Was hilft Neugeborenen mit Atemproblemen direkt nach der Geburt besser: Raumluft oder zusätzlicher Sauerstoff?
Wenn termingeborene oder fast termingeborene Neugeborene bei der Geburt Unterstützung beim Atmen benötigen, verringert die Verwendung von Raumluft anstelle von zusätzlichem Sauerstoff möglicherweise das Risiko, dass sie vor der Entlassung aus dem Krankenhaus sterben. Allerdings können wir dies nicht mit Sicherheit sagen, da die bisherigen Studien methodische Schwächen aufweisen.
Die Verwendung von Raumluft anstelle von zusätzlichem Sauerstoff hat möglicherweise nur geringe oder gar keine Auswirkungen auf das Risiko einer mittelschweren oder schweren Hirnschädigung (hypoxisch-ischämische Enzephalopathie, HIE). Diese entsteht, wenn das Gehirn eines Neugeborenen zum Zeitpunkt der Geburt nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt oder durchblutet wird. Die Diagnose wird in den ersten Stunden nach der Geburt gestellt.
Die langfristigen Auswirkungen der Verwendung von Raumluft im Vergleich zu zusätzlichem Sauerstoff sind unklar. Keine der Studien begleitete die Kinder über das erste Lebensjahr hinaus, um ihre neurologische Entwicklung und mögliche Beeinträchtigungen anhand anerkannter, standardisierter Kriterien zu beurteilen. Zwei Studien untersuchten Kinder bis zum Alter von zwei Jahren. Allerdings verwendeten diese Studien weniger zuverlässige Untersuchungsmethoden. Daher ist weiterhin sehr unsicher, ob die Verwendung von Raumluft anstelle von zusätzlichem Sauerstoff langfristig einen Unterschied macht.
Die meisten Neugeborenen beginnen unmittelbar nach der Geburt selbstständig zu atmen. Dadurch füllen sich ihre Lungen mit Luft und der Körper stellt sich darauf um, den Sauerstoff nicht mehr über die Plazenta, sondern über die eigene Lunge aufzunehmen. Etwa jedes zehnte Neugeborene, das zum oder nahe dem errechneten Geburtstermin (termingerecht oder spätfrühgeboren) zur Welt kommt, benötigt jedoch Unterstützung, um mit dem Atmen zu beginnen. Wenn ein Neugeborenes nicht effektiv atmen kann, kann es zu einer sogenannten Asphyxie kommen. Dabei handelt es sich um einen Zustand, bei dem der Körper – insbesondere das Gehirn – nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Eine Asphyxie ist ein schwerwiegendes Problem, das zum Tod oder zu dauerhaften Hirnschäden führen kann.
Wie wird dieser Zustand behandelt?Wenn Neugeborene Schwierigkeiten haben, ihre Lungen zu entfalten, unterstützen medizinische Fachkräfte ihre Atmung häufig mithilfe einer Maske. Dabei wird Luft unter leichtem Druck in die Lunge geleitet (Überdruckbeatmung). Dabei können sie entweder Raumluft mit einem Sauerstoffgehalt von 21 % oder zusätzlich Sauerstoff mit einer Konzentration von bis zu 100 % verwenden.
Was wollten wir herausfinden?Wir wollten herausfinden, ob Raumluft oder zusätzlicher Sauerstoff besser geeignet ist, um termingeborenen oder fast termingeborenen Neugeborenen dabei zu helfen, direkt nach der Geburt selbstständig zu atmen. Wir wollten insbesondere herausfinden, ob Raumluft die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass:
die Neugeborenen überleben (Verringerung der Todesfälle vor der Entlassung aus dem Krankenhaus); und
mittelschwere bis schwere Hirnschäden (hypoxisch-ischämische Enzephalopathie, kurz HIE) vermieden werden.
Außerdem wollten wir herausfinden, ob die Verwendung von Raumluft unerwünschte Wirkungen hat, beispielsweise langfristige Beeinträchtigungen der Entwicklung oder der körperlichen Fähigkeiten der Kinder.
Wie gingen wir vor?Wir suchten nach Studien, in denen Raumluft mit zusätzlichem Sauerstoff bei Neugeborenen verglichen wurde, die zum oder kurz vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kamen und Hilfe benötigten, um mit dem Atmen zu beginnen. Wir haben die Ergebnisse dieser Studien verglichen und zusammengefasst. Außerdem bewerteten wir unser Vertrauen in die Evidenz anhand von Faktoren wie der Studiendurchführung und der Anzahl einbezogener Neugeborener.
Was fanden wir heraus?Wir fanden 12 Studien mit insgesamt 2.054 Neugeborenen, die zum Geburtstermin oder bis zu fünf Wochen früher geboren wurden. Diese Studien wurden sowohl in Ländern mit hohem Einkommen als auch in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen durchgeführt. In allen Studien wurde Raumluft (21 % Sauerstoff) mit reinem Sauerstoff (100 %) verglichen, um Neugeborene direkt nach der Geburt beim Atmen zu unterstützen.
Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Verwendung von Raumluft anstelle von 100 % reinem Sauerstoff die Zahl der Todesfälle vor der Entlassung der Neugeborenen aus dem Krankenhaus möglicherweise verringert. Allerdings hat die Verwendung von Raumluft möglicherweise kaum oder gar keinen Einfluss auf das Risiko einer mittelschweren oder schweren Hirnschädigung (HIE). Keine der Studien untersuchte die Kinder lange genug, um mittelschwere bis schwere langfristige Entwicklungsbeeinträchtigungen oder Behinderungen nach dem ersten Lebensjahr anhand anerkannter, standardisierter Kriterien zu beurteilen.
Insgesamt sind wir uns über die Wirkungen auf diese wichtigen gesundheitlichen Endpunkte noch nicht sicher, da die verfügbare Evidenz begrenzt ist und die Studien methodische Schwächen aufweisen.
Was schränkt die Evidenz ein?Wir haben aus mehreren Gründen nur wenig Vertrauen in diese Ergebnisse. Die meisten Studien wiesen Schwächen in ihrer Planung oder Durchführung auf, die möglicherweise die Genauigkeit der Ergebnisse beeinträchtigt haben. So gab es beispielsweise Bedenken hinsichtlich der Einteilung der Neugeborenen in die Behandlungsgruppen und der Berichterstattung über die Ergebnisse. Die Evidenz ist zudem eingeschränkt, da die Studien klein waren und nicht genügend Neugeborene umfassten, um eine eindeutige Aussage treffen zu können. Zwar verglichen die Studien Raumluft mit reinem Sauerstoff (100 %), aber keine untersuchte Sauerstoffkonzentrationen dazwischen. Auch wurde die Sauerstoffzufuhr in keiner Studie an den tatsächlichen Bedarf der Neugeborenen angepasst. Aufgrund dieser Evidenzlücken und der wenigen verfügbaren Daten zur langfristigen Gesundheit und Gehirnentwicklung können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob sich die Ergebnisse auf alle Neugeborenen in der heutigen klinischen Versorgung übertragen lassen.
Wie aktuell ist die vorliegende Evidenz?Die Evidenz ist auf dem Stand von Januar 2026.