Handsearching-Projekt in Freiburg


Erfassung randomisierter klinischer Studien in der deutschsprachigen medizinischen Literatur

"Handsearching" in Deutschland - ein Beitrag zum Cochrane Central Register of Controlled Trials

Randomisierte kontrollierte klinische Studien (RCT) bilden die valideste Grundlage für die Wirksamkeitsbewertung von medizinischen Maßnahmen und damit für auf dem aktuellen Wissensstand basierende Übersichtsarbeiten (Reviews). Für deren Erstellung werden meist nur elektronische Datenbanken zur Studiensuche verwendet, am häufigsten Medline, eine medizinische Datenbank der National Library of Medicine. Dies hat zur Folge, dass viele veröffentlichte Studienergebnisse nicht in das Ergebnis eines Reviews einfließen, weil diese nicht in Medline enthalten sind.

Für Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass eine beträchtliche Anzahl von Studien in deutscher Sprache in nationalen Zeitschriften publiziert wird, die elektronisch nicht verfügbar (nicht in Medline gelistet) sind. Diese Studien sind für Nichtdeutschsprachige so gut wie nicht auffindbar.

Eine Gegenmaßnahme ist die zusätzliche systematische manuelle Durchsuchung („Handsearching“) von Fachzeitschriften. Dabei werden randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und kontrollierte klinische Studien (CCTs) aufgespürt und erfasst. Dies ist bisher vor allem unter der Koordination der Cochrane Collaboration weltweit geschehen und hat einen enormen Zuwachs an elektronisch verfügbaren Studien gebracht, die ohne diese Arbeit nicht nutzbar gewesen wären.

Beim Handsearching werden medizinische Zeitschriften bis zur ihrer ersten Ausgabe durchsucht, frühestens jedoch bis zum Jahr 1948. Dieses Jahr gilt aufgrund des ersten Berichts über eine randomisierte Studie allgemein als „Geburtsjahr“ des Designs randomisierter kontrollierter Studien und wurde daher von der Cochrane Collaboration als Ausgangsjahr für das Handsearching festgelegt.

Die durch das Handsearching gefundenen RCTs und CCTs werden in einer Datenbank erfasst, mit einem Publikationstyp (RCT oder CCT) versehen und ggf. deutsche Studientittel ins Englische übersetzt. Anschließend werden die Studienreferenzen zur Aufnahme in das Register 'Cochrane Central Register of Controlled Clinical Trials' übermittelt, einer Komponente der Cochrane Library mit inzwischen weit über 900.000 Studien-Zitaten.

Begonnen hat das Handsearching in Deutschland im Jahr 1995 mit der Teilnahme an einem auf drei Jahre angelegten Projekt „European contribution to an international register of randomized controlled trials (RCTs) of health care“, im Rahmen des EUFörderprogramms BIOMED 1. Das UK Cochrane Centre koordinierte das Projekt zum Handsearching von in Europa publizierten Zeitschriften mit allgemeinem medizinischem Themenbezug. Insgesamt nahmen 16 europäische Staaten mit 12 verschiedenen Landessprachen an diesem Projekt teil.Von mehr als 100 'Handsearchern' wurden 119 Zeitschriften durchsucht. Dabei wurden 21.620 kontrollierte Studien identifiziert (12.613 RCTs und 9.007 CCTs); davon waren 17.980 (83%) nicht als „controlled clinical trial“ in Medline gelistet. 6.554 (30%) stammten aus Zeitschriften, die nicht in Medline aufgenommen sind. Etwa ein Drittel aller kontrollierten Studien wurden in einer anderen Sprache als Englisch publiziert, davon war ein Großteil (5.300 RCTs und CCTs) aus den 20 durchsuchten deutschsprachigen medizinischen Zeitschriften.

In den darauf folgenden drei Jahren (Juli 1998 bis Juni 2001) lief ein – ebenfalls vom UK Cochrane Centre koordiniertes und von der EU gefördertes – Projekt (BIOMED 2), in dessen Rahmen europäische Zeitschriften mit fachspezifischem medizinischen Themenbezug nach Studien durchsucht wurden. In diesem Zeitraum wurden am Deutschen Cochrane Zentrum weitere 38 Zeitschriften durchsucht und dabei 5.713 kontrollierte Studien identifiziert, davon 4.699 (82%), die nicht mit einem Publikationstyp versehen waren. Europaweit waren von den 36.981 identifizierten kontrollierten Studien 27.222 (74%) nicht mit einem Publikationstyp codiert.

Auch in den darauf folgenden Jahren wurde das Handsearching fortgesetzt, primär mit dem Ziel, die bis dahin noch nicht durchsuchten Zeitschriftenjahrgänge zu vervollständigen.
Dabei stellte sich jedoch heraus, dass das Handsearching bei weitem noch nicht abgeschlossen werden kann. Es wurden immer wieder Zeitschriften mit Studien entdeckt, in denen keine Studien vermutet wurden. Als Beispiel ist hier die „Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin“ zu nennen, in der seit 1950 rund 500 RCTs und CCTs entdeckt wurden, die allesamt nicht in Medline enthalten sind.

Insgesamt wurden in den letzten 10 Jahren vom Deutschen Cochrane Zentrum rund 22.000 deutschsprachige Artikel über kontrollierte Studien in 92 medizinischen Zeitschriften identifiziert und in der Cochrane Library verfügbar gemacht. Davon waren nur ca. 9.000 (41%) in Medline enthalten.

Als längerfristiges Ziel wird angestrebt, alle deutschsprachigen Zeitschriften aufzufinden und systematisch zu durchsuchen.

Literatur:

Blümle, A., Antes, G. Handsearching for controlled clinical trials in health care journals published in Germany. Handsuche nach randomisierten kontrollierten Studien in deutschen medizinischen Zeitschriften. Dtsch med Wochenschr. 2008, 133, 6, 230-234.

Blümle A, Türp J, Antes G (2008) Kontrollierte klinische Studien in deutschsprachigen zahnmedizinischen Zeitschriften. Quintessenz 59: 905-911.

Blümle, A. 10 Jahre "Handsearching" in Deutschland - ein Beitrag zum Cochrane Central Register of  Controlled Trials Zeitschrift für ärztliche Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen. 2005, 99, 6, 396.


Anmerkung: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.