnen sogenannte Scheinkorrelationen. Erst wenn wir ausschließen können, dass keine Scheinkorrelation vorliegt, und das statistische Ergebnis inhaltlich erklären können, können wir vorsichtig annehmen, einen realen Zusammenhang beobachtet zu haben.

Kritisch sein

Als AnwenderIn von statistischen Methoden ist es wichtig, diese Fehlerquellen zu meiden und auch bei der Interpretation der statistischen Auswertungen zu berücksichtigen. Als LeserIn von Studien, ist es ebenfalls notwendig, diese statistischen Fehler zu kennen, da sie teilweise unbeabsichtigt, teilweise aber bewusst von AutorInnen eingebaut werden, um deren Wunschaussagen treffen zu können. Seien Sie also kritisch und prüfen Sie die Interpretationen und Schlussfolgerungen von Studien.

Cochrane Workshops zum Thema Statistik

Cochrane Österreich bietet 2018 einen eintägigen Workshop über häufige Statistikfehler und das Entlarven von Wissenschaftsbetrug, sowie zwei weitere aufeinander aufbauende zweitägige Statistikkurse an.
Cochrane Deutschland bietet 2018 einen Workshop zu „statistischen Auswertungen jenseits von RevMan – Metaanalysen mit R“ an.
Cochrane Schweiz bietet 2018 einen Workshop zu „Meta-analysis: Advanced methods using the Stata software” an.

Text: Erich Kvas

Diplom Ingenieur Erich Kvas ist ein österreichischer Statistiker und seit 1998 mit seiner Firma Hermesoft selbstständig. Zusätzlich unterrichtet er auf Universitäten und Fachhochschulen in Österreich und hält Statistik-Workshops für Cochrane Österreich ab.

„O du fröhliche“ – Musiktherapie bei Depression

Mon, 12/18/2017 - 12:44

Für viele Menschen ist Weihnachten eine ‚lichte’ Zeit, die für besinnliche Stunden in Gemeinschaft mit Familie und Freunden bestimmt ist. Doch für Menschen, die Weihnachten alleine verbringen, kann diese Zeit bedrückend sein. Sie fühlen sich womöglich noch einsamer als sonst. Für Menschen, die unter Depressionen leiden, könnte Weihnachten zu einer äußerst düsteren Zeit werden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit rund 300 Millionen Menschen an einer Depression, Tendenz steigend. Gemäß der deutschen Depressionshilfe ist in Deutschland etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Im Jahr 2014 ergab eine Befragung in Österreich, dass rund 6 % der Männer und 10 % der Frauen im Jahr davor an einer Depression litten. In der Schweiz gaben rund 6 % der Männer und 7 % der Frauen in der Gesundheitsbefragung von 2012 an, an einer Depression zu leiden. Hauptkennzeichen der häufigen Erkrankung sind Stimmungsänderungen, Antriebslosigkeit, Angstzustände sowie Verlust der Lebensfreude.

Auch wenn die Weihnachtszeit manchmal als emotional aufgeladen wahrgenommen wird und somit Stimmungsschwankungen hervorrufen kann, bieten viele weihnachtliche Traditionen Möglichkeiten sich etwas Gutes zu tun. Musik zum Beispiel spielt während der Weinachtzeit eine wichtige Rolle. Orchester und Chöre bieten ihre Weihnachtssymphonien an und auch auf den Straßen und Märkten tönt oft Musik. Ein aktueller Cochrane-Review befasste sich mit dem Thema „Musik“ und gibt Hinweise, dass Musiktherapie sich positiv auf Menschen mit Depressionen auswirkt.

Musiktherapie bei Depression

Musiktherapie umfasst regelmäßige Treffen mit qualifizierten MusiktherapeutInnen, mit dem Ziel, die Stimmung durch den musikalischen Ausdruck von Emotionen zu verbessern. Ein Cochrane-Review untersuchte, ob Musiktherapie hilft, Depressionen zu mildern.

Der Review beinhaltet neun Studien mit insgesamt 421 Menschen jeder Altersgruppe, von Jugendlichen bis hin zu älteren Personen. Die eingeschlossenen Studien verglichen die Wirkung der Musiktherapie mit üblicher Behandlung bei Depression. Diese sogenannte übliche Behandlung bestand in den Studien aus einer Kombination aus verschiedenen Therapien oder Aktivitäten, wie z. B. Psychotherapie, Medikamente oder Ergotherapie. Außerdem wurden die Unterschiede zwischen zwei verschiedenen Formen der Musiktherapie untersucht: bei der aktiven Musiktherapie sangen oder musizierten die TeilnehmerInnen selbst, bei der passiven Musiktherapie hörten sie innerhalb des Therapieprogrammes der Musik zu.

Kann Musik Depression lindern?

Es gibt Hinweise darauf, dass Musiktherapie depressive Symptome und Ängste mildern und Betroffenen dabei helfen kann, die Berufsfähigkeit sowie persönliche Beziehungen aufrecht zu erhalten und aktiv am Leben teilzunehmen.

Musiktherapie in Kombination mit der Standardtherapie scheint dabei wirksamer zu sein als die Standardtherapie alleine, sowohl bei klinisch-diagnostizierten depressiven Symptomen sowie als auch bei selbstberichteten Symptomen, und auch die Nebenwirkungen unterscheiden sich nicht.

Ein wichtiger Punkt für den Erfolg der Musiktherapie ist jedoch die aktive und aufmerksame Teilhabe der TeilnehmerInnen während des Therapie-Prozesses, ganz gleich ob es sich um die aktive oder die passive Variante der Musiktherapie handelte.

Welche der beiden Varianten, also aktiv musizieren oder der Musik innerhalb des Programmes zuzuhören, die bessere ist, geht aus dem Cochrane Review nicht hervor, da die Anzahl an identifizierten Studien und Teilnehmern zu gering sind, um eine sichere Aussage treffen zu können.

Die Auswirkungen von Musiktherapie auf die Gesundheit wurden bereits im Jahr 2011 in einem anderen Cochrane-Review untersucht. Darin wurde der Frage nachgegangen, ob Musiktherapie eine positive Wirkung auf Ängste, Schmerzen und Müdigkeit bei Krebspatienten hat. Auch hier fanden die AutorInnen einige positive Auswirkungen dieser Therapieart.

Fazit

Es gibt Hinweise, dass sich Musiktherapie positiv auf die Symptome einer Depression auswirkt. Zwar müssten diese Hinweise durch weitere Studien bestätigt werden, dennoch ist Musik im Allgemeinen sicher eine gute Möglichkeit, um sich in der Weihnachtszeit wohl(er) zu fühlen.

Text: Anette Blümle

Viel Angebot, wenig Evidenz: Ernährung und Nahrungsergänzung bei Multipler Sklerose

Wed, 12/13/2017 - 09:27

In diesem dritten Beitrag zu Multipler Sklerose (MS) geht Übersetzerin Brita Fiess auf Reviews zum Thema Ernährung und Nahrungsergänzung bei MS ein, die sie bei einer Recherche in der Cochrane Library identifiziert hat. 

Internet, Buchläden und auch Patientenbroschüren sind generell voll von Ernährungstipps, auch für Multiple Sklerose-Patienten und Patientinnen. Doch helfen diese Ernährungsinterventionen wirklich, den Verlauf einer Multiplen Sklerose zu beeinflussen?

Neben den herkömmlichen medizinischen Behandlungen bei Multipler Sklerose (MS), die in den ersten beiden Artikeln dieser Mini-Serie zu MS und verlaufsmodifizierenden Therapien erwähnt wurden, besteht bei den Betroffenen, die ich kennengelernt habe, meist auch der Wunsch, über so genannte alternative Maßnahmen einen positiven Einfluss auf den Verlauf ihrer Erkrankung zu nehmen. Diese beinhalten unter anderem eine angepasste Ernährung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Deshalb beschloss ich, während meines Übersetzungsprojektes einen genaueren Blick auf dieses Thema und die Evidenz aus Cochrane Reviews zu werfen.

Von der „Low-Carb“-Diät bis zum Paläo-Programm, das Web hat Alles zu bieten

Im Internet werden die unterschiedlichsten Ernährungsinterventionen bei MS diskutiert. Das beginnt bei der ,Low-Carb’-Diät, auch als ketogene Ernährung bezeichnet, bei der man nur wenige Kohlehydrate, dafür jedoch mehr Fette zu sich nimmt. Weiter geht es mit einer gluten- oder laktosefreien Ernährung, die ebenso wie eine vegane Lebensweise Vorzüge für MS-Betroffene haben soll. Auch ,exotischere’ Ernährungsinterventionen werden angepriesen, wie die so genannte ,Steinzeit- oder Paläo-Diät’. Diese sieht vor, dass man nur Nahrungsmittel verzehrt, von denen sich schon unsere Vorfahren als Jäger und Sammler ernährten, und bei welcher Getreide und Milchprodukte vom Speiseplan gestrichen sind.

Und die Evidenz?

Obwohl das Internet von Tipps und Ratschlägen überflutet ist, bin ich in meiner Übersetzungsarbeit der laienverständlichen Zusammenfassungen von Cochrane Reviews (zurückreichend bis 2012) zu MS nur auf einen Review zu Ernährungsinterventionen gestoßen. Hier untersuchten Cochrane-AutorInnen, inwiefern Veränderungen der Essgewohnheiten tatsächlich einen Einfluss auf den Verlauf einer MS-Erkrankung haben können. Konkret betrachteten sie Nahrungsergänzungsmittel im Hinblick auf ihren Nutzen bei MS. Sie untersuchten zum Beispiel die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren, mit Vitaminen – mit Ausnahme von Vitamin D, das bereits Gegenstand eines 2010 Reviews war – und Mikronährstoffen. Zudem zogen sie Antioxidantien wie bspw. Selen in Betracht, das den Entzündungsprozessen bei MS vorbeugen soll oder Gingko biloba zur Steigerung der Gedächtnisleistung sowie eine Supplementierung mit Coenzym Q10, dessen Wirkung auf den Schutz fetthaltiger Gewebestrukturen wie bspw. der des Nervensystems helfen soll. Auch die bereits genannte gluten- und laktosefreie Ernährung wurde in diesem Review untersucht.

Die AutorInnen fanden sechs randomisierte kontrollierte Studien, die die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren untersuchten, und die die Anforderungen für einen Einschluss in ihren Review erfüllte. Sie stellten fest, dass die Datenlage für eine Bewertung des Nutzens (oder Schadens) von Nahrungsergänzung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren nicht ausreichte. Die AutorInnen arbeiteten heraus, dass eine Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren keinen wesentlichen Einfluss auf das Fortschreiten der MS-Erkrankung zu haben scheint. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die Supplementierung die Häufigkeit von Schüben über einen Zeitraum von zwei Jahren vermindern könnte. Zu den anderen möglichen Ernährungsinterventionen wie bspw. eine Supplementierung mit Vitaminen oder Antioxidantien fanden die AutorInnen jedoch keine geeigneten Studien.

Das Fazit

Aufgrund der Vielzahl vorgeschlagener Diäten und Ernährungsweisen im Internet und in den zahlreichen Kochbüchern, die spezielle Rezepte für eine „MS-Ernährung“ beinhalten, sind unabhängige Studien zu Ernährungsinterventionen bei MS dringend erforderlich. Betroffene, die zusätzlich zu ihrer medizinischen Behandlung auch über die Ernährung auf den Verlauf ihrer Krankheit einwirken möchten, könnten sich damit objektiv über den Nutzen oder auch Schaden bestimmter Diäten oder Nahrungsergänzungsmittel bei MS informieren.

Text: Brita Fiess

Weitere Blogartikel zu MS:

Living systematic reviews – immer am aktuellsten Stand der Forschung

Mon, 12/04/2017 - 12:25

Es ist aufwändig, systematische Reviews auf dem aktuellen Stand der Forschung zu halten. Bisher werden Reviews, wenn überhaupt, nur in bestimmten Zeitabständen aktualisiert. Eine Gruppe von WissenschaftlerInnen hat sich einen neuen Ansatz überlegt, wie Reviews aktuell bleiben können.

Systematische Reviews verlieren mit der Zeit an Aktualität. In Fachgebieten in denen sehr viel Forschung betrieben wird (z.B. Krebsforschung) kann ein Review schnell überholt sein. Für LeserInnen ist es schwierig zu erkennen, wann Reviews zu alt sind, um den Ergebnissen vertrauen zu können. Denn ohne eine Suche in Literaturdatenbanken und anderen Quellen kann man kaum feststellen, ob es neue, relevante Studien gibt, die der Review noch nicht berücksichtigt hat. Und selbst wenn neue Studien gefunden werden, ist es ohne Durchführung einer Meta-Analyse häufig nicht ersichtlich, ob diese neuen Studien die Ergebnisse des bestehenden Reviews verändern.

Auch Cochrane AutorInnen haben mit „alternden“ Reviews zu kämpfen. Zwar versuchen die AutorInnen, ihren Cochrane Review alle zwei Jahre zu aktualisieren, das gelingt aber aufgrund der großen Anzahl an Cochrane Reviews (aktuell mehr als 7.000) nur für einen Bruchteil und verhindert auch nicht, dass ein Review möglicherweise schon vor Ablauf der Zweijahresfrist nicht mehr up-to-date ist.

Bisher sind systematische Reviews Momentaufnahmen der aktuellen Evidenz: Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird nach Studien gesucht, ihre Ergebnisse werden zusammengefasst (evtl. in Meta-Analysen) und der Review wird publiziert. Damit ist die Arbeit für die AutorInnen abgeschlossen, bis zwei Jahre später oder zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht eine Aktualisierung durchgeführt wird.

Eine Gruppe von WissenschaftlerInnen (Living Systematic Review Network) schlägt ein neues Verfahren vor, um Reviews stets aktuell zu halten und hat ihre Überlegungen dazu im September 2017 in einer vierteiligen Serie im Journal of Clinical Epidemiology publiziert. Sie nennt den neuen Ansatz „Living Systematic Review“ (LSR) und meint damit Reviews, die kontinuierlich aktualisiert werden und neue Studien einschließen, sobald diese verfügbar sind. Einige Ideen der Serie stellen wir hier vor.

Wie wird ein LSR durchgeführt?

Der LSR folgt auf ein Protokoll und einen aktuellen „Standard-Review“. Im Protokoll sollte bereits festgehalten werden, dass der Review ein LSR wird, in welchen Abständen nach neuen Studien gesucht wird und wann neue Studienergebnisse in den Review eingefügt werden. Generell sollten NutzerInnen über den aktuellen Stand des LSR aktiv informiert werden, beispielsweise wenn neue Evidenz unterwegs oder eingearbeitet ist. Somit wissen die NutzerInnen, wann eine Aktualisierung zu erwarten ist.

Dabei bedeutet nicht jede neue Studie automatisch, dass der Review sofort komplett aktualisiert werden muss: Ändern die neuen Studien das Ergebnis des Reviews nicht, ist es durchaus möglich die Aktualisierung zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen. Wichtig ist nur, dass die Studien und die Gründe für eine spätere Aktualisierung transparent dargestellt werden.

Ansonsten bleibt es aber bei den Standardmethoden für Reviews, wie sie beispielsweise im Cochrane Handbook zu finden sind. Bei häufigen Aktualisierungen von Reviews sind allerdings einige statistische Besonderheiten zu beachten, denen sich Teil 3 der Artikelserie im Journal of Clinical Epidemiology zu LSR widmet.

Um den vermehrten Aufwand, den dieser Ansatz mit sich bringt, in Grenzen zu halten, stellt Teil 2 der Artikelserie die Möglichkeiten von automatisierten Prozessen bei der Erstellung von LSR vor, die auch für andere Formen der Evidenzsynthese interessant sind. So können Review-AutorInnen zum Beispiel in vielen Literaturdatenbanken sogenannte „auto-alerts“ festlegen, die automatisch z.B. per E-Mail informieren, wenn es neue, relevante Forschungsergebnisse gibt. Es gibt außerdem die Möglichkeit, in Meta-Datenbanken zu suchen, die eine Suche in vielen Datenbanken gleichzeitig durchführen, wie Epistemonikos oder Health Database Advanced Search.

Auch für die Datenextraktion gibt es Ansätze, die sich in frühen Entwicklungsphasen befinden, beispielsweise die automatische Extraktion von Daten aus Tabellen und Diagrammen (z.B. Content Mine oder Graph2Data). Diese Programme könnten Review-AutorInnen beispielsweise nutzen, in dem die Datenextraktion nicht wie bisher von zwei menschlichen ReviewerInnen, sondern nur von einem Menschen und der Software ausgeführt wird. Für die Risiko für Bias-Bewertung gibt es sogar Entwicklungen im maschinellen Lernen (z.B. RobotReviewer).

Wann ist ein „Living Systematic Review“ sinnvoll?

Es ist nicht für jeden Review sinnvoll zum LSR zu werden, u.a. weil der Ansatz einiges an Aufwand mit sich bringt. Die WissenschaftlerInnen schlagen vor, dass der Ansatz nur für solche Reviews genutzt wird, die

1) sehr wichtig für eine Entscheidung über eine bestimmte Behandlung sind, wenn

2) die Ergebnisse des Reviews derzeit unsicher sind, sodass neue Studien die Ergebnisse des Reviews ändern könnten und wenn

3) die Durchführung neuer Studien wahrscheinlich ist, weil z.B. die Forschung in dem Gebiet der Fragestellung relativ schnell voranschreitet.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Review nicht für immer ein LSR bleiben muss: Treffen die oben genannten Kriterien nicht mehr auf ihn zu, wird er wieder zum „Standard-Review“, der nach längeren Zeitabständen aktualisiert wird.

Welchen Vorteil haben LSR?

LSR tragen dazu bei, dass neue relevante Forschungsergebnisse schneller in die Praxis einfließen, damit im Gesundheitswesen Tätige sie früher anwenden und PatientInnen schneller davon profitieren. In diesem Prozess können auch „Living Guidelines“ eine entscheidende Rolle spielen: Klinische Leitlinien, deren Empfehlungen aktualisiert werden sobald neue relevante Evidenz zur Verfügung steht und denen sich Teil 4 der Artikelserie widmet.

Fazit

Aktuell werden erste Reviews innerhalb aber auch außerhalb von Cochrane in LSR umgewandelt. Ein Beispiel ist der Cochrane Review, der Maßnahmen untersucht, wie der Obst- und Gemüseverzehr bei Kindern unter 5 Jahren erhöht werden kann.

Es bleibt abzuwarten, welchen Aufwand an Ressourcen dieser Ansatz benötigt und welche Stärken und Schwächen sich bei einer kontinuierlichen Aktualisierung zeigen.

Sicherlich kann man aber sagen, dass sich der Prozess der Review-Erstellung, so wie wir ihn im Moment kennen, in den nächsten Jahren verändern wird. Denn vor Allem ist es wünschenswert, dass aktuelle Evidenz schneller bei PatientInnen ankommt.

Text: Claudia Bollig, Cochrane Deutschland

 

Journal of Clinical Epidemiology – Publikationen zu Living Systematic Reviews 

• Elliott JH, Synnot A, Turner T, Simmonds M, Akl EA, McDonald S, et al. Living systematic review: 1. Introduction-the why, what, when, and how. J Clin Epidemiol 2017

• Thomas J, Noel-Storr A, Marshall I, Wallace B, McDonald S, Mavergames C, et al. Living systematic reviews: 2. Combining human and machine effort. Journal of Clinical Epidemiology 2017

• Simmonds M, Salanti G, McKenzie J, Elliott J. Living systematic reviews: 3. Statistical methods for updating meta-analyses. J Clin Epidemiol 2017

• Akl EA, Meerpohl JJ, Elliott J, Kahale LA, Schunemann HJ. Living systematic reviews: 4. living guideline recommendations. J Clin Epidemiol 2017

Verlaufsmodifizierende Therapien bei MS – Recap der Cochrane Evidenz

Tue, 11/28/2017 - 14:24

In diesem zweiten von drei Beiträgen zu Multipler Sklerose (MS) teilt die freiwillige Cochrane Übersetzerin Brita Fiess Fakten zu verlaufsmodifizierenden Therapien bei MS, die sie im Laufe ihrer Arbeit in Erfahrung gebracht hat. Sie berichtet über diese Therapieform, da sie der langfristigen Behandlung von MS dient und daher für alle Verlaufsformen von MS von Bedeutung ist.

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, d.h. das Immunsystem des Körpers, das eigentlich dazu dienen soll, diesen vor Krankheitserregern zu schützen, richtet sich gegen den eigenen gesunden Körper. Verlaufsmodifizierende Therapien stellen eine der grundlegenden Therapieformen bei MS dar und wirken direkt auf das Immunsystem. Wie aussagekräftig ist die Evidenz bezüglich dieser Behandlungsform?

Die Ursache, weshalb sich bei MS das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet ist noch nicht abschließend geklärt. Hier sind neben genetischen Faktoren, Umwelteinflüsse, Vitamin-D-Mangel und die Ernährung im Gespräch.

Was jedoch sicher zu sein scheint, ist, dass sich bei MS die für die Immunabwehr des Körpers zuständigen B- und T-Zellen gegen die Substanz richten, die die Nervenfasern umhüllt, das so genannte Myelin. Das Myelin gewährleistet als Schutzhülle, dass die elektrischen Impulse im Nervensystem weitergeleitet werden. Der Angriff der B- und T-Zellen auf die Myelinhülle der Neuronen löst eine Entzündung aus und führt zu verschiedenen Symptomen. Das Auftreten eines oder mehrerer MS-Symptome, die über 24 Stunden hinaus bestehen, wird als Schub bezeichnet.

Verlaufsmodifizierende Therapie als MS-Therapie-Form

Die Behandlung von MS zielt auf verschiedene Ebenen: Neben der Schubtherapie, die auf die Behandlung eines akuten Schubs abzielt, und der symptomatischen Therapie, die zur Linderung von Symptomen eingesetzt wird, die durch die Entzündungsprozesse hervorgerufen werden, stellt die so genannte verlaufsmodifizierende Therapie eine der bedeutenden Therapiesäulen bei MS dar. Diese Behandlung wirkt auf die der Krankheit zugrundeliegenden Mechanismen, d.h. direkt auf das Immunsystem. Die verlaufsmodifizierende Therapie soll verhindern, dass die entzündlichen Veränderungen fortschreiten und Entzündungsherde zunehmen. Somit soll sie dem MS-PatientInnen zu einer möglichst lang andauernden beschwerdefreien bzw. beschwerdearmen Zeit verhelfen.

Wie funktioniert die verlaufsmodifizierende Therapie?

Bei der verlaufsmodifizierenden Therapie kommen so genannte Immunsuppressiva und Immunmodulatoren zum Einsatz. Letztere beeinflussen die Immunreaktion des Körpers und stellen eine Balance zwischen immunstimulierenden und immunhemmenden Mechanismen her. Typische medikamentöse Immunmodulatoren sind z.B. so genannte rekombinante, d.h. biotechnologisch hergestellte Beta-Interferone, die wie natürliche, im Körper vorkommende Botenstoffe das Immunsystem regulieren und im Gleichgewicht halten. Immunsuppressiva hingegen sind bspw. aus der Transplantationsmedizin bekannt, wo sie zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktion dienen. Sie unterdrücken die Funktion der Immunzellen in einem Umfang, dass ihr Angriff auf die Neuronen verhindert wird.

Was sagt die Evidenz?

Cochrane-AutorInnen untersuchten in elf Reviews verschiedene verlaufsmodifizierende MS-Therapien.

Die beiden am häufigsten angewendeten verlaufsmodifizierenden MS-Therapien sind der Immunmodulator Glatirameracetat, ein synthetisches Eiweißmolekül, das dem Myelin ähnelt und die Entzündungsreaktion bei MS reduzieren soll, und die oben schon erwähnten immunmodulatorisch wirkenden Beta-Interferone. Die Wirksamkeit beider Maßnahmen wurde von Cochrane-AutorInnen in einem in 2016 aktualisierten Review untersucht. Dabei stellten sie fest, dass die beiden Therapien anscheinend ähnliche Wirkungen in Bezug auf Rückfälle und Progression haben, bzw., dass nur geringfügige Unterschiede bestehen. Die Qualität der Evidenz wurde als moderat eingestuft.

Tatsächlich wurde bei nur drei von elf Reviews die Qualität der eingeschlossenen Studien als „hoch“ eingestuft. Einer dieser Reviews untersuchte das Immunsuppressivum Alemtuzumab, einen in der MS-Therapie eingesetzten Antikörper, der die B- und T-Zellen zerstört. Der Review betrachtete diesen Wirkstoff im Vergleich zu einem subkutan (unter die Haut) verabreichten Beta-Interferon, Interferon-beta-1a. Dabei senkte Alemtuzumab das Risiko eines Rückfalls, verbesserte die Körperfunktion und schien das Gesamtrisiko für Nebenwirkungen nicht zu erhöhen. Die Cochrane-AutorInnen stellten jedoch bei ihrer Betrachtung auch fest, dass die Qualität der Evidenz für die wichtigsten Endpunkte, rückfallfreies Überleben, progressionsfreies Überleben und unerwünschte Ereignisse, sehr niedrig bis moderat sei.

Die anderen beiden Reviews (Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei Multipler Sklerose: Eine Netzwerk-Metaanalyse; Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei schubförmig remittierender multipler Sklerose: Netzwerk-Meta-Analyse) beinhalteten Netzwerk-Metaanalysen. Diese untersuchten die Wirksamkeit und das Nutzen-Risiko-Profil von 15 bzw. 11 in der Behandlung von MS zum Einsatz kommenden Wirkstoffen auf der Basis mehrerer Studien (39 bzw. 44) an einer großen Anzahl von PatientInnen (25.113 bzw. 17.401). Hierbei zeigte sich, dass einige Wirkstoffe (Interferon-β-1a und -1b, Glatirameracetat, Natalizumab, Mitoxantron) Schüben und dem Fortschreiten einer Behinderung bei Personen mit schubförmiger MS vorbeugen können.

In beiden Reviews zeigte sich ein anderes Problem, das die Aussagekraft von Studien zu MS-Medikamenten beeinträchtigt: die kurze Studiendauer. Die AutorInnen dieser – und auch anderer – Reviews bemängeln, dass diese häufig zu kurz (meist nur 24 Monate) ist, um die langfristige Sicherheit und Wirksamkeit der Präparate ermitteln zu können. Dies ist insbesondere bei einer chronischen Krankheit wie MS von besonderer Bedeutung, da die PatientInnen die Medikamente über lange Zeiträume anwenden müssen. Beide oben genannten Netzwerk-Metaanalysen sowie der Review zu Glatirameracetat und Beta-Interferonen sind auch auf andere Weise exemplarisch – bei diesen wiesen die AutorInnen darauf hin, dass die zugrundeliegenden Studien von der pharmazeutischen Industrie finanziert wurden. Die Unabhängigkeit ist somit möglicherweise nicht gewährleistet.

Weitere Studien werden benötigt

In Anbetracht der besonderen Rolle, die der verlaufsmodifizierenden Therapie als Möglichkeit zur Verlängerung des beschwerdefreien Zeitraums für die MS-PatientInnen zukommt, sind die Ergebnisse der AutorInnen eher ernüchternd. Unabhängige Studien, qualitativ hochwertige Evidenz und vor allem Studien zur Sicherheit und Langzeitwirksamkeit von Immunsuppressiva und Immunmodulatoren werden benötigt, damit sich MS-PatientInnen objektiv über die für sie so wichtigen Präparate informieren können.

Text: Brita Fiess

11 Cochrane Review-Zusammenfassungen zu MS:

1.„Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei schubförmig remittierender multipler Sklerose: Netzwerk-Meta-Analyse“
2. „Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei Multipler Sklerose: Eine Netzwerk-Metaanalyse“
3. „Ein Vergleich der Wirksamkeit und Sicherheit der zwei häufigsten Therapien für Personen mit Multipler Sklerose (MS)“
4. „Beta-Interferon bei sekundär progredienter Multipler Sklerose“
5. „Daclizumab bei schubförmig remittierender Multipler Sklerose“
6. „Laquinimod bei Multipler Sklerose“
7. „Teriflunomid bei Multipler Sklerose“
8. „Rituximab bei schubförmig remittierender Multipler Sklerose“
9. „Fingolimod bei rezidivierend-remittierender multipler Sklerose“
10. „Alemtuzumab bei Multipler Sklerose“
11. „Mycophenolat-Mofetil bei schubförmig remittierender Multipler Sklerose“

 

5 am Tag – auch schon für die Kleinsten

Tue, 11/21/2017 - 12:52

Eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse kann das Risiko von Zivilisationskrankheiten langfristig senken. Daher gilt die Faustregel, täglich fünf Portionen Obst und Gemüse zu essen, auch bereits für Kinder. Cochrane-Autoren wollten wissen, wie der Obst- und Gemüseverzehr bei Kindern unter 5 Jahren erhöht werden kann.

Ein hoher Obst- und Gemüseverzehr in der Kindheit kann chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter reduzieren. Weltweit werden 2.8% der Todesfälle auf einen geringen Obst- und Gemüsekonsum zurückgeführt. Die Basis für eine dauerhaft gesunde und abwechslungsreiche Ernährung kann bereits früh geschaffen werden. Es ist leichter, sich von Anfang an gesund zu ernähren, als später im Erwachsenenalter alte Vorlieben aufzugeben oder auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten. Daher zielen viele Public Health-Interventionen darauf ab, bereits im Kindesalter den Früchte- und Gemüsekonsum zu erhöhen.

Positive Auswirkungen von Obst und Gemüse auf die Gesundheit

Obst und Gemüse versorgen den Körper mit wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen. Zudem senken sie das Risiko von nicht-übertragbaren Erkrankungen (NCD) wie Herzkreislauferkrankungen, verschiedenen Krebsarten, Diabetes oder Bluthochdruck. Diese nehmen noch immer zu und verursachen in Europa 86% der Todesfälle und 77% der Krankheitslast. Übergewicht und Adipositas gelten als wichtige Risikofaktoren bei ihrer Entstehung. In der EU sind je nach Land bereits zwischen 12% und 33% der 4-jährigen Kinder übergewichtig oder adipös. In der Schweiz sind es im Kindergartenalter 15% und in der Unter- und Mittelstufe bereits 20% der Kinder. Gründe hierfür sind mangelnde Bewegung sowie Aufnahme von energiereichen Lebensmitteln, die viel Fett oder Zucker enthalten. Obst und Gemüse tragen durch die geringe Energiedichte und den hohen Ballaststoffgehalt zu einer schnelleren und langanhaltenden Sättigung bei. Das kann bei der Prävention von Übergewicht und Adipositas genutzt werden.

Empfohlene Menge und tatsächlicher Konsum

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Oganization (WHO)) und die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (Food and Agriculture Organization (FAO)) empfehlen einen täglichen Verzehr von mindestens 400 g Obst und Gemüse. Um dies zu erreichen, entstand in der EU die Kampagne „5 am Tag“. Hierbei sollen mindestens fünf Portionen Obst- und Gemüse täglich konsumiert werden, davon etwa die Hälfte roh. Eine Portion entspricht dabei jeweils der eigenen Handgrösse; bei Kindern je nach Alter 40 bis 120 g und bei Erwachsenen ca. 120 g. In der Schweiz konsumieren laut der landesweiten Ernährungsumfrage MenuCH nur 13% der Bevölkerung täglich die empfohlenen 5 Portionen Obst und Gemüse. In Deutschland erreichten dies 2014 knapp 10% der Erwachsenen und in Österreich 9%. Bei den Kindern wurde das Ziel in Deutschland nur von 17-20% erreicht.

Welche Massnahmen erhöhen den Obst- und Gemüsekonsum bei Kindern wirkungsvoll?

Ein Cochrane Review ging der Frage nach, mit welchen Massnahmen der Obst- und Gemüsekonsum bei Kindern unter 5 Jahren erhöht werden kann. Es wurden 50 Studien mit 10.267 Teilnehmenden eingeschlossen: 30 Studien untersuchten die Ernährung von Kindern, 11 Studien Schulungsmassnahmen für Eltern bezüglich Kinderernährung, 8 Studien mehrteilige Massnahmen und eine Studie untersuchte die Schulung der Kinder bezüglich ihrer Ernährung. Die Metaanalysen zeigten nur eine positive Wirkung bei Massnahmen, welche die Ernährung der Kinder direkt betrafen; wie beispielsweise der Verzehr von mehr Obst- und Gemüseportionen pro Tag. Hier erhöhte sich der Gemüsekonsum der Kinder um durchschnittlich etwa 4 g im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die anderen untersuchten Massnahmen zeigten keinen Einfluss auf den Früchte- und Gemüseverzehr. Die Evidenz für die Wirkung der untersuchten Massnahmen bei jüngeren Kindern ist eher gering. Jedoch müssen die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden, da das Vertrauen in die Ergebnisse niedrig ist und sich diese sehr wahrscheinlich noch durch zukünftige Studien verändern.

Bisherige Massnahmen im deutschsprachigen Raum

Kinder erwerben ihre Essgewohnheiten zunächst durch das Imitieren ihrer Eltern, später dann auch durch das Essensangebot von Krippen, Kindergärten oder Schulen. Hier setzen die verschiedenen Programme, wie beispielsweise das „EU-Schulprogramm“ an. Ziel dieses Programms ist es, dass 3- bis 10-jährige Kinder mehr Obst, Gemüse und Milch verzehren. Durch das tägliche Angebot sollen die Essgewohnheiten der Kinder langfristig positiv beeinflusst werden. In der Schweiz bestehen ebenfalls Programme und Projekte für Kinder bis 5 Jahren, wie beispielsweise “Purzelbaum”. Das Projekt setzt sich für mehr Bewegung und gesunde Ernährung in Spielgruppen, Kindertagesstätten, Kindergärten und in Primarschulen ein und wird bisher in 20 Kantonen umgesetzt. In Deutschland wird im Rahmen des Nationalen Aktionsplans „IN FORM“ auch durch verschiedene Projekte und Programme eine gesunde Ernährung und Verpflegung in Kindergärten und Schulen gefördert.

Neben diesen Programmen existieren auch Broschüren zur Elternbildung; wie in der Schweiz „Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern” oder in Deutschland „Empfehlung für die Ernährung von Kindern und Jugendlichen“.

Fazit

Um die Kleinen schon früh an viel Obst und Gemüse zu gewöhnen, gibt es mehrere vielversprechende Strategien: so lernen Kinder sehr viel durch Beobachtung und Nachahmung der Grossen. Wenn Obst und Gemüse über den Tag hinweg in verschiedenen Formen, wie z.B. als Rohkost oder als leckeren Saft, angeboten werden, kann damit der Früchte- und Gemüsekonsum der Kleinen gesteigert werden. Also warum nicht gemeinsam mit den Kindern statt des Schokoladenriegels aus der Werbung eine saftige Apfelsine oder einen knackigen Apfel als Snack zwischendurch geniessen?

Text: Anne Borchard

Multiple-Sklerose: eine Krankheit, viele Gesichter, wenig gute Informationen

Wed, 11/15/2017 - 09:14

In diesem ersten Gastbeitrag berichtet unsere freiwillige Übersetzerin Brita Fiess von ihrer Motivation, zum Thema Multiple Sklerose (MS) zu arbeiten. Es folgen zwei weitere Beiträge, einer zu verlaufsmodifizierenden Therapien und ein Zweiter zu Ernährungsinterventionen bei MS.

Lange gehörte Multiple Sklerose (MS) zu den Krankheiten, mit denen ich als medizinische Übersetzerin zwar öfter konfrontiert wurde, die ich aber nicht wirklich einordnen konnte. Meine Motivation, mehr über MS zu lernen und letztendlich zur Übersetzung von laienverständlichen Zusammenfassungen von Cochrane Reviews beizutragen, verstärkte sich, als die Krankheit für mich ein konkretes Gesicht erhielt.

Multiple Sklerose: Fakten & Zahlen

In Deutschland ist MS mit ca. 200.000 Betroffenen eine der häufigsten Erkrankungen des Zentralnervensystems. In der Schweiz gab es im Jahr 2016 zwischen 10.000 und 15.000 Betroffene und in Österreich sind es rund 8.500. Weltweit sind schätzungsweise 2,5 Mio. Menschen erkrankt; Frauen häufiger als Männer. Betroffene Personen erkranken typischerweise im Alter von 20 bis 40 Jahren.

Wie MS in meinem Leben ein Gesicht annahm

Soweit die Fakten, die ich durch meine bis dahin eher vereinzelten Übersetzungsarbeiten über MS in Erfahrung gebracht hatte. Doch war mir nicht bewusst, was Menschen, die unter MS leiden, eigentlich durchleben. All das änderte sich prompt als ich eine Betroffene kennen- und wertschätzen lernte. In persönlichen Gesprächen erfuhr ich plötzlich eine Menge über die Vielschichtigkeit der Probleme, mit denen MS-Erkrankte zu kämpfen haben. Eine Herausforderung ist beispielsweise der schwierige Zugang zu objektiven Informationen über Behandlungsmöglichkeiten.

MS Internetrecherche – viel zu viel und doch zu wenig

Nach dieser Begegnung begann ich mich intensiver mit MS auseinanderzusetzen. Zuerst tat ich, was wohl alle tun würden, ich fing an zu „googlen“. Meine Internetrecherche lieferte zwar zahlreiche Treffer und Informationsseiten, doch bei näherer Betrachtung zeigten diese sehr schnell ihre Schwächen auf. Meist wurde lediglich ein kurzer Überblick über die Erkrankung geliefert, ganz ähnlich den Fakten, die ich schon von meinen vorherigen Übersetzungsarbeiten kannte.

Was ist Multiple Sklerose?

MS oder Encephalomyelitis disseminata (ED) ist eine Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS), d.h. sie betrifft das Gehirn und das Rückenmark. Über die Nervenfasern, die so genannten Neuronen, werden Signale vom Gehirn über das Rückenmark an den Körper gesendet. Damit die Signale fehlerfrei übermittelt werden können, sind die Neuronen von einer Schutzschicht aus Myelin umgeben. Das ist vergleichbar mit der Isolierung von Stromkabeln. Ist jemand an Multipler Sklerose erkrankt, wird die Myelinschutzhülle um die Nervenfasern durch körpereigene Abwehrprozesse zerstört. Wie bei Kabeln ist dann die Signalübertragung beeinträchtigt und es kommt zu neurologischen Symptomen, wie beispielsweise Sehstörungen oder Veränderungen des Gangbilds.

Viel weiter brachten mich meine Internetrecherchen auch nicht. Einige Quellen führten lediglich noch verschiedene Behandlungsmöglichkeiten auf mit Schwerpunkt auf medikamentöse Therapien. Jedoch fand ich zur Wirksamkeit und zu den Nebenwirkungen der Therapien kaum Informationen. Auch lieferten die Treffer zahlreiche Informationen, die von Pharmaunternehmen verbreitet wurden, sodass die Unabhängigkeit der angebotenen Informationen fraglich war. Lediglich die Internetportale der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft oder der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft bildeten hier eine Ausnahme.

Cochrane Reviews zu übersetzen half mir, Wissenslücken zu füllen

Als medizinische Übersetzerin kam mir natürlich Cochrane als unabhängige Informationsquelle in den Sinn, zumal ich einige Monate zuvor schon begonnen hatte, ehrenamtlich laienverständliche Cochrane Review-Zusammenfassungen ins Deutsche zu übersetzten (zu finden unter Cochrane Kompakt). Eine schnelle Recherche in der Cochrane Library zeigte, dass zwar viele Cochrane Reviews zu MS vorhanden waren, aber nicht auf Deutsch. Kurzum: die Informationen waren eventuell zwar wertvoll, aber für Betroffene, die kein oder wenig Englisch verstehen, nutzlos. Deshalb entschloss ich mich alle Review Zusammenfassungen zu MS ins Deutsche zu übersetzten.

So übersetzte ich innerhalb einer Woche insgesamt 18 Review-Zusammenfassungen zu Multipler Sklerose: 12 Reviews zur medikamentösen Behandlung von MS bzw. MS-spezifischer Symptome und 6 Reviews zu unterstützenden und alternativen Therapien (z.B. Ernährungsinterventionen oder Gesamtkörper-Vibrationstraining).

Was mich am meisten während meiner Übersetzungsarbeit verblüffte war, dass von den 18 Reviews nur bei zweien die Qualität der Evidenz als „hoch“ eingestuft wurde. Häufig wurde in den Reviews festgestellt, dass eigentlich weitere Studien erforderlich wären, um eine Einschätzung der Wirksamkeit und Sicherheit geben zu können.

Viel Arbeit für ein Ergebnis, das für mich sehr ernüchternd schien: Offensichtlich stellten auch Cochrane-AutorInnen fest, dass unabhängige, qualitativ hochwertige Evidenz zum Thema MS gebraucht werden. Dennoch war mein Projekt für mich aufschlussreich und wertvoll. Dadurch wird die Information, dass wir dringend mehr unabhängige und verlässliche Evidenz zu MS brauchen auch im deutschsprachigen Raum verbreitet. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Über die Krankheit habe ich ebenfalls viel gelernt, sodass ich mich nun besser auf die Bedürfnisse meiner Bekannten einstellen kann.

Text: Brita Fiess

 Über die Autorin: Studium der Allgemeinen und Indogermanischen Sprachwissenschaft, der Englischen Philologie und Ethnologie an der Georg-August-Universität Göttingen (Magister Artium). Auslandsaufenthalte an der Universität von Jyväskylä (Finnland) und der Universität von Athen (Griechenland). Im Anschluss an das Studium Lehrbeauftragte für Neugriechische Sprache am Seminar für Klassische Philologie der Georg-August-Universität Göttingen. Erste Schritte als Übersetzerin im Rahmen einer Tätigkeit als Angestellte im Fremdsprachendienst am Göttingen Genomics Laboratory des Instituts für Mikrobiologie und Genetik der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2007 hauptberuflich freiberufliche Übersetzerin.

 

Literaturverzeichnis:

Petersen, G., Wittmann, R., Arndt, V. et al. Nervenarzt (2014) 85: 990. https://doi.org/10.1007/s00115-014-4097-4 https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-014-4097-4
Baumhackl U, Eibl G, Ganzinger U, Hartung H, P, Mamoli B, Pfeiffer K, P, Fazekas F, Vass K, Prevalence of Multiple Sclerosis in Austria. Neuroepidemiology 2002;21:226-234

„Oh HimL“ – wie schön wären Gesundheitsinformationen in meiner Sprache

Wed, 10/25/2017 - 07:34

Zu Cochranes  Kernaufgaben gehört es, den Zugang zu verlässlichen Gesundheitsinformationen zu erweitern, um informierte Entscheidungen zu ermöglichen und somit zur Verbesserung der Weltgesundheit beizutragen.  Health in my Language (HimL), ein EU gefördertes Projekt, versucht, Sprachbarrieren zu überwinden, damit  Menschen auch leichter verstehen können, was der aktuelle Stand der Forschung ist.

Die meisten wissenschaftlichen Ergebnisse werden auf Englisch publiziert. Das gilt auch für die Bereiche Medizin und Gesundheit.  Auch Cochrane publiziert systematische Reviews ausschließlich auf Englisch. Obwohl Englisch in Europa als Fremdsprache an erster Stelle steht, können sich laut der Eurobarometer-Umfrage nur 32 % aller EU BürgerInnen auf Englisch leicht unterhalten. Dieser Schnitt liegt  in deutschsprachigen EU-Ländern deutlich höher (Deutschland 56 %; Österreich 73 %). Dennoch kann man nicht davon ausgehen, dass auch wissenschaftliche Texte auf Englisch von der Mehrheit verstanden werden. Und was ist mit jenen, die Englisch nicht so gut sprechen und verstehen? Sie sind vom Lesen wissenschaftlicher Texte größtenteils ausgeschlossen.

Den Übersetzungsprozess vereinfachen

Cochrane  hat in seiner Strategie bis 2020 festgelegt, dass Cochrane Inhalte in mehrere Sprachen übersetzt werden, um so bestehende Sprachbarrieren zu überwinden. Übersetzt werden die sogenannten Plain Laguage Summaries (PLS). Diese fassen in einfachem Englisch die wichtigsten Informationen eines Cochrane Reviews zusammenfassen. Um den Übersetzungsprozess für ÜbersetzerInnen und LektorInnen in Zukunft zu erleichtern, startete Cochrane das PLS-Pilot Project.  Dieses verfolgt das Ziel, die ursprünglichen PLS schon so zu verfassen, dass spätere Übersetzungen leichter fallen. Auf Deutsch gibt es derzeit schon über 1.200 laienverständliche Zusammenfassungen von  Cochrane Reviews auf Cochrane Kompakt.

HimL soll die Qualität automatischer Übersetzungen verbessern

Zusätzlich ist Cochrane ein Partner im EU-geförderten Health in my Language Project, kurz HimL genannt. HimL zielt darauf ab, Gesundheitsinformationen in mehreren Sprachen schnell verfügbar zu machen, indem Übersetzungen automatisch angefertigt werden. Diese automatische Übersetzung geschieht durch eine speziell auf Gesundheitsinformationen programmierte Software, welche mithilfe von deep learning weiterentwickelt wird. Man kann sich das  in etwa so vorstellen wie Google Translate, mit dem Unterschied, dass der Fokus auf Gesundheitsinformationen liegt. Das Projekt läuft derzeit in der Entwicklungs-Endphase mit den Testsprachen Deutsch, Tschechisch, Rumänisch und Polnisch.

Ein Erfolg des Projekts ist die verbesserte automatische Übersetzung von Texten mit Gesundheitsinformationen. Dies macht es wesentlich einfacher, laienverständliche Zusammenfassungen von Cochrane Reviews zu übersetzen, da diese nur überprüft und nachbearbeitet anstatt ganz neu erstellt werden müssen. Das spart Zeit.

Ganz im Sinne des HimL Projektes können somit Cochrane Inhalte schneller auf Deutsch verfügbar gemacht werden. Darüber hinaus hat sich das Textverständnis durch NutzerInnen im Laufe der verschiedenen Projektphasen in manchen Sprachen, vor allem in Deutsch, eindeutig verbessert. Weitere Ergebnisse  des Projekts, sowie die Endberichte, werden Anfang nächsten Jahres vorliegen.

Wie gut sind die automatischen Übersetzungen schon im Roh-Zustand, das heißt, bevor sie noch einmal editiert wurden? Sie können sich selbst ein Bild davon machen. Jeder kann maschinell übersetzte PLS  online lesen und ganz einfach je nach Verständlichkeit ein bis fünf Sterne vergeben. Auch über Ihre Unterstützung würden wir uns sehr freuen!

Folgende Texte stehen beispielsweise zur Verfügung:

Vitamin-A-Supplementierung zur Vorbeugung von Mortalität und kurz- und langfristiger Morbidität bei Säuglingen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht 

Isolierung als Strategie zur Kontrolle der Übertragung von Hepatitis-C-Virus (HCV)-Infektion bei Hämodialyseeinheiten

Behandlung der avaskulären Nekrose von Knochen bei Menschen mit Sichelzellkrankheit

Verringerung der Anzahl der Föten für Frauen mit einer mehrfachen Schwangerschaft

Akupunktur zur Vorbeugung von episodischer Migräne

Text: Andrea Puhl

Qualität bei Gesundheitsinformationen ist möglich

Mon, 10/23/2017 - 13:37

Fragwürdige Gesundheitsinformationen haben im Internet Hochkonjunktur. Objektive Angebote davon zu unterscheiden ist alles andere als leicht. Eine neue App will helfen und bietet ausschließlich Informationen vertrauenswürdiger Anbieter.

Medizinische Laien haben es ziemlich schwer, im Internet gute Gesundheitsinformationen zu finden. Wer etwa mit triefender Nase Dr. Google oder Dr. Bing nach „Schnupfen behandeln“ fragt, wird mit einer langen Liste an Treffern erschlagen. Dabei machen die Suchmaschinen keinen Unterschied zwischen evidenzbasierten Informationen und Seiten, die bloß Werbung enthalten.

Bei manchen der gefundenen Empfehlungen merken Ratsuchende hoffentlich, dass es sich um medizinischen Unsinn handelt: etwa die Ratschläge von heilpraxis.de, für 24 Stunden nichts zu trinken und sich gleichzeitig körperlich zu betätigen, oder aber ein Glas Wasser mit verdünnter Jodtinktur zu trinken.

Andere Informationen klingen auf den ersten Blick schon plausibler. Wenn etwa erkaeltung-online.com  Schleimhaut-abschwellende Nasensprays und –tropfen prominent empfiehlt, vermuten jedoch nur wenige, dass der Text im Auftrag eines Pharmaunternehmens geschrieben sein könnte. Dass solche Präparate bei längerer Anwendung den Schnupfen sogar verstärken können, liest man erst weiter unten auf der Seite. Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Unruhe und Schlafstörungen verschweigt der Text völlig.

Woher sollen Internet-User nun wissen, welche Informationsangebote vertrauenswürdig sind und wissenschaftliche Erkenntnisse ausgewogen und objektiv wiedergeben?

Vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen bündeln

Hier will die kostenlose App MedBusters helfen. Ziel der Anwendung für Mobilgeräte ist es, qualitätsvolle Gesundheitsinformationen im deutschsprachigen Internet sichtbarer zu machen, indem sie diese gebündelt über eine einzige Oberfläche zugänglich macht. Neben einer umfangreichen Suchfunktion benachrichtigt MedBusters auch, wenn im abonnierten Themengebiet ein neuer Beitrag erschienen ist.

Vorerst bündelt die App lediglich die Informationen von zwei Anbietern, welche die technischen Voraussetzungen dafür erfüllen: jene von www.medizin-transparent.at (Cochrane Österreich, Donau-Universität Krems) sowie die Inhalte von www.gesundheitsinformation.de des Deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). In Zukunft sollen jedoch weit mehr qualitätsgesicherte und evidenzbasierte Inhalte für Laien technisch fit für die Integration in die App werden. Das Konzept für die Medbusters-App stammt zu einem Großteil von diesen beiden Instituten. Programmiert und entwickelt wurde sie vom Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger, welcher auch die Serverinfrastruktur im Hintergrund zur Verfügung stellt.

Nutzer und Nutzerinnen dieser App können sicher sein, dass sie darin nur vertrauenswürdige Gesundheitsinformationen finden, die sowohl evidenzbasiert als auch für laienverständlich formuliert sind. Schließlich werden nur Inhalte von Anbietern in die App aufgenommen, welche die Kriterien der Guten Praxis Gesundheitsinformation des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin erfüllen.

Kriterien für gute Gesundheitsinformation

Diese Kriterien bieten eine ausführliche Grundlage, um qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen als solche zu kennzeichnen und zu bündeln. Anbieter solcher Gesundheitsinformationen verpflichten sich mit der Unterzeichnung dieses Kriterienkatalogs zur Erfüllung folgender Bereiche:

Evidenzbasiertes Vorgehen: Die Informationen müssen evidenzbasiert, also wissenschaftlich belegt sein und die gesamte Studienlage berücksichtigen. Zudem muss die Auswahl der wissenschaftlichen Studienergebnisse begründet und für Patientinnen und Patienten relevant sein. Wirbt beispielsweise ein Text damit, dass ein Produkt den Blutdruck senkt, ist das kaum relevant, wenn nicht auch belegt ist, dass das Mittel das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken vermag. Auch wissenschaftliche Quellenangaben sind verpflichtend.

Angemessene sprachliche Darstellung: Der Text darf Risiken weder verharmlosen noch Behandlungen unkritisch in den Himmel loben. Ist eine Therapie wenig erforscht und daher die Wirksamkeit nicht gut gesichert, muss diese Unsicherheit erwähnt werden. Wichtig ist auch, dass Zahlen unmissverständlich verwendet werden. Berichtet ein Text beispielsweise von einem um 50 Prozent verringerten Erkrankungsrisiko, überschätzen Leser und Leserinnen oft die Wirksamkeit im Vergleich dazu, wenn absolute Zahlen genannt sind: etwa wenn im Beispiel erwähnt wird, dass 2 von 1000 Personen normalerweise erkranken, mit vorbeugender Behandlung aber nur 1 von 1000 Personen (denn auch das ist eine Verringerung um 50 Prozent). Auch relevant ist: was passiert, wenn ich auf eine Therapie verzichte? Werde ich möglicherweise dennoch ähnlich rasch wieder gesund?

Transparenz: Angeführt werden müssen Herausgeber der Gesundheitsinformation, wer den Text geschrieben hat und welche Qualifikation diese Person besitzt. Auch mögliche Interessenskonflikte dürfen nicht verschwiegen werden – etwa falls die Webseite sich durch Werbung von Pharmaunternehmen finanziert.

Berücksichtigung der Zielgruppe: Qualitätsvolle Gesundheitsinformationen müssen verständlich sein und sollten bei der Erstellung Betroffene miteinbeziehen. Ist der Verlauf oder die Behandlung einer Krankheit bei Jüngeren etwa anders als bei Älteren, oder gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, soll das erwähnt werden.

Umgang mit Empfehlungen: Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Die Texte verzichten klar auf Empfehlungen und liefern Betroffenen lediglich nüchterne Fakten, um selbst entscheiden zu können. Die andere Option wäre, Empfehlungen klar von den neutralen Informationen zu trennen.

Formelles: Leser und Leserinnen müssen erkennen können, ob die Infotexte veraltet oder auf einem aktuellen Stand sind. Zudem müssen Herausgeber von Gesundheitsinformationen in einem Methodenpapier beschreiben, wie die Informationen erstellt werden.

Weitere Anbieter, welche die genannten Kriterien erfüllen, sind unter anderem:

• Die Faktenboxen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, welche auf den Seiten des Hauptverbands der Österreichischen Sozialversicherungsträger www.hauptverband.at/faktenbox oder auf den Seiten der AOK https://www.aok.de/inhalt/faktenboxen-gesundheit/ zu finden sind.

• Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsinformationszentrums (www.krebsinformationsdienst.de).

• Die Kurzinformationen und PatientInnen-Leitlinien auf der Seite www.patienten-information.de der Deutschen Bundesärztekammer und der kassenärztlichen Bundesvereinigung.

• Der IGEL-Monitor (www.igel-monitor.de), welcher „Individuelle GEsundheitsLeistungen“ auflistet, die von Deutschen Krankenkassen nicht bezahlt werden.

Autor: MMag. Bernd Kerschner, Projektleiter www.Medizin-Transparent.at

 

Global Evidence Summit 2017 – Gemeinsam für eine bessere Gesundheit

Wed, 09/27/2017 - 11:45

Ein erfolgreicher Global Evidence Summit ist zu Ende. Unter dem Motto „Using evidence. Improving lives“ haben sich Mitte September mehr als 1400 Menschen mit Interesse an evidenzbasierter Praxis aus 77 Ländern in Kapstadt, Südafrika getroffen und ausgetauscht. Wir, also Cochrane Deutschland, Österreich, und Schweiz, waren dabei.

Global Evidence Summit: das waren vier spannende Tage gefüllt mit Vorträgen, Workshops, Posterpräsentationen und interessanten Diskussionen. Viele neue organisations-übergreifende Kooperationen und Projektideen haben sich aus dem Austausch zwischen Cochrane, Campbell, dem Guidelines International Network, dem Joanna Briggs Institute und der International Society for Evidence Based Healthcare ergeben, die das Feld der evidenzbasierten Praxis weiterentwickeln sollen.

Hier möchten wir einige der wichtigsten Neuerungen innerhalb von Cochrane vorstellen:

Das Cochrane Membership-Scheme wurde in Kapstadt offiziell gestartet. Jeder Interessierte kann durch aktive Mitarbeit bei Cochrane ein registriertes Cochrane-Mitglied werden. Möglichkeiten zur aktiven Mitarbeit sind vielfältig und reichen von Übersetzen von Cochrane Review-Zusammenfassungen bis hin zum Verfassen eines Cochrane Reviews.

Cochrane hat am Kongress eine neue Plattform für Training und Weiterbildung im Bereich der Evidenzbasierten Medizin vorgestellt: Cochrane Interactive Learning. Aktuell kann man Lernmodule kostenlos ausprobieren. Cochrane Autoren bzw. AutorInnen von Systematischen Reviews können hier selbstständig alle Schritte zur Erstellung eines systematischen Reviews lernen, von der Formulierung der Fragestellung, über die systematische Suche, bis hin zur Qualitätsbewertung der gesamten Evidenz mittels GRADE.

Am Kongress wurden auch die ersten beiden „living systematic reviews“ vorgestellt. Dabei handelt es sich um Cochrane Reviews, die laufend aktualisiert werden, sobald neue relevante Studien veröffentlicht werden. Diese Art von Reviews soll der Vision von Cochrane gerecht werden, immer die aktuellste Evidenzlage abzubilden.

Was einzelne TeilnehmerInnen von diesem Kongress mitnahmen, kann auf Twitter nachverfolgt werden. Das Evidence Synthesis Team der University of Exeter Medical School sammelt unter #ThingsWeLearnt at #GESSummit17 Erfahrungen und Erkenntnisse aller TeilnehmerInnen.

Ein großes Dankeschön gilt den Organisatoren des Global Evidence Summits, die es erstmals geschafft haben fünf führende Organisationen an einem Ort zusammenzubringen, um gemeinsam an den Herausforderungen im Feld zu arbeiten. Ganz nach dem afrikanischen Sprichwort:

„If you want to go fast go alone, if you want to go far go together“

Text: Barbara Nussbaumer-Streit

Durch Gruppen-Zirkeltraining nach Schlaganfall wieder schneller auf die Beine?

Tue, 09/19/2017 - 14:13

 

Der Name sagt es: ein Schlaganfall tritt in aller Regel „schlagartig“ auf, meist ohne erkenntliche Vorboten. Und versursacht dabei häufig Einschränkungen und Behinderungen, die alles andere als schlagartig wieder weggehen und oftmals einer langwierigen Rehabilitation bedürfen.

Während in Deutschland jährlich rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall erleiden, sind in der Schweiz durchschnittlich 12.000Menschen jährlich hiervon betroffen. Ein Schlaganfall ist eine akute Schädigung von Teilen des Gehirns, die entweder durch eine Minderdurchblutung (durch Gefäßverschluss) oder eine Hirnblutung verursacht werden kann. Abhängig von Art, Ort und Ausdehnung kann ein Schlaganfall zu erheblichen Behinderungen führen. Zu den häufigsten Folgen gehören halbseitige Lähmungen, Sprachstörungen, Beeinträchtigungen des Gleichgewichts sowie Gefühls- und Wahrnehmungsstörungen. Diese Beeinträchtigungen können die Durchführung alltäglicher Aktivitäten wie das Anziehen, Einkaufen und Essen oder Treppensteigen und damit die gesellschaftliche Teilhabe an sozialen Anlässen und Freizeitaktivitäten und das Ausüben eines Berufes erheblich erschweren oder gar unmöglich machen.

Physiotherapeutische Einzeltherapie ist essenziell, aber häufig nicht ausreichend

Physiotherapie ist in aller Regel ein zentraler Bestandteil der Rehabilitation von Menschen nach einem Schlaganfall. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. der Rehabilitationsklinik bedürfen viele dieser Menschen einer kontinuierlichen ambulanten Weiterbehandlung. Diese erfolgt in erster Linie im Rahmen einer physiotherapeutischen Einzelbetreuung. Die Vorteile einer individuellen Physiotherapie liegen auf der Hand: individuelle Defizite können gezielt aufgearbeitet und die Behandlung auf die spezifischen Bedürfnisse des einzelnen Patienten zugeschnitten werden. Diesen Vorteilen stehen jedoch insbesondere Beschränkungen der Behandlungsfrequenz und -dauer entgegen. Die Einzeltherapie wird sowohl von Patienten als auch Therapeuten oft als „nicht ausreichend“ betrachtet. Der Zugang zu einer umfänglicheren Behandlung, insbesondere aber zu intensiveren Rehabilitationsmaßnahmen, ist in aller Regel sehr begrenzt.

Fortschritte durch stetiges Üben

Neuere Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften unterstreichen die Bedeutung einer ausreichend umfänglichen Therapie. So zeigen Forschungsergebnisse zum „Motorischen Lernen“, dass viele Übungswiederholungen notwendig sind, um eine Verbesserung motorischer (bewegungsbezogener) Funktionen zu erreichen (Lohse et al. 2014). Dabei wird empfohlen, keine abstrakten „Turnübungen“ durchzuführen, sondern bevorzugt Übungen mit einem konkreten Bezug zu Aufgaben aus dem Alltag, wie zum Beispiel das Aufstehen von einem Stuhl oder das Greifen eines Gegenstandes. Ein kürzlich veröffentlichter Cochrane Review enthielt Evidenz dafür, dass ein solches aufgabenorientiertes Training die Arm- und Beinfunktion wirksam verbessern kann.

Gruppen-Zirkeltraining um schneller wieder auf die Beine zu kommen

Ein Zirkeltraining in der Gruppe könnte eine sinnvolle und möglicherweise leichter zugängliche Option für eine aufgabenspezifische Therapie mit vielen Übungswiederholungen darstellen. Bei einem solchen Training werden alltagsbezogene und aufgabenorientierte Aktivitäten gezielt und wiederholt geübt, mitunter kombiniert mit einem Krafttraining. Das Trainieren in der Gruppe mit anderen Betroffenen kann auch die Motivation positiv beeinflussen.

Ist ein Gruppen-Zirkeltraining wirklich eine wirksame und zudem sichere Maßnahme zur Verbesserung der Durchführung von Alltagsaktivitäten, des Gleichgewichts und anderer Einschränkungen? Ein aktualisierter Cochrane Review ist dieser Frage nachgegangen und hat die Wirksamkeit von Zirkeltraining für von einem Schlaganfall betroffene Menschen untersucht. In den Review wurden 17 Studien mit insgesamt 1297 erwachsenen Teilnehmern eingeschlossen. In den Studien wurde ein Zirkeltraining mit der üblichen Versorgung bzw. einer Scheinrehabilitation verglichen. Die meisten Studienteilnehmer konnten zu Beginn der Studien mindestens 10 Meter ohne Unterstützung gehen. Die Autoren fanden Evidenz von moderater Qualität dafür, dass ein Gruppen-Zirkeltraining in Bezug auf die Fähigkeit, weiter, unabhängiger und schneller zu gehen sowie, in einigen Fällen, das Gleichgewicht leichter und sicherer zu halten, wirksamer ist als andere Therapieformen.

Sie fanden zudem heraus, dass die positiven Wirkungen des Zirkeltrainings gleichermaßen bei Patienten auftraten, deren Schlaganfall über ein Jahr zurücklag, und solchen, deren Schlaganfall sich innerhalb des vorausgegangenen Jahres ereignet hatte. Dies bedeutet, dass Patienten nach einem Schlaganfall länger Fortschritte machen können als bislang beschrieben wurde. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es weiterer Forschung bedarf um zu ermitteln, ob ein Gruppen-Zirkeltraining für Patienten mit Schlaganfällen jeglicher Ausprägung geeignet ist, und ob bestimmte Aufgaben bevorzugt geübt werden sollten..

Es kann sich also für von einem Schlaganfall betroffene Menschen lohnen, an einem wohnortnahen Zirkeltraining teilzunehmen. Physiotherapiepraxen sollten über solche Angebote Auskunft geben können.

Text: Cordula Braun und Gudrun Diermayr

Cordula Braun: Physiotherapeutin; PhD im Bereich Orthopädie/Physiotherapie, Teesside Unversity, GB; seit 2009 Dozentin für Physiotherapie im Bereich Gesundheit an der Hochschule 21, Buxtehude; u.a. Autorin des monatlichen „Cochrane Updates“ in der „pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten“ und der „Cochrane für die Physiotherapie“-Datenbank; Beteiligung an Cochrane-Übersetzungen Physiotherapie; aktuelle Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Muskuloskelettale Physiotherapie, Evidenzbasierte Praxis/Gesundheitsversorgung.

Gudrun Diermayr: Physiotherapeutin; PhD im Bereich Motorische Kontrolle/Motorisches Lernen, Columbia University, USA; seit 2013 Professorin für Neurorehabilitation an der Fakultät für Therapiewissenschaften, SRH Hochschule Heidelberg. Mitglied im Cochrane Übersetzungsteam Physiotherapie; aktuelle Arbeits- & Forschungsschwerpunkte: Neurorehabilitation und Umsetzung Evidenzbasierte Praxis.

 

Literatur

Lohse, K. R., Lang, C. E., & Boyd, L. A. (2014). Is more better? Using metadata to explore dose
response relationships in stroke rehabilitation. Stroke, 45(7), 2053–2058.
doi:10.1161/STROKEAHA.114.004695

Cochrane Deutschland ist dabei: Global Evidence Summit 2017 in Kapstadt

Tue, 09/12/2017 - 09:10

Der Global Evidence Summit (GESummit 2017, 13. – 16. September 2017 in Kapstadt) ist in der internationalen Kongresslandschaft 2017 ein Höhepunkt: Fünf internationale Organisationen und Institutionen – Cochrane, Campbell, das Guidelines International Network, das Joanna Briggs Institute und die International Society for Evidence Based Healthcare – bündeln in dieser Konferenz ihre Ressourcen um unter anderem den ‚state of the art’ einer evidenzbasierten Gesundheitsversorgung zu präsentieren. Cochrane Deutschland freut sich sehr, an dieser Konferenz teilnehmen zu können. Einige der TeilnehmerInnen beschreiben hier ihre Erwartungen an das Event sowie ihre individuellen Kongress-Beiträge.

Der Summit vereint erstmals fünf führende internationale Organisationen, die sich seit etlichen Jahren erfolgreich mit Knowledge Translation, d. h. Wissensgenerierung, Synthese und Implementierung, beschäftigen. Dabei wenden sie insbesondere die Methodik der systematischen Übersichtsarbeiten an und entwickeln diese weiter. Neu beim Summit ist, dass sich eine solche Konferenz über verschiedene Themengebiete und Anwender- und Nutzergruppen erstreckt. Dies ist Ausdruck der Akzeptanz von evidenzbasiertem Vorgehen bei gesundheitsbezogenen Entscheidungen auf individueller, institutioneller oder auch gesellschaftlicher Ebene. Die zentrale Frage ist “What works?“, und die Antworten hierauf werden u. a. mit Hilfe der Techniken von Systematischen Übersichtsarbeiten geliefert.

Der Kongress ist ein weiterer Schritt, das Konzept einer evidenzbasierten Gesundheitsversorgung weltweit zu verankern. Ein ambitioniertes Ziel, zu dessen Erreichung wir von Cochrane Deutschland beitragen wollen, auch durch die Präsentation unserer Arbeit, über die wir ausführlich berichten wollen.

Hier ein kurzer Blick auf einige aus unserer „Cochrane Deutschland GESummit-Crew“:

Katharina Kunzweiler – Physiotherapeutin, MPH
Eine fehlende oder unvollständige Publikation von Studienergebnissen führt zu Wissensverlust. Zudem führt es zu einer falschen Wissensbasis für daraus abgeleitete medizinische Entscheidungen. Ein Mittel, dieser Entwicklung entgegenzusteuern, ist die Registrierung klinischer Studien (inkl. deren Ergebnisse).
Damit wird die Existenz einer Studie dokumentiert und Ergebnisse werden nach Studienende festgehalten. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Transparenz in der Medizin. Auf dem Global Evidence Summit in Kapstadt werden wir mit einem Poster unser Projekt vorstellen, in dem wir überprüft haben, wie viele im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS) registrierte und beendete Studien Ergebnisse veröffentlicht haben. Plenary 1, Mittwoch, 13. September 2017, 12:30 bis 14:00 Uhr

Christine Schmucker – Senior Researcher, Dr. sc. hum.
Meine Motivation, am Global Evidence Summit teilzunehmen, begründet sich zum einen darin, dass wir unsere neuesten Projektergebnisse zum Thema „Netzwerkmetaanalysen in der Leitlinienentwicklung“ vorstellen werden, zum anderen bietet mir ein so großer internationaler Kongress viele Gelegenheiten, mich mit exzellenten Wissenschaftlern auszutauschen. Darüber hinaus werde ich mich inspirieren lassen, wie man gemeinsam Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung angehen kann. Halls 1 and 2, Freitag, 15. September 2017, 12:30 bis 14:00 Uhr

Harriet Sommer – Mathematikerin, Dipl.-Math.
Mein Forschungsschwerpunkt sind Metaanalysen, insbesondere Netzwerkmetaanalysen. Netzwerkmetaanalysen sind Erweiterungen der konventionellen paarweisen Metaanalyse und ermöglichen es, mehr als zwei Therapieoptionen miteinander zu vergleichen.
Hierbei gewinnt die frei verfügbare Statistik-Software R mehr und mehr an Bedeutung. Auf dem Global Evidence Summit in Kapstadt geben mein Kollege Guido Schwarzer und ich zwei Workshops, in denen wir die Software vorstellen. Ziel der Workshops ist, die TeilnehmerInnen zu befähigen, die Software anzuwenden, selbstständig Therapieeffekte mit R zu bestimmen und auch Netzwerkmetaanalysen durchzuführen. Ich freue mich jetzt schon darauf, die Fortschritte der Teilnehmenden zu sehen. Workshop “Use R! An Introduction to Meta-Analysis with R”: Roof Terrace Room, Donnerstag, 14. September 2017, 14:00 bis 15:30 Uhr. Workshop “Use R! Network Meta-Analysis with R”: Meeting Room 2.63, Freitag, 15. September 2017, 11:00 bis 12:30 Uhr

Ingrid Toews – M.Sc.
Auf dem Global Evidence Summit stelle ich Forschungsergebnisse und laufende Aktivitäten von Cochrane Deutschland vor. Zu den Forschungsprojekten gehört zum einen eine Langzeitstudie zu den Auswirkungen der Einhaltung von Leitlinien zur Berichterstellung auf den Journal Impact Factor.
In einem anderen Projekt haben meine Kolleginnen und ich ROBINS-I, ein relativ neues Tool zur Bewertung des Risikos für Bias in nicht-randomisierten Studien angewandt, und ich werde über unsere Erfahrungen berichten. Auf einen Austausch, wie andere Wissenschaftler das Tool benutzen, bin ich sehr gespannt. Meeting Room 1.61, Donnerstag., 14. September 2017, 11:00 bis 12.30 Uhr
Besonders freue ich mich auf die Special Session zu Disseminationsbias unter der Leitung von Simon Lewin. Hier können interessierte Teilnehmer darüber diskutieren, wie die Auswirkungen von Disseminationsbias in der qualitativen Forschung festgestellt werden können. Dies ist vor allem für Evidenzsynthesen qualitativer Studien wichtig, welche bei Cochrane eine immer sichtbarere Rolle spielen. Ballroom West, Donnerstag., 14. September 2017, 16:00 bis 17:30 Uhr

Während und nach dem GES werden wir Sie auf unserer Cochrane E-Mail-Liste (Abonnieren auf cochrane.de) sowie über Twitter und Facebook über Highlights und Ergebnisse informieren.

Das Summit auf Twitter und Facebook:
Twitter: @GESummit ; hashtag #GESummit17
Facebook: facebook.com/globalevidencesummit

Text (Einleitung, Schluss): Gerd Antes

Macht späterer Unterrichtsbeginn Jugendliche klüger?

Fri, 09/01/2017 - 11:54

Das neue Schuljahr beginnt vielerorts und für Jugendliche und Eltern heisst es wieder früh aufstehen. Ob sich Frühaufstehen mit dem natürlichen Biorhythmus von Jugendlichen verträgt, wird derzeit vermehrt diskutiert. Cochrane Autoren wollten wissen, ob ein späterer Unterrichtsbeginn positive Auswirkungen auf Gesundheit, schulische Leistungen und Wohlbefinden der Jugendlichen hat.

In vielen Schweizer Kantonen läutet die Schulglocke täglich bereits um 7:30 Uhr. Begründet wird dieser frühe Schulbeginn u.a. damit, dass die obligatorische Betreuungszeit früh am Morgen vielen berufstätigen Eltern entgegenkomme sowie den Familien morgens ein gemeinsames Frühstück ermögliche. Zudem könne durch den frühen Unterrichtsbeginn die vergleichsweise hohe Anzahl der empfohlenen Schulstunden für die weiterführenden Schulen in der Schweiz gewährleistet werden. Ausserdem bliebe den Jugendlichen dadurch auch mehr Zeit am Nachmittag für Hausaufgaben, Familie, Freunde und Hobbys.

Unterrichtsbeginn im europäischen Vergleich

Nur in Polen müssen die Schülerinnen und Schüler ähnlich früh aus den Federn wie in der Schweiz. In anderen europäischen Ländern können Jugendliche oft etwas länger schlafen. Beispielsweise beginnt in Deutschland und Österreich die Schule in der Regel um 8:00 Uhr. In Finnland fängt der Unterricht erst um 9:00 Uhr an. Trotzdem ist das Land im internationalen Vergleich von Schulleistungen (PISA-Studie) seit langem Spitzenreiter. Hinzu kommt, dass laut den Eurydice Erhebungen der Europäischen Kommission die Schweizer Schülerinnen und Schüler nicht nur früher am Morgen sondern auch insgesamt länger unterrichtet werden. Die empfohlene Mindestunterrichtszeit bei der höheren Schulbildung beträgt in der Schweiz 958 Stunden pro Jahr, während diese in Deutschland bei 914 und in Österreich bei 900 liegt. Im PISA-Vorzeigeland Finnland gehen Jugendliche sogar „nur“ 844 Stunden pro Jahr zur Schule.

Sollte der Unterricht später beginnen?

In der Pubertät verschiebt sich der natürliche Biorhythmus nach hinten, das heisst, Jugendliche schlafen abends später ein und wachen – wenn man sie lässt – entsprechend später am Morgen auf. Dies wird durch das Hormon Melatonin beeinflusst, welches bei Pubertierenden später am Abend als bei Kleinkindern oder Erwachsenen ausgeschüttet wird. Dennoch brauchen sie rund 9 Stunden Schlaf für eine optimale Leistung und eine gesunde Hirnentwicklung. Bereits 30 bis 60 Minuten mehr Schlaf könnte bei den Jugendlichen zu verbesserten schulischen Leistungen und einer höheren Motivation beitragen. Dagegen kann Schlafmangel unter anderem das Erinnerungsvermögen, die Rechengeschwindigkeit, die verbale Ausdrucksstärke, das abstrakte Denken und andere kognitive Fähigkeiten beeinträchtigen. All diese Fähigkeiten sind für gute schulische Leistungen von Bedeutung.

Wie sieht die Evidenz für einen späteren Unterrichtsbeginn aus?

Ein neuer Cochrane Review ging der Frage nach, wie sich ein späterer Unterrichtsbeginn auf die Schulleistungen, die Quantität und Qualität des Schlafs, das Wohlbefinden, die Anwesenheit und die Aufmerksamkeit der Jugendlichen im Unterricht auswirkt. Hierzu wurden 11 Studien mit insgesamt 297.994 Teilnehmenden im Alter von 13 bis 19 Jahren untersucht. Die Studien verglichen einen frühen mit einem um 15 bis 60 Minuten späteren Unterrichtsbeginn. Der spätere Unterrichtsbeginn wurde zwischen 2 Wochen bis zu einem Jahr erprobt. Auch wenn die Qualität der Evidenz der eingeschlossenen Studien sehr niedrig ist, weisen die Ergebnisse des Reviews darauf hin, dass ein späterer Unterrichtsbeginn sich möglicherweise positiv auf die schulischen Leistungen und die soziale Integration auswirkt und die Jugendlichen insgesamt länger schlafen. Jugendliche, die später in die Schule mussten, wiesen zudem einen geringeren Körperfettanteil, einen geringeren Body-Mass-Index und einen geringeren Taillenumfang als ihre Mitschüler und -schülerinnen auf. Ein späterer Unterrichtsbeginn kann sich auch positiv auf die psychische Gesundheit der Jugendlichen auswirken. Die Ergebnisse bezüglich der Unterrichts-Fehlzeiten bzw. der Aufmerksamkeit der Jugendlichen waren jedoch zu unterschiedlich, als dass sie Rückschlüsse für oder gegen einen späteren Unterrichtsbeginn zuliessen. Ein späterer Unterrichtsbeginn könnte auch negative Folgen nach sich ziehen, wie beispielsweise weniger Interaktionsmöglichkeiten am Morgen zwischen Eltern und Kindern. Aufgrund der Mängel in den einzelnen Studien müssen die Ergebnisse des Cochrane Reviews jedoch mit Vorsicht interpretiert werden.

Aktueller Stand im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Raum wird schon seit einiger Zeit der spätere Unterrichtsbeginn diskutiert. In Deutschland gibt es bereits Schulen mit gleitendem Schulbeginn und offenem Schulende. So können beispielsweise die Schülerinnen und Schüler in manchen Gymnasien in Berlin und in einer Schule bei Aachen selbst entscheiden, ob Sie bereits zur ersten Stunde um 8:00 Uhr oder erst zur zweiten Stunde gegen 9:00 Uhr in der Schule erscheinen. Dieser gleitende Unterrichtsbeginn stösst nicht nur bei den Jugendlichen sondern auch bei den Lehrerinnen und Lehrern und Eltern auf Zustimmung. Da diese Form der gleitenden Unterrichtszeit erst seit 1,5 Jahren besteht, muss sich allerdings noch zeigen, ob sich dieses Modell auch langfristig bewährt. Auch in der Schweiz gab es bereits auf kantonaler Ebene und von einzelnen Schulen Initiativen, den späteren Unterrichtsbeginn einzuführen. Während parlamentarische Vorstösse in den Kantonen Zürich und St. Gallen abgelehnt wurden, haben einzelne Schulen in den Kantonen Basel-Land, St. Gallen, Bern oder Appenzell-Ausserrhoden ihren Unterricht bereits 20 bis 50 Minuten nach hinten verschoben und zum Teil auch eine Auffangzeit für die Frühaussteher eingerichtet. Jedoch stösst der spätere Unterrichtsbeginn nicht nur auf Zustimmung. An manchen Schulen sind bereits Diskussionen im Gange, ihn wieder aufzuheben.

Kurzum, ein gleitender Unterrichtsbeginn mit eventuell verkürzter Mittagspause und einer morgendlichen Auffangzeit könnte für alle Beteiligten eine Verbesserung darstellen. Hierdurch würden die Jugendlichen insgesamt mehr schlafen und dennoch Zeit für ihre Hausaufgaben, Freizeitaktivitäten und Familie haben. Über ausgeschlafenere Jugendliche würden sich wohl auch die Eltern und, nicht zuletzt, die Lehrerinnen und Lehrer freuen.

 

Text: Anne Borchard

Cochrane für eine gesunde Gesellschaft in Europa

Tue, 08/22/2017 - 12:24

Führen kleinere Portionen und Verpackungen dazu, dass Menschen weniger essen? Hilft eine Steuer auf fetthaltige Produkte dabei, dass sich Menschen gesünder ernähren? Oder allgemein: Was kann man tun, um die Gesundheit auf Gesellschaftsebene zu verbessern? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Cochrane Public Health Gruppe mit Sitz in Melbourne, Australien. Seit 2015 gibt es auch in Europa eine Vertretung dieser Gruppe mit Partnerinstitutionen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Aktuell befinden sich in der Cochrane Library (der Datenbank, die alle Cochrane Reviews beinhaltet) fast 100 Cochrane Reviews, die sich mit Fragestellungen rund um Public Health beschäftigen. Die Cochrane Public Health Gruppe unterstützt zum einen die AutorInnen dieser Reviews, zum anderen hilft sie dabei, dass die Ergebnisse sowohl EntscheidungsträgerInnen als auch der breiten Bevölkerung bekannt gemacht werden.

Vertretung in Europa

Um diese Ziele auch im deutschsprachigen Raum stärker zu verfolgen, haben sich Partnerorganisationen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zusammengetan und 2015 Cochrane Public Health Europa (CPHE) gegründet.

Nach den ersten zwei Jahren Koordination aus München, wird CPHE seit Juni 2017 von Cochrane Österreich koordiniert. Wir unterstützen die Erstellung von Cochrane Reviews indem wir beispielsweise die geplante methodische Herangehensweise in den Reviews prüfen und AutorInnen während der Erstellung der Reviews beratend zur Seite stehen. Wir führen auch Methodenprojekte durch, um zu einer Verbesserung der Public Health-Forschung in Europa beizutragen. Zum Beispiel untersuchen wir gerade, was aus Sicht von EntscheidungsträgerInnen die Public Health-Themen sind, zu denen es am dringendsten einen Cochrane Review braucht (Link zum Studienprotokoll).

Wie kommen die Forschungsergebnisse in die Praxis?

Unsere wohl wichtigste Aufgabe ist die Verbreitung der Ergebnisse von Cochrane Public Health Reviews in Europa, und besonders in den deutschsprachigen Ländern. Denn was helfen Forschungsergebnisse, wenn sie nicht als Grundlage für Entscheidungen herangezogen werden?

Um herauszufinden, wie Cochrane-Evidenz zu Public Health-Themen am besten und effektivsten vermittelt werden, haben Mitglieder von CPHE ein gemeinsames Forschungsprojekt durchgeführt. Wir entwickelten ein kurzes Kommunikationsformat und testeten dieses bei interessierten Stakeholdergruppen – politischen EntscheidungsträgerInnen, deren unterstützende Gremien, Sozialversicherungen, Berufsverbänden und Interessensvertretungen im Public Health-Bereich. Insgesamt wurden 18 Personen in Österreich, Deutschland und der Schweiz in Interviews befragt. Die Befragten fanden es besonders ansprechend, Informationen in verkürzter Form und in deutscher Sprache zu erhalten. Gleichzeitig fanden sie aber eine kondensierte Darstellungsform auf vier Seiten wenig hilfreich. Stattdessen wünschten sie sich eine klare Struktur mit den wichtigsten Informationen, wie die Relevanz für die Praxis und die Kernaussagen auf der ersten Seite. Teilweise hatten sie auch Probleme mit dem Verständnis von statistischen Fachbegriffen. In einer neuen Version wurden die Verbesserungsvorschläge weitgehend umgesetzt. Wir hoffen damit zukünftig Informationen aus Cochrane Reviews so präsentieren zu können, dass sie genau an die Informationsbedürfnisse der EntscheidungsträgerInnen angepasst sind und von ihnen gelesen und genutzt werden.

Und was sagt die Evidenz nun zu den beiden oben erwähnten Fragen?

Der Trick mit der Portionsgröße

Der am häufigsten gelesen Cochrane Public Health Review hat untersucht, wie sich die von Kindern oder Erwachsenen ausgewählte oder konsumierte Menge an Lebensmitteln, Alkohol oder Tabak verändert, wenn sie größere oder kleinere (beziehungsweise anders geformte) Portionen oder Verpackungen bzw. Essgeschirr bekommen. Insgesamt wurden 72 Studien in den Review eingeschlossen; die meisten untersuchten die Auswirkungen auf den Konsum von Lebensmitteln.  Es zeigte sich, dass die Menge an ausgewählten und tatsächlich konsumierten Lebensmitteln vermindert werden kann, indem auf eine Verminderung der Größe, der Verfügbarkeit und des Anreizes größerer Portionen, Verpackungen oder Essgeschirrs hingewirkt wird. Die deutsche Zusammenfassung dieses Reviews gibt es hier, einen Beitrag auf Wissen was wirkt hier.

Sind Steuern auf ungesunde Lebensmittel sinnvoll?

Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Erwachsenen ist in den vergangenen Jahren weltweit rasant angestiegen. Manche Länder haben mit Steuern auf zuckerhaltige Getränke, fettreiche oder zuckerhaltige Lebensmittel reagiert oder überlegen derartige Steuern einzuführen. Aber was bringen Steuern auf ungesunde Lebensmittel? Kann damit die Adipositasepidemie eingedämmt werden? Diese Frage untersuchen wir gerade in drei Cochrane Public Health Reviews. Anfang 2018 werden die Ergebnisse dazu vorliegen (Links zu den Protokollen: hier, hier und hier).

Alle weiteren Cochrane Reviews und Protokolle zu Public Health-Themen finden Sie in der Cochrane Library.

Deutsche Kurzzusammenfassungen von Cochrane Public Health Reviews finden Sie auf Cochrane Kompakt.

Autorin: Ursula Griebler, PhD MPH

Studienregister – für mehr Transparenz bei Studien

Tue, 08/08/2017 - 11:48

Bisher war es ein großes Problem, dass viele durchgeführte Studien nie veröffentlicht wurden. Studienregister sollen Abhilfe schaffen und ein umfassendes Bild über alle geplanten, laufenden und abgeschlossenen Studien liefern. Studienverantwortliche können darin kostenlos eine Kurzbeschreibung und weitere wichtige Eckdaten zu ihren Studien hinterlegen. Das globale Ziel ist, dass wichtige Informationen über alle Studien der Öffentlichkeit transparent zur Verfügung gestellt werden.

Stellen Sie sich vor, Sie leiden an einer Krankheit und werden eingeladen an einer Studie teilzunehmen, die ein neues, vielversprechendes Medikament zur Behandlung Ihrer Erkrankung testet. Es soll untersucht werden, ob das neue Medikament wirksamer ist und weniger Nebenwirkungen verursacht als die Standardtherapie.

Bei einer Studie mitzumachen bedeutet neben dem Risiko, das man auf sich nimmt, weil man ein noch nicht zugelassenes Medikament testet, auch Mehraufwand. Sie müssten sich Zeit nehmen für Voruntersuchungen, Behandlungen und Nachbesprechungen während der Studienlaufzeit und hätten unter Umständen auch noch weite Strecken zum Studienzentrum zurückzulegen. Das alles nehmen Sie in Kauf, weil Sie zum einen darauf hoffen, dass Sie von dem neuen Medikament profitieren, zum anderen gehen Sie auch davon aus, dass Sie damit anderen Menschen, die auf eine wirksame Behandlung der gleichen Krankheit hoffen, helfen. Sie stellen sich also in den Dienst der Wissenschaft.

Nach Studienende, werden Ihre Daten zusammen mit denen der anderen Studienteilnehmer ausgewertet. Dann zeigt sich, ob das untersuchte Medikament wirksamer war als die Kontrollintervention (Standardmedikament). Sie als Studienteilnehmer sind in diesen Teil der Studie nicht mehr aktiv involviert – Sie werden jedoch sicher gespannt sein, wie das Ergebnis der Studie lautet. Schließlich wollen Sie wissen, wie Ihr Beitrag zur Forschung die weitere Behandlung Ihrer Krankheit beeinflusst hat.

Mangelnde oder fehlende Veröffentlichung von Studienergebnissen

Viele ehemalige StudienteilnehmerInnen haben den gleichen Wunsch. Leider sieht die Realität oft so aus, dass viele Studienergebnisse nicht, oder nur sehr spät oder unvollständig, veröffentlicht werden. Wenn Studienergebnisse nicht veröffentlicht werden, können Sie auch nicht für weitere Entscheidungen im Gesundheitswesen herangezogen werden und anderen Betroffenen helfen. Der ganze Aufwand und die Risiken, die Sie durch Ihre Teilnahme an der Studie auf sich genommen haben, wären umsonst gewesen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass circa 50 % aller beendeten Studien niemals publiziert werden. Das Zurückhalten von Daten ist ein häufig beobachtetes Phänomen, vor allem wenn negative Ergebnisse (d. h. das Medikament zeigte keine Überlegenheit) oder nicht gewünschte Ergebnisse (z. B. Nebenwirkungen) nicht an die Öffentlichkeit geraten sollen (Antes et al. 2015). Ingrid Töws beschreibt dieses Phänomen eindrücklich in ihrem kürzlich veröffentlichten Wissen Was Wirkt-Artikel zu Disseminationsbias.

Diese Unterschlagung von Ergebnissen kann dazu führen, dass untersuchte Therapien zu optimistisch bewertet werden, da wichtige Nebenwirkungen oder Ergebnisse nicht berichtet werden. Dies wiederum kann zu Fehlverhalten in der Gesundheitsversorgung sowie bei Entscheidungsträgern oder Krankenversicherungen führen, indem beispielsweise weniger wirksame bzw. mit vielen Nebenwirkungen behaftete Therapien angewandt werden.

Registrierung von klinischen Studien: die Grundlage für einen schnellen Transfer von der Forschung in die medizinische Praxis

Eine unterstützende Maßnahme, um Daten und Ergebnisse aus klinischen Studien nutzbar zu machen und das bewusste Vorenthalten von Studienergebnissen zu verhindern, ist die Registrierung von Studien vor Studienbeginn, also bevor der erste Teilnehmer eingeschlossen wird. So wird sichergestellt, dass alle durchgeführten Studien bekannt sind und es kann überprüft werden, ob sich die Studienverantwortlichen an ihre geplante Methode halten und alle Ergebnisse veröffentlichen.

Studienregister sind für viele Interessensgruppen nützlich, so z. B. für:

  • WissenschaftlerInnen: Ein Studienregister kann dabei helfen die Erstellung von Systematischen Reviews mit Meta-Analysen zu erleichtern, indem Studiendaten zu einer Fragestellung recherchiert und kostenlos verwendet werden können. Des Weiteren können somit nicht publizierte Studien gefunden und in die Analysen integriert werden. Außerdem geben Register einen Überblick über die Forschungsaktivität, Expertise und wissenschaftlichen Schwerpunkte eines Standortes. Dies kann im Rahmen von Forschungsförderung oder bei der Anbahnung neuer Kooperationen eine wichtige Rolle spielen
  • PatientenInnen und behandelnde Ärzte und Ärztinnen: Klinische Studien können neue Therapieansätze, die noch nicht in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen sind, untersuchen. Gerade bei Betroffenen, bei denen die bisher verfügbaren Therapien sich als wirkungslos erwiesen haben, bilden derartige neue Therapieansätze eine letzte Hoffnung. Auch wenn die behandelnden ÄrztInnen einen solchen Wunsch auf Einsatz einer noch in Erprobung befindlichen Therapie unterstützen, werden die Kosten durch die Krankenkassen erst übernommen, wenn das Medikament einer umfangreichen Prüfung nach sehr strengen Kriterien standhält. Die Teilnahme in einer Studie könnte dann eine Möglichkeit sein, den Betroffenen Zugang zur Therapie zu vermitteln. Register beiten bieten die Möglichkeit, schnell zu prüfen, ob es geeignete Studien gibt.

Durch die Registrierung von Studiendaten und deren Ergebnissen werden diese für die Öffentlichkeit transparent und tragen dazu bei, eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten, die auf vollständig berichteten Studienergebnissen basiert. In der Schweiz zum Beispiel ist die Studienregistrierung für alle Studien am Menschen seit 2014 gesetzlich vorgeschrieben.

Weltweites Netzwerk von nationalen Studienregistern hilft, den Überblick zu behalten

Unter Koordination der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich mittlerweile ein weltweites Netzwerk von nationalen Studienregistern entwickelt. Das Register für Deutschland ist das Deutsche Register Klinischer Studien (DRKS). Das DRKS arbeitet an einer möglichst vollständigen Eintragung sämtlicher Studien und bietet Betroffenen und behandelnden Ärzten und Ärztinnen einen uneingeschränkten und nicht vorselektierten Zugang auf diese Eintragungen. Dazu wird den Studienverantwortlichen ermöglicht, Angaben zu ihren Studien, wie den Ein- und Ausschlusskriterien, dem Studienziel, der Behandlungsform, u. v. a. im Register zu dokumentieren und damit der Öffentlichkeit Informationen zu laufenden, geplanten oder bereits abgeschlossenen Studien zu liefern. Eine Dokumentation aller Studien in einem Studienregister dient allen im Gesundheitsbereich Tätigen sowie den Patienten und Patientinnen. Nur durch eine vollständige Offenlegung aller Daten und Ergebnisse wird die bestmögliche Gesundheitsversorgung gewährleistet sein.

Auf der kostenlosen und öffentlich zugänglichen Internetseite des DRKS können durch Suchanfragen Studien zu bestimmten Themen gefunden werden. Der Rekrutierungsstatus einer Studie kann abgefragt werden, sodass PatienteInnen und ÄrztInnen direkt Teilnahmemöglichkeiten an geeigneten Studien feststellen können. Die Inhalte sind in deutscher und in englischer Sprache verfügbar. Zudem wird eine Kurzbeschreibung in allgemein verständlicher Sprache zu den eingetragenen Studien angeboten.

Das DRKS gehört seit dem 1. Juli 2017 dauerhaft zum Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in Köln, im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit. Zuvor war das Register seit der Gründung am Institut für Medizinische Biometrie und Statistik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg angesiedelt.

Text: Katharina Kunzweiler

Katharina Kunzweiler ist seit 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Cochrane Deutschland tätig. Zuvor war sie zuständig für Öffentlichkeitsarbeit am Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS). Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin und hat einen Master-Abschluss in Public Health/Gesundheitswissenschaften. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Bereich Wissenstransfer und –synthese für nicht-ärztliche Gesundheitsberufe sowie medizinische Laien.

Hepatitis eliminieren! Das Motto zum Welt-Hepatitis-Tag

Wed, 07/26/2017 - 09:41

28. Juli 2017 – Welt–Hepatitis-Tag. Virushepatitis ist und bleibt weltweit noch immer eine medizinische Herausforderung. Die Sterberate steigt und das, obwohl es Schutzimpfungen und Therapien gibt. „Hepatitis eliminieren!“ ist das Motto der WHO zum diesjährigen Welt-Hepatitis-Tag. Ist das möglich, was sagt die Evidenz dazu?

325 Millionen Menschen weltweit lebten 2015 mit chronischer Hepatitis (WHO). Geschätzte 1,34 Millionen Menschen sterben jährlich infolge einer Virushepatitis. Tuberkulose, HIV/AIDS oder Malaria fordern ähnlich viele Tote. Doch im Gegensatz zu Letzteren steigen die Hepatitis-bedingten Sterberaten. Die WHO hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, die virusbedingte Hepatitis bis 2030 zu eliminieren.

Was steckt hinter der Virus-Hepatitis?

Hepatitis, also eine Entzündung der Leber, kann durch unterschiedliche Erreger oder Umstände verursacht werden. Meistens sind jedoch Viren die Übeltäter. Bislang sind fünf unterschiedliche Hepatitis-Virustypen bekannt (A, B, C, D, E), die alle ein gemeinsames Angriffsziel teilen – die Leber. Dort lösen sie unterschiedlich schwere Erkrankungen aus. Im besten Fall verläuft eine Hepatitis akut, das heißt sie heilt nach wenigen Wochen aus. Sie kann aber auch einen chronischen Verlauf nehmen. Da eine Infektion oft nur mit unspezifischen oder grippeähnlichen Symptomen wie Müdigkeit, Gelenk- oder Oberbauchbeschwerde einhergeht, bleibt sie oft unbemerkt und unbehandelt. Das auffälligste Symptom, die Gelbsucht (Gelbfärbung der Haut und Augen), tritt nämlich nur selten auf. Die Virustypen A und E lösen nahezu immer eine akute Hepatitis aus. B verläuft in 5-10 % der Fälle chronisch, während C bei 80 % der Betroffenen eine chronische Hepatitis auslöst. Hepatitis D tritt nur in Verbindung mit Hepatitis B Infektionen auf. Im Fokus der WHO-Strategie liegen die Virustypen B und C, da diese für 96 % aller weltweiten Hepatitis-bedingten Todesfälle verantwortlich sind (WHO).

Hepatitis B & C – hochansteckend mit schwerwiegenden Folgen

Der Hepatitis B Virus ist der ansteckendste Hepatitis Virus (Deutsche Leberstiftung). Er ist bis zu 100 mal infektiöser als HIV und wird ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen – über Blut, Speichel und Sperma. Auch eine Übertragung von Mutter zu Kind im Mutterleib bzw. während der Geburt ist möglich. In Deutschland liegt die geschätzte Zahl der Hepatitis B Erkrankten bei 400.000 bis 500.000 Menschen (Deutsche Leberstiftung).

Bei über 90-95 % der Fälle heilt eine akute Hepatitis B Infektion bei Erwachsenen von alleine aus. Bei bis zu zehn Prozent der Infizierten und vor allem bei Kleinkindern überdauert die Infektion jedoch einen Zeitraum von sechs Monaten und nimmt somit einen chronischen Verlauf. Die unbehandelte, chronische Infektion kann zu Leberzirrhose und –Krebs führen. Hepatitis B ist für 80 Prozent der Leberkrebsfälle weltweit verantwortlich.

Hepatitis C wird vorrangig über das Blut übertragen (Deutsche Leberstiftung). Die Nutzung nicht-steriler Injektionsnadeln, Tätowier-Nadeln oder Rasiermesser und Bluttransfusionen sind häufige Infektionswege. Während weltweit zwar Hepatitis B am häufigsten auftritt, ist Hepatitis C in Deutschland mit 500.000 bis 800.000 Virusträgern noch stärker verbreitet. In ca. 20 % der Fälle heilt die Erkrankung spontan aus, meistens nimmt die Hepatitis C Infektion jedoch einen chronischen Verlauf. In 15-20 % aller chronischen Fälle entsteht eine Leberzirrhose. Wiederum 20 % dieser unter Zirrhose leidenden Menschen entwickelt in weiterer Folge Leberkrebs.

Schutz gegen Hepatitis Infektion

Eine Möglichkeit Hepatitis Viren den Kampf anzusagen sind Impfungen. Eine Hepatitis B Infektion lässt sich zum Beispiel seit 1982 durch eine Schutzimpfung verhindern (WHO), welche seit 1992 vor allem für Säuglinge innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Geburt und für Erwachsene in Risikogruppen (z. B. Gesundheitspersonal) von der WHO empfohlen wird. In Deutschland sind heute etwa 80 % aller Schulkinder gegen Hepatitis B geimpft (Deutsche Leberstiftung). Laut WHO zeigen Schutzimpfungen große Erfolge, da weltweit der Anteil von infizierten Kindern unter dem fünften Lebensjahr seit Einführung der Impfung von 4.7 % auf 1.3 % gefallen ist (WHO).

Ein großes Problem stellt jedoch die Übertragung von Hepatitis B von der Mutter auf das Kind dar. Ein 2014 veröffentlichter Cochrane Review wollte untersuchen, ob eine Schutzimpfung, die einer infizierten Mutter während der Schwangerschaft gegeben wird, das Kind vor einer Infektion schützen kann. Es konnte leider keine Studie gefunden werden, die dies untersucht hatte.

Ein anderer Cochrane Review aus 2017 untersuchte, ob die Verabreichung von Hepatitis B Antikörpern (Immunglobulin, HBIG) während der Schwangerschaft eine Mutter-zu-Kind Übertragung des Virus verhindern kann. Die 36 eingeschlossenen Studien wiesen zwar darauf hin, dass eine vorgeburtliche Verabreichung von Antikörpern eine Infizierung verhindern könnte, doch die Qualität der Evidenz war so niedrig, dass die Autoren keine Schlüsse über die Wirksamkeit von Antikörper-Verabreichung während der Geburt ziehen wollten. Außerdem gab es kaum Daten zu möglichen Nebenwirkungen für Mutter und Kind.

Gegen Hepatitis C gibt es leider keine Impfung. Hier empfehlen jedoch viele Länder Screening-Untersuchungen — meist für Risikogruppen –, um eine Infektion rechtzeitig zu entdecken und zu behandeln, noch bevor schwere Leberschäden entstehen (WHO).

Medizinische Fortschritte ermöglichen Heilung

Die Therapiemöglichkeiten von Hepatitis entwickeln sich stetig weiter. In der Behandlung von Hepatitis C wird mittlerweile Heilung angestrebt. Medikamente wie Sofosbuvir, Daclatasvir und die Sofosbuvir/Ledipasvir Kombination können laut Informationen der WHO 95 % der Betroffenen dauerhaft von ihrer Infektion befreien. Die WHO berichtet auch, dass durch die Therapie mit direkt wirkenden antiviralen Präparaten (Direct-acting antivirals -DAAs) Heilung bei den meisten Hepatitis C infizierten Menschen meist schon innerhalb 12 Wochen erfolgen kann. Laut WHO ist mit dieser Therapie eine Eliminierung von Hepatitis realistisch geworden.

Ein kürzlich veröffentlichter Cochrane Review hat sich auch mit dem Nutzen und Schaden von DAAs bei der Behandlung von Hepatitis C befasst, hat jedoch kritischere Schlüsse gezogen. Alle einbezogenen Studien und deren Ergebnisse, so die Autoren, seien einem hohen Bias-Risiko unterlegen und daher mit Vorsicht zu interpretieren.

Nichtsdestotrotz, die Behandlungsmöglichkeiten für Hepatitis C haben sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Dies gilt auch, aber nicht im gleichen Maße, für die Behandlung von chronischer Hepatitis B (WHO, WHO-factsheet).

Schwierigkeiten bei der Eliminierung von Hepatitis

Obwohl die Durchimpfungsrate steigt und es gute Therapien gibt, steht der Elimination von Hepatitis so Manches im Weg. Durch das oft symptomlose Erscheinen der Infektion bleiben viele Fälle unentdeckt. Wer nichts von seiner Infektion weiß, sucht keine Behandlung, kann aber dennoch andere infizieren. Gemäß dem WHO Global hepatitis report (2017) hat die große Mehrheit der Betroffenen weltweit keinen angemessenen Zugang zu passenden Screenings und Behandlungen. Die Versorgung weltweit zu verbessern wäre also, neben der Weiterentwicklung von wirksamen Therapieformen, ein notwendiger nächster Schritt zur Eliminierung von Hepatitis.

Text: Barbara Nußbaumer-Streit und Andrea Puhl

WHO: Hepatitis – Strategic directions

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