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Updated: 9 hours 57 min ago

Bye-bye Mittagsspeck – dank Kalorienangaben in Restaurants

Thu, 05/17/2018 - 07:05

Kalorienangaben zu Speisen und Getränken in Restaurants könnten die Kalorienaufnahme pro Mahlzeit um 8 % reduzieren. Das ergab ein im Februar veröffentlichter Cochrane Review. In Anbetracht der weltweit zunehmenden Anzahl übergewichtiger und adipöser Menschen und den damit einhergehenden Zivilisationskrankheiten ist dieses Ergebnis womöglich von großer Bedeutung.

So wie viele meiner Kollegen* esse auch ich in der Mittagspause fast täglich auswärts und oftmals gehen wir gemeinsam in die nahe gelegene Kantine oder in ein Restaurant. Wohin wir gehen, hängt meist davon ab, auf was wir Lust haben. Im Restaurant angekommen, haben wir dann die Qual der Wahl: gesund und lecker soll das Essen sein und nicht zu ‚kalorienlastig‘. Sonst laufe ich Gefahr nach dem Mittagessen eher an meinem Schreibtisch einzuschlafen, anstatt produktiv weiter zu arbeiten. Jedoch ist es oftmals schwierig, den Kalorienanteil meiner Mittagsmahlzeit richtig einzuschätzen. Mit dem Mittagessen nehme ich wohl oftmals mehr Kalorien zu mir, als ich eigentlich möchte. Und darin besteht ja gerade das Problem: eine ständig erhöhte Kalorienaufnahme bei gleichbleibenden Verbrauch trägt zur Entstehung von Übergewicht oder sogar Adipositas bei. Beide begünstigen die Entstehung von Zivilisationskrankheiten, wie u.a. Herzkreislauferkrankungen, verschiedene Krebsarten oder Diabetes. Um diesen Krankheiten vorzubeugen, ist es sinnvoll, in der Bevölkerung das Bewusstsein für eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu stärken – und diese eben auch anzubieten, da wo Menschen essen.

Kalorienzählen im Restaurant?

Kalorienangaben zu den Speisen und nicht-alkoholischen Getränken in Restaurants sind dabei ein interessanter Ansatz. Dies bedeutet, dass die jeweilige Kalorienzahl direkt auf der Speisekarte oder neben den angebotenen Speisen und Getränken, z.B. auf einem Schild, angegeben werden. So werden Menschen für den Kaloriengehalt der einzelnen Speisen und Getränke sensibilisiert. Sie können somit bewusster selbst entscheiden, wie viele Kalorien sie bei einer Mahlzeit auswärts essen möchten. Zusätzlich könnten solche Kalorienangaben Personen, die bereits übergewichtig oder adipös sind, beim Abnehmen unterstützen. Solche Kalorienangaben sind beispielsweise in den USA  oder Kanada bereits üblich.

Bewusster Einkaufen dank Kalorienangaben in Restaurants?

Wer mehr über den Energiegehalt einzelner Mahlzeiten weiß, kauft eventuell auch selbst im Supermarkt eher kalorienärmere Lebensmittel ein. So werden kalorienreichere Produkte in den Supermarktregalen stehen gelassen, während diejenigen mit einer besseren und gesünderen Zusammensetzung im Einkaufskorb landen. Sogenannte Reformulierung von Lebensmittel ist eine neue Entwicklung im Lebensmittelbereich. Dabei wird schon bei der Rezeptur gezielt der Anteil an bestimmten Nährstoffen wie Salz, Fett und Zucker im Vergleich zu handelsüblichen Produkten reduziert.

…. und wie sieht es mit der Evidenz aus?

Die Ergebnisse eines kürzlich veröffentlichten Cochrane Reviews scheinen zu bestätigen, dass eine gezielte Information der Verbraucher wirksam ist. Die systematische Übersichtsarbeit ging der Frage nach, ob die gekaufte bzw. verzehrte Kalorienmenge durch konkrete Angaben reduziert werden kann. Insgesamt wurden 28 Studien aus USA, Kanada und Europa eingeschlossen, welche alle den Einfluss von Kalorienangaben auf Speisekarten bzw. direkt neben den angebotenen Mahlzeiten auf das Kauf- und Konsumverhalten untersuchten. Elf Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen Kalorienangaben und dem Kauf von verschiedenen Nahrungsmitteln oder Getränken in Lebensmittelgeschäften, Restaurants oder Kantinen. 17 Studien widmeten sich der Veränderungen des eigentlichen Ess- und Trinkverhaltens, wenn Kalorien angegeben werden. Insgesamt deuten die Ergebnisse tatsächlich darauf hin, dass die gekaufte Kalorienmenge gesenkt werden kann. Eine Metaanalyse von drei randomisiert-kontrollierten Studien zeigte, dass mit einer Kennzeichnung bei einem typischen Mittagessen von 600 Kalorien rund 50 Kalorien (8 %) eingespart werden können. Allerdings wurde dabei nur erfasst, was Menschen auswählen, jedoch nicht, was sie tatsächlich essen und trinken. Insgesamt wurde die Qualität der Evidenz in den eingeschlossenen Studien als niedrig bis sehr niedrig eingestuft.

Und im Gasthof ‚Zur Linde‘?

Auf Speisekarten in der Schweiz, Österreich oder Deutschland habe ich bisher vergeblich danach gesucht: Kalorienangaben sind weder gesetzlich vorgeschrieben noch üblich. Es müssen ausschließlich Informationen zu bestimmten Zutaten, wie beispielsweise allergenen Stoffen oder genetisch veränderten und bestrahlten Lebensmitteln auf Speisekarten oder Speisetafeln gut sichtbar für die Konsumenten angegeben werden. Bisher wird vor allem auf Maßnahmen wie Information oder Reformulierung von Lebensmitteln gesetzt. Dabei könnten die besseren Informationen auf Speisekarten auch als zusätzlicher Service am Gast verstanden werden – und nicht als Genussbremse.

Fazit

Übergewicht und Adipositas nehmen weltweit zu. Neben den bisherigen Maßnahmen im deutschsprachigen Raum, könnte auch die Angabe der Kalorienzahl in Restaurants und Kantinen sinnvoll sein, um die Auswahl von energieärmeren Speisen und nicht-alkoholischen Getränke zu erleichtern. Um jedoch genauere Aussagen treffen zu können, inwieweit diese tatsächlich zu einer dauerhaft reduzierten Kalorienaufnahme in der Bevölkerung führt, sind noch mehr und bessere Studien notwendig. Es wäre doch schön, wenn wir durch Kalorienangaben bewusster essen und dem Mittagsspeck endlich ‚Bye-bye‘ sagen könnten.

Text: Anne Borchard

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter (von anderen Blogbeiträgen so übernommen)

Bisherige Aktivitäten in deutschsprachigen Ländern:

Schweiz: Senkung des Anteils an zugesetzten Zuckern in Jogurts und Frühstückscerealien und der Salzgehalt in bestimmten Lebensmitteln auf freiwilliger Basis von der Lebensmittelindustrie.

Deutschland: In Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie konnte der Anteil an Trans-Fettsäuren in Lebensmitteln gesenkt werden. Als nächstes Ziel soll der Anteil an Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten reduziert werden.

Österreich: Reduktion des Salzgehaltes und die Modifikation bzw. Optimierung der Fett- und Kohlenhydratzufuhr u.a. auch durch Reformulierung der Lebensmittel.

http://www.wissenwaswirkt.org/wp-content/uploads/N_hrwertkennzeichnung-zum-Kauf-und-Konsum-von-ges_nderen-Nahrungsmitteln-oder-alkoholfreien-Getr_nken-1.mp4

Cochrane TaskExchange: Neue Funktionen vor allem für Anfänger bei Cochrane!

Wed, 05/09/2018 - 07:00

TaskExchange ist Cochrane’s Onlineplattform, auf der sich neue und alte Mitglieder der Evidenz-Community miteinander verbinden können, um ihre Arbeiten gemeinsam schneller zu erledigen. Was heißt das genau?

Cochrane’s TaskExchange verbindet Menschen, die Hilfe bei einem evidenzbasierten Gesundheitsprojekt brauchen, mit jenen, die Zeit und Erfahrung haben, dazu beizutragen. Hört sich gut an? Bisher haben über 500 Menschen schon über TaskExchange in Projekten zusammengearbeitet.

Neu ist, dass durch TaskExchange Cochrane-Anfängern jetzt ermöglicht wird, zu den Anfängerprojekten über den Link „Browse tasks for beginners“ direkt von der Homepage aus zu navigieren. Zusätzlich sind alle Anfängerprojekte in der Projektliste mit einem grünen Blatt versehen, sodass sie auch dort einfach identifizierbar sind.

„Viele unserer Beitragenden treten TaskExchange bei, um Erfahrungen im Evidenz-Erstellungsprozess zu sammeln,“ so Tari Turner, Co-Leiterin von TaskExchange. „Das können Medizinstudenten oder Studenten ähnlicher Studienrichtungen sein, Cochrane Crowd Mitglieder, oder einfach Menschen mit einem generellen Interesse an Evidenz, die aber wenig praktische Erfahrungen damit haben. Wir wollten es diesen Personengruppen einfacher ermöglichen, zum Evidenzprozess beizutragen. Neulinge können ab jetzt Anfängerprojekte direkt von der Homepage ansehen. Sie brauchen sich nicht mehr durch die ganzen Projekte durchzuarbeiten, die Vorerfahrung oder Expertenerfahrungen bedingen. Das macht es für sie natürlich wesentlich einfacher und attraktiver, sich zu engagieren.“

Diese Änderungen wurde von der Studentengruppe Students 4 Best Evidence sehr begrüßt. „Wir sind begeistert über die neue TaskExchange-Funktion,“ so Selena Ryan-Vig, Students4BestEvidence-Moderatorin. „Das macht es nicht nur einfacher für Studenten, zur Arbeit von Cochrane beizutragen, sondern es ermöglicht ihnen auch, wertvolle Arbeitserfahrung zu erlangen.“

Hilda Bastian, eines der Gründungsmitglieder von Cochrane, sagte einmal „junge Menschen sind einfach faszinierend. Sie verbinden ihr hohes Energielevel und Enthusiasmus mit der aktuellsten wissenschaftlichen Forschung. Es ist wundervoll dass TaskExchange versucht, dies auszuschöpfen.“

Um bei TaskExchange mitzumachen, müssen Sie sich zuerst bei TaskExchange anmelden. Sie können TaskExchange-Aktivitäten auch auf Twitter verfolgen oder die Koordinatoren per Email erreichen: taskexchange@cochrane.org.

Originaltext: Selena Ryan-Vig. Adaptiert und übersetzt: Andrea Puhl

 

Ach du dickes Ei: sind hohe Cholesterinwerte schädlich für’s Herz?

Wed, 05/02/2018 - 07:00

Am Wochenende landet traditionell auf vielen Frühstückstischen das morgendliche weiche Ei mit Wurst oder auch das Rührei mit Speck; Lebensmittel, die reich an gesättigten Fettsäuren und Cholesterin sind. Cholesterin ist ein fettähnlicher Stoff, der im Blut vorkommt und einen schlechten Ruf hat. Etwa 57 % der deutschen Männer und 61 % der deutschen Frauen überschreiten den mittlerweile gültigen Grenzwert von 190 mg/dl.

Warum gelten hohe Cholesterin-Werte als schädlich?

Die Cholesterin-Debatte existiert schon seit den 50er Jahren und wurde in Amerika angestoßen. Zwischen 1920 und1955 kam es dort zu einem enormen Anstieg an Todesfällen verursacht durch Herzinfarkte, was Aufsehen erregte. In einer Fall-Kontroll-Studie von 1953 fanden Forscher heraus, dass diejenigen, die einen Herzinfarkt erlitten hatten im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe höhere Gesamtcholesterinwerte und LDL-Werte (Low-Density-Lipoprotein, genaue Erklärung siehe weiter unten im Blog) aufwiesen. Die amerikanischen Forscher Keys und Hegsted fanden Hinweise dafür, dass die Cholesterin-Konzentration im Blut mit der Aufnahme von gesättigten Fettsäuren in Verbindung stehen könnte. Sie schlussfolgerten, dass gesättigte Fettsäuren die Cholesterinwerte im Blut und somit das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen könnten.

Infolge dieser Erkenntnisse wurden tierische Fette (Butter, Fleisch, Eidotter), die hauptsächlich gesättigter Natur und reich an Cholesterin sind, verteufelt. Cholesterinsenker – sogenannte Statine – kamen auf den Markt und Margarine-Hersteller machten kräftig Umsatz.

Doch was ist Cholesterin überhaupt?

Cholesterin ist ein wichtiger Baustoff des Körpers. Er wird benötigt, um z. B. Hormone und Gallensäure zu bilden und ist ein wichtiger Baustein der Zellwände. Der größte Teil des körpereigenen Bedarfs wird in der Leber hergestellt und nur ein kleiner Teil wird über die Nahrung aufgenommen. Cholesterin gehört zur Gruppe der Lipide (Fette) und ist weder wasser- noch fettlöslich. Um vom Blut transportiert zu werden, wird das Cholesterin zusammen mit Lipoproteinen (Proteine/Eiweiße und Fett) gebunden. Diese Verbindungen unterscheidet man entsprechend ihrer Dichte in HDL- und LDL-Cholesterin.

‚LDL‘ steht für Low-Density-Lipoprotein (Lipoprotein niedriger Dichte): Über diese Verbindung wird das Cholesterin aus der Leber in den Körper, die Organe und das Gewebe transportiert. Ein hoher LDL-Wert wird mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht, da es sich leicht an die Arterienwände anlagern kann. Deshalb steht LDL für das ‚schlechte‘ Cholesterin.

‚HDL‘ steht für High-Density-Lipoprotein (Lipoprotein hoher Dichte): In dieser Kombination wird das Cholesterin aus dem Gewebe zurück zur Leber transportiert.
Ein hoher HDL-Wert soll die Arterien schützen und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Daher wird das HDL auch als ‚gutes‘ Cholesterin bezeichnet.

Und was hat schädliches LDL-Cholesterin nun mit den gesättigten Fetten in der Nahrung zu tun?

Schädliches LDL-Cholesterin und gesättigte Fettsäuren in unserer Nahrung

Studien aus den 50er Jahren geben Hinweise darauf, dass die gesteigerte Aufnahme von gesättigten Fettsäuren zu erhöhten Gesamtcholesterinwerten und LDL-Werten führen kann und somit das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung gesteigert wird.

Dieser Zusammenhang wurde im Jahr 2015 durch Cochrane Autoren* untersucht. Der Review untersuchte, ob sich die Reduktion von gesättigten Fettsäuren auf das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken könnte.

15 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt über 59.000 erwachsenen Teilnehmern wurden eingeschlossen. Die Teilnehmer waren Männer und Frauen mit und ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ausgeschlossen wurden Studien, die akut erkrankte Menschen, schwangere oder stillenden Frauen untersuchten.

Die Studien hatten gemeinsam, dass die Interventionsgruppe weniger gesättigte Fettsäuren zu sich nahm. Die Kalorien nahmen sie stattdessen über Kohlenhydrate, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, einfach gesättigte Fettsäuren und/oder Proteinen zu sich. In den meisten Fällen erhielt die Interventionsgruppe eine Ernährungsberatung, ergänzende Präparate (z. B. Kapseln mit ungesättigten Fetten) oder bekam die modifizierte Nahrung direkt verordnet. Die Kontrollgruppe behielt ihre Ernährungsgewohnheiten bei, erhielt ein Placebo oder bekam eine andere Diät (Kontroll-Diät) verordnet. Über mindestens zwei Jahre wurden die gesundheitsbezogenen Endpunkte Tod, Tod durch Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Auftreten von Schlaganfall und Krebs bei beiden Gruppen aufgezeichnet.

Ergebnisse:

Die eingeschlossenen Langzeitstudien ergaben, dass die Reduktion von gesättigten Fettsäuren das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden (Schlaganfall, Herzinfarkt) um 17 % verringern kann. Die Studien konnten jedoch keinen Unterschied zwischen den Gruppen in den allgemeinen und kardiovaskulär-bedingten Todesraten feststellen. Betrachtete man genauer, wodurch gesättigte Fette ersetzt wurden, so zeigte sich, dass vor allem ein Ersatz mit mehrfach ungesättigten Fetten positive Wirkung auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit hatte. Wurden die gesättigten Fette durch Kohlehydrate oder Proteine ersetzt, zeigte sich kein positiver Gesundheitseffekt. Je größer die Reduktion der gesättigten Fette desto ausgeprägter war der schützende Effekt. Menschen, die noch keine Herz-Kreislauf-Erkrankung erlitten haben, profitieren besonders von einer Ernährung mit wenig gesättigten Fetten. Es wurden keine Nebenwirkungen beobachtet. Durch die Reduktion der gesättigten Fettsäuren kam es in einigen Fällen auch zu Gewichtsabnahmen.

Fazit

Gemäß den Studienergebnissen kann eine ausgewogene Ernährung, die reich an mehrfach ungesättigten und arm an gesättigten Fetten ist, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
Einige Menschen haben genetisch bedingt hohe Cholesterinwerte. Diese können sie insofern nicht allein durch entsprechende Nahrung regulieren und müssen in Absprache mit ihrem Arzt ggf. zu Medikamenten greifen, um das Erkrankungsrisiko zu verringern.

Es ist zu beachten, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen meist multifaktoriell bedingt sind. In der Regel kommen mehrere Risikofaktoren (z. B.: Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht, wenig Bewegung, Diabetes mellitus, Stress) zusammen, die das Auftreten der Erkrankung bedingen können.

Ein gesunder Lebensstil, bestehend aus einer ausgewogenen Ernährung, wenig Alkohol und Nikotin, wenig Stress aber viel Bewegung scheint die beste Prophylaxe gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sein.

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

 

 

Mobbing am Arbeitsplatz

Thu, 04/26/2018 - 07:31

Mobbing am Arbeitsplatz macht vor keiner Branche und Berufsgruppe halt. Das systematisch verletzende Verhalten der Kollegen oder Vorgesetzten kann bei Betroffenen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen und auch negative Folgen für Arbeitgeber mit sich bringen. Immer häufiger werden von Arbeitgebern Maßnahmen ergriffen, die Mobbing am Arbeitsplatz vorbeugen sollen. Doch wie wirksam sind diese?

Wenn Arbeitskollegen und Vorgesetzte sich über einen lustig machen, böse Gerüchte verbreiten, einen benachteiligen, wie Luft behandeln, beschimpfen oder schikanieren, so können das alles Formen von Mobbing sein. Insbesondere dann, wenn das verletzende Verhalten über einen längeren Zeitraum systematisch praktiziert wird und das Mobbing-Opfer sich nicht wehren kann.

Aber nicht jedes gemeine Wort, nicht jede Kritik ist gleich Mobbing. Die Abgrenzung fällt oft schwer. Eine rechtliche Definition von Mobbing gibt es aktuell noch nicht. Die Wirtschaftskammer Österreich definiert Mobbing als „ein Verhalten unter Arbeitnehmern, das darauf abzielt, eine Person zu verletzen, einzuschüchtern, zu entmutigen, auszugrenzen oder aus dem Arbeitsverhältnis zu drängen. Mobbing kann auch von Vorgesetzten ausgehen oder sich gegen solche richten.“ In der Schweiz fügt das Staatssekretariat für Wirtschaft noch einen zeitlichen Aspekt zur Definition hinzu und spricht erst dann von Mobbing, wenn dieses Verhalten „mindestens einmal in der Woche und mindestens seit sechs Monaten vorkommt.“

Häufigkeit und Auswirkung von Mobbing

Mobbing ist jedenfalls kein seltenes Phänomen (siehe Infozeile). Personen, die Mobbing ausgesetzt sind, leiden häufiger an  Depressionen, Ängsten, sind unzufriedener mit ihrer Arbeit und verlassen oft das Unternehmen, was wiederum negativ für den Arbeitgeber sein kann, wenn er einen fähigen Mitarbeiter verliert. Einige Arbeitgeber versuchen Mobbing am Arbeitsplatz noch vor dessen Entstehung zu verhindern. Doch wie wirksam sind diese Maßnahmen?

 

Infozeile: Mobbing Häufigkeit im deutschsprachigen Raum:

Österreich: von 500 befragten Österreichern und Österreicherinnen haben zwei Drittel Mobbing am Arbeitsplatz bereits miterlebt
Deutschland: Von 529 Befragten war ungefähr jeder siebte Berufstätige schon einmal ein Mobbing-Opfer
Schweiz: In einer Schweizer Gesundheitsbefragung von 2012 wurden 12 277 Personen bezüglich „Einschüchterung, Belästigung, Mobbing“ befragt und hier gaben 6.8% der Befragten an, in den letzten 12 Monaten persönlich Mobbinghandlungen erlebt zu haben.

Maßnahmen um Mobbing zu verhindern bzw. zu reduzieren

Ein Team von Cochrane Autoren hat sich dieser Frage angenommen und untersuchte, wie wirksam verschiedene Maßnahmen zur Vorbeugung von Mobbing am Arbeitsplatz sind. Sie waren sowohl an Interventionen interessiert, die sich an individuelle Arbeitnehmer richteten, als auch an solchen, die sich an Gruppen oder die gesamte Organisation richteten. Insgesamt identifizierten die Autoren fünf Studien mit Daten von 4116 Teilnehmern. Maßnahmen auf Organisationsebene, die zu einer Veränderung der Unternehmenskultur beitragen sollten, führten zu einem Anstieg an höflichem Verhalten. Maßnahmen auf individueller Ebene zeigten teilweise Wirkung. Während „expressive Schreibübungen“ zu einer Reduktion von Mobbing-Verhalten im Unternehmen führten, zeigte eine kognitiv-verhaltensbasierte Schulung keine signifikanten Veränderungen im Verhalten. Maßnahmen, die auf mehreren Ebenen ansetzten (Kombination aus Schulung und Richtlinienveränderung) konnten keine signifikanten Veränderungen zeigen.

Fazit

Der Review gibt Hinweise, dass Maßnahmen auf Organisations- und individueller Ebene Mobbing am Arbeitsplatz vorbeugen können. Die Qualität der Evidenz ist jedoch sehr niedrig. Gut gemachte Studien zu verschiedenen vorbeugenden Maßnahmen wären wünschenswert. Zur Zusammenfassung des Cochrane Reviews auf  Cochrane Kompakt.

Text: Barbara Nußbaumer-Streit

Pasta, Pizza, Pomodori – mediterrane Kost gut fürs Herz?

Thu, 04/19/2018 - 08:10

Für manchen Liebhaber der italienischen Küche wäre es ein Traum, regelmäßig Spaghetti oder Pizza in Begleitung eines Gläschens Rotweins verzehren zu können. Schließlich soll die mediterrane Küche gut fürs Herz sein. Doch was heißt das genau, und stimmt es auch? Ein Cochrane Review ging dieser Frage nach und untersuchte, ob die mediterrane Kost Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen kann.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie z. B. die koronare Herzkrankheit, sind in Deutschland weit verbreitet und stellen die häufigste Todesursache dar.

Bei etwa 7 von 100 Frauen und 10 von 100 Männern wird im Laufe ihres Lebens laut der Patienteninformation des ÄZQ eine koronare Herzkrankheit diagnostiziert.

Diese Erkrankung entsteht dadurch, dass die Blutgefäße, die das Herz mit sauerstoffreichem Blut versorgen, durch Ablagerungen (Arteriosklerose) verengt sind. In Folge dieser Verengung wird der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, was bei Belastung zu einem Gefühl der Enge in der Brust (Angina Pectoris) oder beim vollständigen Verschluss eines Blutgefäßes zu einem Herzinfarkt führen kann.

Folgende Risikofaktoren begünstigen das Entstehen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung: Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht (Adipositas), Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), Bluthochdruck (Hypertonie), hohe Low-density-Lipoprotein (LDL)-Werte im Blut und psychosoziale Belastungen.

Mediterrane Ernährung: herzhaft gesund?

Die oben genannten Risikofaktoren hängen unter anderem mit unserem Lebensstil und insofern auch mit unseren täglichen Ernährungsgewohnheiten zusammen. Einige Untersuchungen in den 1960er Jahren ergaben, dass Mittelmeeranwohner im Vergleich zu Nordeuropäern seltener infolge kardiovaskulärer Erkrankungen verstarben. Daher wurde vermutet, dass dieses Phänomen mit der mediterranen Ernährung zusammenhängen könnte.

Die Ernährung in diesem Kulturraum besteht jedoch nicht nur aus Pizza und Pasta, sondern weist ein großes Spektrum verschiedener Nahrungsmittel auf. Vorwiegend besteht die mediterrane Ernährung aus frischem und saisonalem Obst und Gemüse, Getreide und Vollkornprodukten, Nüssen und Saaten. Größere Mengen an frischen Früchten werden täglich verzehrt, wobei die Mengen an industriellem Zucker geringgehalten werden.

Fisch und Olivenöl stellen die Hauptquellen für mehrfach ungesättigte Fettsäuren dar. Diese Fettsäuren beeinflussen unsere Blutfette (Cholesterin) in einer positiven Weise und schützen somit das Herz. Milchprodukte (Käse oder Jogurt) und rotes Fleisch – die Lieferanten für die schädlichen gesättigten Fettsäuren – werden selten konsumiert. Zu den Gerichten in den Mittags- und Abendstunden wird oftmals ein Glas Rotwein gereicht.

Cochrane Evidenz zu mediterraner Ernährung und Herzgesundheit

Im Jahr 2013 untersuchten Cochrane Autoren*, ob sich eine mediterrane Ernährungsweise positiv auf das Herz-Kreislaufsystem auswirkt und gegebenenfalls auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen könnte.

Dafür betrachteten die Autoren 11 themenrelevante randomisierte und kontrollierte Studien, die in unterschiedlichen Ländern (der USA, Italien, Spanien, Norwegen, Iran und England) durchgeführt wurden.

Im Rahmen der Studien wurde die Hälfte der insgesamt 52.044 erwachsenen Studienteilnehmer in Hinblick auf eine spezielle Diät beraten. Diese Ernährung wies mindestens zwei der folgenden Elemente auf.

• Hoher Anteil an einfach ungesättigten und gesättigten Fettsäuren
• Hoher Anteil an einfach ungesättigten und gesättigten Fettsäuren
• Niedriger bis mäßiger Rotweinkonsum
• Hoher Gemüseverzehr
• Hoher Verzehr von Körnern und Getreide
• Hoher Konsum von Früchten und Gemüse
• Geringer Verzehr von Fleisch und Fleischprodukten
• Gesteigerter Fischkonsum
• Mäßiger Konsum von Milchprodukten

Die anderen Hälfte der Teilnehmer erhielt keine Ernährungsberatung und behielt ihre Ernährungsgewohnheiten bei.

Zu festgelegten Zeitpunkten wurde untersucht, welche Teilnehmer eine Herz-Kreislauf-Erkrankung entwickelten. Die Zeitpunkte variierten je nach Studie und lagen zwischen 3 Monaten und 8 Jahren. Zudem wurden Risikofaktoren, wie erhöhte Blutfette (LDL), Bluthochdruck, Auftreten von Diabetes Mellitus Typ 2 gemessen und zwischen den Gruppen verglichen.

Eine Studie, die das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über 8 Jahre hinweg verglich, konnte keinen Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen feststellen. In anderen Studien hatten die Teilnehmer, die zur mediterranen Ernährung beraten worden waren, im Vergleich zur Kontrollgruppe erniedrigte Cholesterin-Werte bzw. niedrigere LDL-Werte. Da erhöhte Werte des Blutfetts LDL mit der die Bildung von Arteriosklerose und somit einer Verengung der Blutgefäße in Verbindung stehen sollen, gibt dieses Ergebnis einen Hinweis auf die mögliche Wirksamkeit der mediterranen Ernährung.

Das Fazit?

Insgesamt zeigt der Cochrane Review, dass sich mediterrane Ernährungsgewohnheiten positiv auf einige Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken könnten. Da die eingeschlossenen Studien in der Art der Durchführung jedoch sehr große Unterschiede aufweisen, konnten ihre Ergebnisse nicht ohne weiteres verglichen und zusammengefasst werden.

Laut der Review Autoren sind weitere Studien notwendig, um die Wirksamkeit der verschiedenen ernährungsbezogenen Maßnahmen beurteilen zu können. Bislang konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, welche Maßnahme bei der jeweiligen Bevölkerungsgruppe am wirksamsten ist. Unumstritten bleibt jedoch, dass sich eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung positiv auf unser Befinden und unsere Gesundheit auswirken.

In weiteren Blog-Beiträgen werden wir weitere relevante Cochrane-Reviews betrachten, um Ihnen zu zeigen, was sie selbst tun können, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Evidenzbasiertes Arbeiten von Anfang an – eine neue Generation von EbM-Enthusiasten wächst heran 

Tue, 04/10/2018 - 07:25

Evidenzbasierte Medizin (EbM) pocht darauf, dass neben der klinischen Erfahrung und den Wünschen der Patienten und Patientinnen auch das aktuellste Wissen aus gut gemachten klinischen Studien bei Entscheidungen berücksichtigt wird. Auch wenn das eigentlich selbstverständlich klingt, ist diese Haltung noch immer nicht umfassend in der klinischen Praxis verankert.

Es dauert in der Tat oft Jahre bis Erkenntnisse aus Studien in die Praxis gelangen, wenn sie es überhaupt bis dahin schaffen*. Oft fehlt die Zeit und manchmal auch das Wissen und nötige Handwerkszeug, um die neuesten Forschungsergebnisse in die Praxis zu integrieren. Für Patienten und Patientinnen kann das im Extremfall bedeuten, dass sie wirkungslose oder sogar schädliche Behandlungen bekommen bzw. wirkungsvolle Behandlungen nicht erhalten.

Doch Veränderungen sind im Gange. In den letzten Jahren fand evidenzbasiertes Arbeiten immer häufiger Einzug in die Ausbildung von Medizinern und anderen Gesundheitsberufen und ist mittlerweile an vielen Universitäten im deutschsprachigen Raum im Studienplan fix verankert. Die Studierenden lernen für sie relevante Studien in der Fülle an Informationen zu finden, diese kritisch zu lesen und die Quintessenz für ihre Entscheidungen vor Ort zu verwenden.

Auch Cochrane bemüht sich, eine neue Generation für evidenzbasiertes Arbeiten zu begeistern. Cochrane Österreich hat 2018 gemeinsam mit der Karl-Landsteiner Universität in Krems vier Stipendien an besonders motivierte Medizinstudentinnen vergeben. Ihnen wurde damit die Teilnahme an einem Kongress über Evidenzbasierte Medizin zum Thema „Brücken bauen – von der Evidenz zum Patientenwohl“ in Graz ermöglicht. Eine Stipendiatin, Katharina Tscherny – sie ist Pflegewissenschafterin und bald auch Medizinerin – lässt uns an ihrer Kongresserfahrung teilhaben:

EbM Kongress 2018 – Graz – Ein Erfahrungsbericht von Katharina Tscherny

Voller Vorfreude reiste ich schon um 5 Uhr morgens Richtung Graz. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit meinen Mit-Stipendiatinnen startete bereits um 9 Uhr der Kongress. Der erste Programmpunkt am Kongress war der Studierendentag mit dem Thema „Das Richtige richtigmachen – Ist Kaviar ein Risikofaktor für Reichtum“. Insgesamt nahmen daran rund 50 Studierende aus Deutschland, Schweiz und Österreich teil. Für die Kleingruppenworkshops wurden wir in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt.

Mein erster Workshop hieß: Suchstrategien & Suchoptionen. Anhand eines medizinischen Fallbeispiels: ein 58-jähriger männlicher Patient hat nach einer üppigen Mahlzeit atraumatische Schmerzen am Großzehengrundgelenk, zudem zeigt dieses Gelenk alle fünf Kardinal Symptome einer Entzündung: Rubor (Rötung), Calor (Erwärmung), Dolor (Schmerz), Tumor (Schwellung) & Functio laesa (Funktionseinschränkung).

Die Diagnose der Studierenden lautete Einstimmig: GICHT. Doch warum? Weil: Atraumatisch, männlich, Alter in der Zielgruppe, üppige Mahlzeit, typisches Gelenk und klassische lokale Entzündungszeichen.

Anschließend beschäftigen wir uns mit der Frage: „Wie kommen wir (zukünftige Ärzte und Ärztinnen) im Klinikalltag zu klinisch relevanten Informationen?“.

Der zweite Workshop beschäftigte sich mit medizinischer Prävention. Anhand von Fallbeispielen wurden die Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten diskutiert.

v.l.n.r.: Gerald Gartlehner (Direktor von Cochrane Österreich), KL-Studentinnen Katharina Tscherny (4. Jahr), Casey Zachariah (2. Jahr), Theresa Schmalfuss (4. Jahr), Eda Özdogan (3. Jahr), Barbara Nußbaumer-Streit (Stv. Direktorin von Cochrane Austria)

Die dritte Station des Tages war die Differenzierung von Herzinsuffizienz vs. Chronisch obstruktiver pulmonaler Erkrankung anhand eines Fallbeispiels. Für diese Station gab es eine neue Gruppeneinteilung – alle vier Stipendiatinnen der KLPU sowie eine Kollegin aus Graz waren nun gemeinsam in einer Gruppe. Wir führten eine Literaturrecherche zu Sensitivität und Spezifität von proBNP (= Polypeptid, welches als Labormarker für die Diagnostik und Verlaufskontrolle von Herzinsuffizienz Patienten und Patientinnen eingesetzt wird) und Herzultraschall durch und konnten für uns überraschend gute Ergebnisse für die Anwendung von Ultraschalldiagnostik finden. Als einzige Gruppe ist es uns gelungen das Fallbeispiel innerhalb der vorgesehen Zeit zu lösen.Dies erfüllte uns durchaus mit Stolz.

Anschließend konnten wir mit EbM Expertinnen und Experten drei Gespräche zu den Themen – „wie war ihre Arbeit vor EbM, wie sieht ihr Alltag mit EbM derzeit aus und wie stellen sie sich die Zukunft mit EbM vor“ – führen. Abends konnten wir bei einem gemütlichen Get-together noch weitere Kontakte in der EbM Welt knüpfen.
Freitag und Samstag mischten wir uns unter das EbM Volk und besuchten diverse Vorträge und Workshops zu Methoden und Anwendungen von EbM.

Zusammenfassend – es war ein sehr spannender Kongress – der nächste wird von 21.3. – 23.3. 2019 in Berlin
stattfinden, wir sind wieder mit dabei! – Vielleicht sehen wir uns dort? – Ich würde mich freuen!

EbM und Cochrane für Studierende

Für Studierende, die gerne in die Welt von Cochrane schnuppern möchten, bietet sich im September 2018 eine gute Gelegenheit. Im Vorfeld zur jährlichen Fachtagung der Cochrane Collaboration – dem Cochrane Colloquium – wird es einen ganzen Tag nur für Studierende geben. Ideal, um Kontakte zu knüpfen, das EbM-Wissen zu vertiefen und bei der Gelegenheit auch Edinburgh kennenzulernen.

Petter Brattström from Sweden

Wir, die deutschsprachigen Cochrane Zentren, nehmen auch immer wieder gerne Praktikanten und Praktikantinnen auf. Erst vor kurzem hatten wir im Cochrane Österreich Team einen hoch motivierten Medizinstudenten aus Schweden, der voller Tatendrang bei systematischen Reviews mitgemacht hat und so das Handwerkszeug für seine Abschlussarbeit erlernt hat.

Irgendwann ist es hoffentlich ganz normal, dass das aktuellste Wissen aus klinischen Studien in die tägliche Arbeit im Gesundheitswesen einbezogen wird. Interessierten und motivierten Nachwuchs gibt es erfreulicherweise genug. Für alle Studierende, die laufend über EbM Themen informiert werden wollen, können wir den Studierenden-Blog von Students4best Evidence empfehlen: www.students4bestevidence.net.

Text: Katharina Tscherny und Barbara Nußbaumer-Streit

 

*Grimshaw JM, Eccles MP, Lavis JN, Hill SJ, Squires JE. Knowledge translation of research findings. Implementation Science : IS. 2012;7:50. doi:10.1186/1748-5908-7-50.

 

 

 

Dunkle Schokoladenhasen zu Ostern

Tue, 03/27/2018 - 09:29

Wenn zu Ostern der Schokoladenkonsum schon explodiert, warum dann nicht mehr über das dunkle Genussmittel erfahren? Tun wir unserer Gesundheit mit Schokoladenkonsum vielleicht sogar etwas Gutes? Die Behauptung, dass dunkle Schokolade in kleinen Dosen gesundheitsfördernd sein kann, ist mittlerweile weit verbreitet. Doch worauf ist diese Aussage eigentlich zurückzuführen? Und was sagt die Evidenz?

In Deutschland werden laut Spiegel Online weit mehr Osterhasen als Weihnachtsmänner produziert und verkauft. Doch Schokolade ist nicht gleich Schokolade. Vor allem dunkle Schokolade scheint in letzter Zeit einen wahren Aufwind erfahren zu haben: „Es soll gesund sein“… doch worauf beruht diese Aussage?

Schokolade, Bluthochdruck und die Kuna-Indianer

In erster Linie liegt es daran, dass dunkle Schokolade und Kakao-Produkte reich an Flavanol sind, einem chemischen Stoff, der den Blutspiegel von Stickstoffmonoxid erhöhen und so Blutgefäße erweitern kann. Flavanol hat in letzter Zeit sehr viel Interesse als mögliche Alternativtherapie bei Bluthochdruck (Hypertonie) geweckt. Bluthochdruck ist bekanntlich einer der größten Risikofaktoren für Herzkreislauf-Erkrankungen. Schon eine geringe Senkung des Blutdrucks kann dieses Risiko deutlich verringern. Eine Senkung von 20 mmHg des systolischen Drucks und 10 mmHG des diastolischen Drucks kann das Risiko zum Beispiel halbieren (mehr zum Thema Blutdruck hier).

Wie das Interesse, den Zusammenhang zwischen Kakaokonsum und Blutdruck tiefer zu erforschen, aufkam, ist durchaus bemerkenswert und verdient einen kurzen Exkurs. Es ist auf die Entdeckung von erstaunlich guten Blutdruckwerten – und das lebenslänglich – einer Gruppe von Ureinwohnern*, die Kuna-Indianer, die auf der San Blas Insel vor Panama, leben, zurückzuführen. Gegenüber dieser Gruppe von Indianern, die noch auf ihrem Ursprungsgebiet leben, haben nämlich diejenigen, die ihr Ursprungsgebiet verlassen haben und zum Festland gezogen sind, wesentlich höhere Blutdruckwerte und leiden auch öfter unter altersbedingtem Bluthochdruck. Die Werte der letzteren Gruppe seien in der Tat vergleichbar mit denen in unserer westlichen Bevölkerung. Ein bedeutsamer Unterschied in den Lebensgewohnheiten, der zwischen den beiden Kuna-Gruppen festgestellt wurde, war die Menge an Kakao-Konsum. Während die Insel-Bewohner 3-4 Tassen Kakao am Tag trinken, konsumieren die Festlandbewohner nur ein Zehntel davon. Andere Faktoren wie Salz-Konsum waren offensichtlich nicht für den Unterschied verantwortlich (alle hier genannten Fakten werden in diesem Cochrane Review erläutert).

Ein SchoCo-chrane Review rund um Ostern

Ein Cochrane Review, der knapp vor einem Jahr veröffentlicht wurde, fasste die Ergebnisse von 35 Studien zur Wirkung von Kakao auf den Blutdruck zusammen. Genauer gesagt wurde die Wirkung auf insgesamt 1804 hauptsächlich gesunde Erwachsene bei einem täglichen Konsum von in 1,4 bis 105 g Kakao-Produkten mit durchschnittlich 670 mg Flavanol für mindestens zwei Wochen bewertet (zur Referenz: die üblichen Tafeln, wie wir sie kennen, enthalten 100 Gramm Schokolade).

Das Fazit? Schokolade kann möglicherweise den Blutdruck leicht senken.

Das Gesamtergebnis des Reviews ergab eine sehr kleine, aber statistisch signifikante Senkung des Blutdrucks (systolisch und diastolisch, um 1,8 mmHg).

Hinzuzufügen ist, dass sieben der 35 Studien von Unternehmen, die ein kommerzielles Interesse an den Ergebnissen hatten, finanziert wurden. In diesen fiel die berichtete Wirkung etwas höher aus, was auf einen möglichen Bias hindeutet.

Die eingeschlossenen Studien waren kurz, meist von einer Dauer zwischen zwei und zwölf Wochen.

Nur wenige Teilnehmer der eingeschlossenen Studien erfuhren Nebenwirkungen. 1 % in der aktiven Interventionsgruppe beklagte sich über Nebenwirkungen wie Verdauungsbeschwerden und Abneigung gegen das Kakao Produkt im Vergleich zu 0,4 % aus der Kontrollgruppe, in der Teilnehmer kein Flavanolprodukt oder ein Produkt mit einer nur ganz geringen Menge an Flavanolen, erhielten.

Detailliertere Informationen zu den Hauptergebnissen des Cochrane Reviews finden Sie in der laienverständlichen Zusammenfassung des Reviews auf Cochrane Kompakt.

Weitere Studien vonnöten…

Die Autoren des Cochrane Reviews legten nahe, dass, um genauer bestätigen zu können, ob der regelmäßige Verzehr von flavanolreichen Kakao-Produkten vorteilhafte Wirkungen auf den Blutdruck und somit auch auf die Herzkreislauf-Gesundheit hat oder nicht, Langzeit-Studien erforderlich sind.

…und was heißt das für den Osterhasen?

Die meisten Oster-Schokoladenhasen bestehen meiner Vermutung nach aus Milchschokolade. Und wie oben schon angedeutet, ist Schokolade nicht gleich Schokolade. Dunkle Schokolade enthält einen weitaus höheren Kakao-Anteil (50 % – 85 %) als Milchschokolade (20% – 30%), die generell auch mehr Zucker enthält. Außerdem beeinflussen die unterschiedlichen Produktionsweisen den Flavanolwert im Kakao und in der Schokolade. Somit hat eine Tafel Schokolade, die 70 % Kakao enthält und von einer bestimmten Firma produziert wurde, nicht unbedingt die gleichen Flavanolwerte oder die gleiche Flavanolzusammensetzung wie die einer anderen Firma. Somit bleibt einzig und allein zu sagen, dass womöglich die alte Faustregel, alles im rechten Maß zu halten, wohl auch beim Osterhasenverzehr erstmals die Beste ist.

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht

Wenn Muskeln sauer werden: Helfen Antioxidantien gegen Muskelkater?

Thu, 03/22/2018 - 07:51

Teilweise bin ich etwas überfordert, wenn ich die Regale verschiedener Supermärkte passiere. Die Reihen an Döschen mit geheimnisvollem, aber scheinbar sehr gesundem Inhalt werden immer länger und exklusiver. Sogenannte Superfoods wie Acerola-Pulver, Chia-Samen oder Aronia-Beeren-Extrakt werben, reich an Antioxidantien zu sein. Viele Menschen kaufen diese Produkte, um ihrer Gesundheit (vermeintlich) etwas Gutes zu tun oder um einem Muskelkater nach dem Training vorzubeugen. Doch was steckt dahinter?

Zu Antioxidantien werden die Vitamine C, E und Beta-Carotin (Vitamin A) gezählt, aber auch sekundäre Pflanzenstoffe, Mineralien oder Spurenelemente wie Zink oder Selen haben eine antioxidative Wirkung. Egal ob Vitamin, Spurenelement oder Mineral, alle haben sie gemeinsam, dass sie die Zellen des Körpers vor ‚freien Radikalen‘ schützen, indem sie diese frühzeitig an sich binden. ‚Freie Radikale‘ sind instabile Moleküle (Sauerstoffverbindungen), die mit Bestandteilen (Elektronen) unserer Zellen reagieren und diese dadurch schädigen können. Eigentlich entstehen ‚freie Radikale‘ auf natürliche Weise durch biochemische Prozesse im Körper. Aufgrund einer ungesunden Lebensweise (Nikotin, Alkohol, verarbeitete Lebensmittelprodukte) und der Umweltverschmutzung (Autoabgase, Pestizide, Ozonlöcher) wirken ‚freie Radikale‘ vervielfacht von innen wie außen auf die Zellen unseres Körpers und verursachen sogenannten ‚oxidativen Stress‘. Frühzeitige Hautalterung, Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten die Folgen sein, wenn nicht ausreichend Antioxidantien vorhanden sind, um diese ‚freien Radikale‘ abzufangen.

Antioxidantien gegen Muskelkater?

Sportliche Aktivität und körpereigene Reaktionen auf Muskelkater (mitunter kleine gerissene Muskelfasern, Entzündungen) führen zu einer verstärken Bildung von ‚freien Radikalen‘. Aufgrund dieses Zusammenhangs wird vermutet, dass durch eine zusätzliche Einnahme von Antioxidantien Muskelkater gemildert oder sogar verhindert werden kann.

Was sagt die Evidenz?

Im Dezember 2017 publizierten Cochrane-Autoren/innen einen systematischen Review, der dieser Frage nachging. Sie untersuchten, ob Muskelkater nach dem Sport durch die Einnahme von Antioxidantien, in der Intensität verringert werden kann oder schneller wieder abklingt. Es konnten 50 randomisierten kontrollierten Studien (mit insgesamt 1089 Teilnehmer/innen) eingeschlossen werden, die antioxidative Nahrungsergänzungen mit Placebo-Präparaten (also Scheinmedikamenten, die keine Antioxidantien enthielten) verglichen.
Die tägliche Dosis lag dabei deutlich über der empfohlenen Tagesdosis (z.B. Vitamin E: 12-15 mg/Tag).

Die Studienteilnehmer/innen wurden zu verschiedenen Zeitpunkten (nach 6, 24, 48, 72 und 96 Stunden) nach der Trainingseinheit untersucht. Bei jeder Untersuchung wurde die Intensität des Muskelkaters ermittelt und nach Nebenwirkungen gefragt. Es zeigte sich, dass die ergänzende Einnahme von Antioxidantien nur geringfügig gegen Muskelkater half. Die Studienteilnehmer/innen, die Antioxidantien einnahmen, erlebten im Vergleich zur Kontrollgruppe nach 6, 24, 48 und 72 Stunden nach dem Training einen etwas weniger intensiven Muskelkater. Als aufgetretene Nebenwirkungen wurden Verdauungsprobleme und Durchfall genannt. Eine Nahrungsergänzung durch Antioxidantien scheint Muskelkater nach dem Training nicht zu verringern. Die Qualität der eingeschlossenen Studien war moderat bis gering.

Kann eine Überdosierung schädlich sein?

Ein weiterer Cochrane Review, der 2012 veröffentlicht wurde, untersuchte die Frage, ob die Einnahme von antioxidativen Nahrungsergänzungsmitteln einen Einfluss auf die Lebenserwartung hat. Es wurde festgestellt, dass die regelmäßige und langfristige Einnahme von Vitamin A, E oder Betacarotin sogar zu einer geringfügig erhöhten Sterblichkeit führen kann. Bei den ebenfalls untersuchten Antioxidantien Vitamin C und dem Spurenelement Selen konnte das erhöhte Sterblichkeitsrisiko durch die Einnahme nicht nachgewiesen werden.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine ausgewogene Ernährung den Köper in ausreichendem Maß mit Antioxidanten versorgt. Aktuelle wissenschaftliche Studien sprechen nicht für den Einsatz von antioxidativ-wirkenden Nahrungsergänzungsmitteln.

Text: Maren Fendt

 

Cochrane Insurance Medicine – ein Cochrane Feld stellt sich vor

Wed, 03/14/2018 - 08:27

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Regina Kunz, Professorin für Versicherungsmedizin, Universitätsspital Basel, mit Unterstützung von Rebecca Weida, ehemalige Koordinatorin der Cochrane Gruppe Insurance Medicine.

Versicherungsmedizin hört sich nach einem hochspezialisierten Nischengebiet an. Jedoch betrifft sie fast jeden Menschen. Sobald es um Kranken-, Unfall-, Invaliden- und Rentenversicherungen geht, ist die Versicherungsmedizin im Spiel. Das Cochrane Feld Insurance Medicine sorgt dafür, dass mehr hochwertige Evidenz verfügbar ist, um Entscheidungen und Bewertungen in der Sozial- und Versicherungsmedizin zu unterstützen.

Wenn ich von meinem Arbeitsbereich erzähle, bekomme ich oft die gleiche Rückmeldung: „Versicherungsmedizin, das hört sich aber trocken an!“. „Einerseits schon“, lautet dann meine Antwort, „aber dann doch wiederum überhaupt nicht“. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie erleiden einen Unfall und müssen länger in den Krankenstand. Diesen Zustand würde ich Ihnen natürlich nicht wünschen, doch ist das kein unrealistisches Szenario. Oder Sie sind Arzt* und müssen die Arbeitsunfähigkeit eines Patienten ermitteln. Und schon wären wir mitten drin, im Thema der Versicherungsmedizin, welche ein untergeordneter Bereich der Sozialmedizin ist. Also ist sie gar nicht so alltagsfremd, wie sie auf den ersten Blick erscheinen könnte.

Was ist Sozial-/Versicherungsmedizin? Sozial- und Versicherungsmedizin sind zentrale Bestandteile unserer sozialen Versorgung (‚social care‘) und kümmert sich um medizinische Fragen, die im Zusammenhang mit dem sozialen Netz zum Schutz vor den Folgen von Krankheit und Unfall entstehen. In Deutschland werden diese Aufgaben von Sozialmedizinern, sowie Hausärzten und Fachärzten in der Versorgung, aber auch Berufsexperten und Reha-Medizinern übernommen. Zu den Aufgaben gehören die Erstellung ärztlicher Atteste für den Arbeitgeber, die bei den Versicherern Krankengeld auslösen, die Einschätzung der Arbeits(un-)fähigkeit bei Krankheit, die Empfehlung von Massnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung nach Krankheit oder Unfall oder die Feststellung der Wirksamkeit und des Nutzens diagnostischer Tests und medikamentöser und nicht-medikamentöser Behandlungen.

Die Anliegen der Sozial- und Versicherungsmedizin umfassen nahezu das ganze Spektrum der medizinischen Versorgung. Aus diesem Grund arbeitet die Cochrane Gruppe themenübergreifend und bemüht sich, dass möglichst viele Reviews Aspekte, die für die Gesellschaft von Bedeutung sind, wie z. B. die berufliche Wiedereingliederung, die Auswirkung von Massnahmen auf einen Rückgang von Fehlzeiten am Arbeitsplatz oder Kosten-Nutzen-Berechnung, als einen weiteren Endpunkt integrieren.

Globale Evidenz, aber lokale Entscheidungen

Wie in allen Cochrane Gruppen lässt sich die Evidenzentwicklung und -verbreitung in inter-nationaler Zusammenarbeit besser realisieren. Obwohl die internationale Ausrichtung in der Sozial- und Versicherungsmedizin gerade erst beginnt, wird sie bei Cochrane Insurance Medicine schon jetzt gezielt angestrebt, da sich – entgegen weitverbreiteter Meinung – auch die sozial- und versicherungsmedizinischen Fragestellungen in den meisten westlichen Ländern stark ähneln. Die Unterschiede bestehen im rechtlichen und administrativen Kontext der einzelnen Länder, und jedes Land muss sich eigenständig darum bemühen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse gemäss nationaler Gesetzgebung in die sozialmedizinische Versorgung zu integrieren.

Aktivitäten von Cochrane Insurance Medicine

Gegründet 2015 von Wissenschaftlern aus der Schweiz, den Niederlanden, Schweden und Kanada – alle mit einem Forschungsschwerpunkt „Sozial- und Versicherungsmedizin“, setzt sich Cochrane Insurance Medicine dafür ein, dass sozial- und versicherungsmedizinische Anliegen verstärkt in Cochrane Reviews berücksichtigt werden. Das gilt vor allem für Reviews mit Interventionen, die sich auch auf Arbeitsfähigkeit und Behinderung auswirken. Aus Sicht unserer Gruppe sollte jeder Review auch die Auswirkungen von verschiedenen Behandlungsformen z.B. bei chronischen Rückenschmerzen, Atemwegserkrankungen oder psychischen Störungen auf die Kurz- oder Langzeit-Arbeitsunfähigkeit erfassen. Entsprechend gehören Cochrane Work, Cochrane Injuries (‚Verletzungen‘), Common Mental Disorders (psychische Störungen) oder Back and Neck (‚Rückenschmerzen‘) zu den thematisch benachbarten Cochrane Gruppen.

Sozial- und versicherungsmedizinische Endpunkte in Cochrane Reviews?

Um herauszufinden, ob Cochrane Reviews auch Ergebnisse von sozialmedizinischer Bedeutung beinhalten, haben wir 101 Reviews untersucht, in denen wir solche Ergebnisse erwarten würden. Wir waren überrascht, dass nur 14 % dieser Reviews direkt über Arbeits(un-) fähigkeit oder Krankschreibung berichteten und 36 % der Reviews z. B. über die Dauer eines Krankenhausaufenthalts wenigstens indirekte Aussagen dazu machten. Kurzum, es gibt Luft nach oben und Arbeit für unser Team.

Relevante Reviews und Primärstudien leichter zugänglich machen

Zwar gibt es zu sozial- und versicherungsmedizinischen Themen mehr Studien und systematische Reviews als viele denken, diese sind aber oft versteckt und selbst für Personen mit Expertise im Suchen gängiger Datenbanken (PubMed) nur schwer auffindbar. Einerseits existiert tatsächlich weniger Forschung als in den klinischen Fächern, andererseits fehlen einheitliche Suchbegriffe, die das Auffinden der Studien erleichtern. Um diese Situation zu verbessern, haben wir einige Schritte eingeleitet:

• In einem Pilotprojekt stellen wir auf unserer Webseite Cochrane Reviews, systematische Reviews und Instrumente zu den Kernaufgaben der Sozial- und Versicherungsmedizin zusammen.
• Des Weiteren haben wir die Machbarkeit einer Datenbank für entsprechende Studien und Reviews geprüft und arbeiten derzeit an einer Testdatenbank.
• Unsere Webseite informiert regelmässig über neue Cochrane Reviews zu spezifischen Fragestellungen wie der beruflichen Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder Cochrane Reviews zu therapeutischen Massnahmen mit Auswirkung auf Krankheitstage.
• Seit Oktober 2015 erscheint dreimal jährlich unser Newsletter, der über aktuelle Aktivitäten des Feldes informiert. Sie können unseren Newsletter hier abonnieren.

Sie wollen sich engagieren?

Wenn Sie sich für unsere Arbeit interessieren, gibt es viele Möglichkeiten, uns zu helfen:

• Sie sprechen neben Deutsch auch Englisch? Dann könnten Sie helfen, Kurzfassungen von Reviews in englischer Sprache laienverständlich ins Deutsche zu übersetzen.
• Sozialmediziner mit Erfahrung in systematischen Reviews können ihre Kompetenz zur Verfügung stellen, wenn Reviewer sozial- und versicherungsmedizinische Endpunkte in ihr Protokoll integrieren und dafür Unterstützung brauchen.
• Schicken Sie uns aus Ihrer Sammlung systematische Reviews und Primärstudien zu sozial-/ versicherungsmedizinischen Themen.

Sie finden unsere Webseite unter insuremed.cochrane.org und erreichen uns unter insuremed.cochrane@usb.ch

Text: Prof. Dr. Regina Kunz mit Unterstützung von Rebecca Weida

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Stillen am Arbeitsplatz – theoretisch möglich. Praktisch auch?

Wed, 03/07/2018 - 14:14

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Müttern, ihre Säuglinge in den ersten 6 Monaten ausschließlich zu stillen. Stillen hat viele Vorteile, sowohl für die Mutter als auch ihr Kind. Doch wie soll das funktionieren, wenn – wie so oft – Mütter heute nach kürzester Zeit wieder zur Arbeit zurückkehren? Ein Cochrane Review widmet sich dieser Frage.

Theoretisch gut…

Viele Mütter kehren kurze Zeit nach der Geburt ihres Kindes wieder zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Finanzielle Gründe oder Angst vor Nachteilen in ihrer Karriere spielen bei dieser Entscheidung eine wichtige Rolle. Theoretisch sollte deshalb auch am Arbeitsort das Stillen oder zumindest das Abpumpen der Muttermilch möglich sein. Das wird in verschiedenen Gesetzen und Verordnungen der europäischen Länder geregelt. So wird in den deutschsprachigen Ländern bei einem vollen Arbeitstag beispielsweise bis zu 90 Minuten Stillpause vergütet*.

Bestenfalls kann die erwerbstätige Mutter in die Kinderkrippe oder nach Hause zum Stillen gehen. Falls nicht, muss den Müttern vom Arbeitgeber ein geeigneter Ruhe- oder Stillraum und eine Aufbewahrungsmöglichkeit für die abgepumpte Milch zur Verfügung gestellt werden.

Soweit zumindest die Theorie.

..und praktisch?

Tatsache ist, dass in Europa nur 13 % der Kinder über sechs Monate hinaus ausschliesslich gestillt werden. Dabei ist die Stillrate direkt nach der Geburt in den meisten Ländern sehr hoch, sinkt jedoch zwischen dem 4. bis 6. Monat stark ab. Nach dem 6. Monat ist sie dann sehr niedrig. Die höchste Stillrate über die Sechsmonatshürde hinaus hat Kroatien mit 52 %; die niedrigste findet sich mit weniger als 1 % in Irland. Obwohl in beiden Ländern der obligatorische und freiwillige Mutterschutz im europäischen Durchschnitt oder darüber liegt, kehren stillende Mütter in Irland aufgrund wirtschaftlicher Gründe früher zur Arbeit zurück.

Eine frühe Rückkehr zur Arbeit stellt einen der wichtigsten Gründe für das Abstillen dar. Hierbei stillen vollzeitarbeitende Mütter tendenziell früher ab, im Vergleich zu Müttern, die gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten. So gehen in der Schweiz viele Mütter nach 14 Wochen wieder arbeiten. Da ihnen jedoch das Stillen am Arbeitsplatz unangenehm ist oder es dort dafür keine guten Möglichkeiten gibt, stillen viele erwerbstätige Mütter in der Schweiz nicht mehr ausschliesslich und beginnen früher mit der Beikost. Die familienidyllische Werbung für industrielle Säuglingsnahrung unterstützt diesen Trend noch zusätzlich. Und dies obwohl nur wenige Mütter bzw. ihre Kinder tatsächlich auf solch eine spezielle Nahrung angewiesen wären. Hinzukommt, dass Stillpausen während der Arbeitszeit oftmals nur zur Hälfte vergütet werden. Häufig möchten Mütter ihre Kinder jedoch nach Bedarf stillen und nicht zu einem bestimmten – in den Arbeitsalltag passenden – Zeitpunkt.

Gesundheitliche Vorteile des Stillens für Mutter und Kind

Es ist mittlerweile sehr gut belegt, dass Stillen gesundheitliche Vorteile sowohl für das Kind als auch die Mutter mit sich bringt. So sind Kinder weniger anfällig für Entzündungen des Magens, des Darmtrakts, der Atemwege und Lungen, wenn sie in den ersten drei bis vier Monaten ausschliesslich gestillt werden. Kinder, die gar nicht gestillt werden, sind im späteren Leben mit höherer Wahrscheinlichkeit übergewichtig oder erkranken an Diabetes. Mütter, die nicht Stillen, sind einem höherem Risiko für Brust- und Eierstockkrebs ausgesetzt.

Oftmals müssen Frauen früher mit dem Stillen aufhören, als sie selbst das wünschen, da sie auf unerwartete Probleme – wie beispielsweise schmerzende Brustwarzen – stossen. Eine gute Versorgung oder auch zusätzliche Unterstützungsangebote können Frauen dabei unterstützen, ihre Stillprobleme zu lösen.

Und wie sieht die Evidenz aus?

Ein Cochrane Review in der frei verfügbaren Special Collection „Enabling breastfeeding for mothers and babies“ untersuchte, ob spezielle Programme zur Förderung des Stillens am Arbeitsplatz helfen, die Stilldauer zu erhöhen. Die AutorInnen konnten jedoch keine randomisierten kontrollierten Studien finden, welche die Wirksamkeit irgendeiner Massnahme am Arbeitsplatz zur Förderung stillender Mütter untersuchten.

Fazit:

Stillen am Arbeitsplatz ist in Europa grundsätzlich möglich. Nichtsdestotrotz fehlt es oftmals an der konkreten Umsetzung, wie beispielsweise an geeigneten Stillräumen oder Aufbewahrungsmöglichkeiten für die abgepumpte Milch. Zudem sind Stillende oftmals nicht oder nicht ausreichend über ihre Rechte am Arbeitsplatz informiert. Daher müssen noch mehr Massnahmen ergriffen werden, damit das Stillen am Arbeitsplatz zur Normalität wird und nicht als unangenehm oder lästig von der Mutter selbst oder ihrem beruflichen Umfeld angesehen wird.

Um zu verhindern, dass mehr Frauen vor der Rückkehr an den Arbeitsplatz abstillen oder erst später zur Arbeit zurückkehren, sind mehr aussagekräftige Studien erforderlich, die Massnahmen am Arbeitsplatz zur Förderung des Stillens untersuchen.

 

Text: Anne Borchard

 

*Deutscher Bundestag: Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung des Mutterschutzrechts
Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Mutterschutzgesetz 1979, Fassung vom 07.03.2018;
Arbeitsgesetz: Arbeitszeit und Stillzeit bei Schwangerschaft und Mutterschaft.

 

 

 

Probiotika um Atemwegsinfektionen vorzubeugen?

Wed, 02/28/2018 - 10:55

Probiotika sind vor allem für ihren Einsatz bei Magen-Darm Problemen oder beim Wiederaufbau der Darmflora nach einer Antibiotikabehandlung bekannt. Doch angeblich sollen sie auch dabei helfen, Infektionen der oberen Atemwege vorzubeugen. Ein Cochrane Review Team ging dieser Frage nach.

Probiotika erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. In den Supermarktregalen sind sie zumindest stark vertreten. Naturbelassene Joghurts, Kefir- und Frischmilchprodukte bewerben ihren Inhalt durch Slogans wie „aktiv fermentiert“, „aktiv und fit“, für die „Stärkung der Abwehrkräfte“, etc. Auch Naschen soll etwas weniger schlechtes Gewissen verursachen, denn auch Eiscreme und andere Süßigkeiten werden in probiotischer Form angeboten. 

Was sind Probiotika?

Probiotika sind lebende Mikroorganismen wie Milchsäurebakterien oder bestimmte Hefen. Sie spielen für die reibungslose Darmfunktion eine wichtige Rolle und sind in manchen Lebensmitteln wie naturbelassenem Joghurt enthalten. Zu den bekanntesten Probiotika gehören die Lactobacillus-acidophilus-Stämme (LA), Lactobacillus casei (LC) oder Bifidobakterien. Während Probiotika in naturreinen Milchprodukten und anderen Lebensmitteln ganz natürlich enthalten sind, kann man in verarbeiteten Produkten nicht davon ausgehen. Probiotika können auch als Nahrungsergänzungsmittel in Pulver- oder Tablettenform eingenommen werden.

Gesundheitsfördernde Wirkung von Probiotika

Probiotika sind vor allem für ihre gesundheitsfördernde Wirkung bei Magen-Darm Beschwerden bekannt. Dass Sie zum Beispiel im Fall von Durchfall die Erkrankungsdauer verkürzen können ist gut belegt. Über ihre Wirkungsweise bei der Verhinderung von Infektionen der oberen Atemwege ist jedoch immer noch wenig bekannt. Cochrane AutorInnen haben sich deshalb dieser Frage gewidmet. Sie wollten wissen, ob und wie Probiotika im Vergleich zu einem Scheinmedikament Menschen dabei helfen können, akute Infektionen der oberen Atemwege (Erkältungen sowie Luftröhren- und Kehlkopfentzündungen) zu verhindern. Die AutorInnen konnten für ihren Review Daten aus 12 randomisierten, kontrollierten Studien mit insgesamt 3720 Teilnehmern kombinieren, darunter Kinder, Erwachsene und ältere Menschen. Sie schlossen Studien ein, die die Gabe von Probiotika über einen Zeitraum von mehr als sieben Tagen untersuchten.

Wirkung von Probiotika zur Vorbeugung von Infektionen der oberen Atemwege

Die Hauptergebnisse der Studie können wie folgt zusammengefasst werden:

• Probiotika verringern akute Infektionen der oberen Atemwege um etwas weniger als die Hälfte (ungefähr 30 von 100 Teilnehmenden in der Placebo-Gruppe erlitten akute Infektionen gegenüber 19 von 100 in der Probiotika-Gruppe).
• Trat doch eine akute Atemwegsinfektion auf, war diese etwa um 2 Tage kürzer als bei den Personen, die Placebo einnahmen.
• Probiotika können den Einsatz von Antibiotika sowie erkältungsbedingtes Fehlen in der Schule verringern. Die Ergebnisse der einzigen Studie, die über Letzteres berichtete, zeigten, dass nur 2 von 40 Kindern, die Probiotika einnahmen, abwesend waren. In der Kontrollgruppe waren es hingegen 14 von 40 Kindern.
• Es traten nur geringe Nebenwirkungen auf, dabei handelte es sich überwiegend um Symptome im Verdauungstrakt (Durchfall, Übelkeit, etc.).

Fazit:

Es scheint, dass Probiotika das Auftreten eines Infekts der oberen Atemwege vorbeugen kann. Sollte es dennoch zu einer Atemwegsinfektion kommen, hält diese kürzer an. Obwohl das vielversprechend klingt, stuften die AutorInnen die Qualität der Studien als niedrig oder sehr niedrig ein und halten fest, dass weitere Studien nötig sind, um diese Schlussfolgerung zu bestätigen.

Text: Andrea Puhl

Zum Volltext: Probiotics for preventing acute upper respiratory tract infections

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Hält Knoblauch die Erkältung fern?

Mon, 02/26/2018 - 08:59

Knoblauch soll nicht nur vor Vampiren schützen, sondern auch vor Erkältungen. Als Gewürz und Heilmittel ist Knoblauch schon seit Jahrtausenden im Gebrauch. Eine dem Knoblauch zugeschriebene Eigenschaft soll seine antibakterielle, immunsystem-unterstützende Wirkung sein. Ein Cochrane Review untersuchte die Wirkung von Knoblauch bei Erkältungen.

Die Nutzung von Knoblauch als Arzneimittel lässt sich bis in das 2. Jahrtausend vor Christus zurück verfolgen. In der traditonellen chinesischen Medizin spielt er eine große Rolle und in vielen Kulturen wurden ihm heilsame Kräfte zugeschrieben. Die weiße Knolle genießt in der Naturheilkunde großes Ansehen, die empirischen Untersuchungen zu seiner Wirksamkeit zeigen eher, dass er zwar gut schmeckt, aber seine gesundheitsfördernden Fähigkeiten nicht zu hoch eingeschätzt werden dürfen.*

Nutzung von Knoblauch heute?

Anekdotische Beispiele und subjektive Schilderungen für die traditionelle Nutzung von Knoblauch als Heilmittel bei Infekten durch die Jahrhunderte lassen sich zur Genüge finden. Doch was zeigt sich, wenn man denn Knoblauch mit modernen Studienmethoden überprüft und welche Studien wurden bisher durchgeführt?

Ein 2014 veröffentlichter Cochrane Review sichtete die Studien, die der Hypothese nachgingen, ob Knoblauch wirksam bei der Vorbeugung oder Behandlung von Erkältungen im Vergleich zu Placebo ist. Nur eine passende Studie mit 146 Teilnehmenden wurde gefunden. Diese untersuchte die Gabe von 180 Milligramm Knoblauch mit der eines Scheinmedikaments über den Zeitraum von 12 Wochen.

Hauptergebnisse:

• Teilnehmende, die über drei Monate hinweg täglich eine Knoblauchtablette einnahmen (anstelle eines Placebos), bekamen seltener eine Erkältung.
• Im Einzelnen traten in den drei Monaten bei Teilnehmenden, die Knoblauch einnahmen, 24 Erkältungen auf, in der Schein-Medikamentengruppe dagegen waren es 65.
• Wenn die Teilnehmenden eine Erkältung hatten, war die Krankheitsdauer in beiden Gruppen ähnlich.
• Mögliche Nebenwirkungen waren Geruchsbildung und Hautausschlag.

Fazit:

Ernüchternderweise  gibt es nur eine  einzige Studie, die darauf hindeutet, dass Knoblauch eventuell einer Erkältung vorbeugen könnte. Das ist nicht sehr viel. Deshalb schlussfolgern auch die Autoren:

„Mehr Studien werden benötigt, um diese Ergebnisse zu bestätigen. Die Wirkung scheint hauptsächlich auf Evidenz niedriger Qualität zu beruhen“

Text: Andrea Puhl

*Pittler MH, Ernst E: Clinical effectiveness of garlic (Allium sativum). Molecular Nutrition and Food Research 2007; 51: 1382-1385

Zum Volltext: Garlic for the common cold

Vitamin C gar kein Wundermittel gegen Erkältung

Thu, 02/22/2018 - 09:03

Die Erkältungswelle scheint dieses Jahr besonders hartnäckig. Es gibt mehr als 200 Viren, die Erkältungssymptome, wie eine laufende oder verstopfte Nase, Niesen, Halsschmerzen, Husten und manchmal auch Kopfschmerzen, Fieber und gerötete Augen, hervorrufen. Aber was tun anstelle oder neben der Einnahme üblicher Pharmazeutika? Wissen Was Wirkt stellt zu diesem Thema eine kurze Serie zu beliebten Hausmitteln bei Erkältungen vor. Hier geht es um Vitamin C.

Nach dem Blog-Beitrag letzte Woche zum Inhalieren erhitzter, befeuchteter  Luft durchsuchte ich die Cochrane Library zu weiteren, beliebten Hausmitteln zur Verbeugung oder Behandlungen von Erkältungen und stellte fest, dass Cochrane auf dem Gebiet so Einiges zu bieten hat. Zudem wurde mir klar, dass die Ergebnisse bei manch einem, der auf die ein oder andere Behandlung schwört, zu einer Desillusionierung führen könnten. Wie steht es diesbezüglich mit der Einnahme des beliebten Vitamin C?

Vitamin C bei Erkältung – eine (fast) 100-jährige Geschichte

Vitamin C (Ascorbinsäure) ist wohl das bekannteste aller Vitamine. Es unterstützt die natürliche Immunabwehr, indem es gegen den oxidativen Stress, der während einer Infektion erzeugt wird, schützt. Vitamin C wurde in den 1930er Jahren erstmals isoliert und seither als Möglichkeit zur Behandlung von Atemwegsinfektionen genannt. Nachdem tierexperimentelle Studien gezeigt hatten, dass Vitamin C die generelle Infektionsresistenz gegen Viren und Bakterien beeinflusst, wurden Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts dann verstärkt Studien durchgeführt, um die Einfluss von Vitamin C auf Erkältungserkrankungen zu untersuchen. In den 1970ern schloss schließlich der Nobelpreisträger Linus Pauling aus früheren, placebo-kontrollierten Studien (kontrollierte Studien, die die Ergebnisse einer Behandlung mit denen einer Scheinbehandlung vergleichen), dass Vitamin C Erkältungen verhindern und ihre Symptome abmildern kann. Sein im Jahr 1970 veröffentlichtes Buch „Vitamin C and the Common Cold“ ist bis heute sehr einflussreich. Es propagierte Vitamin C weltweit erfolgreich als Mittel zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen – wer würde einem zweifachen Nobelpreisträger (Nobelpreis für Chemie im Jahr 1954 und Friedensnobelpreis in 1962) widersprechen wollen?

Cochrane versus Pauling?

Ein 2013 veröffentlichter Cochrane Review untersuchte, ob Vitamin C das Auftreten von Erkältungen oder die Dauer oder Schwere einer bereits eingetretenen Erkältung verringern kann, entweder bei regelmäßiger Einnahme oder als Behandlungsform bei einer anstehenden Erkältung. Der Review analysierte insgesamt 67 randomisierte, placebo-kontrollierte  Studien, in denen Vitamin C in einer Dosis von 0,2 g/Tag oder mehr untersucht wurde.

Hauptergebnisse:

• Die regelmäßige Einnahme von Vitamin C hat keinen Einfluss auf das Auftreten von Erkältungen in der normalen Bevölkerung.
• Bei Sportlern und Menschen, die wirklich extremer körperlicher Belastung ausgesetzt sind wie Marathonläufer oder Soldaten, die Winterübungen im Gebirge machen, kann Vitamin C das Erkältungsrisiko halbieren.
• Die regelmäßige Nahrungsergänzung mit Vitamin C könnte die Dauer von Erkältungssymptomen reduzieren, wenn auch nur recht wenig (bei Erwachsenen von 7 auf 6,5 Tage, bei Kindern von 7 auf 6 Tage).
• Nebenwirkungen wurden nicht untersucht.

Fazit

Die von Cochrane analysierten Studien zeigen, dass die regelmäßige Einnahme von Vitamin C Eine Erkältung also nicht verhindern kann. Sie kann aber die Dauer der Erkältung geringfügig reduzieren. Dazu mussten die Studienteilnehmenden allerdings über einen langen Zeitraum vorbeugend Vitamin C einnehmen.

Was würde wohl Pauling zu diesem zusammengefassten Ergebnis sagen? Für mich persönlich ist es jedenfalls Grund genug, weiterhin darauf zu achten, dass ich über meine natürliche Ernährung zumindest den täglichen Bedarf von 100 Milligramm in Form von Obst und Gemüse zu mir nehme. Das ist eigentlich ganz einfach. Dazu reicht es, täglich zwei Kiwis oder Orangen zu essen.

Text: Andrea Puhl

Erkältung: Nützt Inhalieren?

Thu, 02/15/2018 - 08:30

Jetzt einmal ehrlich! Wie oft hat man Ihnen bei Erkältungen schon geraten, erhitzte, befeuchtete Luft zu inhalieren, mit der Vorhersage, dass Sie sich danach besser fühlen? Aber hilft Inhalieren denn wirklich bei einer Erkältung? Ein aktualisierter Cochrane Review hat sich genau mit dieser Frage beschäftigt. Untersucht wurde Inhalieren mit einem speziellen Inhalationsgerät (RhinoTherm). Können Sie das Fazit schon erahnen?

Schon von klein auf hat mich meine Mutter bei jeder Erkältung oder verstopften Nase „heißen Dampf“ inhalieren lassen. Damals lief das so: Kopf über einen Topf mit heißem Wasser und Kräutern, Handtuch über den Kopf damit der Dampf nicht entweicht, und dann kräftig ein- und ausatmen. Soweit ich mich erinnern kann, ging es meiner Erkältung danach manchmal besser, manchmal aber auch nicht. Woran ich mich allerdings sehr gut erinnere, ist, dass ich das ganze Ritual als sehr unangenehm empfand. Denn schicke Inhalationsgeräte wie das RhinoTherm Gerät hatten wir damals nicht. 

Was wurde untersucht

Die Frage, ob Inhalieren bei Erkältungen hilfreich ist, haben sich neben mir auch schon andere gestellt. Ein Cochrane Review, der im August 2017 aktualisiert wurde, fasste die Ergebnisse sechs randomisierter, doppelblinder Studien mit insgesamt 387 Teilnehmenden jeder Altersgruppe zusammen, um festzustellen, ob und wie die Inhalation heißer, feuchter Luft durch ein RhinoTherm Gerät auf Erkältungssymptome wie das Ausscheiden von Rhinoviren wirkt. Erkältungssymptome, die beobachtet wurden, waren unter anderem Fieber, Appetitlosigkeit, Unwohlsein und Frösteln einhergehend mit Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und allgemeinen Schmerzen.

Die einbezogenen Studien wurden alle zwischen 1987 und 1995 veröffentlicht, neuere wurden nicht gefunden. Die meisten Studien schlossen Menschen mit natürlich auftretenden Erkältungen ein. Eine Studie induzierte Erkältungen durch Infektion der Teilnehmenden.

Alles heiße Luft?

Keine der eingeschlossenen Studien berichtete über eine Verschlechterung der klinischen Symptome nach dem Inhalieren heißer, feuchter Luft. Allerdings zeigte auch keine der Studien aussagekräftige Evidenz, die eine gesundheitliche Verbesserung bestätigen könnte. Die Teilnehmenden in zwei Studien zeigten weniger anhaltende Symptome, aber die Ergebnisse waren widersprüchlich. Auch berichteten zwei Studien über geringfügige unerwünschte Ereignisse, wie Unbehagen oder Irritationen der Nase. Die Behandlung hatte keine Wirkung auf die Rhinovirus-Freisetzung aus der Nasenschleimhaut.

Zudem wurden die Teilnehmer nach ihrem subjektiven Empfinden gefragt. Die Antworten fielen leicht positiv für ein Wohlbefinden nach Inhalation aus. Der Unterschied zur Vergleichsgruppe war aber so gering, dass die Autoren keine klare Aussage machen konnten.

Insgesamt wurde die Qualität der einbezogenen Studien als niedrig eingestuft. Das heißt, dass neue Studien eventuell zu anderen Ergebnissen führen könnten. Deshalb plädieren die Autoren stark für die Durchführung weiterer gut konzipierter, randomisierter, doppelblinder Studien auf diesem Gebiet.

Fazit

Die Autoren des Reviews fassen zusammen:

Die aktuelle Evidenz zeigt weder Vor- noch Nachteile einer Erkältungsbehandlung durch feuchte, warme Luft mit Hilfe eines RhinoTherm Inhalators. Alle Ergebnisse müssen mit Vorsicht interpretiert werden.

Mein Fazit deshalb an alle Inhalations-Freunde: einfach der Freude folgen! Und für die, die es nicht mögen: kein schlechtes Gewissen haben, das Inhalieren ausfallen zu lassen! Hätte ich das damals gewusst, hätte ich mich vielleicht leichter durchsetzen können.

Text: Andrea Puhl

Zum vollständigen Review:

Heated, humidified air for the common cold

Weitere Wissen Was Wirkt Artikel zum Thema Erkältung:

Echinacea: Sonnenhut gegen Erkältungen
Gefährlicher Hustensaft
Helfen Patienteninformationen gegen unnütze Antibiotikagabe bei Erkältungen?

Weitere Cochrane Evidenz auf Deutsch zum Thema Erkältung:

Vitamin C zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen
Probiotika (lebende Mikroorganismen) zur Verhinderung von Infektionen der oberen Atemwege (z. B. Erkältung)
Knoblauch gegen grippale Infekte

Frühe Palliativversorgung bei fortgeschrittenem Krebs?

Thu, 02/01/2018 - 10:38

Bei manchen Krebspatienten ist die Krankheit zum Zeitpunkt der Diagnose schon so weit fortgeschritten, dass Krebstherapien nicht mehr helfen. Diese Patienten können allerdings immer noch von einer Palliativversorgung profitieren. Dies zeigte ein im Juni 2017 aktualisierter Cochrane Review, der die Wirkung von palliativer Versorgung nach der Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung untersuchte.

Wer schon einmal einen Menschen mit fortgeschrittenem Krebs in der letzten Lebensphase begleitet hat, weiß, wie schwierig diese Phase vor allem auf der emotional-psychischen Ebene sein kann. Das gilt sowohl für den Patienten* als auch für die Angehörigen. Die körperlichen Bürden müssen natürlich die Patienten alleine tragen, doch oft werden die emotional-psychischen Lasten von beiden Seiten geteilt, auch wenn sie sich unterschiedlich ausdrücken.

Dies war zumindest meine Erfahrung, als ich meine Tante nach ihrer Knochenkrebsdiagnose bis zum Ende ihres Lebens intensiv begleitete. Drei Monate vor ihrem Tod wurde sie durch einen Wirbelbruch halb gelähmt. Es gab neben der Palliativintervention keine Möglichkeit mehr, sie zu versorgen.

Palliativversorgung mit Herz

Zuerst war meine Tante von der Idee auf eine Palliativstation zu wechseln nicht überzeugt und wollte nicht von zuhause weg, ganz gleich wie stark die Schmerzen waren. Doch als sie erst einmal auf der Station war, sah alles anders aus. Die Ärzte und alle weiteren Gesundheitsfachpersonen waren herzlich und achtsam, und strahlten eine gütige Menschlichkeit und Offenheit aus, die ich bisher in sonst fast keinem Arbeitsbereich in diesem Maße erlebt habe. Sie erhielt „Musiktherapie“, welche ihr sehr gut gefiel und hatte auch einen Psychologen und Priester zur Seite – um nur einige Angebote des Instituts zu nennen. Damals dachte ich mir „eigentlich schade, mit so viel Achtsamkeit und Respekt sollten wir alle während unseres ganzen Lebens miteinander umgehen“. Das nur am Rande. Doch auch war mir bewusst, dass diese Art der Palliativversorgung bei der Diagnose „fortgeschrittener Krebs“ definitiv ein gutes Betreuungs- und Behandlungsangebot ist.

Frühe Palliativversorgung schon zum Zeitpunkt der Diagnose möglich

Die Ergebnisse des im Juni 2017 aktualisierten Cochrane Reviews zu früher Palliativversorgung bei fortgeschrittenem Krebs bekräftigen meine persönliche Meinung mit wissenschaftlichen Daten.

Erstautor Markus Haun vom Universitätsklinikum Heidelberg und sein Autorenteam machen darauf aufmerksam, dass palliative Versorgung bereits früh, also zum Zeitpunkt der Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung oder kurz danach in Anspruch genommen werden kann. Zudem wird sie dann häufig mit einer Standardbehandlung für Krebs kombiniert, z.B. mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung. Die Versorgung beinhaltet die einfühlsame Kommunikation mit den Patienten über ihre Prognose, Vorausplanung der Pflege und Versorgung und Symptombeurteilung und -kontrolle. Insgesamt ist Palliativversorgung darauf ausgerichtet, die Lebensqualität von den Patienten und auch die ihrer Familienmitglieder, zu verbessern, indem sie eine sorgfältige Schmerzeinschätzung und -behandlung vornimmt, und auf andere Probleme körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art vollständig eingeht (WHO 2013).

Frühe Palliativversorgung kann Lebensqualität womöglich verbessern

Der Review zeigte, dass eine frühe palliative Versorgung die Lebensqualität bei Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung möglicherweise geringfügig verbessern könnte. Sie könnte außerdem möglicherweise die Symptomintensität etwas verringern. Die Wirkung auf die Überlebensrate und Depressionen sind unklar. Nur eine einzelne im Review eingeschlossene Studie berichtete über Nebenwirkungen, beispielsweise mehr Schmerzen und verminderten Appetit.

Eine weitere Meta-Analyse, die im Juli 2017 von unter anderem Cochrane Deutschland Autoren im BMJ veröffentlicht wurde, zeigte ähnliche Ergebnisse bezüglich einer eventuell geringfügig verbesserten Lebensqualität bei Krebspatienten, die früh mit der Palliativversorgung begannen.

 

Ergebnisse müssen mit Vorsicht interpretiert werden

Haun kommentierte jedoch in Bezug auf seine Studie in einem Podcast, dass

„obwohl der Review darauf hindeutet, dass frühe palliative Versorgungsinterventionen einen größeren Nutzen auf die Lebensqualität und die Symptomintensität bei Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen haben als die Standard-Krebsversorgung alleine, müssen wir die Ergebnisse mit Vorsicht interpretieren.“

„Insgesamt war die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz niedrig bis sehr niedrig aufgrund der geringen Anzahl von Studien, aufgrund von Problemen bei der Studiendurchführung und Unterschieden zwischen den Studien.“

 

Fazit

Palliative Versorgung könnte möglicherweise eine Wirkung auf eine verbesserte Lebensqualität und verminderte Symptomintensität von Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium haben. Jedoch werden mehr Studien, auch Studien die sich mit Palliativversorgung als solches detaillierter beschäftigen, benötigt, um klarere Aussagen treffen zu können.

Mein persönliches Fazit aus meiner Lebenserfahrung und „Beobachterperspektive“ ist da etwas optimistischer. Vor allem der ganzheitliche Rahmen der Palliativversorgung, der Körper und Psyche einbezieht, kann eine wahrhaftig positive Wirkung auf die Lebensqualität in einer sonst eventuell recht trüben Lebensphase erzielen.

Anlaufstellen und Hilfe

Anlaufstellen für Betroffene/ ihre Angehörigen und Interessierte gibt es unter anderem hier:

Deutschland: 

Österreich:

Schweiz: 

 Text: Andrea Puhl

 

*Es sind immer Patientinnen und Patienten, Autorinnen und Autoren, etc. gemeint.

 

 

Quellen:

 

Vorbeugung von Diabetes Typ 2 – was wirklich hilft

Mon, 01/29/2018 - 10:24

Weltweit hat sich seit 1980 die Anzahl an Menschen, die an der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) leiden fast vervierfacht. Diese wird insbesondere durch einen ungesunden Lebensstil begünstigt. Eine ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung können jedoch der Entstehung von Diabetes mellitus vorbeugen oder sie verzögern. Dabei sind kombinierte Ernährungs- und Bewegungsinterventionen deutlich wirksamer als eine ausschliessliche Ernährungsumstellung oder eine alleinige Erhöhung der körperlichen Aktivität. Dies zeigte ein aktualisierter Cochrane Review.

Als Studentin kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit dem Thema „Diabetes“ bei der Diabetessprechstunde in einem Krankenhaus in Heidelberg. Hier erfuhr ich, wie schwer es Betroffenen fiel, ihre Ernährungsgewohnheiten umzustellen und sich körperlich mehr zu bewegen – insbesondere wenn sie bereits an Übergewicht oder Adipositas litten. Es gab aber auch Erfolgsgeschichten: mit einem speziell im Krankenhaus angebotenen Bewegungs- und Ernährungs-Programm konnten einige wenige PatientInnen ihren Blutzuckerspiegel wieder in den Normalbereich senken und über einen längeren Zeitraum auch niedrig halten.

Vor 1.5 Jahren wurde dann Diabetes in meinem persönlichen Umfeld zum Thema. Mein Mann (48 Jahre) fragte bei einer Routineuntersuchung seinen Arzt, ob er den Blutzucker messen könne. Der Wert lag über dem Normalwert aber noch unter der Schwelle zur Diagnose Diabetes Typ 2, er hatte also eine Vorstufe des Diabetes, auch Prädiabetes genannt. So kaufte mein Mann sich ein Blutzuckermessgerät und begann, regelmässig zu messen, sich mehr zu bewegen und mehr Sport zu machen, und stellte seine Ernährung komplett um. Sein Ziel war es, auf keinen Fall Diabetes zu bekommen oder Medikamente nehmen zu müssen. Diese Massnahmen halfen ihm, zunächst an Gewicht zu verlieren (rund 15 Kilo seit seiner Diagnose) und die Blutzucker-Werte wieder in den Griff zu bekommen.

Seither habe ich mich eingehender mit dem Thema Diabetes beschäftigt. Einige Fakten möchte ich im Folgenden teilen.

Diabetes: Fakten & Zahlen

Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselkrankheit. Beim Typ 1 liegt eine Autoimmunkrankheit vor, die schon oft im Kindes- oder Jugendalter auftritt und zu einem Mangel des Hormons Insulin führt. Beim viel häufigeren Typ 2 wird Insulin nicht in ausreichender Menge in der Bauchspeicheldrüse produziert oder die Körperzellen können den Zucker (Glukose) nicht mehr wirksam aus dem Blut aufnehmen und verwenden. Früher trat Diabetes mellitus Typ 2 meist nur bei Menschen von über 40 Jahren auf. Heute sind auch zunehmend jüngere Menschen davon betroffen. Risikofaktoren für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 sind Übergewicht, Adipositas, mangelhafte – oftmals energiereiche und einseitige – Ernährung, geringe körperliche Aktivität, Rauchen, höheres Alter und familiäre Vorbelastung. So waren in Europa im Jahr 2017 schätzungsweise 58 Millionen Menschen zwischen 20 und 70 Jahren von Diabetes betroffen, von denen bei 22 Millionen Menschen die Erkrankung noch nicht diagnostiziert wurde (sog. „Dunkelziffer“). Zusätzlich wiesen im gleichen Jahr 36 Millionen Menschen eine verminderte Glukosetoleranz auf. Wenn dies der Fall ist oder der Nüchtern-Blutzuckerspiegel 110 – 125mg/dl erhöht ist, liegt, wie bei meinem Mann, ein Prädiabetes vor.

Knapp die Hälfte der Menschen mit Prädiabetes entwickeln innerhalb von 10 Jahren einen richtigen Diabetes. Jedoch bleibt dieser oftmals lange unbemerkt, da er meist keine Beschwerden verursacht. Das ist jedoch sehr tückisch, denn der dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel hinterlässt seine Spuren im Körper: sowohl Diabetes als auch Prädiabetes können zu Komplikationen wie koronarer Herzerkrankung, Schlaganfall, Nierenversagen, Verlust des Sehvermögens und Nervenschädigungen führen.

Hilft die Kombination verschiedener Massnahmen?

Ein Ende letzten Jahres aktualisierter Cochrane-Review bestätigte meine persönliche Erfahrung mit Diabetes. Die Review-Autoren wollten wissen, ob Ernährungsumstellung, körperliche Aktivität oder beides zusammen bei Personen mit moderat erhöhten Blutzucker (Prädiabetes) der Entstehung von Diabetes Typ 2 und den damit einhergehenden Komplikationen vorbeugen oder sie verzögern können. In dem Review wurden mögliche Komplikationen wie Nieren- und Augenkrankheiten, Herzinfarkt und Schlaganfall, Mortalität und Lebensqualität sowie mögliche Nebenwirkungen von Sport und Ernährung oder der medikamentösen Standardbehandlung untersucht. Es wurden 12 Studien mit 5238 Teilnehmenden eingeschlossen. Eine Studie verglich eine alleinige Ernährungsumstellung mit einer alleinigen Erhöhung der körperlichen Aktivität. Zwei Studien verglichen körperliche Aktivität mit einer medikamentösen Standardbehandlung, und 11 Studien untersuchten eine Kombination aus Ernährungsumstellung und körperlicher Aktivität im Vergleich zu Medikamentengabe oder keiner Behandlung. Die Behandlungsdauer variierte zwischen 2 und 6 Jahren.

Die Review-Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus Ernährungsumstellung und körperliche Aktivität im Vergleich zur Standardbehandlung die Entwicklung von Diabetes Typ 2 reduzieren oder verzögern konnte (Evidenz von moderater Qualität). Für die Wirksamkeit der isolierten Massnahmen war die Evidenz nur von geringer Qualität, bedingt durch die geringe Anzahl an Teilnehmenden.

Vorbeugen ist besser…

Ein gesundheitsfördernder Lebensstil ist wohl die wichtigste Massnahme, um von Prädiabetes und Diabetes verschont zu bleiben. Mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichender Bewegung kann jeder Einzelne viel tun, um die Balance zwischen Energiezufuhr und -verbrauch zu halten. Eine ausgewogene Ernährung versorgt den Körper mit ausreichend Energie und lebensnotwendigen Nährstoffen, wie beispielsweise Vitaminen und Mineralstoffen. Das fängt schon bei dem Kleinsten an . Als ausreichende körperliche Aktivität gelten für Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche Bewegung mit leicht beschleunigtem Atem und Herzschlag oder 75 Minuten, während denen man ins Schwitzen kommt. Ganz nebenbei steigert die Aktivität auch das Wohlbefinden und wirkt sich auf die psychische Gesundheit positiv aus.

Neben dem individuellen Engagement jedes Einzelnen werden auch auf Verhältnisebene weltweit verschiedenste Massnahmen ergriffen. Beispielsweise werden mehr Bewegungsräume und -angebote geschaffen. Auch durch Änderung der Zusammensetzung von Lebensmitteln und damit einem gesünderen Lebensmittelangebot für die Konsumenten wird versucht, dem Trend ernährungsassoziierter Erkrankungen gegenzusteuern. Ziel all dieser Massnahmen ist es, Übergewicht und Adipositas und das damit einhergehende Risiko für die Entstehung von Prädiabetes und Diabetes zu reduzieren.

Fazit

Dass die Zivilisationskrankheit Diabetes mit all ihren Folgen weiter im Vormarsch ist, stellt weltweit mitunter eine der grössten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme dar. Für die von Prädiabetes Betroffenen und ihre Angehörigen sollte zukünftig noch besser erforscht werden, ob und wie genau Ernährungs- und Bewegungsinterventionen das langfristige Risiko von Diabetes bzw. seinen Komplikationen reduzieren können. Nur in Studien mit grösseren Teilnehmerzahlen und geeignetem Studienaufbau kann die Wirksamkeit von einzelnen Massnahmen – wie einer alleinigen Ernährungsumstellung oder einer ausschliesslichen Bewegungsintervention – untersucht werden.

Text: Anne Borchard

Scheinstatistik – stellt die Wahrheit in den Schatten

Mon, 01/15/2018 - 09:07

Aus Fehlern lernt man, besagt eine alte Weisheit. Stimmt das auch, wenn man die Fehler nicht selbst macht? Wir glauben schon. Immerhin hat schon der österreichische Philosoph Karl Popper das Grundprinzip seiner Wissenschaftstheorie als trial and error bezeichnet − also aus den Fehlversuchen zu lernen. Im folgenden Beitrag geht der Statistiker Erich Kvas auf einige der häufigsten Statistik-fehler ein.

Gewusst wie bzw. wie nicht

Bei statistischen Auswertungen kann es passieren, dass WissenschaftlerInnen sich falsch entscheiden und früher oder später in einem ausgetrockneten Flussbett anstatt an der Quelle der Erkenntnis ankommen. Manche entscheiden sich sogar bewusst für die falsche Methode, weil ihre Interessen nicht hauptsächlich wissenschaftlicher Natur sind und sie statistische Methoden dazu missbrauchen, die Ergebnisse zu erzeugen, die sie erreichen möchten. Die richtige Anwendung der Methode ist also ausschlaggebend dafür, dass man zur Erkenntnis gelangt.

Häufige Fehler im Bereich Statistik hängen mit der falschen Anwendung der Methoden und der Fehlinterpretation von Auswertungen zusammen. Als AnwenderIn von Statistik aber auch als LeserIn von Studien ist es wichtig, diese zu erkennen. Hier ein paar Beispiele:

Der Prävalenzfehler:

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau an Brustkrebs erkrankt ist, falls ihr Screening-Befund positiv ist? Wenn ein Screening-Test mit 90 % Wahrscheinlichkeit erkennen kann, ob eine Frau Brustkrebs hat oder nicht, so würde man annehmen, dass eine Frau mit einem positiven Befund höchst wahrscheinlich Brustkrebs hat. So einfach ist das aber nicht, denn die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) muss bei der Interpretation des Screening-Tests berücksichtigt werden. Die Prävalenz gibt an, wie viele Menschen einer bestimmten Gruppe von einer Krankheit betroffen sind. Wenn beispielsweise Brustkrebs in der gesamten Frauenpopulation nur mit einer Häufigkeit von 1 % auftritt, so ist die Frau in unserem Beispiel trotz positivem Befund nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit wirklich krank (< 10 %). Liegt die Prävalenz der Erkrankung jedoch bei 50 %, so ist die Frau mit dem positiven Befund höchstwahrscheinlich wirklich krank (90 %).

Der Prävalenzfehler führt dazu, dass wir Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen falsch einschätzen, wenn wir vergessen, sie in den richtigen Bezugsrahmen zu stellen, also beispielsweise nicht beachten wie häufig eine Erkrankung generell in der Bevölkerung auftritt. Mehr zu diesem Thema gibt es hier: Positiv getestet und doch nicht krank? Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit.

Die Interpretation des p-Werts:

Werden in Studien zwei Interventionen miteinander verglichen, wird mit einem statistischen Test errechnet, ob die beobachteten Unterschiede zwischen den Studiengruppen zufällig oder nicht zufällig zustande gekommen sind. Mithilfe des p-Werts schätzt man ab, ob diese Grenze überschritten wurde. Bei einem p-Wert von 0,05 oder kleiner, spricht man von einem statistisch signifikanten Unterschied – also einem Unterschied zwischen den Gruppen, der nicht mehr durch den Zufall erklärt werden kann. Bei der Interpretation des p-Werts kommt es aber häufig zu Missverständnissen. Nehmen wir dieses Beispiel: eine Studie zeigt einen statistisch signifikanten Unterschied in der Wirksamkeit eines Medikaments gegenüber Placebo, weil der abschließende Test einen p-Wert von 0,01 erzeugt. Oft lautet die Interpretation dann: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Medikament und Placebo ähnlich (un)wirksam sind (Nullhypothese), liegt nur bei 1 %. Woraus zu folgen scheint, dass das Medikament mit 99 % Wahrscheinlichkeit wirksamer ist als Placebo (Alternativhypothese).

Das ist nicht so. Ein p-Wert von 0,01 sagt aus, dass Unterschiede zwischen Medikament und Placebo wie in dieser Studie (oder noch größere) mit 1 % Wahrscheinlichkeit für Medikamente auftreten, die nicht besser wirken als Placebo. Das hört sich vielleicht ähnlich an, bedeutet aber ganz etwas anderes. Ein Hypothesentest kann nicht bestimmen wie wahrscheinlich die Nullhypothese oder die Alternative wahr ist.

Multiples Testen und p-Hacking:

Der häufig gewählte p-Wert von 0,05 deutet an, dass die Wahrscheinlichkeit dieses Stichprobenergebnis zu erhalten 5 % oder kleiner ist, vorausgesetzt die Nullhypothese (es gibt keinen Unterschied zwischen den Gruppen) ist wahr. Man hat also bei einem Signifikanztest immer auch ein kleines Risiko, fälschlicherweise einen Unterschied zwischen den Gruppen festzustellen, obwohl in Wirklichkeit keiner vorliegt. Dieser Fehler wird auch „Fehler erster Art“ genannt. Wenn wir beispielsweise nicht nur testen, ob sich zwei Medikamente unterschiedlich auf die Sterblichkeit auswirken, sondern auch ob es Unterschiede in Bezug auf andere Endpunkte wie Schmerzen, Lebensqualität, Nebenwirkungen usw. gibt und wir nicht berücksichtigen, dass wir im gleichen Datensatz mehrfach Tests durchführen, erhöht sich die Gefahr für einen Fehler erster Art. In anderen Worten, es wird wahrscheinlicher, dass wir fälschlicherweise einen Unterschied als statistisch signifikant identifizieren. Es gibt Methoden dieses mehrfache (multiple) Testen in der statistischen Analyse zu berücksichtigen. In manchen Studien wird diese erhöhte Fehlerwahrscheinlichkeit aber sogar bewusst ausgenützt, um die Ergebnisse zu erzeugen, die StudienautorInnen zeigen möchten. Man testet dann einfach ganz viele Endpunkte auf Unterschiede und betreibt sogenanntes p-Hacking. Dies resultiert darin, dass man allein durch Zufall statistisch signifikante Unterschiede findet. Johannes Bohannon und KollegInnen zeigten 2015 in einer Studie wie leicht p-Hacking funktioniert. Sie untersuchten bei 15 StudienteilnehmerInnen die Wirkung von Schokolade in Bezug auf sehr viele, nämlich 18 verschiedene Endpunkte (Gewicht, Cholesterin, Schlafqualität etc.). Sie korrigierten nicht für multiples Testen und hatten somit eine sehr große Chance einen signifikanten Unterschied bei einem der Endpunkte zu finden, auch wenn es in Wahrheit keinen gab. Und siehe da – es funktionierte: TeilnehmerInnen, die regelmäßig Schokolade aßen, hatten statistisch signifikant mehr Gewicht verloren.

Fallzahl und Power:

Die Fallzahl beschreibt die Anzahl an StudienteilnehmerInnen. Die Power, auch Teststärke genannt, beschreibt mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Signifikanztest einen statistisch signifikanten Unterschied richtig erkennt, wenn tatsächlich ein Unterschied zwischen den Gruppen vorliegt. Nehmen wir folgendes Beispiel: eine Studie mit zwei Gruppen zu jeweils zehn PatientInnen zeigt keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen PatientInnen, die ein Medikament bekommen und jenen, die Placebo erhalten (p-Wert > 0.05). Können wir nun daraus schließen, dass das Medikament nicht wirkt? Bei so einer kleinen Studiengröße von gerade mal 10 PatientInnen pro Gruppe war die Studie underpowered, d.h. selbst wenn es zwischen Medikament und Placebo einen statistisch signifikanten Unterschied gibt, kann die Studie aufgrund der geringen Anzahl an StudienteilnehmerInnen einen Unterschied mit weniger als 20 % auch zeigen. Der wahre Effekt des Medikaments würde erst bei Fallzahlen ab 2×100 PatientInnen mit hoher Wahrscheinlichkeit signifikant auftreten. Denn in diesem Fall läge die Power bei über 90 % und die meisten Studien dieser Größenordnung würden statistisch signifikante Effekte zeigen, wenn es welche gibt (9 von 10 Studien).

Korrelation und Kausalität:

Manchmal treten zwei Sachverhalte gemeinsam auf, das muss aber nicht heißen, dass ihr Auftreten auch wirklich miteinander zusammenhängt. Wenn beispielsweise die Scheidungsrate in einem Land sich ähnlich wie der pro Kopf Margarineverbrauch entwickelt, können wir dann schließen, dass reduzierter Margarinekonsum das Scheidungsrisiko senkt oder eine Scheidung den Margarinekonsum erhöht? Wohl eher nicht. Man darf aus einem beobachteten Zusammenhang (Korrelation) zwischen zwei Faktoren nicht auf Kausalität, also eine Ursache-Wirkungsbeziehung schließen. Leider sind viele Korrelationen, die wir berechnen sogenannte Scheinkorrelationen. Erst wenn wir ausschließen können, dass keine Scheinkorrelation vorliegt, und das statistische Ergebnis inhaltlich erklären können, können wir vorsichtig annehmen, einen realen Zusammenhang beobachtet zu haben.

Kritisch sein

Als AnwenderIn von statistischen Methoden ist es wichtig, diese Fehlerquellen zu meiden und auch bei der Interpretation der statistischen Auswertungen zu berücksichtigen. Als LeserIn von Studien, ist es ebenfalls notwendig, diese statistischen Fehler zu kennen, da sie teilweise unbeabsichtigt, teilweise aber bewusst von AutorInnen eingebaut werden, um deren Wunschaussagen treffen zu können. Seien Sie also kritisch und prüfen Sie die Interpretationen und Schlussfolgerungen von Studien.

Cochrane Workshops zum Thema Statistik

Cochrane Österreich bietet 2018 einen eintägigen Workshop über häufige Statistikfehler und das Entlarven von Wissenschaftsbetrug, sowie zwei weitere aufeinander aufbauende zweitägige Statistikkurse an.
Cochrane Deutschland bietet 2018 einen Workshop zu „statistischen Auswertungen jenseits von RevMan – Metaanalysen mit R“ an.
Cochrane Schweiz bietet 2018 einen Workshop zu „Meta-analysis: Advanced methods using the Stata software” an.

Text: Erich Kvas

Diplom Ingenieur Erich Kvas ist ein österreichischer Statistiker und seit 1998 mit seiner Firma Hermesoft selbstständig. Zusätzlich unterrichtet er auf Universitäten und Fachhochschulen in Österreich und hält Statistik-Workshops für Cochrane Österreich ab.

„O du fröhliche“ – Musiktherapie bei Depression

Mon, 12/18/2017 - 12:44

Für viele Menschen ist Weihnachten eine ‚lichte’ Zeit, die für besinnliche Stunden in Gemeinschaft mit Familie und Freunden bestimmt ist. Doch für Menschen, die Weihnachten alleine verbringen, kann diese Zeit bedrückend sein. Sie fühlen sich womöglich noch einsamer als sonst. Für Menschen, die unter Depressionen leiden, könnte Weihnachten zu einer äußerst düsteren Zeit werden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit rund 300 Millionen Menschen an einer Depression, Tendenz steigend. Gemäß der deutschen Depressionshilfe ist in Deutschland etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Im Jahr 2014 ergab eine Befragung in Österreich, dass rund 6 % der Männer und 10 % der Frauen im Jahr davor an einer Depression litten. In der Schweiz gaben rund 6 % der Männer und 7 % der Frauen in der Gesundheitsbefragung von 2012 an, an einer Depression zu leiden. Hauptkennzeichen der häufigen Erkrankung sind Stimmungsänderungen, Antriebslosigkeit, Angstzustände sowie Verlust der Lebensfreude.

Auch wenn die Weihnachtszeit manchmal als emotional aufgeladen wahrgenommen wird und somit Stimmungsschwankungen hervorrufen kann, bieten viele weihnachtliche Traditionen Möglichkeiten sich etwas Gutes zu tun. Musik zum Beispiel spielt während der Weinachtzeit eine wichtige Rolle. Orchester und Chöre bieten ihre Weihnachtssymphonien an und auch auf den Straßen und Märkten tönt oft Musik. Ein aktueller Cochrane-Review befasste sich mit dem Thema „Musik“ und gibt Hinweise, dass Musiktherapie sich positiv auf Menschen mit Depressionen auswirkt.

Musiktherapie bei Depression

Musiktherapie umfasst regelmäßige Treffen mit qualifizierten MusiktherapeutInnen, mit dem Ziel, die Stimmung durch den musikalischen Ausdruck von Emotionen zu verbessern. Ein Cochrane-Review untersuchte, ob Musiktherapie hilft, Depressionen zu mildern.

Der Review beinhaltet neun Studien mit insgesamt 421 Menschen jeder Altersgruppe, von Jugendlichen bis hin zu älteren Personen. Die eingeschlossenen Studien verglichen die Wirkung der Musiktherapie mit üblicher Behandlung bei Depression. Diese sogenannte übliche Behandlung bestand in den Studien aus einer Kombination aus verschiedenen Therapien oder Aktivitäten, wie z. B. Psychotherapie, Medikamente oder Ergotherapie. Außerdem wurden die Unterschiede zwischen zwei verschiedenen Formen der Musiktherapie untersucht: bei der aktiven Musiktherapie sangen oder musizierten die TeilnehmerInnen selbst, bei der passiven Musiktherapie hörten sie innerhalb des Therapieprogrammes der Musik zu.

Kann Musik Depression lindern?

Es gibt Hinweise darauf, dass Musiktherapie depressive Symptome und Ängste mildern und Betroffenen dabei helfen kann, die Berufsfähigkeit sowie persönliche Beziehungen aufrecht zu erhalten und aktiv am Leben teilzunehmen.

Musiktherapie in Kombination mit der Standardtherapie scheint dabei wirksamer zu sein als die Standardtherapie alleine, sowohl bei klinisch-diagnostizierten depressiven Symptomen sowie als auch bei selbstberichteten Symptomen, und auch die Nebenwirkungen unterscheiden sich nicht.

Ein wichtiger Punkt für den Erfolg der Musiktherapie ist jedoch die aktive und aufmerksame Teilhabe der TeilnehmerInnen während des Therapie-Prozesses, ganz gleich ob es sich um die aktive oder die passive Variante der Musiktherapie handelte.

Welche der beiden Varianten, also aktiv musizieren oder der Musik innerhalb des Programmes zuzuhören, die bessere ist, geht aus dem Cochrane Review nicht hervor, da die Anzahl an identifizierten Studien und Teilnehmern zu gering sind, um eine sichere Aussage treffen zu können.

Die Auswirkungen von Musiktherapie auf die Gesundheit wurden bereits im Jahr 2011 in einem anderen Cochrane-Review untersucht. Darin wurde der Frage nachgegangen, ob Musiktherapie eine positive Wirkung auf Ängste, Schmerzen und Müdigkeit bei Krebspatienten hat. Auch hier fanden die AutorInnen einige positive Auswirkungen dieser Therapieart.

Fazit

Es gibt Hinweise, dass sich Musiktherapie positiv auf die Symptome einer Depression auswirkt. Zwar müssten diese Hinweise durch weitere Studien bestätigt werden, dennoch ist Musik im Allgemeinen sicher eine gute Möglichkeit, um sich in der Weihnachtszeit wohl(er) zu fühlen.

Text: Anette Blümle

Viel Angebot, wenig Evidenz: Ernährung und Nahrungsergänzung bei Multipler Sklerose

Wed, 12/13/2017 - 09:27

In diesem dritten Beitrag zu Multipler Sklerose (MS) geht Übersetzerin Brita Fiess auf Reviews zum Thema Ernährung und Nahrungsergänzung bei MS ein, die sie bei einer Recherche in der Cochrane Library identifiziert hat. 

Internet, Buchläden und auch Patientenbroschüren sind generell voll von Ernährungstipps, auch für Multiple Sklerose-Patienten und Patientinnen. Doch helfen diese Ernährungsinterventionen wirklich, den Verlauf einer Multiplen Sklerose zu beeinflussen?

Neben den herkömmlichen medizinischen Behandlungen bei Multipler Sklerose (MS), die in den ersten beiden Artikeln dieser Mini-Serie zu MS und verlaufsmodifizierenden Therapien erwähnt wurden, besteht bei den Betroffenen, die ich kennengelernt habe, meist auch der Wunsch, über so genannte alternative Maßnahmen einen positiven Einfluss auf den Verlauf ihrer Erkrankung zu nehmen. Diese beinhalten unter anderem eine angepasste Ernährung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Deshalb beschloss ich, während meines Übersetzungsprojektes einen genaueren Blick auf dieses Thema und die Evidenz aus Cochrane Reviews zu werfen.

Von der „Low-Carb“-Diät bis zum Paläo-Programm, das Web hat Alles zu bieten

Im Internet werden die unterschiedlichsten Ernährungsinterventionen bei MS diskutiert. Das beginnt bei der ,Low-Carb’-Diät, auch als ketogene Ernährung bezeichnet, bei der man nur wenige Kohlehydrate, dafür jedoch mehr Fette zu sich nimmt. Weiter geht es mit einer gluten- oder laktosefreien Ernährung, die ebenso wie eine vegane Lebensweise Vorzüge für MS-Betroffene haben soll. Auch ,exotischere’ Ernährungsinterventionen werden angepriesen, wie die so genannte ,Steinzeit- oder Paläo-Diät’. Diese sieht vor, dass man nur Nahrungsmittel verzehrt, von denen sich schon unsere Vorfahren als Jäger und Sammler ernährten, und bei welcher Getreide und Milchprodukte vom Speiseplan gestrichen sind.

Und die Evidenz?

Obwohl das Internet von Tipps und Ratschlägen überflutet ist, bin ich in meiner Übersetzungsarbeit der laienverständlichen Zusammenfassungen von Cochrane Reviews (zurückreichend bis 2012) zu MS nur auf einen Review zu Ernährungsinterventionen gestoßen. Hier untersuchten Cochrane-AutorInnen, inwiefern Veränderungen der Essgewohnheiten tatsächlich einen Einfluss auf den Verlauf einer MS-Erkrankung haben können. Konkret betrachteten sie Nahrungsergänzungsmittel im Hinblick auf ihren Nutzen bei MS. Sie untersuchten zum Beispiel die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren, mit Vitaminen – mit Ausnahme von Vitamin D, das bereits Gegenstand eines 2010 Reviews war – und Mikronährstoffen. Zudem zogen sie Antioxidantien wie bspw. Selen in Betracht, das den Entzündungsprozessen bei MS vorbeugen soll oder Gingko biloba zur Steigerung der Gedächtnisleistung sowie eine Supplementierung mit Coenzym Q10, dessen Wirkung auf den Schutz fetthaltiger Gewebestrukturen wie bspw. der des Nervensystems helfen soll. Auch die bereits genannte gluten- und laktosefreie Ernährung wurde in diesem Review untersucht.

Die AutorInnen fanden sechs randomisierte kontrollierte Studien, die die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren untersuchten, und die die Anforderungen für einen Einschluss in ihren Review erfüllte. Sie stellten fest, dass die Datenlage für eine Bewertung des Nutzens (oder Schadens) von Nahrungsergänzung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren nicht ausreichte. Die AutorInnen arbeiteten heraus, dass eine Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren keinen wesentlichen Einfluss auf das Fortschreiten der MS-Erkrankung zu haben scheint. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die Supplementierung die Häufigkeit von Schüben über einen Zeitraum von zwei Jahren vermindern könnte. Zu den anderen möglichen Ernährungsinterventionen wie bspw. eine Supplementierung mit Vitaminen oder Antioxidantien fanden die AutorInnen jedoch keine geeigneten Studien.

Das Fazit

Aufgrund der Vielzahl vorgeschlagener Diäten und Ernährungsweisen im Internet und in den zahlreichen Kochbüchern, die spezielle Rezepte für eine „MS-Ernährung“ beinhalten, sind unabhängige Studien zu Ernährungsinterventionen bei MS dringend erforderlich. Betroffene, die zusätzlich zu ihrer medizinischen Behandlung auch über die Ernährung auf den Verlauf ihrer Krankheit einwirken möchten, könnten sich damit objektiv über den Nutzen oder auch Schaden bestimmter Diäten oder Nahrungsergänzungsmittel bei MS informieren.

Text: Brita Fiess

Weitere Blogartikel zu MS:

Living systematic reviews – immer am aktuellsten Stand der Forschung

Mon, 12/04/2017 - 12:25

Es ist aufwändig, systematische Reviews auf dem aktuellen Stand der Forschung zu halten. Bisher werden Reviews, wenn überhaupt, nur in bestimmten Zeitabständen aktualisiert. Eine Gruppe von WissenschaftlerInnen hat sich einen neuen Ansatz überlegt, wie Reviews aktuell bleiben können.

Systematische Reviews verlieren mit der Zeit an Aktualität. In Fachgebieten in denen sehr viel Forschung betrieben wird (z.B. Krebsforschung) kann ein Review schnell überholt sein. Für LeserInnen ist es schwierig zu erkennen, wann Reviews zu alt sind, um den Ergebnissen vertrauen zu können. Denn ohne eine Suche in Literaturdatenbanken und anderen Quellen kann man kaum feststellen, ob es neue, relevante Studien gibt, die der Review noch nicht berücksichtigt hat. Und selbst wenn neue Studien gefunden werden, ist es ohne Durchführung einer Meta-Analyse häufig nicht ersichtlich, ob diese neuen Studien die Ergebnisse des bestehenden Reviews verändern.

Auch Cochrane AutorInnen haben mit „alternden“ Reviews zu kämpfen. Zwar versuchen die AutorInnen, ihren Cochrane Review alle zwei Jahre zu aktualisieren, das gelingt aber aufgrund der großen Anzahl an Cochrane Reviews (aktuell mehr als 7.000) nur für einen Bruchteil und verhindert auch nicht, dass ein Review möglicherweise schon vor Ablauf der Zweijahresfrist nicht mehr up-to-date ist.

Bisher sind systematische Reviews Momentaufnahmen der aktuellen Evidenz: Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird nach Studien gesucht, ihre Ergebnisse werden zusammengefasst (evtl. in Meta-Analysen) und der Review wird publiziert. Damit ist die Arbeit für die AutorInnen abgeschlossen, bis zwei Jahre später oder zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht eine Aktualisierung durchgeführt wird.

Eine Gruppe von WissenschaftlerInnen (Living Systematic Review Network) schlägt ein neues Verfahren vor, um Reviews stets aktuell zu halten und hat ihre Überlegungen dazu im September 2017 in einer vierteiligen Serie im Journal of Clinical Epidemiology publiziert. Sie nennt den neuen Ansatz „Living Systematic Review“ (LSR) und meint damit Reviews, die kontinuierlich aktualisiert werden und neue Studien einschließen, sobald diese verfügbar sind. Einige Ideen der Serie stellen wir hier vor.

Wie wird ein LSR durchgeführt?

Der LSR folgt auf ein Protokoll und einen aktuellen „Standard-Review“. Im Protokoll sollte bereits festgehalten werden, dass der Review ein LSR wird, in welchen Abständen nach neuen Studien gesucht wird und wann neue Studienergebnisse in den Review eingefügt werden. Generell sollten NutzerInnen über den aktuellen Stand des LSR aktiv informiert werden, beispielsweise wenn neue Evidenz unterwegs oder eingearbeitet ist. Somit wissen die NutzerInnen, wann eine Aktualisierung zu erwarten ist.

Dabei bedeutet nicht jede neue Studie automatisch, dass der Review sofort komplett aktualisiert werden muss: Ändern die neuen Studien das Ergebnis des Reviews nicht, ist es durchaus möglich die Aktualisierung zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen. Wichtig ist nur, dass die Studien und die Gründe für eine spätere Aktualisierung transparent dargestellt werden.

Ansonsten bleibt es aber bei den Standardmethoden für Reviews, wie sie beispielsweise im Cochrane Handbook zu finden sind. Bei häufigen Aktualisierungen von Reviews sind allerdings einige statistische Besonderheiten zu beachten, denen sich Teil 3 der Artikelserie im Journal of Clinical Epidemiology zu LSR widmet.

Um den vermehrten Aufwand, den dieser Ansatz mit sich bringt, in Grenzen zu halten, stellt Teil 2 der Artikelserie die Möglichkeiten von automatisierten Prozessen bei der Erstellung von LSR vor, die auch für andere Formen der Evidenzsynthese interessant sind. So können Review-AutorInnen zum Beispiel in vielen Literaturdatenbanken sogenannte „auto-alerts“ festlegen, die automatisch z.B. per E-Mail informieren, wenn es neue, relevante Forschungsergebnisse gibt. Es gibt außerdem die Möglichkeit, in Meta-Datenbanken zu suchen, die eine Suche in vielen Datenbanken gleichzeitig durchführen, wie Epistemonikos oder Health Database Advanced Search.

Auch für die Datenextraktion gibt es Ansätze, die sich in frühen Entwicklungsphasen befinden, beispielsweise die automatische Extraktion von Daten aus Tabellen und Diagrammen (z.B. Content Mine oder Graph2Data). Diese Programme könnten Review-AutorInnen beispielsweise nutzen, in dem die Datenextraktion nicht wie bisher von zwei menschlichen ReviewerInnen, sondern nur von einem Menschen und der Software ausgeführt wird. Für die Risiko für Bias-Bewertung gibt es sogar Entwicklungen im maschinellen Lernen (z.B. RobotReviewer).

Wann ist ein „Living Systematic Review“ sinnvoll?

Es ist nicht für jeden Review sinnvoll zum LSR zu werden, u.a. weil der Ansatz einiges an Aufwand mit sich bringt. Die WissenschaftlerInnen schlagen vor, dass der Ansatz nur für solche Reviews genutzt wird, die

1) sehr wichtig für eine Entscheidung über eine bestimmte Behandlung sind, wenn

2) die Ergebnisse des Reviews derzeit unsicher sind, sodass neue Studien die Ergebnisse des Reviews ändern könnten und wenn

3) die Durchführung neuer Studien wahrscheinlich ist, weil z.B. die Forschung in dem Gebiet der Fragestellung relativ schnell voranschreitet.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Review nicht für immer ein LSR bleiben muss: Treffen die oben genannten Kriterien nicht mehr auf ihn zu, wird er wieder zum „Standard-Review“, der nach längeren Zeitabständen aktualisiert wird.

Welchen Vorteil haben LSR?

LSR tragen dazu bei, dass neue relevante Forschungsergebnisse schneller in die Praxis einfließen, damit im Gesundheitswesen Tätige sie früher anwenden und PatientInnen schneller davon profitieren. In diesem Prozess können auch „Living Guidelines“ eine entscheidende Rolle spielen: Klinische Leitlinien, deren Empfehlungen aktualisiert werden sobald neue relevante Evidenz zur Verfügung steht und denen sich Teil 4 der Artikelserie widmet.

Fazit

Aktuell werden erste Reviews innerhalb aber auch außerhalb von Cochrane in LSR umgewandelt. Ein Beispiel ist der Cochrane Review, der Maßnahmen untersucht, wie der Obst- und Gemüseverzehr bei Kindern unter 5 Jahren erhöht werden kann.

Es bleibt abzuwarten, welchen Aufwand an Ressourcen dieser Ansatz benötigt und welche Stärken und Schwächen sich bei einer kontinuierlichen Aktualisierung zeigen.

Sicherlich kann man aber sagen, dass sich der Prozess der Review-Erstellung, so wie wir ihn im Moment kennen, in den nächsten Jahren verändern wird. Denn vor Allem ist es wünschenswert, dass aktuelle Evidenz schneller bei PatientInnen ankommt.

Text: Claudia Bollig, Cochrane Deutschland

 

Journal of Clinical Epidemiology – Publikationen zu Living Systematic Reviews 

• Elliott JH, Synnot A, Turner T, Simmonds M, Akl EA, McDonald S, et al. Living systematic review: 1. Introduction-the why, what, when, and how. J Clin Epidemiol 2017

• Thomas J, Noel-Storr A, Marshall I, Wallace B, McDonald S, Mavergames C, et al. Living systematic reviews: 2. Combining human and machine effort. Journal of Clinical Epidemiology 2017

• Simmonds M, Salanti G, McKenzie J, Elliott J. Living systematic reviews: 3. Statistical methods for updating meta-analyses. J Clin Epidemiol 2017

• Akl EA, Meerpohl JJ, Elliott J, Kahale LA, Schunemann HJ. Living systematic reviews: 4. living guideline recommendations. J Clin Epidemiol 2017

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